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Alois Kück



Cliff McAllister: Guardians











Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Die Bibel der Christen.

Der Mensch denkt: Gott lenkt.

Das Leben des Gallilei.































1. Der Angriff des Clones 2

2. Signale vom Mond. 5

3. Die Falle. 8

4. Irrungen und Wirrungen. 11

5. Der Kampf. 15

6. Erwachen. 19

7. Retorten und Liebe 25

8. Menschen und andere Mondbewohner. 31

9.Picknick mit Hindernissen. 36

10. Hase und Igel auf dem Mond. 42

11. Ein sicherer Hafen in Reichweite. 47

12. Der Neue. 51

13. Traditionen gegen Alle. 55

14. Geheimnisse werden enthüllt. 57

15. Ein Virus und die Folgen. 60

16. Die Kynianer schlagen zu. 66

17. Tränen fließen. 88

18. Ideen und eine Antenne. 89



























1. Der Angriff des Clones

Bruce steuerte den Volkswagen auf der Fahrt nach London nie selbst. Die Route war ausgesprochen öde. Reihe an Reihe aus gleich großen Häusern, deren Stockwerke unterschiedliche eingefärbt waren. Das sollte von der Uniform der Wohnsiedlung ablenken. Zwischen den Doppelreihen aus Häuserblocks streckten sich schmale Waldwege in die Bäume hinaus. Straßen, die keine Automatik – Fahrt unterstützen und sowieso nur auf den Hauptverbindungswegen von Autos befahren werden durften. Bruce steuerte in einen Weg und schaltete die Klimaanlage aus. Er ließ das Seitenfenster in der Tür verschwinden. Zaghaft zog ein schwacher Duft von Tannen und wilden Beeren durch den Wagen. Auch die Pflanzen waren hier uniformiert, alle mathematisch genau angeordnet. Langweilig, dachte Bruce und nahm den Arm von der Verkleidung.

Dafür war Mary aber niemals langweilig und sie hatte ihm wieder einen glücklichen Tag beschert, nachdem er aus der City geflohen war. In letzter Zeit hatte er viel Zeit in der Stadt verbringen müssen.Und er musste vorerst in der Nähe bleiben. Seine Gedanken waren auf den Hebriden, in der Station. Nächste Woche würde er wieder dort sein oder vielleicht eher in Loch Ness. Mal sehen, wer welchen Dienst übernehmen will. Der VW machte fast kein Geräusch und die Kammermusik von Mozart umspülte seine Gedanken wie guter Rotwein die Zunge. Das laute Warngeräusch war eine ärgerliche Dissonanz. Er betätigte den Schalter und der Sitz klappte langsam hoch. Auf dem mittleren Display blinkte die rote Lampe, die eine ungewöhnliche Ortung anzeigte.

"Ortungsmonitor aktiv!"

Über der Mittelkonsole wechselte die Anzeige der Musiktitel in ein Feuerwerk von Farben, dann war nur noch eine Landkarte zu sehen. Auf der Karte leuchten zwei Punkte. Der eine war die relative Position des Volkswagens, die andere, blinkende, die Ortung.

"Geschwindigkeit auf 20 verringern!"

Der Wagen reagierte mit einer sanften und stetigen Abbremsung von 80 km herunter. Bruce kippte den Schalter neben dem Lenkknüppel: "Ansage über Digitalphone. Scrambler Stufe eins.!"

Auf dem Display wurden die Angaben bestätigt. Bruce wählte die, Nummer auf dem Touchscreen daneben. Die Außenstation meldete sich: "Hier London Süd – Ost. Ihre Meldung bitte."

Die Robotstimme war sachlich und unpersönlich. Bruce dachte kurz nach: "Ich habe eine ungewöhnliche Ortung, etwa eine Stunde vor London in dem Waldstück, das neben der ehemaligen Mülldeponie liegt."

"Was vermuten sie als Ursache der Ortung, Sir?"

"Ich weiß nicht recht. Die Instrumente sind natürlich auf die anderen geeicht. Aber Androiden der anderen sind hier doch noch nie aufgetreten. Ich lasse eine Nachricht für Ness zurück. Geben Sie meine Position weiter. Ich sehe mir die Sache mal aus der Nähe an. Over."

Der Robot bestätigte und Bruce schaltete auf Manuel. Er griff den Lenkknüppel und zog ihn zum Körper, sofort verlangsamte sich das Fahrzeug fast bis zum Stillstand. Ein kurzer Ruck nach links und der Wagen bog von der Straße ab. Bruce fuhr den Waldweg hinunter. Die Bäume waren dicht aneinander gepflanzt worden. Damals, schon lange bevor sie zurückgekommen waren.


Zurück! Was für eine Vorstellung! Zurück von einem Ort, den es für die Erde nicht gab. Eine Welt, über die sie alle niemals reden durften. Ein Platz, dessen Lebensnormen den menschlichen so nahe waren, wie Hunde und Katzen sich verständigen konnten. Eine fremde und schöne Welt. Schön für den, der sie erleben konnte und nicht nur einfachen Vorstellungen folgte, wie die anderen. Die andere Gruppe, die vor ihnen zurückgekommen waren. Sie waren clever und hatten alle technischen Mittel genutzt, um ihre primitiven Ideen durch zu setzten.


Bruce bemerkte eine kleine Lichtung. Er stellte das Radar auf Rundum – Search und beobachtete die Anzeige. Nichts. Noch nicht. Was war es nur, was die anderen bewegte. Die Stoiker hatten weder die Motive der einen noch der anderen verstanden.


"Der Bruce heißt, scheint nicht auf die aktuelle Situation eingestellt?"Man konnte sich nur schwer an die Ausdrucksweise der Stoiker gewöhnen. Sie hatten mit Hilfe ihrer Computer – oder was immer das für Apparate waren – ihre Sprachen erlernt. Jetzt konnten sie Englisch wie es von Bruce gesprochen wurde – und von Saul! - , amerikanisches English nach Karen, Deutsch wie Elfie und der Sandmann, Russisch wie Gregor und Chinesisch wie Ling. Sie hatten gelernt, dass die Fremden, also die Raumfahrer, am liebsten ihre jeweilige Geburtssprache verwendeten. Bruce hatte den Stoiker nicht bemerkt und zuckte zusammen. "Ist diese Schreckreaktion durch mein Auftreten verursacht?"

"Ja."

"Das war nicht die Absicht meiner Ankunft." Das wusste Bruce. Dieses Volk wollte anscheinend niemals irgendwas irgendwo irgendwie. Sie lebten einfach. Und das auf einem technischen Niveau, dass für niemand von der guten alten Erden auch nur andeutungsweise fassbar war. "Ich habe etwas nachgedacht. Da weißt, was das ist?"

"Natürlich. Wir haben alle eure Gedanken kennen gelernt, als wir euch in den Tanks rekuperiert haben. Ihr wart fast ohne Funktionen, nach eurer Ankunft." Bruce war nach zehn Jahren auf dem fremden Planeten immer noch unbehaglich bei dem Gedanken, dass die Stoiker alle ihre Gedanken aufgezeichnet und analysiert hatten. Auch die intimsten. Und sie hatten alle ihre Gehirnfunktionen erforscht! Der Stoiker schien auch ohne Maschinen seine Gedanken lesen zu können. "Ich sehen an deiner spezifischen Mimik, dass dir die Tatsache der Tatolanalyse immer no

"Es gibt also wirklich verschiedene Sorten von euch!"

"Vorerst noch. Euch die kleineren werden größer und einmal wie die Großen. Sie wachsen intellektuell und verbessern ihre Kapazitäten." Bruce hatte in den ganzen Jahren ihres Aufenthalts nur andeutungsweise einen Eindruck der geistigen Fähigkeiten der Stoiker, wie sie sie getauft hatten, gewonnen. Jetzt stand das Wesen noch näher, als wollte es in seinen Kopf hineinsehen, was es Jahr vor Jahren auch getan hatte. Bruce fühlte sich unbehaglich: "Was möchtest du von mir?" Der Stoiker blinzelte wieder: "Ich habe den Konflikt von dir und Karen beobachtet. Er scheint mit Saul zu tun zu haben. Ist das eines eurer Paarungsrituale?" Sogar die Flexion der Stimme war die seiner eigenen. Sie konnte jede Sprache perfekt kopieren und die Stimmen nachahmen. Bruce drehte sich herum, obwohl er wusste, dass seine Gefühle für das Wesen keine persönliche Bedeutung hatten.

"Weißt du, das nennt man Eifersucht. Ein potentieller Sexualpartner hat eine geschlechtliche Beziehung mit einem anderen Vertreter unserer Spezies. Das führt zu den von dir beobachteten Konflikte. Hat euch das beunruhigt?" Das Wesen schien nachzudenken. Dann sagte der Stoiker: "Es kann uns nicht beunruhigen, es sei denn in dem Sinn, dass wir eure Situation verbessern möchten."

"Verbessern?" ch unangenehm ist. Bedanke jedoch, dass wir euch nur wider herstellen konnten, nachdem wir eure Funktionen kannten. Wir hatten noch nie einen Menschen in unseren Labors, wie ihr das nennt. Eure Körper und eure Gehirne waren bei einigen schwer beschädigt. Dir mussten wir einen Korrektor in dein Gedankenorgan einsetzen. Sonst wurdest du den Rest deines Lebens etwas haben, das ihr als epileptische Anfälle bezeichnet." Bruce wusste das und war im Grunde seine Herzens dankbar für die zweite Chance. Eine unglaubliche Chance, wenn er an die neue Lebensspanne dachte. Doch immer noch verwirrte ihn die Welt der Stoiker. Das Wesen stellte sich vor Bruce und nahm Blickkontakt auf. Seine Sehfalte war dabei auf die Augen von Bruce gerichtet. Die Sehorgane der Stoiker waren größtenteils von einer Falte verdeckt, die man am ehesten als großes Augenlied bezeichnen konnte. Dahinter sah Bruce heute eine grünliche Färbung des Sehgitters des Wesens.

"Die Farbe hat mit deiner guten Stimmung zu tun, nicht wahr?"

Der Stoiker blinzelte mit der Falte. "Es ist für uns eine kunstvolle Leistung, dass ein paar von euch unsere mentale Gestimmtheit an unserem Sehgitter erkennen können. Wir haben länger gebraucht, um eure Gesichter zu verstehen, fast fünf Erdenjahre." Bruce war erstaunt gewesen. So lange! Er hatte gedacht, die Erfassung ihrer Gedanken hätte ausgereicht, entsprechende Schlüsse zu ziehen. "Eure Gedanken sind über eure Emotionen mit euren Gesichtsmuskeln verbunden, daher ist es nicht möglich, eine direkte Beziehung zwischen euren intellektuellen Zuständen und eurer Mimik herzustellen. Es war eine interessante und bereichendere Aufgabe für die größten unter uns."

"Wir haben erkannt, dass ihr untereinander weder genug Gesprächspartner noch ausreichend Auswahl an Partnern für die von euch favorisierte Kopulation der verschiedenen Geschlechter zur Verfügung habt. Wir haben uns deshalb entschlossen, euch geeignete Partner für die angeführten Verrichtungen zur Verfügung zu stellen.

Das hatten sie dann euch getan. Und wie! Christine! Er sehnte sich nach ihr. Und nach dem Ness. Das Signal begann plötzlich verrückt zu spielen. Alle Anzeigen waren im Maximalbereich. Bruce gab Alarm. Sofort ging die codierte Meldung an den Ness. Er nahm die Zusatzwaffe unter dem Sitz hervor und öffnete die Tür. Er wartete neben dem Auto, bis es die Tür wieder geschlossen hatte. Wenn ein andere versuchen würde, einzudringen, würde es erst einem Alarm geben. Später die Selbstzerstörung. Das wussten inzwischen auch die anderen. Bruce stellte die Waffe auf maximale Leistung an und hielt den Lauf hoch. Die Attacke erfolgte unvermittelt. Der Clone war groß und schnell. Bruce schoss in dem Moment, als der Clone auf ihn lossprang. Bruce ging in die Hocke und der andere stolperte über ihn und flog zur Seite. Bruce stand auf und gab einen gezielten Schuss auf seine Nase ab . Es war nicht so, dass Bruce gerne töten würde. Aber hier ging es um `Du – oder – ich`. Keine Zeit für moralische Überlegungen. Und er wusste, dass der andere keine Bedenken hatte, ihn zu töten. Die Bewegungen des anderen verrieten dies. Bewegungen eines Kämpfers, einer Person, die niemals mit der rechten Hand eine Tür öffnete. Denn das war die Schießhand. Arme und Beine des Angreifers bewegten sich nicht wie bei einem Mann, der aus einer Laune heraus oder weil er betrunken war jemand angreift. Nein! Es waren sportliche und zielgerichtete Bewegungen, die keiner Überlegung bedurften. Ein Betrunkener mit einer Waffe muss über jeden Schritt nachdenken. Der hier verschwendete keine Zeit mit Nachdenken. Er war austrainiert. Und tödlich! Die Reaktion auf den Treffer war vertraut. Die Augen wechselte die Farbe und wurden rot. Aus den Ohren puffte weißer Rauch. Dann leuchtete es in der Brust des Mischwesens. Schnell ging Bruce hinter dem VW in Deckung. Die Explosion erfolgte unmittelbar. Als Bruce um den Wagen herumging, sah er das übliche Häufchen Asche. Menschliches Gewebe und viel Elektronik waren in einer Sekunde zu einem rauchenden Nichts verglüht – und stanken entsetzlich. Bruce wurde es fast übel. Er sah auf die Anzeige seiner Comwatch und überprüfte die Umgebung. Im Umkreis von zwanzig bis dreißig Meter war kein Clone oder ein verdächtiges Fahrzeug zu orten. Bruce stieg wieder ein und stellte die Automatik auf Rückkehr zur Straße ein. Als der Wagen anfuhr tippte er eine Kodierung auf den Touchscreen. Der Ness meldete sich fast augenblicklich. Desiree` war da.

"Hallo Bruce! Lange nicht gesehen."

Sie war eine atemberaubende Frau. Bruce erinnerte sich gerne an ihre Zeit. Ihr üppiger Körper steckte in einer roten Bluse unter der sich alles das abzeichnete, was ihm nicht nur durch schiere Größe so viel Freude gemacht hatte. Ihr fröhliches Gesicht passte zu den kurzen blonden Haaren. Eine perfekte Kombination. Wirklich perfekt. Wie Christine. Bruce musste Luft holen, eher er sprechen konnte. "Wir haben Gäste. Eine Stunde vor London. Im Süden! Gib Alarm für das Gebiet und lass alle Anlagen checken. Nicht nur hier!" Desi war bestürzt. "Du meinst...Infiltration?!"

"Ich habe keine Ahnung! Aber wenn sie unter unserer Nase eine neue Station aufbauen konnten, müssen sie ein paar neue Tricks auf Lager haben und die will ich wissen!"

Desi versuchte sich zu entspannen. "Bruce, wir müssen uns mal wiedersehen. Oder ist das mit Christine..., wie ihr das nennt, eine ernste Sache?" Desi hatte in ihren drei Jahren Existenz noch nicht alle menschlichen Kategorien verinnerlicht. Bruce musste schmunzeln.

"Ich komme zum Ness. Bis bald!"







2. Signale vom Mond.



Schwarz. Nicht nur das. Es war ein Schwarz, so dunkel und grenzenlos, wie das Universum. Der See schwamm zwischen den Ufern ohne eine einzige Bewegung von sich zu geben. Die Höhen im Hintergrund schienen schmutzig braun. Das Loch lag völlig still. Man konnte so nur ahnen, wie lang und tief der Ness war. Unter dem beinahe undurchsichtigen Wasser herrschte alles andere als Stille.

"Turbinen fertig!"

"Flutkammer ok!"

Das Tauchboot war hundert Meter lang und dreißig breit. Es hing in einer Vorrichtung, die wie ein Trockendock aussah und das ganze Schiff auf der Unterseite umspannte.

"Bruce!"

Desi rannte nicht so schnell, wie sie konnte, doch immer noch mit der Geschwindigkeit eines Leichtathleten. Bruce wandte sich um. Die blonden Haare der jungen Frau waren dicht über dem Kopf geschnitten. Ihre blauen Augen strahlten freudig und ihre wuchtige Figur füllte Bruce mit angenehmen Erinnerungen.

"Hallo Desi!"

Die beiden umarmten sich heftig und Bruce wurde von dem Gewicht der Androidin zurückgeworfen.

"Ach, verzeih mir, ich unterschätze bei so was immer, das ich ja zwei Zentner wiege!"


"Zum Glück ist deine Figur die einer gut gebauten 70 Kilo Frau, sonst wäre ich jetzt verzweifelt, " lachte Bruce und küsste Desi auf die Lippen. Das wurde gekonnt erwidert. "Ich komme mit. Ich habe keinen Dienst. Du hast doch nichts dagegen?" "Was sollte ich dagegen haben? Du weist ja, wie wenig aufregen diese Tauchfahrten sind. Also lass uns an Bord gehen!" Die beiden gesellten sich zu der Mannschaft aus gut zwei Dutzend Leuten. Die Außenluken des Rumpfes schlossen sich. Das Tauchboot war relativ neu. Sie hatten es von den Bottern bauen lassen, nachdem sie vor zwei Jahren angekommen waren, um die alte Station neu zu bemannen. Die Anlage war in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zum letzten Mal benutzt worden. Damals gehörte sie schon nicht mehr den Stoikern, die hatten kein Interesse mehr an der Erkundung der Erde und hatte die Einrichtungen kurz entschlossen einem befreundeten Volk ihrer Galaxis überlassen. Diese hatten nach dem Beginn des irdischen Atomzeitalters ihre Forschungsarbeit als erfüllt eingestellt. Die Anlagen waren wieder in den Besitz der Stoiker. Die erste Gruppe, die anderen, hatten zum Glück nichts davon gewusst. Es war zwar kein Geheimnis, aber die Stoiker hielten das alles für so nebensächlich, das Karen, die damals mit Bruce zusammen war, ganz nebenbei davon erfahren hatte. Auf diese Weise war die zweite Gruppe in der Lage gewesen, die alten Unterkünfte und Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen und dabei zu modernisieren. Das Tauchboot war so eine Modernisierung. Es diente der Erkundung der Umgebung und den Besuchen auf den Äußeren Hebriden. Dort entstand zur Zeit eine verdecke Abschussbasis der Guardians.

"Die Starteinrichtung wird uns etwas mehr Bewegungsfreiheit geben, " resümierte der Commander des Boots. Ein kleiner rothaariger Mann, der auf dem Raumschiff Chefingenieur gewesen war. Er hatte die Oberaufsicht über den Bau des Bootes gehabt und war ganz automatisch als der Kapitän anerkannt worden. "Dann könnt ihr Leute das Schiff aus dem Orbit nehmen."

"Vielleicht lassen wir es da, und machen einen Shuttleverkehr zwischen Schiff und Erde..."

"...dann müssen wir nicht immer bei Nacht und Nebel das Raumschiff hereinholen, um zum Mond zu fliegen," unterbrach Desi Bruce und schmiegte sich an ihn. Der Kapitän musste unwillkürlich schmunzeln. Diese Androidin war äußerst weiblich und schien menschliche Gefühle zu haben oder war das so programmiert worden. Na, wie auch immer, es war jedenfalls eine nette Überraschung für sie alle gewesen, als die Stoiker eines Tages mit diesen Kunstmenschen ankamen. Sie sollten die menschliche Gemeinschaft ergänzen. Eine hübsche Ergänzung hatten sie ihm gebaut. Und die Frauen hatte alle ihre Traummänner bekommen. Das hatte nicht nur für Freude und Heiterkeit gesorgt. Aber der Ärger der aufkam hatte natürlich auch mit dem Abhauen der anderen zu tun gehabt. So hatte man dann nicht die Stoiker verantwortlich gemacht, für die kleinen Eifersüchteleien. Außerdem waren diese Androiden keine Befehlsempfänger, sondern selbständig denkende Wesen mit einer eigenen Persönlichkeit. Wenn ihnen ein Mensch nicht gefiel, verließen sie ihn. Das hatten einige nicht so einfach verdauen können und viel Lärm gemacht, obwohl sie doch schon so alt waren! Viel älter als ein normales Menschenleben! Das machten die vielen Ersatzteile im ganzen Körper und natürlich die biotechnische – genetischen Eingriffe, die zu ihrer Anpassung an die fremde Umgebung notwendig gewesen waren.

Die Gedanken des Commanders flogen dahin und die Auslaufvorkehrungen gingen schnell zu Ende. Die Hebevorrichtung hob das Boot leicht an, dann gab es einen Dialog zwischen der Brücke und der Station. Die Kammer wurde geflutet und das Boot schaukelte leicht in der Halterung. Die Wassermassen stürmten unter das Boot und hoben es mit der Halterung nach oben.

"Wir sind auf Bodenlevel!", rief die Frau am Ruder.

"Halterung öffnen," kam das Kommando vom Kapitän, "Stabilisatoren ein!"

Die Frau bediente die Armaturen und der Monitor zeigte, wie die Halteapparatur zurückwich und im Boden verschwand. Kurz darauf schlossen sich die Platten auf dem Grund des Sees. Das war alles kaum zu erkennen, trotz der starken Scheinwerfer.

Der Kapitän gab Befehl zum Ablegen und das Boot fahr geräuschlos an.

"Infrarot – Modus!"

Der Befehl wurde sofort umgesetzt und auf den Monitoren war die Umgebung auf dem Grund des Loch Ness als schimmerndes Gebilde auf den Breitwandmonitoren zu sehen. Die Frau am Ruder hatte ihre 3D – Brille aufgesetzt. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten sie die Linse, das Tor zum Meer. Die Linse öffnete sich auf einen Impuls hin und das Gefährt glitt geschmeidig hindurch, als wäre es kein menschengemachtes Schiff, sondern ein Aal an einem Riff.


Bruce war mit Desi beschäftigt. Sie hatte ihn völlig für sich vereinnahmt.

"Ich bin froh, dass du wieder hier bist. Du hast mir gefehlt. Eine interessante Erfahrung, die ich noch nicht adäquat bewerten kann."

"Du redest manchmal wie die Stoiker."

"Ich bin von ihnen erzeugt worden. Ich habe alles von ihnen bekommen, inklusive der grammatikalischen und linguistischen Fähigkeiten."

"Und noch einige andere Fähigkeiten, glaube ich."

"Nein, alles andere ist original von euch übernommen und an die einzelnen von uns angepasst." Sie war lustig und ganz nah.

"Wie meinst du das," wollte Bruce wissen.

"Als ihr in den Tanks wart, zur Widerherstellung, haben sie alle Informationen aus euren Erinnerungen gefiltert. Dazu die ganzen subrationalen Entitäten in euren unteren Gehirnarealen." Sie lächelte dabei ganz ungezwungen. Bruce war manchmal immer noch unangenehm davon berührt, das sie praktisch völlig nackt waren vor den Fremden.


"Wir werden wieder durchleuchtet!"

Der Spott in Karens Stimme war so dick wie Sirup und genau so zäh. Die Stoiker hatten die Menschen darum gebeten – war es eine Bitte? – sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen.

"Die, welche ihre rudimentären Funktionen ohne Implantate aufrecht erhalten, mögen dem Test fernbleiben. Jene aber, die von uns mit künstlichen Reflexsystemen ausgestatten wurden, benötigen eine regelmäßige Justierung der synaptischen Prozessoren, " hatte der Stoiker ihnen zu verstehen gegeben. Fast alle waren daraufhin erschienen.

"Sie fummeln unablässig in unseren Köpfen herum," hatte Helge sich beschwert, "und wir können nicht hinter ihr komisches Sehgitter blicken. Wir wissen von ihnen gar nichts!"

"Ich glaube, wir werden auch nie viel über sie wisse und verstehen, "hatte Bruce gesagt, dessen Motorik bei dem Crash des Raumschiffs organisch beschädigt worden war.

Er saß da und sah verstimmt vor sich hin. So war es ihm oft ergangen, in den fast achtzig Jahren bei den Stoikern. Die Erinnerung ließ eine steile Falte auf seine Stirn auftauchen wie ein U – Boot aus der Tiefe. Doch die wunderschöne Frau – und sie war eindeutig eine voll funktionsfähige Frau - brachte ihn auf andere Gedanken. "Ich muss dir noch was zeigen." Desi nahm einen Notepad aus der Gesäßtasche und klickte ihn ein. "Sieh mal hier!"

Bruce blinzelte, als er den Bericht las. "Das ist ja merkwürdig! Wie oft habt ihr das in den letzten Stunden beobachtet?"

"Viermal. Und immer das gleiche."


Er war beunruhigt. Viermal hatte es ein Signal gegeben, das nicht von den Satelliten stammen konnte, die sie angezapft hatten. Mit den Beibooten des neuen Raumschiffs, dass sie bei den Stoikern gebaut hatten, oder besser, deren Maschinen, hatten sie die irdischen Rundfunksatelliten besucht und in ihrem Sinne modifiziert. Sie hatten jetzt noch eine Zusatzfunktion. Nämlich Kommunikation und Exploration für ihre Gruppe durchzuführen. Auch ein paar militärische Satelliten waren darunter. Sie hatten keine andere Wahl, solange sie noch keine eigenen Geräte im Orbit hatten. Dazu mussten sie erst noch ihre Produktionsstätte auf der Rückseite des Mondes erneuern. Die Anlagen unter dem Tsiolkowsky bedurften einer gründlichen Überholung. Doch kannte sie alle zivilen und militärischen Funkanlagen. Sie überwachten den irdischen Funkverkehr mit den modernsten Computern, die sie mitgebracht hatten. Jedes unbekannte Signal, ob altmodisch gemorst oder digital, konnte ein Hinweis auf die Aktivitäten der anderen sein. Jetzt hielt Bruce eine Aufzeichnung über periodisch wiederkehrende Signale in der Hand.

"Was sagt die Decodierungsabteilung dazu?"

"Die wissen noch nicht genug. Alles, was bisher klar zu sein scheint, ist die Periode und die ungefähre Richtung. Vom Mond!"

Plötzlich war Bruce hellwach: "Vom Mond! Das kann nur von den irdischen Industrieanlagen oder von unserer Station sein. Von der uralten Anlage!"

Desi verstand die Aufregung sehr gut. Sie hatten die Anlage auf passiven Betrieb geschaltet, bevor sie weiter daran arbeiten wollten. Passiv hieß, das keine Signale oder Scans von ihr abgestrahlt wurden, damit sie nicht geortet werden konnte.

"Kann es von den Menschen im Imbrium kommen?" Bruce war vom Sessel aufgestanden und ging vor Desi hin und her.

"Das Signal kam nicht über Kurzwelle, sondern Langewelle, sonst wäre es auch nicht durchgedrungen – von der Rückseite. Und es muss von dort kommen, wenn es nicht von der Erdstation im Meer der Ruhe kommt."

Im Mare Imbrium befand sich seit zehn Jahren eine amerikanische Forschungsstation, die aber hauptsächlich industriell arbeitete. Von dort gab es einen Shuttledienst nach Houston, der etwa alle zwei Monate stattfand. Personal wurde ausgetauscht, Rohstoffe abgeliefert und fertige Produkte für die biologische, die chemische und die elektronische Industrie abgeholt. Die Kosten waren enorm, doch dafür hatte man die Unions – Europäer abgehängt, die sich noch immer über eine eigene Station stritten.

"Wir müssen auf den Hebriden sofort Kontakt mit dem Ness aufnehmen!" Bruce hatte fast geschrien. Desiree´ war beunruhigt: "Was hast du vor?"

"Ich will hin. Zum Mond. Wir müssen uns die alte Station ansehen, und zwar bald!"







3. Die Falle.



Der Mond schien auf den äußeren Hebriden. Der Kapitän und Bruce klappten die Krägen ihrer dicken Jacken auf. Desis Shirt flatterte im Wind.

"Ich hasse diese Kälte," motzte Irish, der Kapitän, "wäre lieber wieder unten!"

Sie gingen über die Einstiegsplatform der unterseeischen Andockanlage, die sie hier bereits mit den Bottern installiert hatten. Die Maschinen konnten ungefährdet ihren Job verrichten, denn nicht einmal die Engländer kümmerten sich noch um das Eiland. Der Wind drang durch die rohen Schächte und war eiskalt. Die drei gingen durch einen Stollen und betraten die provisorische Kommandozentrale, nachdem sie am Eingang den Sicherheitscheck eines Robots überstanden hatten. Der Kapitän schaltete von Automatikbetrieb auf persönlich und die beiden Männer und die Androidin begannen mit der Routineinspektion der Anlage.


"Meldung! Meldung! Meldung!"

Die Robotstimme war laut und männlich. Chris nahm den Kopfhörer runter und bewegte ein paar Hotkeys. Sofort leuchtete der Monitor rot auf und zeigte eine gelbe Schrift. Die Meldung bezog sich auf eine neuerliches Signal unbekannte Herkunft. Vermutlicher Abstrahlrichtung: der Mond.


"Verdammt!" Irish sah die Meldung auf dem Monitor. Bruce meinte trocken: "Ja, aus ist ´s mit dem Landurlaub. Alle Mann an Bord!"



Das Tauchboot war gerade wieder in der Aufhängung fixiert und das Wasser ausgepumpt, da waren Bruce und Desiree´ schon in der Zentrale der Station unter dem Loch Ness. Der Stationsleiter begrüßte sie in seinem Büro. David war ein hagerer Mann in den besten Jahren und dunkelhaarig. Seine Gesichtszüge waren so englisch wie er selbst. Einer der ersten irdischen Rekruten, die sie nach der Rückkehr von diversen Geheimdiensten mit den abenteuerlichsten Methoden abgeworben hatten. Zuerst dachten die Neuen, sie würden für einen Informationsdienst arbeiten, aber nach dem man sich ihrer Loyalität vergewissert hatte, waren sie in kleinen Schritten mit der Wahrheit, jedenfalls einem Teil davon, vertraut gemacht worden.

Jetzt war David um den Schreibtisch herum gekommen und setzte sich zu den drei anderen auf die Sitzgruppe. Der dritte war der Sandmann, ein ehemaliger Raumfahrer, der mit ihnen bei den Stoikern gewesen war. Er führte ein recht undurchsichtiges Leben, war den Freunden aber eng verbunden. Gerade zog er seinen Zopf zurecht, als Desi meinte: "Wenn du zum Mond fliegst, möchte ich gerne mit. Ich lasse mich abstellen."

Bruce sah sie von der Seite an und der Sandmann lächelte. "Ich hatte eigentlich Christine im Auge und..." Weiter kam Bruce nicht, Desi fuhr dazwischen: "Christine hat nicht die gleichen Vorzüge wie ich zu bieten!"

Bruce setzte sich aufrecht: "Es geht weniger um deine physischen Eigenschaften als um die wissenschaftlichen Qualifikationen. Und du wirst zugeben, dass Christine als Astrophysikerin, Biochemikerin und Kommunikationsexpertin ja wohl die richten Fähigkeiten hat, um auf einer verlassenen Station nach dem Rechten zu sehen."

Desi war nicht so leicht zu schlagen.

"Ich bin auch Astrophysikerin und Biologin, wie du weist, also geht es doch um was anderes, mein Schatz!"

Der Sandmann kugelte sich vor Lachen in seinem weichen Sessel, schließlich wendete er sich Desi zu.

"Liebe Desi, ich glaube du musst akzeptieren, das menschliche Gefühle sehr flüchtig sein können," ein Todesstrahl schoss aus den Augen von Bruce und versengte den Sandmann, " und Christine ist nun mal der dunkle Typ, auf den Bruce immer schon abgefahren ist."

Bruce stand auf und ging zum Schreibtisch des Kommandeurs. Er nahm sich den Monitor vor. Der Sandmann rückte näher an Desiree´heran: "Ich mag Blondinen, besonders die üppigen. Du könntest mir doch eine Chance einräumen. Bruce wird doch eine Weile unterwegs sein."

"Schöner Freund," grummelte Bruce hinter dem Bildschirm hervor," kaum dreht man sich herum, schon wird man ausgebootet!" Er versuchte böse zu gucken. Dann lachte er schallend und der Sandmann fiel glucksend ein. Desi war irritiert, dann dachte sie nach. Sie brauchte zwei Sekunden, dann blickte sie auf: "Also gut, ich gebe dir eine Chance. Aber nur solange Bruce unterwegs ist. Wenn wir bis dahin keine ständige Beziehung aufgenommen haben, betrachte diese Vereinbarung bitte als hinfällig."

Wieder lachten die Männer, diesmal auch der Stationsleiter. Der Sandmann hielt sich den Mund zu und Bruce versank hinter dem Monitor. Der Stationsleiter sagte in ruhigem Ton: "Dann können wir ja jetzt die Einzelheiten des Unternehmens besprechen. ich schlage vor, die Modalitäten des geheimen Rendezvous mit dem Raumschiff bis zu letzt aufzuheben. Zuerst sollten wir uns vor Augen halten, was mit der alten Station passiert sein könnte."

Sandmann und Bruce stimmten zu.

Sie unterhielten sich noch einige Stunden, wobei sie immer wieder Kontakt mit den Spezialisten der verschiedenen Abteilungen aufnahmen. Auch von denen waren einige nach der Rückkehr und der Gründung der Guardians hinzu gestoßen.

Der Stationsleiter fasste gegen Morgen zusammen.

"Wir wissen nur, dass von der alten Station gesendet wir. Das kann eine Automatik sein, die wir aber nicht erreichen können, weil die Anlage nicht auf Empfang geht. Es könnte aber auch sein, dass Menschen von der Vorderseite eingedrungen sind und etwas ausgelöst haben. Doch das ist eher unwahrscheinlich. Die Anlage hat eine Abwehrmechanismus, der für die Ewigkeit angelegt ist. Kein Mensch könnte das deaktivieren. Die Kenntnisse sind nicht vorhanden. Bleiben die andern. Doch dann hätten wir einen Raumflug beobachten müssen. Und andere Flüge, als den Shuttleverkehr der Amerikaner haben wir nicht verzeichnet. Wir haben ja alle Protokolle gecheckt! Was bleibt uns also dann noch?"

Ratlose Gesichter waren die Antwort. Bruce stand zum hundertsten Mal auf und ging im Raum hin und her. Der Sandmann stand neben dem Cola - Automaten.

"Also dann los zum Mond!" Der Sandmann hatte ganz beiläufig gesprochen. "Ich warte auf eure Rückkehr."

"Kann ich mir denken," grinste Bruce. Desi blickte zwischen den Männern hin und her. Der Sandmann gefiel ihr und ihren Chips. Würde bestimmt eine interessante Erfahrung. Bruce drückte auf einen Button neben dem Monitor: "Wie weit sind die Startvorbereitungen?"

Der Robot meldete, die Vorbereitungen seien fertig und das Beiboot könne in einer Stunde unbemerkt zum Mutterschiff starten.

Diese Mitteilung bedeutete, dass in einer Stunde die irdischen Satelliten blind geschaltet würden und das Beiboot dann nicht mehr auf Radar – und Scanneranlagen zu sehen sein würde. Wichtig war dabei jedes Mal das richtige Timing. Das Startfenster durfte nicht versäumt werden. Eine große Fehlertoleranz gab es nicht, denn die irdischen Einrichtungen wurden immer besser.



Der Flug verlief ruhig. Das Beiboot hatte seine Passagiere, Christine und Bruce, sicher auf dem Mutterschiff abgeliefert. Dort hatte sie Charlie empfangen. Er war dran mit Schiffsservice und ein alter Kumpel der beiden. Zumindest von Bruce. Christine war erst von den Stoikern gebaut worden und genau genommen erst drei Jahre alt, wie alle anderen Androiden. Nach der Maximalbeschleunigung wurde kurz darauf schon wieder abgebremst und das Schiff näherte sich dem Mond von Osten. Das war besser so, den die Menschen saßen im Westen. Außerhalb der Teleskope und der Radaranlagen auf dem Mond manövrierte Charlie das Kreisförmige Schiff um den Mond herum. Der Computer übernahm die Feinheiten, Charlie musste nur das flache und gut dreihundert Meter weite Raumschiff der Stoiker auf einen Kurs steuern.

"Fertig machen zur Landung!"

Charlies Ausruf veranlasste Christine und Bruce ihre Sitzplätze neben Charlie wieder einzunehmen. Sie saßen nun im Halbkreis vor dem großen Sichtschirm in der Mitte des Cockpits. Die Monitore der horizontalen Darstellung befanden sich an den Nord – und Südseiten von ihren Plätzen aus. Zur Zeit sah man dort nicht viel, nur Sterne auf einer schwarzen Fläche, die makellos dunkel war und endlos.


Das Schiff stand nun neben dem Tsiolkowsky. "Ein beeindruckender Fels," staunte Bruce und auch die anderen waren beeindruckt. Der Berg war die höchste Formation auf dem Mond und ragte Höher von seiner Talsohle auf, als der Everest. Charlie gab eine Kodierung ein und übertrug sie auf der Stationsfrequenz. eine Minute später wurde ein schwarzes Etwas neben dem Fuß des Bergs sichtbar. Schnell wuchs es in die Höhe. Bei zehn Metern hielt es an. Das Andockmodul für das Schiff war bereit. Charlie gab dem Computer den Befehl zum Docking. Wenige Minuten darauf war eine stabile Verbindung mit dem Schiff hergestellt und die Besatzung machte sich zum Ausstiege bereit.

"Wir nehmen besser die Anzüge." Charlie hatte zu Bruce gesprochen. "Ja, du hast sicher recht. Auf die Daten über die Atmosphäre möchte ich mich nach dem Theater mit den Signalen auch nicht verlassen." Christine brauchte natürlich keine Schutzhülle, wie sie auch keinen Sauerstoff benötigte. Die drei näherten sich der Luke, die sie direkt in der Vorraum der Station bringen sollte.

"Sollen wir?"

Die Frage von Christine war rhetorisch. Sie drückte die Stimmung der drei aus. Eine ungewisse Befürchtung. Wie auf ein Kommando nahmen sie ihre Waffen heraus. Die Schocker waren bereit. Bruce tippte den Code in die Tastenbox neben der ovalen Einstiegstür. Ein leises Summen ertönte und die Luke schwang auf.

"Bitte nach dir, Ladies first!" Bruce winkte Christine zu. Die verstand ihn über Funk, den sie durch ihr Implantat hören konnte. Sie wusste, dass sie beweglicher war und im Falle eines Angriff besser und effektiver würde reagieren können, als die beiden Männer in ihren schwerfälligen Raumanzügen. Christine trat ein. Die eisige Kälte konnte ihr nichts anhaben. Sie sah siech gründlich um. Dann ging sie den Hauptkorridor vor ihr entlang. Die Männer folgten ihr. An einer breiten Tür an der Seite blieb die Androidin stehen und winkte Bruce heran. Der gab auch hier eine Kodierung ein und die Tür öffnete sich. Diesmal verschwand sie in der Wand und zischte dazu. Sie waren jetzt in der Steuerzentrale der alten Station. Die drei gingen sofort an die Arbeit. Sie kannten die Ausstattung der Einrichtung und aktivierten alle verfügbaren Lebenserhaltungssysteme.

"Heizung läuft!", verkündete Charlie, "jetzt suche ich mal die Kaffeemaschine!"

"Bring mir auch einen mit. In einer Stunde können wir den genießen."

"Ja, dann können wir so herumspringen wie Christine!"


Zwei Stunden später checkten sie die Anlage, die Kaffeetassen noch in den Händen. Nichts, was irgendwie auffallend gewesen wäre, war zu sehen oder zu hören. Die Computerprotokolle verzeichneten auch keine Besonderheiten.

"Gehen wir doch mal in den Maschinenraum", schlug Bruce vor. "Gute Idee, ich gehe in die Zentrale zurück und vergleiche eure Angaben mit den Readings oben."

"Also gut, mein Schatz," grinste Bruce zu Christine herüber, "wir Jungs gehen in den Keller."

Der Maschinenraum war nicht nur ein Raum. Es war eine gigantische Anlage, die sich weit unter der Oberfläche des Mondes ausbreitete. Und das zehn Stockwerke unter der eigentlichen Station. Die Männer gingen zu den Hauptkonsolen und betätigten das Interkom. Christine bestätigte die Verbindung und Charlie und Bruce aktivierten die Supportcomputer.


Es traf sie wie ein Sack Zement von einem Baugerüst. Sie schleuderten zurück und prallten von den Sitzen ab. Bruce versuchte noch, sich an der Konsole hochzuziehen. Charlie lag quer über der anderen Konsole und schnappte nach Luft. Der Schalldruck der Waffe war unüberwindlich. Die Dunkelheit machte sich in ihren Köpfen schon breit, bevor sie das Bewusstsein verloren. So sahen sie nicht mehr, wie der Raumanzug sich auf sie zu bewegte. Die Mündung der Waffe auf ihre Körper gerichtet. Dann kam ein zweiter Anzug hinter der anderen Konsole zum Vorschein. Zwei Arme hielten einen Apparat, der wie ein Helm aussah. Der Helm passte genau auf den Kopf des besinnungslosen Charlie.








4. Irrungen und Wirrungen.


"Die Kontrollen sind in Ordnung!"

"Ja!"

Charlie nickte und setzte sich wieder hinter das Pult, an dem Bruce schon Platz genommen hatte. Die beiden waren völlig in ihre Arbeit vertieft, als Christine sich meldete. "Habt ihr Jungs etwas gefunden?"

Die beiden verneinten einmütig und bestätigten der Androidin, was sie schon wussten. "Alles in schönster Ordnung!"

Christine war im Kontrollraum sehr beschäftigt. Sie verglich die Readings auf den Monitoren mit den Angaben aus dem Maschinenraum. Sie achtete nicht auf die Anzeigen, die sich mit der Sauerstoffversorgung der letzten drei Wochen beschäftigten. Bruce und Charlie kamen wieder herauf und setzten sich auf die etwas wärmeren Sessel des Kommandoraumes.

"Alles OK!" Bruce strahlte und sah Christines schlanke Figur an. Ihre langen dunklen Haare fielen nach vorne am Gesicht vorbei und beinahe auf die Kontrollbuttons der Konsole. Sie war eine große und begehrenswerte Frau. Charlie sah Bruce von der Seite an und rückte im Sessel etwas nach vorne. "Ich glaube, ich gehe in mein Quartier und dusche heiß. Da unten ist es immer noch ziemlich kühl. Ruft mich, wenn ihr Gesellschaft braucht."


Die beiden lösten sich voneinander und Bruce suchte nach einer Zigarette. "Diese Zigarette enthält viel schädlichen Teer und Nikotin. Lass es lieber bleiben. Es schädigt auch die sexuelle Potenz."

Bruce hatte dem kurzen Vortrag amüsiert gelauscht. Jetzt drehte er sich zu ihr herum und küsste sie auf die Wange. "Liebe Christine, hattest du den Eindruck, dass mit meinem Implantat etwas nicht stimmt?"

"Keineswegs! Es schien mir voll funktionsfähig zu sein. Wenn du mit deiner Frage auf meine Hinweise reagiert haben solltest, so möchte ich dir versichern, das diese rein informeller Natur waren, ohne jede persönliche Note." Bruce lachte drauflos. "Ich habe mich daran gewöhnt, mit Androiden Sex zu haben. Was ich aber nie verinnerlichen werde, ist euer Duktus. Könnt ihr das nicht ein wenig ungenauer hinkriegen?"

Christine hatte sich ihm zugewendet. "Du denkst zuviel an die Vergangenheit auf dem Planeten. Ich werde mich reinigen und dann mit dem Check Up fortfahren. Ich werde mir alle Routine – Daten ansehen. Ich schlage vor, dass du Kontakt mit der Erde aufnimmst. Wir müssen einige Daten abgleichen."

"Gute Idee. Während du eine Dusche nimmst, werde ich schon mal Charlie auf Trab bringen."

Bruce sprang aus den Bett und griff zum Interkom. Charlie antwortete sofort. Sie vereinbarten, sich im Kommandostand zu treffen. Als Bruce dort ankam, war Charlie schon halbe in den Zentralcomputer gekrochen. Der Zentralcomputer bestand aus einer Ansammlung von einzelnen Schränken, die etwas drei Meter hoch waren und einen Meter breit. Damit waren die Segmente genauso groß, wie die Computersegmente im Maschinenraum. Nur das dort noch mehr Konsolen miteinander verbunden waren. Im Leitstand der alten Station waren es ein Dutzend dieser Teile, die damit beschäftigt waren, die Lebenserhaltungsfunktionen und die Steuerung der Station zu kontrollieren. Auch alle Kommunikationsnetze gingen über diese Anlage.

Bruce nahm sich die Konsole daneben vor. Christine kam etwas später. Sie sagte nicht warum. An der Hüfte trug sie eine Toolbox und einen Gürtel mit Hardwareteilen. Christine stellte sich hinter Charlie, der fast nicht mehr zu sehen war, obwohl die Segmente kaum noch Verkabelungen enthielten, seit die DNS – und die Photonenrechner kombiniert worden waren. Eine Technologie, die auf der Erde noch am Anfang stand. Bei den Stoikern hatte man schon vor Generationen diesen Schritt gemacht. Dort konstruierten Maschinen auf Wunsch andere Maschinen. Diese wurden von Bottern zusammen gesetzt. So auch ihre Raumschiffe für die Rückkehr der anderen und der Guardians.

Christine nahm ein paar Teile aus dem Gürtel. "Hier Charlie, versuch doch mal, die Basiskonfiguration als Sreen Shot zu bekommen. Das würde mir helfen." Charlie kletterte ein Stück aus dem Segment heraus und besah sich das Teil. "Eine kombinierte Hard – Software Anwendung! Hast du die selbst gebaut?" Er sah die Frau mit offener Bewunderung an. "Das ist einfach fantastisch! Damit kannst du sogar während des Betriebs über fließende Shots die Konfiguration scannen und verändern, wenn ich das richtig analysiert habe."

Christine kannte noch keinen Stolz, so nahm sie diese Äußerung lediglich als Feststellung wahr: "Korrekt!"

Charlie kletterte zurück und baute vor den Augen Christines das Teil ein. Christine ging zu ihrer Konsole. "Ich fahre jetzt einen Test!" Von Charlie kam ein gedämpftes "OK" und Bruce murmelte etwas vor sich hin.


Christine richtete sich auf. "Bruce! Ich habe hier ein paar interessante Werte!"

"Was ist denn? Wichtig?"

"Ja, ich denke sehr."

Bruce zwängte sich aus der Maschine hervor und kam zu ihr herüber. Christine deutete auf einen Monitor rechts von ihr über der Konsole. "Sieh mal, die Werte des Sauerstoffverbrauchs für die letzten drei Wochen!"

Bruce sah genau hin, so schien es Christine. Dann tauchte plötzlich Charlie neben ihr auf. Genau an der anderen Seite.

Der Laser aus seiner Waffe schnitt ihr fast die Hand ab. Sie hing noch an den Haupthydrauliken, als Bruce seinen Laser zog. Er zielte auf das linke Auge von Christine und zog ab.

Christine schleuderte herum und trat Charlie in den Bauch. Ein Androidentritt. Der Mann flog drei Meter zurück und landete wieder im offenen Rechner. Bruce drehte den Laser mit, doch Christine nahm etwas aus ihrer Toolbox. Sie zielte auf Bruce und betätigte einen Schalter. Bruce stürzte nach vorne. Er hatte versucht, ihr nachzusetzen. Als er ihr nahe kam, schlug sie ihm mit der verbliebenen linken Hand auf die rechte Schläfe. Der Angreifer sackte zusammen.

Charlie war nicht ohnmächtig gewesen. Als er sah, wie Bruce zu Boden ging, rappelte er sich hoch und versuchte, nach seiner Waffe zu greifen. Er fand sie und zielte auf Christine, die drückte wieder auf den Schalter an ihrer Waffe. Charlie riss beide Hände an die Schläfen. Die Waffe fiel zu Boden. Christine gab ihm die gleiche Behandlung wie zuvor schon Bruce. Charlie klappte zusammen.



"Guten Morgen, Bruce!"

Christine hatte keinen Sarkasmus in der Stimme, als Bruce sich erhob. "Wir warten am besten noch auf Charlie."

Bruce sah an sich hinunter und stemmte sich gegen die Riemen über seiner Brust, den Armen und Beinen. "He, mach mich los! Spinnst du?" Christine betrachtete ihn eine kurze Weile. "Das weiß ich noch nicht. Ich möchte erst ein paar Dinge klären." Charlie regte sich langsam und kam zu sich. "Was ist das für ein Scherz. Diese Riemen. Und mein Kopf. Wer hat mir eins verpasst? Warst du das, Bruce?"

"Unserer Lage nach zu urteilen, verdanken wir diese Vorzugsbehandlung Christine," meldete sich Bruce zu Wort. "Ganz richtig," stellte Christine fest und stand auf. Sie ging auf Bruce zu. "Was hast du dir dabei gedacht, mir in das linke Auge schießen zu wollen, bitte?"

Bruce schien überrascht. "In dein Auge schießen? Was soll denn das? Gerade war ich doch noch an den Konsolen..."

"Wenn ich euch beide nicht zu Boden geschickt hätte, sähe ich wahrscheinlich nicht nur lädiert aus, sondern wäre funktionsunfähig."

"Wie kommst du denn darauf?" Bruce war irritiert.

Zur Antwort hielt die Androidin die verstümmelte Hand hoch. "Wer war denn das?" "Du, Charlie! Wenn du den Ladestand deiner Waffe überprüfst, wirst du keine Zweifel daran begründen können!"

"Nie im Leben habe ich auf dich gezielt, Christine..."

Christine nahm die Hand wieder runter. In der anderen Hand hielt sie die Waffe, die sie selbst gebaut hatte, bevor sie zu Bruce und Charlie gegangen war.

"Seht ihr das hier? Das ist der Strahler, mit dem ich euch ausgeschaltet habe. Ein Gehirnwellenneutralisierer."

"Das ist doch verboten! Wir hatten vereinbart, niemals solche Waffen..."

Christine erzählte den beiden, wie sie festgestellt hatte, dass seit drei Wochen ein Sauerstoffverbrauch stattgefunden hatte, der ausreichend war zwei oder drei Männer am Leben zu erhalten. Sie hatte daraus geschlossen, das jemand auf der Station sein musste, von dem sie nichts wussten. Jemand, der ihren Kontrollen entgangen war. "Ich habe ihn dann mit den Sensoren gesucht. Gefunden habe ich keinerlei organische Anzeigen – auch nicht unsere!"

Diese Worte schlugen merklich ein. Charlie und Bruce hörten auf, an den Gurten zu zerren. Bruce fing sich zuerst. "Du hast daraus gefolgert, das jemand die Computer manipuliert haben muss. Und da wir im Maschinenraum waren, hast du uns verdächtigt, an den Daten manipuliert zu haben. Richtig?"

"Fast! Ich habe euch getestet. Mit einer Programmschleife, in der falsche Sauerstoffwerte liefen. Die hättet ihr bemerken müssen. Statt dessen bekam ich überhaupt nichts von euch. Als ich über Interkom anfragte, sagte ihr mir, alles sei in Ordnung..."

"Du hast doch gar nicht bei uns angeklingelt!" Charlie hatte geschrien und Bruce sah zu ihm herüber. "Das ist wahr, bei uns ist nichts angekommen. Wenn wir ein technisches Problem gehabt hätten, würde der Rechner in der Zentrale über den Major Domus eine Fehlermeldung bekommen. Die hättest du sehen müssen!"

"Es kam aber keine Fehlermeldung. Nur eure Stimmen und Routine – Check – Daten. Die konnten aber gar nicht wirklich zum Zentralrechner gelangen, denn meine Testschleife hätte mit drin hängen müssen." Christine ging zwischen den beiden Männern auf und ab, wie jemand, der angestrengt nachdachte.

"Moment!" Bruce versuchte den Kopf zu heben. "Das würde doch heißen, der Computer im Maschinenraum hängt nicht im LAN! Dann gibt doch der Rechner in der Zentrale Alarm."

"Nicht, wenn er annimmt, dass alles in Ordnung ist!"

Christine bestätigte Charlies Einwurf mit einem Kopfnicken.

"Korrekt! Beide Computer haben getrennt arbeitenden Trojaner, die von außen in Reihe geschaltet werden können."

Die Wirkung auf Bruce und Charlie war eindeutig. Bruce sank zurück und Charlie stöhnte. "Dann muss uns einer was in den Kaffee getan haben, Charlie und mir."

"JA, genau. Das war auch meine Schlussfolgerung."

"Darum die verbotene Waffe!"

Wieder stimmte sie ihm mit einem kurzen Nicken zu. Charlie stöhnte noch einmal. diesmal lauter. "Wir wissen dann aber nicht, ob wir jetzt richtig ticken, stimmt's, Christine?"

"Stimmt, Charlie. Darum muss ich auch alleine nachsehen."

"Du willst alleine in den Maschinenraum?" Bruce klang nicht begeistert. "Du hast nur eine funktionstüchtige Hand!"

"Sie rechnen nicht mit mir!"

"Wie kommst du darauf, dass sie noch hier sein müssen?"

"Charlie!" Bruce klang ärgerlich. "Wir hätten doch einen Start mitbekommen!"

"Nicht, wenn sie nicht geflogen sind, sondern rüberfahren, zu der Erdstation", entgegnete Charlie. Seine Miene war verärgert und am liebsten hätte er geschrien. Christine machte sich an der Hand zu schaffen. Mit der linken bediente sie ein Werkzeug. Nach wenigen Minuten schraubte sie die Hand ab und legte sie auf den Labortisch. Dann setzte sie das Werkzeug wieder an und holte die modifizierte Waffe hervor. Mit ein paar Verbindungselemente befestigte sie die Waffe am Arm.

"So, das wird funktionieren. Nicht schön nach euren Maßstäben, wie ich annehme, Dafür sehr funktionell und umwerfend." Christine hatte mit großer Ernsthaftigkeit gesprochen. "Euch kann ich leider erst wieder trauen, wenn ich weiß, wie sie euch konditioniert haben. Dann werde ich versuchen, den Prozess umzukehren."

Christine verließ den Raum und lief zum Lift für den Maschinenraum.


Als Christine den Maschinenraum betrat, ging sie zur Hauptkonsole. Sie nahm den normalen Laser und feuerte auf eine Box neben der Konsole. Das Licht fiel augenblicklich aus. Die Notversorgung gleichzeitig mit ihrem Schuss lahmgelegt. Christine ging auf Infrarot – Modus und sah sich um. Die Computer waren unverändert. Doch sie waren im Innern groß genug, Wesen von der Größe eines normal proportionierten Menschen aufzunehmen. Ihre Logik ließ kein anderes Versteck übrig. Trotzdem errechnete sie die Wahrscheinlichkeit für andere Bereiche und ging um die Konsole herum. Sie konnte nicht genug vom Raum überschauen. Darum beschloss sie, auf die Lobby zu klettern. Sie hatte die Leiter fast erreicht, als sie hinter sich ein Geräusch vernahm. Mit einem Satz sprang sie die zwei Meter auf die Brüstung aus dem Stand.






5. Der Kampf.

Die untersten Sprossen der Leiter verdampften, als Christines Füße auf dem Balkon aufsetzen. Sofort flog der Waffenarm der Androidin herum. Das Ziel konnte sie deutlich unter sich sehen. Ein Mann im Raumanzug. Den Helm hatte er abgenommen und durch einen Restlichtverstärker ersetzt. Christine zielte. Sie hatte die Zielvorrichtung mit ihrem visuellen System verbunden, so musste sie nicht über den Arm zielen. Deshalb war ihr Gesichtsfeld groß genug, um den anderen Mann zu sehen, der hinter dem Computer stand und den vorderen beobachtete. Auch er hatte statt des Helmes ein Restlichtgerät übergestülpt. Wenn sie den ersten traf, war der hintere gewarnt. Es konnte Stunden dauern, ihn wieder zu finden. Christine schoss nicht. Sie wartet und ging auf Stand By. In diesem Modus war die simulierte Atmung deaktiviert. Der Angreifen fand sie nicht. Dazu hätte er die Leiter nehmen müssen. Er zog es vor ein paar Meter zurück zu gehen. Der andere verharrte hinter dem Rechner. Ob er eine Waffe trug oder sogar auf etwas zielte, konnte die Frau nicht sehen. Leise schlich sie zur äußeren Schmalseite des Balkons. Dort war eine Rutschstange angebracht. An der Stange angekommen, war sie gut zehn Meter von dem Angreifer entfernt. Sie nahm die Stange zwischen die Unterschenkel und schlang den intakten linken Arm auf Kopfhöhe darum herum. Langsam ließ sie sich nach unten gleiten. Der Mann ging jetzt rückwärts zurück. Den Kopf bewegte er ständig hin und her, um ein größeres Sichtfeld zu haben. Christine konnte aus ihrer Position den zweiten Mann nicht sehen. Sie versuchte sich seiner früheren Position zu nähern. Wenn der erste weiter zurück ginge, könnte sie beide auf einer Linie erwischen. Christine deaktivierte alle humanoiden Simulationen, wie Atmung, Herzschlag, Schwitzen und ungleichmäßige Bewegungen. Sie bewegte sich nun wie eine Katze. Eine vollelektronische Katze mit hochentwickelten Sinnen. Nach zehn Metern sah sie den zweiten Typ. Er hatte keine Waffe in der Hand. Sie näherte sich hinter einer Konsole auf Händen und Füßen kriechend. Der Mann hatte sie noch nicht gesehen. Sie hätte seinen erhöhten Herzschlag gehört und die gesteigerte Transpiration bei Adrenalinausstoß gerochen. Das hatte sie auch zu dem Sprung veranlasst. Jetzt war ihre einzige Deckung die ein Meter hohe Konsole, die sich vier Meter weit vor sie hin erstreckte.

Er musste sich ein Sedativum injiziert haben.

Plötzlich hörte sie die leisen Schritte des ersten Mannes rechts von sich. Er lief ein kurzes Stück und hielt dann zwei Meter vor der Konsole an. Jetzt roch sie das Adrenalin. Es war zu niedrig für einen gewöhnlichen Mann seiner Größe. Er musste unter Drogen stehen. Vielleicht zur Steigerung seiner Reaktionen und Geschwindigkeit. Dann war er sogar für sie gefährlich. Zwei davon sogar sehr!

Der Mann hob den Arm. Christine zielte über das integrierte Zielsystem. Es musste sehr schnell gehen. Wenn der erste fiel, würde der zweite ihre Position in einer Sekunde über das Tracking – System ermitteln und schießen. Daran bestand kein Zweifel.

Der erste Mann schoss nicht! Sein Arm wies nach rechts, als wenn er dem anderen etwas sagen wollte.

Er sah sie nicht! Natürlich! Christine hatte keine eigene Körpertemperatur. Sie konnte ihren künstlichen Organismus zwar aufheizen, wenn die Gefahr bestand, dass einzelne Funktionen durch Unterkühlung gefährdet waren. Doch ihre normale Körpertemperatur entsprach immer der Umgebungstemperatur. Der andere hatte sie nicht gesehen, weil er auf Infrarot – Modus gegangen war. Er hatte geglaubt, dass ein menschliches Wesen in seiner Nähe sei. Ein Warmblüter. Christine trug schwarze Kleidung. Damit war sie vor dem dunklen Hintergrund der Maschinen für die Restlichtverstärker fast völlig unsichtbar. Wenn die anderen auch noch Drogen eingenommen hatten, konnte es sein, dass ihre visuelle Wahrnehmung getrübt war. Leistungssteigerung hatte bei den Humanoiden solche Nebeneffekte.

Christine wartete, bis der Mann direkt an der Konsole stand. Er berührte sie fast. Der Tritt warf ihn meterweit zurück. Als er fiel hatte die Frau sich aus der Deckung bewegt und die Waffe ausgerichtet. Eine halbe Hüftdrehung nach links brachte ihr den zweiten Mann ins Visier. Sie traf ihn mitten in das Sichtgerät. Er fiel auf die Knie, spuckte und starb.

Der erste lebte noch. Nicht sehr. Der Tritt der Androidin hatte hundert Kilopond gegen den Raumanzug gedonnert. Seine Rippen musste gebrochen sein. Sie wollte ihn lebend!


"Eine kleine Aufmerksamkeit für die Herren!"

Christine platzierte den Mann quer vor die Pritschen mit Bruce und Charlie. Sie ging in eine Ecke des Zimmers und holte eine klappbare Pritsche hervor. Sie schaffte es tatsächlich, sie mit einer Hand aufzustellen. Dann packte sie den Kerl mit der linken Hand am Kragen und schleuderte ihn auf die Liege. Danach schnallte sie ihn fest. Ihre Geschwindigkeit ersetze die rechte Hand ganz gut. Der Mann war ein gut verschnürtes Paket und Christine zufrieden damit. Sie ging zum Medizinschrank und zog ein starkes Sedativ auf einen Injektor, dann spritze sie den Typen auf Liege und wendete sich den Freunden zu.

"Es tut mit leid, aber ich kann euch immer noch nicht frei lassen. Zuerst muss ich mir den Helm ansehen, den ich bei den beiden gefunden habe. Es wird besser sein, mit euch zur Erde zu fliegen. Dort kann Desi und die Medics euch genauer untersuchen."

Bruce war nicht begeistert: "Du hast wahrscheinlich recht. Ich würde uns beiden, nach dem, was alles passiert ist, auch nicht über den Weg trauen."

"Ich habe eine Stinkwut, dass du mich hier so festhältst, doch du tust wahrscheinlich das richtige." Charlie sah wirklich wütend aus, aber er legte sich mit einem Stoßseufzer wieder zurück und sah mit funkelnden Augen die Decke an. Bruce hob den Kopf und sah die Androidin an. "Das Schiff kannst du mit Automatik nach Erdkoordinaten gut selber steuern. Doch wenn die hier in der Station noch mehr Überraschungen untergebracht haben, könntest du ein Problem haben, überhaupt zu starten!" Bruce hat besorgt geklungen und Christine fragte sich, wieweit das echt war oder geplant. Sie ging wortlos hinaus und marschierte schnell zur Zentrale.


Desi meldete sich fast augenblicklich. Christine mailte ihr gleichzeitig einen Kurzbericht, Sie wusste, das ihre Androidenschwester keine Sekunde benötigen würde, die Botschaft zu lesen und zu analysieren.

"Bruce! Mein Bruce! Ich wusste, er hätte nicht ohne mich gehen sollen!"

"Beruhige dich, Schwester! Du hättest jetzt keine Hand mehr!" Christine streckte den Arm, von dem sie die Waffe wieder abgeschraubt hatte, in die Kamera. Desi war schockiert. "Chris! Wie schrecklich! Kannst du sie reparieren?"

"Ich suche mir gleich ein paar Ersatzteile für eine Behelfshand. Schön wird die nicht!"

"Schlimm, Liebe! Wenn du wieder hier bist, mache ich dir eine schöne neue Hand. Das verspreche ich dir. Jetzt sollten wir versuchen, diesen ominösen Datenhelm zu analysieren. Vielleicht kann man die beiden an Ort und Stelle wieder herstellen. Wenn ich daran denke, mein Bruce ein willenloser Zombie! Schlimm!"

Christine erschienen diese Emotionssimulationen übertrieben, doch sie sagte nichts und schob den Helm in einen mittelgroßen 3D – Scanner, den sie neben der Hauptkonsole aufgebaut hatte. Sie schaltete das Gerät ein.

"Verbindung zur Erde aktiv. Transfer online!"

Auf dem Monitor sah man Desi, wie sie leicht nach links schaute, dann sprach sie in die Kamera. "Bestätige Transfer. Wird eine halbe Stunde dauern, sind ja hundert Gigabyte. Erzähl mir in der Zwischenzeit von deinem Kampf mit den Männern."

Christine fing an und Desi lauschte interessiert.


"Hast du was herausbekommen?" Bruces Stimme war voller Erwartungen. Die Hoffnung, nun bald aus dieser Verschnürung zu kommen, schwang allzu deutlich mit. Charlie ging es nicht viel anders. Christine konnte ihnen nicht viel mitteilen. Sie ging zu dem Mann auf der Liege und setze einen anderen Injektor an. "Desi ist noch online. Wir untersuchen noch, haben aber schon einiges herausgefunden. Nathan wird das alles noch genauer durchrechnen müssen. Nathan war der philosophische Name des Globalcomputers der Guardians auf der Erde. Er verband alle Daten und Forschungsergebnisse der Gruppe miteinander und war völlig abgeschirmt von direkten Außenverbindungen. Die Firewall, die ihn schützt war eine kombinierte Soft – und Hardware. Sie machten dauernd Scheinangriffe darauf, um die Zuverlässigkeit zu testen.

Der Mann wachte auf. "Wer sind sie", fragte Christine schroff. Bruce und Charlie richteten sich so weit es ging auf ihren Pritschen auf und hörten gespannt zu. Der Fremde sah Christine nicht an und drehte sich zur Seite. Christine fragte ihn wieder und wieder gab es keine Antwort.

Christine nahm den Helm auf und hielt ihm dem Mann vor das Gesicht. Seine Augen weiteten sich. Die Frau klemmte den Kopf des Mannes mit dem Armstumpf fest. Mit der intakten Hand schob sie den Helm auf den Kopf des Fremden. Der wehrte sich heftig. Sein Kopf schlug wild hin und her. Seine Arme und Beine zuckten und zerrten. Sein ganzer Körper stemmte sich gegen die Gurte. Er stöhnte und auf seiner Haut glänzte es feucht. Immer mehr Schweißperlen erschienen auf seinem Gesicht und seine Haut bekam die Farbe frischer Tomaten. Die Luft ging ihm merklich aus. Die Frau hatte endlich seinen Kopf ganz im Helm, da trat Schaum auf die Lippen des Mannes. Christine schaltete den Helm ein. Der Mann schien etwas sagen zu wollen. Dann traten seine Augen dick und prall vor die Höhlen. Sein Brustkorb hob sich ruckartig und weitete sich immer mehr aus. Er sprengte beinahe die Gurte, die ihn auf der Liege festhielten.

Christine lass die Messwerte ab und gab sie online an Desi weiter.

"Atmung vierzig Prozent über Durchschnitt. Puls 220. Systole Diastole 120 zu 200. Er kann jeden Moment sterben."

Der Mann verdrehte jetzt die Augen und schrie. Es waren keine Worte. Nicht einmal ein richtiger Schrei. Nur einfach ein Laut. Ein Laut aus Schmerz und Verwunderung. Er schrie ohne Luft zu holen. Es war, als ströme der Atem einfach so aus ihm heraus. Dann sank er zusammen und ein Lächeln erschien in seinem Gesicht, dass immer noch stark gerötet war.

"Atmung normalisiert sich. Puls 130 mit sinkender Tendenz, dürfte gleich wieder normal sein, nach menschlichen Maßstäben."

"Richtig, Christine," bestätigte Desi, "wir müssen zur Zeit von menschlichen Reaktionen und Werten ausgehen, denn die Anatomie erscheint typisch menschlich zu sein. Hast du eine Ahnung, wer das sein könnte?"

"Keine Ahnung! Wie du siehst, keiner von den anderen, unseren Ex – Freunden vom Planeten." Die Worte von Christine wurden auf dem Monitor von einem stummen Nicken beantwortet. Desi war mit den Messwerten beschäftig und hatte zudem noch Nathan in der Leitung. Sie gab Christine eine kurze Zusammenfassung.

"Nathan und meine Wenigkeit sind zu dem Ergebnis gelangt, dass die eben erfolgte Reaktion mit einem Schutzmechanismus in dem Helm zu tun hat. Er kann wahrscheinlich nicht gegen die eigenen Leute angewendet werden. Das ist nur logisch."

Christine machte nur "Hm" und widmete sich weiter dem Readings auf den Monitoren neben der Liege vor der Konsole. Dann blickte sie hoch. "Wenn du nichts besseres hast, kommen wir besser zurück. Aber ihr müsst uns dann alle unter Quarantäne stellen. Mich auch!"

"Ja, dass hatte Nathan auch schon vorgeschlagen," lächelte Desi vom Monitor hinüber, "aber das ist das geringste Problem. Am größten ist die Schwierigkeit, sicher zu stellen, dass ihr mit dem Schiff nicht auf uns losgeht!"

Christine verharrte, dann sagte sie sehr leise: "Daran hatte ich noch nicht gedacht. Ja, es stimmt. Ihr müsst die höchste Alarmstufe aktivieren und jeden von uns genau analysieren, bevor ihr einen von uns wieder als funktionsfähig – und vertrauenswürdig einstuft! Das wird schwierig werden, liebe Schwester."

Desi versuchte zu beruhigen. "Mit uns ist das relativ einfach. Du wirst nach den Parametern, die auch mich gelten gecheckt. Das ist nicht weiter schlimm. Wirklich schwierig wird das mit den beiden Jungs. Das ist eine Frage der individuellen Persönlichkeitsmerkmale und der Konsequenzen eines externen Denkimpulses."

Desi deutete damit die möglichen neurotischen Auswirkungen einer Gedankenmanipulation an. Auch wenn dieser Einfluss unterbrochen oder beseitigt wurde, konnte es zu neurotischen Folgeerscheinungen kommen. Das konnte vom Selbstmord bis zur Hassattacke auf andere reichen. Die beiden würden auf jeden Fall beobachtet werden müssen und intensiv psychologisch betreut.

"Ich werde die automatischen Startvorbereitungen einleiten und dann die Patienten an Bord bringen." Christine sprach in Richtung Monitor und Desi nickte. Den beiden war klar, dass Christine zuerst nach weiteren Feinden suchen müsste, bevor sie abheben konnte. Christine aktivierte über den Schiffskommunikator am Handgelenk die Schiffskontrollen. Die Bestätigung vom Bordcomputer kam augenblicklich. Christine ging zur Docking Station. Die Waffe hatte sie wieder an der Arm geschraubt.


Das Schiff war korrekt verankert, sonst hätte sie schon in der Zentrale eine Anzeige gehabt. Allerdings, wenn die anderen am Computer zugange gewesen waren... Christine ging zum Einstiegsluke. Es war versiegelt. Sie tippte den Code in ihr Wristcom. Die Luke öffnete sich langsam, die Hälften glitten in die Verkleidung der Außenwand. Christine hatte nur eine Zentelsekunde, um zu reagieren. Der Angreifer hatte sie von hinten gepackt. Sein rechter Arm umschlang ihre Schulter und den Hals. Sie konnte mit der Waffenhand nicht richtig nach seinem Kopf greifen, ihre linke Hand griff nach seinem Arm und zog seinen Körper nach vorne. Der Schulterwurf misslang. Ihre Rechte glitt von dem Gegner ab. Der Robot flog an ihrer rechten Seite vorbei und taumelte. Doch er fiel nicht zu Boden. Christine schoss im selben Augenblick auf sein rechtes Bein. Die Maschine glitt aus und fiel hin. Schon war die Androidin über ihm. Sie wusste, was zu tun war. Ihre linke Hand griff hinter den kahlen Kopf des Robots und drücke drei Finger in eine leichte Vertiefung. Doch der Robot war noch bewegungsfähig. Seine Rechte schlug der Frau hart auf den Oberkörper. Christine fiel zurück. Die Waffe feuerte dreimal und der Robot schlug wieder hin. Christine setzte ihre Operation fort und öffnete den Schädel der Maschine. Sie holte das Gehirnsubstitut heraus und legte es zur Seite. Dann nahm sie die Waffe hoch und feuerte in den leeren Schädel. Im gleichen Moment, als sie mit einer Rückwärtsrolle fünf Mannlängen zwischen sich und den Bot gebracht hatte, explodierte die Maschine und brannte aus.

Christine nickte zufrieden und nahm das Maschinengehirn wieder auf. Sie schritt vorsichtig zum Einstieg des Schiffes, während sie über das Wristcom den internen Sicherheits – Check des Raumschiffes aktivierte. Das beinhaltete auch eine Suche nach Viren und Trojanern.

Im Kommandostand betätigte die Androidin das Interkom, dass sie mit der Zentrale der Station verband und benutzte die offene Online – Verbindung mit Desi.

"Desi Schatz, ich hatte gerade eine Begegnung mit einem Robotwächter der anderen. Ich habe seinen Denkkasten herausgenommen."

Desiree´ war hocherfreut. "Das ist etwas wirklich Positives! Ein Gehirnsubstitut eines feindlichen Bots. Einen größeren Gefallen konnten sie uns kaum tun. Komm am besten schnell damit zurück. Wir wissen ja nicht, was da oben noch alles lauert. Darum haben wir einen Gleiter mit Kampfbots zu euch losgeschickt. Sie müssen in acht Stunden ankommen. Sie unterstehen deinem direkten Kommando, da wir dir vertrauen. Also mach dich auf den Weg – und repariere schon mal die Hand ein bisschen, sieht scheußlich aus, mit der Waffe dran. Absolut unweiblich!"

Christine musste ihr Humorprogramm aktivieren. Desi war eindeutig auf besondere Weiblichkeit programmiert worden von den Stoikern. Christine, deren Stärke Logik und Kampf waren, fand das aus einem ihr logisch nicht zugänglichen Grund belustigend.

Sie machte sich auf den Weg zur Zentrale, nachdem sie in den Schiffscomputer eine persönlichen Code eingegeben hatte, dem nur sie zusammen mit Desi aussetzen oder aktivieren konnten. So war gesichert, dass, wenn Christine überwältigt werden sollte, das Schiff von den anderen gestartet werden konnte. Statt dessen würde es sich nach dem Start selbst zerstören.

In der Zentrale hatte sich nichts verändert. Der andere lag noch mit verzücktem Gesicht auf der Liege und die beiden Guardians begrüßten sie so freundlich, wie es ihre Lage gerade noch zuließ. Christine nahm einen Injektor aus dem Medizinschrank und ging zu Bruce und Charlie.

"Tut mir leid, Jungs!"

"Desi! Ich habe jetzt alle sediert."

Desi war wieder auf dem Monitor des Labs zu sehen. "OK! Dann komm zurück Schwester. Der Gleiter gibt dir Geleitschutz. Rendezvous in fünf Stunden oder etwa Vierzig Tausend Kilometer von der Mondoberfläche. Wir beobachten dich. Viel Glück!"







6. Erwachen.


"Docking OK!"

Die Stimme des Stationschefs war klar und deutlich über Interkom zu vernehmen. Desi sprang auf und lief zur Docking Platform. Sie kam genau in dem Moment an, als das Maingate der Cogito sich öffnete. Bruce und Charlie waren auf den Pritschen immer noch festgeschnallt. Gleiches galt für den anderen. Christine kam am Schluss der Parade. Sie hatte die rechte Hand notdürftig repariert.

"Sieht schlimm aus," war Desis Kommentar, und sie besah siech die Reparatur genau, " komm mit, das ist ja nicht zum Ansehen, wir bringen das zuerst in Ordnung. Die Herren geruhen ja noch zu schlummern!"

Christine lachte und die beiden nahmen einen Elektrocar zur Biologisch – Technischen Abteilung der Station.

Bruce und Charlie wurden auf die reguläre Krankenstation gebracht, der Mann im fremden Raumanzug kam in ein separates Quartier.


Kaum hatten die Androidinnen die Reparaturabteilung betreten kam auch schon der Robot vom Sicherheitsdienst.

"Ihre Identifikation, bitte!"

Christine gab dem Ding Namen und Sicherheitskodierung. Daraufhin verlangte die Maschine Zugang zu den Backup Dateien von Christines Mainboardspeicher. Christine schob ihr linkes Ohr zurück und der Robot stöpselte sich in den Socket. Desi behandelte die kaputte Hand weiter.

"Du kannst dich auch hinlegen, wenn es weniger Energie verbraucht. Der Scan wird deine Resourcen erheblich belasten."


George McLean war ein kräftiger Mann mit einem wachen Verstand. Sein Job als Stationschef entsprach seinen intellektuellen und körperlichen Bedürfnissen. Der andere hatte ihn vor eine völlig neue und aufregende Aufgabe gestellt. Ein Gefangener der andern Seite! Der erste überhaupt! Er rief alle Daten, die über den Gegner verfügbar waren ab, dann setzt er sich dicht neben den Feind. Zwei Robot standen für den Fall eines Angriffs bereit. McLean wäre aber auch gut alleine zurecht gekommen. Er folgte damit nur dem Protokoll, nicht seinen persönlichen Erfordernissen.

Der andere lag noch auf der Pritsche. Seine Arretierung war nicht gelockert worden. Den Helm hatte man mit dem Scan eines Diagnoserechners gekoppelt. Die Daten erschienen auf dem Monitor zur linken. George betrachtete den Eindringling, wie er langsam zu sich kam. Die Daten auf dem Monitor waren jedoch verwirrend.

"Wer sind sie?"

Der Mann, dem der Raumanzug abgenommen worden war, blinzelte, gab aber keine Zeichen von sich, die erkennen ließen, dass er seine Umgebung wahr nahm. McLean wiederholte seine Frage. Wieder keine Antwort. Er schaute dabei immer wieder auf den Monitor mit den Vitalanzeigen. Was er sah, beunruhigte ihn. Er benutzte das Interkom, um Christine zu rufen. Sie meldete sich nach einer Minute.

"Was ist denn, George, ich werde gerade repariert und durchleuchtet."

Der Stationschef wusste, dass Christines Basisprogramme gecheckt würden, nachdem sie dem Einflussbereich der anderen nahe gekommen war. Das gleiche tat man in diesem Augenblick mit Bruce und Charlie. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sich bei den beiden niemand einstöpselte. Sie wurden psychologisch verhört. Dabei kamen auch Drogen zum Einsatz. Niemand konnte in einer verantwortungsbewussten Position erwarten, dass man ihn oder sie nach einer solchen Begegnung ganz einfach wieder in den Dienst aufnahm.

"Es ist so", fing McLean an, "ich analysiere gerade den Gefangenen. Ich kann nicht sagen, ob er etwas wahrnimmt. Und wenn ich mir die Daten ansehen, ist er einerseits euphorisch und andererseits...", er musste sich räuspern," andererseits...stirbt er!"

Christine setzte sich auf, was den Sicherheitsboter fast umriss. "Ich komme, sobald mein Check beendet ist. Halte ihn solange sediert und stabilisiere die Vitalfunktionen mit dem Standardprogramm für Humanoide. Am besten rufst du auch den Doc!"

Als Christine nach einer halben Stunde zu George und dem Doktor stieß, hatte sich an der Situation nichts geändert. Der Gefangene lag da und blickte mit verklärten Augen an die Decke, soweit das durch das Visier des Helms, den er noch aufhatte, möglich war. In unregelmäßigen Abständen stieß er einen leisen Seufzer aus. Es klang völlig entfernt und leblos und ließ nichts von der Entschlossenheit ahnen, mit der er die Androidin attackiert hatte. Christine brachte es auf den Punkt. "Nur noch ein willenlosen Häuflein Etwas!"

"Da hast du völlig recht!" Der Doktor drehte sich zu der Frau herum und sah sie an. Ihre Schönheit beeindruckte ihn auch diesmal wieder. Schon lange versuchte er, mit ihr eine Beziehung aufzubauen, aber Christine war nicht zu einem Date zu bewegen. Nun stand er also vor ihr und betrachtete ihr schönes schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Christine bemerkte den Blick, ließ sich jedoch eine Analyse der Lage nicht anmerken. Ihr Gesicht blieb schön und kühl. Der Dok setzte noch einmal an. "Also, ich sehe hier zwei konträre Abläufe. Erstens scheint er ein Halluzinogen genommen zu haben. Zweitens senken sich seine Lebensfunktion beständig ab. Bei der Tendenz, reicht sein Herzschlag in einer Stunde nur noch, um ein abgestorbenes Gehirn minimal am Leben zu erhalten."

"Also gehirntot in einer Stunde", konstatierte Christine und ging zum Monitor, "dem stimme ich zu". Sie stand stumm da und analysierte. Dann drehte sie sich zu McLean und dem jungen Doktor um. "Ich denke, dieser Zustand setzte ein, als wir ihm den Helm aufsetzten."

"Ich habe keine Drogen in seinem Blut gefunden. Es kann sich nur um eine bio – elektrische Reaktion handeln. Vielleicht der Helm, wie du vermutest."

Der Dok schwieg und gab Christine die Chance einer Erwiderung. Statt dessen sprach McLean.

"Wir haben demnach eine lebende Leiche, aus der wir nichts mehr heraus bekommen. Was passiert, wenn wir ihm das verdammte Ding abnehmen?"

Die Frage wahr an Christine und den neben ihr stehenden Doktor gerichtet. Die beiden sahen sich ratlos an, dann redete der Dok. "Wenn wir annehmen, dass dieser verflixte Helm zur Gedankenübertragung verwendet wird, und darauf scheinen die Ereignisse auf dem Mond hinzuweisen, unterbrechen wir möglicherweise eine Art internes Programm, dass den Patienten in diesen Zustand versetzt. Das könnte den sofortigen Exitus zur Folge haben!"

Christine nickte und sah sich wieder die Daten an. "Wir warten am besten, bis wir keine Möglichkeit mehr sehen, in entweder am Leben zur erhalten oder Informationen zu bekommen. Wir müssen auch was Bruce und Charlie angeht, wissen, was dieses Ding mit einem Gehirn anstellt. Wenn er stirbt, wissen wir wenigstens, dass wir den Helm bei den beiden nicht einsetzen dürfen, um den Grad ihrer Manipulation zu untersuchen. Es wäre vielleicht tödlich!"


Bruce und Charlie ging es gut, doch waren die psychoanalytischen Daten noch nicht vollständig ausgewertet. "Ich gebe dein Inneres jetzt an Nathan!" Die beiden konnten sie nicht hören. Die Guardians waren in Stasis, bis man die Daten ausgewertet haben würde. Desi schien vergnügt, hatte sie doch ihren Lieblingslover zurück. Desi stellte ein Link zum Globalrechner her und gab Anweisungen. "Nathan, ich brauche Hinweise darauf, inwieweit eine Beeinflussung von Bruce noch nachzuweisen ist...und von Charlie natürlich!"

"Ich gebe der Sache Priorität", antwortete Nathan und ließ die Zahlen nur so über die Monitore purzeln, "in einer Stunde weißt du mehr. Noch was?"

"Nein. Das wars!"



Der Schmerz war grenzenlos. Er überwältigte Bruce von innen und von außen. Seine Nerven schrien nach Erlösung. Seine Eingeweide kreischten in einem wahnsinnigen Feuer, dass sich aus der Magengrube durch die Brust zum Kopf und zu den Beinen fraß. Fraß wie ein gieriges wildes Tier. Ohne Gnade. Bruce wollte nur eins: sterben. Aber es gab keinen Tod in dieser Welt. Eine Welt aus Hass auf den Körper. Hass auf das Leben.

Dann verlor er das Bewusstsein. Wieder. Wieder? Er wusste nicht, wie oft er schon zu Bewusstsein gekommen war und wie oft er es wieder verloren hatte. Er hatte nur das Gefühl, dass er den Schmerz und das andere schon kannte. Das andere. Was? Ein Gefühl? Ja. Merkwürdig. Ein Gefühl wie schwimmen oder tauchen. Ein sanftes Wogen an den Gliedmaßen. Trotz des Schmerzes konnte Bruce das fühlen. Und noch etwas. Seine Gedanken. Manchmal schien es ihm, dass seine Gedanken durch den Kopf eines anderen Menschen hindurchgingen. Oder war es eine Maschine? Ein Computer? War er in einem Computer? War er ein Computer? Kein Mensch? Aber wenn er denken konnte, musste es ihn doch geben! Wo Gedanken waren, musste ein denkendes Wesen existieren. Wer war das denkende Wesen. War er das? Bruce? Konnte es eine Illusion sein. Die Illusion seiner eigenen Existent. Wie war das möglich. Überhaupt möglich?



"Haben sie noch eine Idee, Doktor?"

Die Frage von McLean war rhetorisch. Der andere lag eindeutig im Sterben.

"Wir beginnen jetzt damit, dem Helm vom Patienten zu lösen."

Die Stimme des Doktors klang bemüht sachlich. Die Robots mit dem Medi – Programm begannen sogleich damit, den Helm des Gefangenen anzuheben. Einer stütze den Patienten, der völlig in einem tiefen Koma lag, während der andere Bot den Helm packte und anhob. In diesem Augenblick schrillte der Stationsalarm.

Nathan meldete sich über das Interkom. "Achtung! Nicht den Helm abnehmen. Ich wiederhol: nicht abnehmen!"

"Was soll das, Nathan!" Der Dok war aufgeregt und auch wütend. Mitten in der Behandlung, die wahrscheinlich das Leben eines Patienten kostete – auch, wenn er ein Feind war - , brachte ihn aus der Fassung.

Nathan kannte keine Emotionen, höchstens als theoretisches Konstrukt. Seine Stimme klang nun einschmeichelnd – er hatte sein Unterprogramm für Psychotherapie aktiviert.

"Ich habe einen Weg gefunden, den Helm zu deaktivieren. Dazu muss das Gerät mit dem Träger verbunden bleiben. Wir können danach die beiden Guardians aus der Stasis befreien und die Gedankenmanipulation zumindest partiell rekonstruieren und zurückstellen. Folgen sie bitte meinen Anweisungen."

"Moment!" Der Doktor gab nicht so einfach auf. "Wie groß sind die Chancen für den Patienten?"

"Etwas über dreiundachtzig Prozent. Für die Guardians erhöht siech die Chance einer schadensfreien Wiederherstellung und Genesung auf 93,221 Prozent. Sind sie einverstanden?"

Der Dok, Christine und der Stationschef tauschten beredte Blicke. Christine spürte das dringende Bedürfnis einer Rekonfiguration in sich aufsteigen. Die beiden Männer erlebten etwas ähnliches, nur hätten sie es Übelkeit genannt. Das Interkom piepste und Desi erschien auf dem Monitor. "Ich habe alles gehört und stimme Nathan zu. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Du, Chris?"

"Nein!" Christine klang entschlossen. Sie nickte den beiden zu. "Ich bin dafür!"

McLean sagte nur "dann los!" und der Dok verlinkte Nathan mit den Zugängen der Patientendaten.

Nathan ging eine Subroutine durch und gab dann dem Doktor ein paar kurze Anweisungen. Die Roboter waren vom Globalcomputer schon re - programmiert worden und verrichteten stumm ihre Arbeit. Robots hatten eben keine Persönlichkeit wie Androiden. Nathan konnte nicht vergessen oder übersehen. So hatte er auch weiter Zugriff auf die Daten der beiden paralysierten Guardians. Er überwachte ihre Funktionen sekundengenau und glich die Ergebnisse mit dem Voranschreiten des Eingriff am Gefangenen. Der Helm war immer noch auf dem Kopf des Humanoiden. Doch nun wurde eine Software, die Nathan eigens geschrieben hatte in den Speicher des Geräts eingelesen. Das geschah, nachdem der Globalcomputer den Zugriffscode umgangen hatte und direkt an den Zentralspeicher des Helms gelangt war. Die Männer und Christine konnten nur noch abwarten und sehen was passieren würde. Zunächst war nichts zu sehen, dann schrie der Dok auf.

"Nathan, die Werte! Bist du wirklich sicher!"


Der Schmerz war nun erträglicher geworden. Bruce fühlte nur noch das sanfte Schweben im Wasser. Wenn es denn Wasser war. Konnte er denn wirklich etwas wahrnehmen oder fantasierte er nur. Doch wenn er fantasierte, musste er doch existieren. Körperlich vorhanden sein. Auch wenn seine Wahrnehmungen verzerrt waren, konnte eine Verzerrung doch nur zustande kommen, wenn etwas verzerrt werden konnte! Also musste es ihn geben! Ja. Die Gewissheit wurde immer stärker in ihm. Sie geradezu explosionsartig. Er wahr sich seiner bewusst. Er lebte. Er war ein Mensch!





Der Fremde vibrierte am ganzen Körper. Ein hartes schnelles Zucken lief schnell wie ein Blitz von Kopf bis Fuß durch ihn hindurch.

"Die Vitalwerte spielen verrückt! Nathan!" Der Doktor schrie wie aufgespießt und stürzte nach vorne. In diesem Augenblick schlug der Patient die Augen auf. Der Dok schrak zurück und prallte gegen Christine. Der Stationschef war schon wieder weg. McLean wollte nach Bruce und Charlie sehen.

"Können sie mich sehen und hören?"

Der Fremde beantwortete die Frage des Doktors mit einer leichten Bewegung in seine Richtung. Dann versuchte er zu sprechen.

"Es klappt, Nathan", rief der Dok und Christine ließ einen Routine Check Up über das Medi – Programm laufen, an dem der Fremde hing.

"Die Daten sind außerhalb der Norm, Doktor, scheinen aber stabil zu sein. Seine Physiologie ist nicht nur menschlich, sondern wahrscheinlich verbessert."

"Wie bei euch, den alten Guardians", entfuhr es dem Doktor. Er blickte ein wenig verlegen, doch Christine überging seinen Gesichtsausdruck.

"Im Prinzip ja, Dok, aber nicht im Detail. Die Routineverfahren hätten danach gesucht, so wie gerade eben. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass es eine Modifizierung von der Art der Stoiker sein könnte."

"Also eine harte Nuss!" Der Doktor runzelte bei seinem Ausruf die Stirn und wies dann einen der Medi – Bots an, den Helm abzunehmen. Der Patient lebte weiter. Sein Blick wurde klarer und er versuchte wieder zu sprechen.

"Erstaunlich! Nathan, du musst uns gleich eine Menge verraten!"

"Der Doktor hat recht", fiel die Androidin ein," aber erst zu den beiden Jungs, wenn´s recht ist!"


Desiree´war mit dem Zustand der beiden Guardians recht zufrieden. Sie versuchte sogar, eine Melodie zu summen. Aus irgendeinem Grund, war es den Androiden fast völlig unmöglich, eine kleine einfache Melodie zu intonieren. Gesang lag ihnen überhaupt nicht.

"Gib´s lieber auf, Schwester!" Der trockene Kommentar von Christine ließ Desi verstummen. Doch das Lächeln blieb in dem schönen Gesicht. Wäre es eine Lampe gewesen, hätte man die Augen zukneifen müssen.

"Deiner sonnenhellen Stimmung entnehme ich, dass es deinem Bruce gut geht."

"Du hast richtig analysiert, Schwester!"

"Kannst du mir und dem Dok mehr dazu sagen?"

"Natürlich. Seht her". Desi rief eine Menge Daten auf. Der Doktor und Christine sahen auf den Monitor. Desi dozierte. "In der letzten Stunde haben sich die Vitaldaten erheblich verbessert, besonders im Bereich der zerebralen Aktivitäten. Bei Bruce war deutlich eine Alphakurve für tiefe Träume zu erkennen. Seine physischen Daten unterstreichen das. Er hat, übrigens auch Charlie, ausgiebig geträumt. Bei Charlie waren die physiologischen Parameter nicht so sprunghaft, aber auch er muss im Unterbewusstsein sehr aktive gewesen sein. Ist es noch", schloss sie mit einem schnellen Seitenblick auf den Monitor. Der Dok stimmte zu und sah sich die Medikamentierung an.

"Gut gemacht. Alles in Ordnung. Wir werden jetzt auf Nathans Analyse der Helmdaten warten. Dann müssen wir weiter sehen."


"Hier McLean! Ich bin bei dem Fremden. Er redet!"


Christine war die erste im Zimmer, dicht gefolgt von Desi. Der Dok folgte in einigem Abstand. Er lief rein organisch. Der Fremde lag da wie zuvor, aber er hatte einen Arm frei.

"Ich habe ihm ein Glas Wasser gegeben." McLean hatte zu den Neuankömmlingen gesprochen. Keiner sagte etwas. Der Fremde sah sie alle der Reihe nach an. Dann sprach er.

"Ich heiße Ryan. Ich...ich...bin...Biologe, kein Soldat. Dazu wurde ich gemacht. Danke für den Eingriff. Sie haben mich von der Konditionierung des Helms befreit."

"Wer hat sie zum Soldaten gemacht – und warum?"

McLeans Frage klang wie ein Befehl. Der Fremde schien daran gewöhnt. Er nickte und sprach dann weiter.

"Die Kynianer! Sie haben die Erfindung gegen mich und andere eingesetzt. Den Helm. Meine ich. Er kann in das Unterbewusstsein eindringen und die Persönlichkeit über stimulierte Bedürfnisse verändern."

"Wieweit verändert sich das Bewusstsein?"

Der Mann schluckte und griff mechanisch zu dem Trinkbecher. Er trank und fuhr fort.

"Das Bewusstsein wird subliminal konditioniert..."

"Also nicht ein direkter Eingriff in die Gedanken", konstatierte der Doktor und ging näher. Desi und Christine sahen sich die Messwerte an. "Fast menschlich, Doktor!"

Der Mann sah die beiden an. "Ich bin ein Mensch – oder war einer, bis die Kynianer mich rekonditionierten. Vorher haben sie noch meine Erfindung gestohlen!" Er klang verbittert und enttäuscht.

"Welche Erfindung", wollte McLean wissen.

Der Mann guckte ihn von unten an. "Sie haben sie schon gesehen. Der Helm, was sonst."


Die Guardians standen still vor dem Fremden. Keiner wollte etwas sagen. Dann brach Desi die Stille.

"Sie kennen sich demnach mit den Funktions - Prinzipien aus. Wenn wir sie aus der Konditionierung befreien konnten, dürfte das mit unseren Leuten ebenso möglich sein. Gewähren sie uns ihre Unterstützung?"


Der Mann sah die Frau an. "Ich glaube, ich habe lange keine Frau mehr gesehen. Keine so schöne jedenfalls! Verzeihen sie, ich bin mir meiner Lage durchaus bewusst. Natürlich helfe ich ihnen."

Die Guardians sahen sich an, McLean trat vor. "Wir können uns nicht so einfach auf ihr Wort verlassen, wir werden..." , der Mann unterbrach ihn und fuhr fort, "eine mental – psychologische Untersuchung vornehmen. Nach Jahren ohne eigene Bedürfnisse werden ich das auch noch überstehen. Ich bin bereit!"

Die Worte waren anfangs resigniert, dann impulsiv ausgestoßen worden. Beim reden betrachtete er seine Hände, als sähe er sie zum ersten mal. Die Guardians gaben Anweisungen an Nathan. Der Globalrechner erstellte einen Plan, dem sie folgen würden, nachdem sie die Details diskutiert haben würden. Desi hätte vor Freude fast ihre Festplatte gelöscht.


"Ich glaube, mich haben die Träume gerettet."

Bruce hielt Desi das Glas mit dem Scotch hin," und die Liebe einer besonderen Frau!"

Desi umarmte ihn stürmisch. Christine war davon nicht berührt. Sie widmete sich Charlie, dem man die Anstrengungen der vergangenen Nacht noch etwas ansah.

McLean nahm sich noch etwas zu essen. Die Party gefiel ihm. Er war ein ausgesprochener Feinschmecker, auch bei Frauen. Er war aber nicht richtig eifersüchtig auf Charlie. Als er mit den Guardians – bevor sie dazu wurden – bei den Stoikern waren, hatte er eine heftige Affäre mit der Androidin gehabt. Das war ein Jahr nach ihrer Geburt und ein Jahr vor der Rückkehr durch das Zeittor. Jetzt sah er zu Bruce herüber, der mit Desi beschäftigt war.

"Na, ihr seid mir alle Turteltauben. Wir brauchen Nachschub, wenn das so weitergeht!"

Bruce schaute auf und ließ Desi einen Augenblick alleine.

"Ja, du hast recht! Wir müssen mehr Leute rekrutieren. Wir können nicht alle immer in einem getarnten Guardian – Leben auf der einen Seite und ein privates Leben auf der anderen führen."

"Das geht bei mir ganz gut!"

"Stimmt, Charlie. Auch beim Sandmann läuft das", Bruce sah zu dem erwähnten Guardian, "aber nicht bei allen. Besonders nicht bei denen, die einen Fulltime - Job als Guardian haben. Ich wäre ohne Desi oder Christine arm dran gewesen, in der Vergangenheit."

"So ein Chauvigerede! Hört euch die Machos an!"

Karen war rot angelaufen. Die blonde Frau war in den Vierzigern und sehr attraktiv. Als Pilotin war sie allseits geschätzt und als Frau schon oft hart umkämpft gewesen. Sie ging zu Christine und hakte sich bei ihr ein.

"Komm, wir lassen diese Narzissen lieber alleine!"

"Es war nicht chauvinistisch gemeint!"

Bruce war sichtlich bemüht, seine Worte sorgfältig zu wählen. "Mir ging es darum festzustellen, das wir hier auf der Erde etwas Besonderes sind, eine Gemeinschaft, die ihre Identität nicht, noch nicht, preisgeben darf..." Er wusste nicht so richtig weiter. Da meldete sich der Sandmann zu Wort. Sein dunkler Zopf wippte leicht als er zu Christine und Karen ging. Er trug Schwarz wie Christine und hätte gerne eine Beziehung mit ihr gehabt.

"Was Bruce meint ist, glaube ich, dass wir in jeder Beziehung Nachwuchs brauchen. Mitarbeiter und Partner, damit wir nicht immer dieses Doppelleben führen müssen. Denn das", er nahm sich ein Bier, "ist die Krux mit uns. Wir wollen die Welt vor den Kynianern retten, aber wir dürfen uns nicht dazu bekennen. Das ist ein Problem, wenn man dauern heimlich anwerben muss. Im Privatleben geht es auch nur bei Guardians wie mir, die nicht Tag und Nacht eine Station bemannen."

"Schon gut, Sandmann, ich wollte Bruce nicht unterstellen, nur aus Muskeln zu bestehen. Er hat ja auch Verstand."

Bruce lief leicht an und die anderen lachten, auch der Doktor, der sich seit einer Stunde an seinem Sekt festhielt.

"Dieser Ryan könnte ein zukünftiger Mitstreiter sein, nach einigen Tests, versteht sich."

Die Einlassung des Doks wurde mit lautem Gemurmel beantwortet.

"Wie willst du ausschließen, dass er immer noch für die anderen arbeitet. Bewusst oder unbewusst?"

Der Doktor druckste herum und wollte sich eben Bier in das Sektglas füllen, als ihm doch noch eine Erwiderung einfiel. "Charlie, ganz genau werden wir das niemals von irgendeinem wissen. Ich erinnere daran, dass wir die Helmtechnologie einsetzen mussten, um dich und Bruce ganz zurück zu holen. Nicht mal Nathan konnte ausschließen, dass dabei nicht irgendein Überspielfehler aufgetreten sein könnte. Im Klartext: irgendwo da drinnen", der Doktor war zu Charlie gegangen und stand dicht vor ihm, den Zeigefinger der rechten Hand auf dessen Stirn gerichtet,"ist vielleicht etwas verändert."

"Ich fühle mich ganz wie der alte Charlie!"

"Das ist eine subjektive Empfindung und..."

"Nathan und Christine haben festgestellt, dass wir zufrieden stellend rekonditioniert sind." Bruce klang mürrisch. Er sah Christine an und dann den Doktor. Der gab sich gekränkt, setzte dann aber seinen Vortrag fort.

"Es tut mir leid, aber, Christine wird mir zustimmen" – die Androidin verzog keine Miene – "dass wir teilweise nicht das Original wiederhaben, sondern eine umgedrehte Kopie aus der Software der anderen. Nicht viel, aber immerhin ein paar Promille. Das macht euch sehr vertrauenswürdig, aber diesen Ryan nicht weniger!"

Das hatte niemand so genau wissen wollen. Die Party war eindeutig geplatzt. Die Androidinnen sahen sich an und transferierten ungehörte Botschaften. Karen und die anderen Guardians sahen stumm auf dem Boden herum. Langsam löste sich die kleine Versammlung auf. Bruce und Desi blieben mit dem Doktor, Sandmann und Christine zurück. Christine hatte gerade gesehen, wie ihr Charlie wie ein zerzauster Hund davon geschlichen war. Sie hatte zur Zeit keine Bedürfnis, dem Mann zu folgen. Desi schien mit Bruce etwas anderes vorzuhaben. Christine sah sie an.

"Ich denke, ich gehe mich ein wenig defragmentieren."

Leise ging sie hinaus. Der Sandmann blickte ihr lange nach.







7. Retorten und Liebe


Christine assistierte Desi im Labor für Biowissenschaften. Das ging sehr schnell. Ihre körperliche Geschicklichkeit und Schnelligkeit lag über den menschlichen Fähigkeiten. Dann gab es da noch eine Fähigkeit, die den anderen noch nicht so sehr vertraut war und über die beide Androidinnen nicht einmal mit anderen Androiden sprachen.

So ging ihre Arbeit schnell voran und sie konnten sich über das eine und andere austauschen, während der Doktor vor dem Monitor eine Zusammenfassung ihrer und seiner Aktivitäten verfolgte.

"Desi, der Sandmann hat bestimmt recht. Wir haben ein Rekrutierungs – und Reprodruktions – Problem! Unsere biomechanische Forschung kann alleine keine zufrieden stellende Lösung finden."

Desi stimmte zu und sprach es dann aus.

"Dein Einwand ist sicher richtig. Es ein gesellschaftliches Problem. Die menschlichen Guardians sind zwar nicht mehr auf sich zurückgeworfen, wie noch bei unseren Schöpfern, aber die wenigen Menschen, die sie aus Geheimdiensten rekrutiert haben, sind einfach zu wenig Personal."

"Genau! Und die Lebenspartner im Berufsleben nach außen müssen von allem fern gehalten werden. Bis auf die paar Partner aus den intimen Beziehungen, die aus dem gemeinsamen Wirken innerhalb der Guardians zustande kommen..."

"...und dann noch oftmals mit uns und unseren Schwestern stattfinden, was darüber hinaus auch noch mit der menschlichen Konditionierung zur Monogamie und Eifersucht konfligiert! Wie können sie nicht alle gleichermaßen mögen. Manchmal habe ich lieber eine feste Beziehung. Ich möchte nicht immer alle Parameter neu konfigurieren!"

"Ich weiß, was du meinst, Schwester: Bruce!"

Desi wäre, wenn sie nur gekonnt hätte, an dieser Stelle zart errötet. Doch die Beschaffenheit ihrer äußerst haltbaren Haut ließ dies nicht zu. So begnügte sie sich damit, den telepathischen Kontakt zu reduzieren. Christine würde das natürlich bemerken, aber es richtig analysieren. Damit konnte es zu keiner Funktionsstörung in der Interaktion kommen. Das war für die Effektivität erforderlich. Desi fügte hinzu:"Nicht nur Bruce – natürlich ist er ein besonderer Liebhaber – ich sprach ganz allgemein."

"Verstehe!" Keine Ironie lag in Christines Stimme, obwohl sie dazu fähig gewesen wäre. Statt dessen fuhr sie fort mit ihren Betrachtungen.

"Ich finde manche auch anziehender, als andere. Der Sandmann ist zum Beispiel in meiner Wahrnehmung ein potentieller Partner für eine Paarung mit mir."

"Dann solltest du ihm das einmal mitteilen. Sein Endorphinausstoß ist in deiner Nähe erheblich gesteigert. Das trifft noch mehr auf seine Pheromone zu!"

"Ich deaktiviere in menschlicher Gesellschaft immer die sensorischen Zusatzsoftware. Es macht die Konversation so verwirrend."

"Das mache ich meistens auch, aber seine dringlichen Blicke und die Schwankungen in seiner Stimme veranlassten mich zur Analyse, weil ich das von so vielen kenne, mit denen ich zusammenarbeite."

Christine nickte nur und sah zum Doktor hinüber. "Ich kenne das Phänomen sehr gut. Es ist mir aber bisher nicht als unangenehm aufgefallen. Dir?"

"Nein Schwester, aber ich nehme an, dass hat mit den vielen Kontakten bei den Schöpfern zu tun. Sonst müssten stärkere Reaktionen auftreten. Ich habe die gesamte menschliche Medizinliteratur zu diesem Thema gespeichert."

"Die musst du mir bei Gelegenheit überspielen!"

"Gerne, Schwester!"

Der Doktor hatte die Unterhaltung aufmerksamer verfolgt, als es den Anschein gehabt hatte. Seine Bewunderung für Christine war ungebrochen. Die Erwähnung des Sandmannes war ihm unangenehm aufgefallen Hätten die Androidinnen ihre Exosensoren alle aktiviert, wäre ihnen sein Adrenalinausstoß sicher nicht entgangen. Unruhig rutschte der Dok auf seinem Sitz herum, dann stand er auf und ging nahe an Christine heran. Die schaute auf.

"Wir müssen noch mit diesem Ryan weitermachen. Er ist ein interessanter Fall. Vielleicht ist das eine neue Chance, neue Leute zu finden."

"Oder eine Chance, unterwandert zu werden!"

Desis Kommentar war wie Eiswasser über den Kopf des Doktor. Instinktiv zog er den Kopf ein. Desi aktivierte ihre Exosensoren. Christine blieb bei ihrer Logikdominanz und analysierte die Äußerungen des Menschen. Er machte oft so verwirrende Bewegungen, die mit Nervosität zu tun haben mussten. Als Arzt wusste er sicher selber am besten, was er zu tun hatte. Es gab ja auch Psychoanalytiker unter den Guardians. Auf dem Planeten der Schöpfer hatten ja alle viele neue Bereiche studiert. Die Schiffsbibliotheken waren gründlich geplündert worden! Der Doktor betrachtete wieder das geschmeidige und gut proportionierte Profil der Androidin. Was er sah gefiel ihm wieder einmal sehr. Desi analysierte seine endokrine Sekretion. Christine erhielt daraufhin eine sehr informative telepathische Botschaft, die sie dann doch noch dazu veranlasste, ihre eigenen Exosensoren zu benutzen. Die Messwerte des Menschen waren alarmierend. Er schien völlig überschwemmt von Endorphinen und seine sensorische Ausrichtung schien sich zu neunzig Prozent mit ihren sekundären sexuellen Merkmalen zu beschäftigen.

Christine suchte in ihrer Datenbank alles über Freud und Verhaltensforschung bei Primaten auf. Der Doktor zeigte stärker als jemals Bruce oder der Sandmann eine artspezifisches Balzverhalten, das dem höherer Primaten glich.

"Sag das nicht weiter!"

Desi hatte laut gesprochen, doch der Doktor achtete nicht sonderlich darauf. Es war nur ein weiteres Hintergrundgeräusch seiner Hormone. Nichts weiter. Nur Christine war von Interesse.

"Wir...wir könnten, ich meine, du und ich, wir könnte zusammen ein Programm entwerfen. Um die Populationsfrage unter den Guardians zu analysieren, meine ich. Verstehst du, Christine?"

"Ich habe alle wesentlichen Exosensoren aktiviert. Danke Doktor."

Alle Exosensoren? Was hatte sie wohl erfahren?

"Aktivierst du immer alle, wenn du nicht im Einsatz bist", wollte ein schwitzender Doktor wissen.

"Nein, nur wenn ich irritierende Daten von Außenwahrnehmungen mit meiner Datenbank abgleichen muss."






Der Tank war völlig ruhig. Die Nährsubstanzen umspülten seine Körper. Wie lange, das wusste er nicht. Nur hatte er jetzt Gewissheit, in einer Art zäher Flüssigkeit gleichsam zu schwimmen. Es war kein unangenehmes Gefühl. Eine interessante Erfahrung. Aber eine beunruhigende Erkenntnis. Es musste etwas mit seinem Körper geschehen sein. Was war passiert? Der Absturz! Wie lange war das her? Wo war er überhaupt? Auf der Erde wahrscheinlich. Dort hatten sie Anlagen wie diese. Man setzte sie bei Ganzkörperrekonstruktion ein. Bei schweren Verbrennungen oder dem Verlust der Epidermis durch Krankheiten und Unfälle. Sein Körper musste völlig verbrannt sein. Adrenalin schüttete aus den Drüsen. Als Arzt des Teams waren ihm die Symptome von Panik bekannt. Nur ruhig bleiben! Die Situation analysieren. Das war das beste! Analysieren! Daten sammeln, nichts weiter tun. Was konnte er auch sonst tun. Sie mussten das Raumschiff zurückgeholt haben. Das bedeutete mindestens ein Jahr hin und noch eins zurück. Aber waren sie nicht ganz anders auf den Planeten getroffen? Etwas unerwartetes war passiert. Eine Art Wirbel im Raum hatte ihr Schiff ergriffen. Natürlich. Ein besonderes Vorkommnis. Sonst wäre der Alarm nicht aktiviert worden. Alle Besatzungsmitglieder waren aufgeweckt worden. Der Computer hatte dazu nur die Befugnis bei besonders komplexen oder unübersichtlichen Zuständen im Schiff oder außerhalb. Etwas gravierendes musste passiert sein. Der Crash! Wie war es dazu gekommen. Er konnte sich nicht richtig erinnern. Irgendetwas dämpfte seine Erinnerung. Eine schmerzhafte Erinnerung, soweit schien er sich der Vergangenheit bewusst zu sein. Dann gab es diese merkwürdigen Zustände, die er manchmal hatte. Wie eine Art Trance. Dann hörte er Stimmen. Nicht über seine Ohren. Sie waren in seinem Kopf und klangen merkwürdig. Verstümmelte Sätze. Er konnte ihren Sinn nicht erfassen. Was bedeutete das. Verlor er den Verstand. Wieder kam die Panik zu ihm. Gleich darauf fühlte er sich ruhiger. Etwas hatte ihm Vertrauen gegeben. Aber was. Er spürte, wie er das Gefühl für die Nährsubstanz verlor. Er glitt davon in einen unendlichen Traum.



Christines Erwiderung beunruhigte den Doktor. Hatte sie ihn genau analysiert? Und was hatte sie daraus geschlossen. Man konnte nie wissen, bei diesen Androidinnen. Sie wählten ihre Partner sehr eigenwillig und unabhängig von den Bemühungen der Bewerber. Sie waren völlig eigenständige Wesen. Keine dummen Robots, die nur auf Befehl reagierten und handelten. Diese Androidinnen waren selbständige Frauen. Vielleicht noch mehr als menschliche Frauen. Und es schien ihm, dass sie sogar noch selbstständiger waren, als die männlichen Androiden, die sich im Grunde nicht anders verhielten. Der Doktor versuchte wieder, die Aufmerksamkeit der Frau zu erlangen. Und ihr Interesse an seinem Forschungsvorhaben. Er suchte in ihrem Gesicht nach Antworten. Christine sah den Dok nicht an, sondern sagte nur:" Ein interessanter Vorschlag. Ich werde darüber nachdenken und mich mit Nathan abgleichen. Danach gebe ich ihnen eine Mitteilung. Sind sie damit einverstanden?"

Der Doktor stotterte seine Zustimmung und ging zu seinem Platz zurück. Die beiden Frauen tauschten einen stummen Blick. Weder Heiterkeit noch sonst irgend etwas lag darin, nur grenzenloses Verständnis.



McLean und Bruce hatten sich zu einem Whisky getroffen. Die Themen wanderten immer wieder vom Privaten zu ihrem Job, dem Schutz der Erde und der Abwehr der feindlichen Einflüsse. Dabei waren sie immer wieder zu dem Thema zurück gekommen, dass der Sandmann bei der missglückten Partie angesprochen hatte. In der letzten Stunde hatten sie begonnen, einen Plan lose zu skizzieren.

"Wir müssen das im Plenum zur Diskussion stellen."

"Klar Mc! Das geht alle an, wie kaum etwas anderes. Wir sollten das möglichst bald tun. Im Moment sind viele Guardians auf der Station und die anderen können gut über Interkom teilnehmen. Die Satelliten stehen günstig.""Genau", brummte McLean und rülpste ungeniert,"das müssen wir ausnützen. Am besten morgen oder übermorgen!" Bruce stieß mit dem Kumpel auf das Vorhaben an. Das Plenum. Nicht zufällig ein Wort aus der Politik. Es war ein großer Saal mit Stühlen und Bänken. Sie standen im Kreis zueinander. Jeder Platz hatte einen Monitor mit Tastatur und Anschlüsse für Kopfhörer. Zugleich war dieser Raum über Interkom mit ähnlichen Einrichtungen auf der Erde und dem Mond sowie dem Schiff im Orbit verbunden. Alle Guardians konnten auf diese Weise an den Diskussionen teilnehmen. Über allgemeine Fragen wurde per Mehrheitsentscheidung abgestimmt. Diese Fragen betrafen das Zusammenleben und dessen Organisation, aber auch allgemeine Schutzvorkehrungen für das getarnte Leben der Guardians. Themen wie aktive Abwehr der Fremden konnten aber auch im Ernstfall von der Mehrheit der Stationschefs getroffen werden. Dazu konnten auch alle anderen berufen werden, wenn jemand ausfiel. Die Stationschefs wurden per Mehrheit ausgesucht. Die Entscheidungen des Plenums waren bis zur nächsten Ergänzung gültig. Versammlungen konnten von der Mehrheit der Stationschefs einberufen werden. Gab es keine solche Mehrheit, fand automatisch einmal im Monat eine Sitzung statt, auf der dann die Chefs und Abteilungsleiter einen Rechenschaftsbericht ablegen mussten. Bei allgemeiner Unzufriedenheit, konnten die Chefs zur Verantwortung gezogen werden. Das hieß dann in der Regel, dass sie ihre Position verloren und jemand anderer eingesetzt wurde. Das geschah im ersten Schritt kommissarisch, danach durch Mehrheitsentscheid. Kam es zu keiner Entscheidung oder war niemand bereit, die Aufgaben zu übernehmen, trat Nathan in Aktion. Der Globalrechner übernahm vorübergehend die entsprechenden Aufgaben. Gleichzeitig ermittelte er die geeigneten Guardians für die anstehenden Aufgaben. Danach setzt er diese ein. Widerspruch war in diesem Fall nicht möglich. In solchen Fällen war Nathan die oberste und letzte Instanz. Es gab darüber wenig Uneinigkeit, erleichterte es doch alle Abläufe, wie schon auf dem fernen Planeten. Dort hatten sie alle eine ganz ähnliche Entscheidungsstruktur etabliert, bis die Kynianer sich bildeten und alles ablehnten. Eine Haltung, die sie immer stärker einhielten. Kompromisse wurden immer seltener. Bald waren sie nicht mehr in der Lage, mit den späteren Guardians auch nur über die alltäglichsten Dinge zu diskutieren. Sie wurden immer isolationistischer und schränkten die Kontakte ein. Der Bruch war nur noch eine Frage der Zeit gewesen, wenn auch niemand hatte absehen können, dass die anderen sich bewaffnen würden, in der Absicht, die Erde für ihre Zwecke zu unterwandern. Viele der Guardians bedauerten deshalb die Schaffung der Androiden, denn diese Technologie hatten die anderen zwar nicht übernehmen können. Doch eine Variante, die elektronischen Klone, hatten sie mit Hilfe der Einrichtungen auf dem Planten herstellen und mitnehmen können. Sie waren unselbständig, doch die Reaktionzeiten und integrierten Fertigkeiten der Klone standen denen der Androiden nicht weit nach. So war eine beunruhigende Bedrohung vom Planeten der Stoiker verschleppt worden. Die Klone waren weniger kompliziert und konnten sogar mit den technischen Möglichkeiten der Erde hergestellt werden. Es mussten nur die räumlichen und technischen Voraussetzungen gefunden und modifiziert werden. Auch darüber sprachen McLean und Bruce in diesem Moment mit den anderen Stationsleitern – und natürlich mit Nathan, der bei solchen Angelegenheiten automatisch einbezogen wurde. Schließlich ging es nur noch um die Festlegung des Termins. Nach einem kurzen hin – und her setzten die Chefs und Nathan den nächsten Nachmittag als den geeignetsten Zeitpunkt für ein Meeting fest.


Es waren alle gekommen. Die Interkoms hatten den Zweck und den Termin in allen Abteilungen bekannt gemacht. Den Guardians, die zu Hause lebten, in einer normalen Wohnung in einem Ort in der Nähe einer verborgenen Station, waren kodierte Mails oder Funkmeldungen zugegangen. Einer dieser Empfänger war der Sandmann.

"Cliff!"

Die Stimme klang weich und angenehm weiblich. Wenige Sekunden später erschien die dazu gehörende Frau im Türrahmen. Sie lehnte sich an und stand leicht schräg, als der Sandmann sie anblickte.

"Was ist denn, Kordula?"

"Kommst du heute Abend mit ins Kino? Es gibt Jurassic Park 17. Der soll noch besser sein als der dritte und der fünfzehnte."

Der Sandmann hatte gerade noch Zeit gehabt, den Miniscreen seiner Armbanduhr mit der Hand abzudecken. Wie zufällig hatte er die andere Hand darüber gelegt und mit dem Finger die Anzeige ausgeschaltet. Jetzt musste er die bezaubernde Frau mit den kurzen dunklen Haaren los werden. Aber nur vorüber gehend. Auf Kordula wollte er nicht verzichten. Sie war fast so attraktiv wie Christine. Doch mit einer Journalistin im selben Raum, einer bekannten und guten Journalistin, wollte er die Meldung nicht entgegennehmen.

"Schon wieder der Sohn von Spielberg? Der macht doch nur immer wieder die Filme von seinem Vater nach."

Er sah, wie die junge Frau sich enttäuscht versteifte. Er musste schnell handeln.

"Na gut, vielleicht sehe ich mir den an. Heute Abend? Ich rufe mal eben die Kino – Seite auf. Das will ich genauer wissen."

Im Vorbeigehen küsste er sie auf die Lippen und setzte sich dann neben dem Bett vor den Web – Monitor. Er klickte auf den Kino – Dienst und öffnete die Seite des Kinos in der Nähe. Mit der rechten Hand scrollte er und tippte schnell die Taste an der Uhr an, die eine gespeicherte Funkmeldung auf den Screen bringen würde. Er blickte wie wirklich interessiert auf den Monitor, nahm jedoch fast nichts davon wahr. Angestrengt schielte er auf seine Uhr. Seine Augen tränten, so drückte er sie in die Augenwinkel. Kordula lehnte noch in der Tür. Er hörte sie atmen. Langsam erschien der Lauftext. Er sah die Botschaft und notierte im Geiste den Nachmittag als Zeitpunkt. Er musste gleich alle anderen Termine absagen. Schon rief er sein Mail – Programm auf und klickte den Reply – Text für solche Gelegenheiten an.

"Willst du deine Verabredungen mit anderen Frauen absagen?"

Kordulas Stimme war nicht ernst. Sie erwartete von Cliff keine feste Bindung. Sie wollte nur wissen, wann sie mit ihm rechnen konnte. Außerdem ging sie einerseits gerne ins Kino, andererseits ungern alleine.

Der Sandmann – oder Cliff, wie er Kordula bekannt war - , stellte die Funk . Mail ab und schickte ein paar Mails ab. Ein paar Freunde und Geschäftspartner wurden um Verzeihung gebeten, dass der für heute Nachmittag vereinbarte Termin nicht eingehalten werden konnte. Ein private Angelegenheit war dazwischen gekommen. Damals hatte jeder Dutzende von solchen Standard- Erwiderungen parat. Anders war die Flut von E – Mails und Terminen nicht mehr zu bewältigen gewesen.

Der Sandmann stand auf und ging zu der Frau im Türrahmen. Zärtlich legte er ihre feuchten Schultern unter dem rosa Bademantel frei. Seine Zunge fuhr über die runde Schulter, erkundete den Hals und drang dann tief zwischen die Lippen der Frau. Als sie beide einen Augenblick zu sich kamen meinte der Sandmann:"Der Kühlschrank hat eine Menge Sekt bestellt für heute Abend. Wir können nach den Dinos auch direkt nach Hause kommen."

Die Frau stöhnte leise und strich eine Strähne aus dem Gesicht.

"Ja! Und danach ziehen wir um die Häuser, mein Schatz."



Der Sandmann dachte an den nahen Abend, während der Stationschef vom Ness das Wort ergriff. Alle Interkoms waren aktiviert und eine Sekunde später würde man seine Rede auch auf dem Mond empfangen.

"Guardians! Es geht um unsere Zukunft! Um Mitglieder und Nachkommen. Hört bitte aufmerksam zu. Bruce und ich haben eine Idee entwickelt."

Der Stationschef legte nun den Plan vor, doch zuerst rollte er kurz das Problem auf, um das es ging. Er stellte dar, dass die Rekrutierung von Geheimdienstlern nicht ausreiche, um die Gruppe der Guardians in ihrem heutigen Umfang zu erhalten.

"Deshalb müssen wir über Alternative nachdenken!" , fuhr McLean fort und Bruce räusperte sich, dann übernahm er seinen Anteil des Vortrags. Er unterstrich die Gefahren, die mit dem Umdrehen von Überläufern der anderen verbunden waren.

"Wie wissen niemals wirklich hundertprozentig, wieweit sie zu uns gehören. Wir können nicht ohne Schaden anzurichten, noch tiefer in ihr Bewusstsein eindringen!"

Er führte aus, dass es wichtig sein könne, mehr Androiden zu konstruieren. Eine Aufgabe, die vor allem den biotechnischen Spezialistinnen Desi und Christine zufallen würde. Zudem sei es notwendig, Menschen von außerhalb einzuführen, die nicht alle aus Geheimdienstkreisen kämen. An dieser Stelle entstand Unruhe im Saal. Ein Guardian aus dem Wartungsbereich für die Flieger meldete sich zu Wort.

"Wie soll das gehen? Wir können doch nicht jeden einweihen und dann wieder laufen lassen, wenn er ´Nein danke´gesagt hat!"

Bruce ging sofort darauf ein. Er sah dem großen Mann mit dem Bart in die Augen.

"Herbert, du warst schon im Raumschiff ein misstrauischer Hund!"

Allgemeines Gelächter. Der große untersetzte Mann lachte selbst am lautesten. Bruce fügte hinzu:"Wir haben hier ein Medikament entwickelt, besser gesagt, Desi und Nathan. Damit kann man die Erinnerung an die letzten vierundzwanzig Stunden perfekt auslöschen. Und ohne Schaden im Gehirn oder am Körper anzurichten!"

Der Mann, den er Herbert genannt hatte, schwieg beeindruckt. Dafür meldete sich eine Frau zu Wort. Es war Karen.

"Wer soll das überwachen? Jemand muss doch darauf achten, dass nichts schief geht."

"Nathan wird die Oberaufsicht darüber haben. Er ist, wie du weist, unbestechlich." Karen akzeptierte McLeans Antwort noch nicht ganz:"Diejenigen sind doch dann einen vollen Tag von zu Hause weg oder vom Arbeitsplatz. Wie wollt ihr sie wieder zurückbringen, ohne das jemand etwas bemerkt? Freunde, Bekannte, Kinder und Lover nicht zu vergessen. Die alle kriegen doch was mit!"

Bruce und McLean sahen sich an und nickten. Diese Fragen kamen nicht unerwartet.

"Du hast völlig recht", nickte Bruce ihr entgegen," und das war in der Tat einer der schwierigsten Punkte. Nicht nur, weil uns an der Stelle der Whisky ausging." Nach dem Gelächter setzte er wieder an:"Wir müssen Guardians abstellen, die potentielle Kandidaten systematisch überwachen..."McLean winkte ihm zu und Bruce unterbrach sich. Der Stationschef fügte ein, "das wir mit solchen Aufgaben auch Detektive beschäftigen können, die natürlich über eine Deckorganisation eingestellt werden. Mach bitte weiter",nickte er Bruce zu. Der nahm den Faden wieder auf.

"Ja, ganz recht. Wichtig ist, dass wir so viel wie möglich über bestimmte Leute wissen. Danach entscheidet dann das Plenum über die versuchsweise Aufnahme der Person. Wenn sie innerhalb der vierundzwanzig Stunde zusagt, wird sie den üblichen Psychotests unterzogen. Dann würde ich eine erneute Abstimmung durch das Plenum vorschlagen. Denn es ist ein zukünftiger Kollege. Wir müssen mit ihr oder ihm arbeiten und Vertrauen haben."

McLean sprach in das Mikro vor ihm:"Hat jemand von den Außenstationen noch etwas zu sagen?"

Ein paar Wortmeldungen kamen von der Rückseite des Mondes und aus dem Grand Canyon. Dann meldete sich Nathan und erklärte bereit zu sein und alle notwendigen Programme bereits erstellt zu haben. Er warte nur noch auf den ersten Kandidaten. Für die Abstimmung war ein Limit von drei Stunden angesetzt worden. Die Stationschefs hatten die übliche Beratungszeit von einer Stunde weidlich ausgedehnt.

Es fand sich schon nach zwei Stunden eine eindeutige Mehrheit. Fast niemand war gegen den Vorschlag. Der Mond brachte noch eine Resolution ein, nach der Androiden verstärkt auf dem Mond eingesetzt werden sollten, da sie mit den härteren Lebensbedingungen keine Probleme hätten. Die alte Station musste gründlicher als bisher angenommen renoviert werden. Irish meldete sich für diese Aufgabe freiwillig und bekam vom Plenum die Aufgabe offiziell zugewiesen. Er strahlte wie ein Schneekönig und wäre wohl geplatzt, hätte ihn der Doktor nicht in die Seite gestoßen. Der Dok machte einen Frontalangriff auf seine Angebetete.

"Ich habe da noch einen Vorschlag zu machen. Wie ich mit Christine bereits besprochen habe, wäre es sinnvoll, ein Forschungsprojekt über die gruppendynamisch bedingten Populationsbedingungen der Guardians zu starten. Wir könnten uns danach besser mit unserer Lage auseinander setzen. Eine wissenschaftliche Basis wäre eine tragfähige Grundlage für weitere Debatten und Vorschläge."

Der Antrag des Doktors wurde allgemein angenommen. Der Dok stand sofort auf und eilte zum Labor. Seine Finger glitten in Windeseile über die Tastatur, während er gleichzeitig mit Nathan sprach.

Christine saß noch im Saal und versuchte das Forschungsprojekt in Korrelation zu den Messwerten, die sie vom Doktor bekommen hatte, zu bringen. Desi empfing eine Bitte um Unterstützung. Niemand konnte das von außen sehen. Sie waren beide ruhig und gelassen, wie das bei Androiden der Normalzustand ist.


Die Sitzung näherte sich dem Ende und der Sandmann einem schönen Abend mit Kordula. Er träumte bereits vom harten Druck ihrer sanften Schenkel als die Hiobsbotschaft über sie alle hereinbrach.

"Achtung! Achtung! Hier Mondbasis! Wie haben einen Alarm von den Sensoren am Rande des Imbrium. Ein Fahrzeug ist in die Richtung der Sensorenphalanx aufgebrochen."

Der Monitor zeigte den Chefpiloten der Mondbasis, wie er hastig in das Mikro sprach.

"Wir übertragen jetzt die aktuellen Messwerte. Das wird fünf Minuten dauern. Danach halten wir absolute Funkstille für drei Stunden. Dann setzten wir eine Zusammenfassung ab. Schickt uns das Schiff! Guardians Ende!"







  1. Menschen und andere Mondbewohner.

Der Lunar Jeep rumpelte auf den Rand des Meeres der Ruhe zu. Der Boden war eben, gemessen an dem ungehinderten Meteoriteneinschlag über die letzten Milliarden von Jahren. Die Erdstation war hier am Beginn des Jahrtausends errichtet worden, weil der Platz günstig war. Hier standen noch die Abschussgestelle der ersten Apollomission. Armstrong hatte hier seinen Fußabdruck hinterlassen. Den hatte man inzwischen mit einer Verglasung geschützt. Im Jahre 2010 hatten die Amerikaner zusammen mit den Europäern diese Basis eingerichtet. Die Shuttles waren zu diesem Zweck von der ISS gestartet worden. Diese alte und erste internationale Station war noch immer im Einsatz und fungierte als eine Art Raumhafen für Versorgungsflüge zwischen der Erde und ihrem Trabanten. Die Europäer hatten sich bei den Amerikanern mit viel Geld und der Präsenz ihrer besten Wissenschaftler eingekauft. Es waren vor allem Chemiker, Physiker und Elektronikspezialisten, die hier ein neues Zuhause gefunden hatten. Den man verließ die Station nicht mehr, wie anfangs noch, nach wenigen Monaten. Das hatte sich als teuer und nicht effektiv erwiesen. Deshalb waren immer mehr Paare auf den Station im Orbit und auf dem Mond. Die wenigsten waren echte Ehepaare. Die Mehrheit hatte geheiratet, um den Fernsehnationen das Bild einer moralisch integeren kleinen Kolonie zu bieten. Das war der Mond aber nur in der PR der Raumfahrtgesellschaften und der angeschlossenen Industrien. In Wirklichkeit waren die meisten Frauen regelrecht geleased worden. Einige kamen aus dem Luxussektor des horizontalen Gewerbes und waren zum Stillschweigen verpflichtet. Ein Verstoß kostete die satten fünf Millionen Dollar, die als Prämie winkten. Die echten Ehefrauen mochten diese Damen nicht besonders, zumal sie selber hauptsächlich zum Kinder machen auf den Stationen waren. Auch das ließ sich die Industrie viel an Dollars kosten. So waren die Gruppen auf der ISS und dem Mond nur auf den TV – Schirmen eine heile Welt mit Weihnachtsmann und händchenhaltenden Familien, die glücklich in die Kameras lächelten.

Eine Reihe von Umfragen auf den Websites von CMM und ABCD hatten heraus gefunden, dass die meisten Zuschauer nicht glaubten, was sie sahen. Doch die Einschaltquoten waren hoch und das Sponsoring machte sich für die Raumfahrtindustrie sehr angenehm bezahlt.

Zur Zeit herrschte ein richtiger Boom, was die Sponsoren anging, stand doch die Geburt des ersten Mondkindes bevor. Die Nationen wetteiferten unter der aufdringlichen Regie ihrer Medien um einen Namen und das richtige Geschlecht für das Kind. Sollte man es als Junge oder als Mädchen pränaturieren? Diese Fragen bewegten die Menschen mehr als Überschwemmungen, minderwertige GM – Nahrung oder kaputte Röhren in den Sonnenstudios. Die empfangende Mutter, Elfriede Groß, hatte aufgrund ihres Millionenvertrages mit der Raumfahrtindustrie und dem anderen Vertrag mit CMM keine Wahl. Sie musste sich in den nächsten drei Wochen mit dem Votum der informierten Mehrheit abfinden. In sechs Monaten würde dann das Resultat der Bemühungen der Nationen zu sehen sein. Denn natürlich war auch die Schwangerschaft reduziert worden. Die üblichen neun Monate waren einfach nicht durch zu halten.

"Wir können die Zuschauer nicht solange bei der Stange halten. Die Aufmerksamkeitsrate sinkt zur Zeit wieder unter den Europäischen Durchschnitt, nachdem es lange so ausgesehen hatte, als würden wir in den USA auf das Durchschnittsmaß kommen", hatte jemand in der Chefetage von CMM den Aktionären vermeldet.

Die Aktionäre hatten sich empört, doch was sollten sie schon erwarten von einem Haufen von Nationen, in denen immer noch gedruckte Bücher in den Schulen benutzt wurden und die ihre Grammatiken auswendig lernten! Sie waren eben dekadent, diese Europäer. In manchen Städten hatte man sogar die Fast Food – Läden umgeworfen und angezündet. Barbaren eben!

Die Erregung legte sich, als die neuen Merchandising Kampagnen vorgestellt wurden. "Besondere Berücksichtigung findet dabei die geburtenfreudige Sektion der Bevölkerung. Die farbigen Unterschichten!", verkündete der Boss der ABCD – Medienkette und überreichte seinen Aktionären ein hübsches Set aus drei Flash Memories und einem Satz PVC – Windeln. Auch die Singles wurden bedacht. Die Windeln wurden hierzu durch Schreibsets ersetzt.


"Sie sind jetzt dreihundert Meter von der Phalanx entfernt!"

"Copy!"

Die Antwort des Stationschefs war von Missmut und Spannung gezeichnet. In wenigen Minuten musste er vielleicht den Chefpiloten, der ihm gerade die Messwerte durchgegeben hatte, mit der Evakuierung der alten Station beauftragen.

"Wenn sie erst einmal unsere Sensoren gefunden haben, finden sie auch die Station. Verdammt!"

Der Pilot konnte nur zustimmen. Greg hatte sich schon darauf gefreut mit Irish hier oben zusammen zu arbeiten. Sie verstanden sich gut und waren richtige Freunde. Wenn die Erdenmenschen ihre Phalanx aufspürten, waren ihre Tage auf der Rückseite des Mondes gezählt. Jansen, der Stationschef, wollte bereits beim kleinsten Verdacht auf Entdeckung evakuieren. Die Station würde dann sofort stillgelegt und so eingestellt, dass sich die Anlagen selbst vernichteten, ohne das dabei äußere Anzeichen des Vorgangs zu entdecken waren.


"Wenn sie die Phalanx haben, wissen sie, dass sie nicht alleine sind."

Bruce setzte sich neben Desi und die saß schon neben dem Sandmann und Christine. Deren Nähe versöhnte den Sandmann schon seit einer Stunde damit, dass er Kordula hatte absagen müssen. Er hatte das mit dem Handy erledigt. Kordula war wenig begeistert gewesen, hatte sich dann aber eines anderen Mannes besonnen und ihm einen schönen Abend gewünscht. Die war er wohl los! Er seufzte innerlich. Der Doktor schien anders als sonst zu sein. Er hatte ihn nicht aus den Augen gelassen, seit er eingetreten war. Sollte sie eine gemeinsame Sehnsucht verbinden? Der Sandmann schüttelte den Kopf und widmete sich wieder Bruce und dem Monitor mit der kodierten Nachricht vom Mars. Jansen war zu sehen und er gab eine kurzen Überblick. Am Ende verkündete er eine erneute Funkstille von drei Stunden und verabschiedete sich.

"Drei Stunden!", stöhnte McLean, bis dahin können sie mit ihrem komische Jeep die Sensoren erreicht habe!"

"Verdammt!"

Der Ausspruch von Bruce drückte die allgemeine Stimmung treffend aus.


Jimmy Dean hieß eigentlich schlicht Smith, aber seine Ähnlichkeit mit einem amerikanischen Schauspieler des 20. Jahrhunderts hatte ihm den Spitznamen verliehen. Jetzt war Jimmy Smith gerade damit beschäftigt, den Lunar Jeep zwischen den Markierungen auf dem Monitor zu halten. Er versuchte, die Leitspur nicht zu verlassen. Das war nicht so einfach wie sonst. Das linke Vorderrad blockierte, sein Elektromotor wollte nicht mehr, und so scheuerte das Rad über den Mondboden und wirbelte viel Staub auf. Die Sicht auf der Fahrerseite war dadurch deutlich verschlechtert und Jimmy konnte nach links nur nach der eingeblendeten Karte und dem Leitstrahl fahren. Rechts war es besser. Sein Beifahrer war Doktor Müller, ein deutscher Geologe. Er selbst war Elektroniker und nebenbei Chauffeur. Hauptsächlich deshalb, weil er die vielen Defekte des Mondmobils so gut kannte, wie kein anderer. Vor allem konnte er sie auch am besten von allen reparieren. Auf der Erde fuhr er Autorennen, was ihm eine Menge Erfahrung mit allem, was vier Räder hatte gut vertraut machte. Der Lunar Jeep hatte zwar noch eine zweite Hinterachse, aber was änderte das schon. Der Jeep brach immer wieder zur Seite aus. Jimmy musste ständig gegenhalten. Doktor Müller beschwerte sich schon die ganze Zeit.

"Schöner Service! Dieser Wagen ist einfach zu nichts nutze. Ich bin Besserverdiener und ich erwarte eine bessere Behandlung! Wie soll ich arbeiten, wenn ich überall blaue Flecken habe!"

Jimmy hatte es vorgezogen, nicht mit dem Deutschen zu streiten. Die hatten erfahrungsgemäß wenig Manieren und brüllten bei jeder Gelegenheit in der Gegend herum. Auf der Basis nannte man die Deutschen auch "Die Leute vom Gesangsverein", was weniger mit der Klangqualität ihrer Stimmen, als mit der Lautstärke zu tun hatte. Jetzt ahnte Jimmy Übles auf ihn zukommen. Der Motor hatte angefangen von Zeit zu Zeit im Rückwärtsgang zu laufen. Der Jeep drehte dann jedesmal über das linke Vorderrad einen Halbkreis um sich selbst. Jimmy musste dann voll abbremsen. Ein ruckartiger und unangenehmer Vorgang. Nicht ganz so unangenehm vielleicht wie die Reaktionen seines Passagiers. Gerade trainierte Doktor Müller wieder seine Stimmbänder, als mit einem harten Ruck auch noch das rechte Vorderrad seinen Dienst einstellte. Bei zwanzig Stundenkilometer keine Katastrophe. Doch der Deutsche war nicht mehr zu halten.

"Ich verklage die Amerikaner! So was kann man mit mir nicht machen! Mit mir nicht! Nein!"

"Verzeihung", Jimmy nahm sein bestes Deutsch zusammen und versuchte seinen Akzent zu verbergen," wir müssen anhalten und nachsehen. Bitte setzten sie den Helm auf, Herr Müller."

"Doktor, bitte!"

"Bitte setzten sie den Helm auf, Herr Doktor Müller!"

Jimmy brachte das Vehikel zum Stehen und aktivierte den Druckausgleich. Die Kabine verlor die ganze Atemluft. Sie ging dabei nicht verloren, sondern wurde in den Tank zwischen den beiden Hinterachsen des Gefährtes gepumpt. Aber etwas ging dabei immer verloren. Die amerikanischen, russischen und europäischen Raumfahrtagenturen hatte es nicht geschafft, eine völlig dichte Isolierung zu erfinden. So ging immer etwas wertvoller Sauerstoff verloren, wenn man den Jeep verließ. Deshalb reduzierte man diese Übung auf das Mindestmaß. Die meisten Astronauten waren damit einverstanden, denn das Atmen im Anzug war mindestens so unangenehm wie in einem Taucheranzug unter Wasser.

Jimmy stieg zuerst aus. Dann half er dem Geologen aus dem Fahrzeug. Der kam nicht auf die Idee, sich zu bedanken. Sie müssen merkwürdige Schulen haben in Deutschland, dachte Jimmy und ging zur Vorderachse. Der Schaden war größer als angenommen und er sah sich gezwungen, Kontakt zur Basis auf zu nehmen.

"Basis bitte kommen. Hier Lunar Jeep 3."

Die Station meldete sich augenblicklich und fragte, was denn los sei.

"Ich habe ein Problem. Ein Fels ist unter das rechte Rad geklemmt worden. Das linke Rad ist sowieso schon außer Funktion. Nur die Hinterachsen arbeiten noch. Doch damit kann ich nur geradeaus fahren."

"Was gedenken sie zu tun", fragte eine melodische Frauenstimme von der Basis, die gut zehn Kilometer entfernt lag.

Jimmy dachte kurz nach:"Wir erden den Jeep in die Kurven heben. Immer ein Stück fahren und dann herum heben."

"Da mach ich nicht mit", schrie Doktor Müller und lief in seinem Helm knallrot an.

"Ich sehe keine andere Lösung", schaltete sich die Frau von der Basis ein,"sie haben nur noch für zehn Stunden Sauerstoff nach meinen Readings. Also sollten sie sich schleunigst auf den Weg machen. Brüllen verbraucht nur Luft, Herr Müller."

"Dok...!" , setzte der Sängerknabe an, vollendete den Ehrentitel dann lieber doch nicht. Jimmy hatte nicht weiter zugehört und stattdessen den kleinen Felsbrocken von der rechten Radaufhängung gezogen und geschoben. Er kullerte ihn zur Seite.

"Nun, Herr Doktor, wie können zur Basis zurückkehren. Das heißt, sobald sie bereit sind!"

Doktor Müller schwieg unnatürlich lange und bewegte sich dann zur Tür. Jimmy stieg ein, ließ die Flügeltüren aber oben. Den Helm behielt er auf. Doktor Müller tat es ihm gleich. Dann schaltete Jimmy auf Rückwärts. Der Jeep ruckte nach hinten. Die Vorderräder schleiften auf dem Grund. Es staubte mächtig. Rückwärts fuhr er den Jeep bis die Karte auf dem mittleren Monitor anzeigte, dass es Zeit war, die Richtung zu korrigieren. Jimmy unterrichtete Müller, der grummelte vor sich hin und stieg aus, nachdem Jimmy den Jeep angehalten hatte.

"Nehmen sie die Aufhängung, ja, so, und dann..."

Jimmy zeigte dem Geologen den richtigen Griff und dann hoben sie den Jeep an.

"Jetzt zu mir rüber, ja so!"

Die beiden Männer drehten den Jeep um vierzig Grad und setzten ihn dann wieder auf die Räder. Die Männer stiegen wieder ein und fuhren weiter rückwärts. Jimmy folgte den Angaben auf dem Kartenmonitor, als der plötzlich flimmerte und dann schwarz wurde.

"Verdammt! Die Grafikkarte ist auch noch hin!"

Jimmy gab der Basis Bescheid.

"Wir müssen jetzt nach den Landmarkierungen fahren."

Die Basis bestätigte und versprach, alle Positionslichter in der Nähe der Anlage einzuschalten. Jimmy zog den Fahrthebel voll nach hinten. Wie in Zeitlupe stieben die Staubwolken in alle Richtungen davon. Der Staub hielt sich eine Weile oben und sank dann langsamer als ein Luftballon nach unten.


Die Sonden der Guardians waren noch aus der Zeit der ersten Erkundungen durch die Stoiker und ihre Nachbarn. Nie hatten sie angenommen, dass es nicht ausreichen würde, sie mit einer automatischen Versenkungsmechanik auszurüsten, die bei Annäherung auf unter einen Kilometer aktiviert wurde. Die Automatik hatte funktioniert. Was nicht funktionierte, war der Lunar Jeep. Die Kunstoffunterseite beklagte sich mit einem dumpfen Grollen,als der Jeep aufsetzte.

"Verdammt! Wir sitzten schon wieder fest!"

Beinahe hätte Jimmy dem Geologen zugestimmt, als der eine weitere Kostprobe deutscher Stimmgewalt zum besten gab. Doch er zog es vor, auszusteigen, um sich den Schaden anzusehen.

Doktor Müller wunderte sich, wo der Engländer so lange blieb. Schließlich tauchte Jimmy wieder auf der linken Seite auf. Hastig setzte er sich und steckte die Sprechleitung des Helms in das Armaturenbrett.

"Hier Lunar Jeep 3. Bitte kommen!" Die Basis meldete sich und Jimmy legte los.

"Wie sind aufgefahren. Das ist seltsam. Im Boden steckt etwas. Sieht aus wie...", er überlegte und suchte nach den richtigen Worten," wie die Abdeckung eines alten Mondrobotters. Zwanzigstens Jahrhundert. Ich fürchte, wir sind auf ein Museumsstück aufgefahren. Sagt mal besser der historischen Abteilung Bescheid."

"Versprochen, Lunar Jeep! Kannst du nicht selber genauer hinsehen?"

"Würde ich gerne, aber ich weiß nicht, wie oft uns so was noch passiert, und wir müssen damit rechnen, ziemlich lange für die Fahrt zu brauchen!"

Jimmy dachte an den Auerstoff und wollte keine Sekunde verlieren. Trotzdem ging er noch einmal hinaus.

"Doktor Müller, packen sie bitte mit an."

"Nur unter Protest!"

"Habe ich zur Kenntnis genommen! Können wir jetzt weiter machen, bitte?"

Zusammen hoben sie den Jeep von dem Hindernis herunter. Der Doktor blickte missbilligend auf das glänzende Ding im Staub:"Vergammelter alter Schrott!"

Jimmy schaute ihm kurz nach, wie er zur Tür schwankte, dann bückte er sich hinter den Jeep. Zu seiner Ausrüstung gehörten auch Zangen und Schraubenzieher. Er nahm eine Zange und rüttelte an einem kleine Teil, dass aus der Oberfläche des Metallgegenstandes ragte und bog es hin und her, bis es abbrach. Er steckte das Stück in seinen Anzug und stieg ein.

Sie kehrten sehr spät zur Basis zurück.



Jimmy konnte nicht ahnen, was seine Handlung bei den Guardians auslöste.

"Invasionswarnung" dröhnte es aus allen Lautsprechern.

McLean meldete sich aus dem Leitstand:"Alle Systeme sind auf rot gesprungen! Alarm für alle Stationen. Notfallbereitschaft!"

Bruce war aufgesprungen. Desi rief über das nächste Terminal den Status auf. Bruce sah ihr zu, wollte aber gleichzeitig weg. Er lief im Kreis um sie herum, wie ein Pferd auf einem Kinder – Karussell.

"Ich laufe zu McLean. Komm lieber nach!"

"Ich gehe noch in die Analyse – Abteilung und sehe mir die ersten Auswertungen an. Dann kontaktiere ich euch im Leitstand. Mutterschiff und Satelliten müssen Daten haben, wenn der Alarm berechtigt ist!"

Bruce nickte ihr zu und verschwand.

McLean hatte alle Hände voll zu tun. Die Meldung war zuerst im Ness eingegangen, der Hauptstation, somit war der Leiter der Station für die Koordinierung der Aktionen verantwortlich. Genau die Art von Aufgabe, die McLean liebte. Außer Raumschiffe fliegen. Die Aufgabe zur Stationsführung war ihm im Plenum zugesprochen worden und er hatte die Wahl angenommen. Schon bei den Stoikern hatte er – neben Bruce – eine oftmals führende Funktion eingenommen, bis es dann zur Spaltung der Gruppe kam.

Nun ging es darum, sehr schnell Gegenmaßnahmen zu ergreifen und gleichzeitig zu eruieren, ob der Alarm auch gerechtfertigt war. Gerade kam Bruce in den Leitstand und McLean griff ihn sich sofort.

"Hier, stell fest, was den Global - Alarm ausgelöst hat. Ich koordiniere mit Nathan die Einsatzgruppen. Desi, bitte melden!"

Der letzte Satz war mit einem Druck auf den Sprechknopf vom Interkom verbunden. Bruce hatte sich bereits an die Konsole für die Subroutinen von Nathan gesetzt und rief die Alarmkette ab. Desi konnte ihm dabei gut helfen. Allerdings konnte auch McLean ihr Reaktionsvermögen gut gebrauchen. Die Androidin kam den auch wenige Minuten später und ging sofort zur Konsole des Kommandanten. Bruce rief Winston über Interkom, ein Androide, der ursprünglich mit Karen verbunden war, jetzt aber andere Interessen hatte. Außerdem war er ein hervorragender Astrophysiker und Computerfachmann. Bruce bat ihn, auf die Station zu kommen.

"Das Mutterschiff ist auf Stand By!", kam die Meldung herein. McLean bestätigte und fragte auf der Mondstation an.

"Keine Antwort!" McLean war beunruhigt. Desi setzte eine kodierte Nachricht ab:"Die Funkpause ist seit dreißig Minuten beendet. Sie müssten antworten!"

Bruce sah zu ihnen herüber:"Was ist los? Auch kein Routinesignal?"

"Nein, nichts!"

"Wie Desi schon sagt", ergänzte McLean ernst,"nicht der kleinste Piepser!"

"Verdammt!"

"Nathan weiß auch noch nicht, was den Alarm ausgelöst hat." Der männliche Androide schien Desi kaum anzusehen, als er ihr die Mitteilung machte. Seltsamerweise schienen sich die Androiden untereinander meistens eher aus dem Wege zu gehen. Desi und Christine waren eine berühmte Ausnahmen. Ihre Freundschaft war schon legendär. Winston führte seinen Bericht weiter:"Die Subroutinen reagieren auf jede Anomalie in den Prozederes. Wenn die Routine verletzt werden, wird das als Unstimmigkeit gewertet und das Verfahren für die interne Analyse eingeleitet. Dabei entscheiden verschiedene Unterebenen des Globalcomputers, welche Alarmstufe aufzurufen sei. In diesem Fall wurde Invasion zugeordnet, weil in den äußeren Bezirken eine Unstimmigkeit aufgetreten ist. Dazu kommen insgesamt 8934566 Parameter in 65432 Subroutinen in Frage. Eine unsystematische oder lineare Abfrage kann lange dauern."

"Sehe ich auch so", knurrte McLean und sah den Androiden missmutig an. Die weiblichen Ausgaben waren ihm entschieden lieber,"ich hätte gerne einen Whisky."

"Schlage vor, wir suchen nach einem logischen Muster in den Subalarmen des Systems."

"Gute Idee, Bruce, mein Schatz. Nehmen wir uns doch gleich den Mond vor. Da scheint ja der Dackel begraben zu sein!"

"Der Hund!", verbesserte Bruce und ging an die Konsole zurück. Desi gesellte sich zu ihm und Winston half McLean bei der Organisation. Inzwischen waren alle Kommandoebenen zum Kampf bereit. Sollte ein Angriff der anderen stattfinden, würden sie nicht auf unvorbereitete Gegner treffen.



Jimmy trank seinen Scotch in aller Ruhe. Die Rückfahrt hatte ihn mitgenommen. Die ständigen Kurskorrekturen und das Gemeckere des Deutschen waren ein harte Prüfung gewesen. Seine Freundin lümmelte sich neben ihm auf der Couch.

"Was ist denn das für ein Metalldings?"

"Das habe ich von einer alten Mondsonde abgeknipst. Auf der Rückfahrt."

"Ich bin froh, dass du zurück bist, Schatz!"

"Ich auch!" Jimmy bekräftige seinen Ausruf der Freude durch kräftige Griffe an die üppige Figur der blonden Frau, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte. Jasmin hätte die Chance gehabt, nach dem Vertragsende auszusteigen, doch sie war bei Jimmy geblieben. Er gefiel ihr, war nett im Bett und außerdem gab es nocheinmal eine halbe Million extra von der Gesellschaft. Das war alles in allem ein guter Schnitt für ein ehemaliges Callgirl aus Texas. Sie spielte mit dem Metallschnipsel herum. Jimmy spielte mit ihrem Haar. Er hatte nur Augen für die Frau, das Metallteil hatte er schon nach wenigen Minuten vergessen. Vorerst.



"Heureka!", rief Bruce lauthals," wir haben was gefunden!"

"Lass hören!", knurrte McLean von seiner Konsole herüber.

"Wir haben die Parameter vom Mond analysiert, jedenfalls diejenigen, die mit der Analyse von Sensorenautomatiken verlinkt sind. Sieht so aus, als wenn lediglich die Annäherung eines einzigen Fahrzeugs den Alarm ausgelöst hätte", Desi schwieg einen Moment,"ja, wirklich! Ein einzelner Sensor hat die Annäherung konstatiert, sich programmgemäß eingegraben und die Subroutinen haben den Alarm definiert."

"Warum ist der Alarm dann noch aktiv, wenn keine weitere Aktion erfolgt ist?", wollte McLean wissen und drehte sich zu der anderen Konsole.

Desi erklärte:"Es gab eine Annäherung auf Null. Das heißt, irgendwer oder was ist glatt über den Sensor gefahren."

"Und darum bleibt der Alarm aktiv auf rot?"

"Nein, Bruce Schatz! Es gab einen subjektiven Angriff!"

"Was ist denn das?"

"Jemand hat an dem Sensor herumgemacht. Vielleicht geöffnet oder so!"

Die Männer erstarrten. McLean fing sich wieder.

"Wie können wir das herausfinden, Desi?"

"Wir werden es gleich wissen. Ich habe alle Sensoren zur Angabe ihres Zustandes aufgerufen. Wenn eine nicht korrekt antwortet, ist sie in Schwierigkeiten."

Bruce mischte sich ein:"Wenn ein Sensor geöffnet wird, wird dann nicht die Selbstzerstörung aktiviert?"

"In der Regel schon. Aber dann müssten wir aus der Phalanx eine Rückmeldung über den Verlust erhalten. Zur Zeit sind aber alle Sensoren als aktive und vergraben registriert."

"Kann ein anderer Schaden vorliegen?" McLean hatte seine Kontrollen im Blick und machte sich daran, den Alarm auf gelb zu legen.

"Ja, und das habe ich bereits berücksichtigt, Mc. Ein externer Schaden kann subjektiv als Vortsetzung eines Angriffs gewertet werden, nachdem..."

"...schon eine Annäherung als Angriff interpretiert wurde..."

"...nachdem der Alarm – Zustand gelb aktiviert worden war..."

"...was die Phalanx in den Defensiv – Modus versetzt!"

McLean musste lachen.

"Euer Duett gefällt mir. Sehr informativ!"

"Achtung. Readings vom Mond!" Nathan war nicht zu überhören. Eine Sekunde darauf liefen die Daten über die Monitore. Desi zeigte auf einzelne Werte und Bruce und Winston nickten beifällig. Winston meinte nur trocken:"Der Alarm – Modus kann hiermit als überflüssig erachtet werden, Kommandant, ich empfehle auf Status Grün zu gehen."

"Wenn Du das sagst!"

McLean beendete den roten Alarm und die anderen gaben die Neuigkeit über Interkom an alle anderen Stationen weiter. Der Ness hörte dabei mit. Die Station beruhigte sich merklich auf allen Ebenen und auf den Fluren neben und unter der Kommandozentrale.


  1. Picknick mit Hindernissen.

Das metallurgische Labor befand sich im Westflügel der äußeren Station. Sie hieß so, weil sie um die ursprüngliche Mondbasis herum gebaut worden war, vor etwas über zehn Jahren. Die Kern – Basis war schon Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden und war heute der Mittelpunkt der beinahe radförmigen Mondbasis mit ihren internationalen Besatzungen und Firmen. Die meisten amerikanisch oder japanisch.

Jimmy Dean schob seine ID – Karte in den Schlitz uns wartete auf die Aufforderung, einzutreten. Statt dessen ging die Tür von alleine auf. Eine junge Frau mit blonden Haaren trat heraus und Jimmy nahm die Gelegenheit war, an ihr vorbei zu schlüpfen. Im äußeren Kreis waren die Sicherheitsbestimmungen nicht so eng. Alle wussten im Grunde, woran alle anderen arbeiteten. Die industriellen Kontakte waren von den Aktienbeteiligungen abhängig. Die kümmerten sich nur um Wachstum der Dividenden, nicht um Geheimhaltung zwischen Firmen, die denselben Konsortien angehörten.

Jimmy Dean ging zielstrebig auf einen Mann mittleren Alters zu, der an einer Konsole mit Messgeräten und Stativen mit den unterschiedlichsten Messbechern, Erlenmeyerkolben, Petrischalen und Bunsenbrennern saß und vor sich hin sinnierte.

"Hallo George, was macht die Kunst?"

"Hallo Jimmy. Was treibt dich denn zur echten Wissenschaft?"

George stand auf, um den herzlichen Händedruck des anderen zu erwidern. Jimmy zog sich einen Schemel heran und griff in seine Tasche.

"Kannst du mir dazu etwas sagen?"

"Sieht nicht besonders aus. Was soll es denn sein?"

"Etwas merkwürdig hartes, wie der Juwelier meinte. Ich wollte ein Schmuckstück daraus schmelzen lassen, weil es so schön schimmert, aber der Gemmaker kann es einfach nicht schmelzen."

George grinste über das ganze Gesicht und legte das Metall vor sich hin. "Du bist also immer noch mit dieser Sexbombe liiert! Wird die nicht mal vertragsbrüchig?"

"Mach dir keine Hoffnungen, die bleibt noch eine Zeit bei mir!"

Die Männer gingen lachend zum Kaffeeautomaten und schlugen sich freundschaftlich auf die Schultern. Sie kannten sich schon, bevor sie auf den Mond gingen. Ihr Studium war zwar verschieden gewesen, aber ihre Vorliebe für einen bestimmten Frauentyp brachte sie erst gegeneinander auf, dann zusammen. Sie beschlossen, dass es dumm und nicht effektiv sei, sich um Frauen zu streiten und das man mehr vom Leben haben könnte, wenn man sich einfach austauschen würde. Ausgetauscht wurden dann hauptsächlich die Frauen. Die glaubten immer an einen Zufall, wenn der eine ihrer überdrüssig und der andere gleich zur Stelle war. Da auch George ein recht attraktiver Mann war, ergab sich aus dem Arrangement eine niemals langweilige Studienzeit.

"Pass auf, Jim," George schlürfte vernehmlich seinen so – und -so vielten Kaffee des Tages, " ich sehe mir das kurz nach Feierabend an. Dann rufe ich dich an und wir gehen einen trinken. Du bringst deine Gespielin mit und ich meine!"

"Gute Idee! Abgemacht!"


Das Moonlight – Casino war der Appendix des äußeren Ringes und immer gut besucht. Die Musik war regelmäßig auf dem neuesten Stand und oft live von der Erde. Dann wurde der wandhohe Sreen aktiviert und die Tanzfläche noch weiter ausgeklappt als heute. Es war noch nicht Wochenende und so war nur die halbe Fläche freigemacht worden. Einige der jüngeren Techniker und Wissenschaftler bewegten sich alleine oder mit den Partner zur Musik. Die kam heute aus der Datenbank, was dem Spaß aber nicht schadete. George entdeckte Jimmy sofort. Er hatte seine Begleitung schon vor einem Jahr zum ersten Mal mit den Augen verschlungen, war aber aufgrund seiner damaligen festen Beziehung nicht weiter vorgedrungen. Auch jetzt war er in Begleitung einer sogenannten festen Beziehung. Damit meinte er Freundschaften von mehr als drei Monaten. Die Männer begrüßten sich und stellten sich gegenseitig den Frauen vor. "George,Jimmy, Jasmin, Gypsy Rose." Die Freundin von George war eine üppige Schwarzhaarige, die das Silikon im Sonderangebot angebaut haben musste. Jedenfalls würde sie nie mehr Konfektionsware tragen können. Ihre gewaltige, fast bedrohliche, Oberweite prangte in einem Ausschnitt, der fast die Ausmaße einer Badewanne hatte. Jimmy wäre fast ertrunken. Seine Freundin war wenig begeistert. Ihr Vertrag lief noch.

Jimmy und sein alter Freund bestellten Guiness, Jasmin einen roten Wodka und Gypsy Rose ein Glas Sekt. "Ich sterbe für Sekt!"

Die Männer warfen sich beredte Blicke zu und grinsten sich zu. Jasmin hatte den Blick mitbekommen und wurde rot. Sie war nicht nur ein Erotik – Modell, wie diese Gypsy Rose. Die hatte nur den Test für wohlklingende Konversation bestanden. Jasmin hatte ein richtige Ausbildung als Pädagogin hinter sich. Ihre Figur ließ die Männer an so etwas nicht denken, eher an Go – Go und Striptease. Jasmin schlürfte ihren Wodka mit deutlichem Missfallen und sah Jimmy von der Seite an. Er lachte nur oberflächlich mit. Sein Freund dagegen war voll der Schenkelklopfer und griff Gypsy Rose ungeniert an die Figur. Die schwarzhaarige Sirene quietsche vor Vergnügen und öffnete die Lippen. Das hielt sie wohl für verführerisch. Ihre Zunge leckte über ihre aufgespritzte Unterlippe und ihre Augen versprachen die Verheißungen uns Tausend – und einer Nacht, während ihre Hand geschickt wie zufällig durch das endlos lange Haar strich. Jasmin konnte sie nicht einmal eine Sekunde lang leiden und stellte sich so zwischen die Barhocker, dass Jimmy nicht dauernd in ihren Ausschnitt fallen konnte.

George wischte sich den Schaum mit dem Handrücken von den Lippen und grinste zu Jimmy rüber, der ernsthafte Probleme mit Gypsy Roses Angebot hatte, obwohl seine Jasmin nicht gerade ein Waschbrett war.

"Also, alter Jung, ich habe mir dieses Metall mal angesehen."

"Und!" Jimmy rückte näher. Auch an den Ausschnitt.

"Es gibt kein vergleichbares Material auf dem Mond oder auf der Erde. Da muss jemand was im Teilchenbeschleuniger modifiziert haben."

"Kann nicht jemand eine neue Legierung erzeugt haben. Absichtlich oder zufällig?"

George schüttelte heftig den Wuschelkopf. "Ausgeschlossen! Was ich im Spektrometer analysiert habe, ist völlig anders, als alles, was ich oder meine Fachkollegen als Legierung bezeichnen würden. Es ist sogar eher ein Kunststoff, als ein Metall." Er stand auf und tippte Jimmy auf die Schulter. Gypsy Rose unterbrach kurz ihren Redeschwall, den sie auf Jasmin ausgeschüttet hatte und in dem es sich vorwiegend um Mode und Make Up drehte.

"Ich sage dir, wenn du mir die Quelle zeigst, zeige ich dir den Weg zu ein paar netten Millionen, mein Junge!"

Das hatte der Ausschnitt mitbekommen und sogar ohne Anlauf verstanden. Er wogte heftig. Auch Jasmin hatte rote Wangen, roter als vom Make Up erzeugt. Ihre Augen funkelten. Millionen interessierten sie sehr. Das hatte sie mit Gypsy Rose gemeinsam. Jimmy machte einen Mund, als wolle er eine Sachertorte quer einschieben. Seine Augen waren blank und leuchtend wie Spiegel.

"Mach mich nicht schwach! Was sagst du?"

George konnte sich nicht mehr einhalten vor lachen. Er spuckte und sein Gesicht leuchtete wie eine Hybridtomate. Langsam kam er wieder zu Luft. Er hängte sich neben Jimmy an den Tresen.

"Ja, Alter. Das ist eine Goldader! So ein Material, das hat die Welt noch nicht gesehen. Das weiß ich. Sicherheitshalber lasse ich die Nacht über ein Sreening laufen. Auf dem Mond und auf der Erde. Sämtliche Web – Adressen inklusive, die was mit Chemie und Physik zu tun haben. Habe den Hyper Cray kurzgeschlossen. Er hört mir aufs Wort!"

Kichernde Freude gleitet über sein Gesicht und er stößt Jimmy in die Seite. "Wir sollten schon mal einen Vertrag machen. Die Frauen können sich demnächst was wünschen, von ihren treuen Vertragspartnern. Und ich wette, sie werden verlängern! Hohoho!"

George geriet außer Rand und Band. Jimmy war immer noch irgendwo zwischen Euphorie und Zweifel. Er kannte George und seine Vorliebe für derbe Späße, aber das hier schien echt zu sein. Er sah sich Jasmin und Gypsy Rose von der Seite an. Die Vertragspartnerinnen waren jedenfalls ganz deutlich der Meinung, das etwas Wahres daran war. Rosie gurrte los.

"Dann kann ich mir ja noch was anbauen lassen!"

"Dann ersaufe ich im Bett, mein Schatz",donnerte George los und Jimmy musste einstimmen,"deiner Jasmin kannst du dann auch dieses Format gönnen, alter Junge!"

Jimmys Augen bekamen einen überirdischen Glanz. Er bestellte Sekt für alle. Der Abend wurde noch lang. Nicht nur für die Freunde und ihre Vertragspartnerinnen. Der Cray war sehr aktiv. Aktiv waren auch die Leute von der Sicherheit im Unternehmen. Gerade als Jimmy auf eine goldenen Zukunft mit den anderen anstieß, ließ der Security Operator ein Search Pragramm über die Dateien von George laufen. Eine lange Liste von besuchten Dateien erschien auf dem Monitor. Der Security Mann sah sich die Themen genauer an. Er kam nach einigen Minuten auf den Gedanken, die Dateien mit einer Enzyklopädie über Chemie und Physik abzugleichen. Eine Stunde später griff er zum Interkom. Der Kontaktmann einer bekannten Firma meldete sich. Das Gespräch dauerte die ganze Nacht. Viele Dateien wurden verglichen und vorläufig ausgewertet. Die Männer vertrauten einander. Sie bekamen ihr Gehalt vom selben Boss. Der war übrigens eine Frau.




Jimmy und Freunde fanden sich gut betankt in der Wohnung von Jimmy und Jasmin wieder, wo Gypsy Rose sofort daran ging, sich ihrer Kleidung zu entledigen.

"Jetzt kommt ihr berühmter Schleiertanz", frohlockte George," den hat sie immer drauf, wenn sie voll ist. Macht Spaß. Wo hast du was zu trinken?"

Jimmy zeigte ihm die Bar und beide bedienten sich. Jasmin schmollte auf dem Sofa und die schwarzhaarige Ausziehpuppe lief splitternackt durch den Raum.

"Georgie! Mein Georgie! Georgielein! Komm, sein nett zu Rosie!"

"Jetzt will sie bumsen. Der Alkohol macht sie immer scharf!" Der Kommentar von George wäre nicht nötig gewesen. Die gespritzten Lippen schlabberten über sein Gesicht und es dauerte nur Sekunden, bis die beiden hinter dem Sofa untertauchten. Jasmin nahm Jimmy an der Hand. Sie liefen ins Schlafzimmer und warteten auf die Frühstückszeit.



Saul tigerte buchstäblich durch den Raum. Die Computer standen ihm im Weg. Seine breiten Schultern rammten die Racks. Helga sah im aufmerksam zu. Sie kannte seine Launen. Und er hatte viele davon. Schon im Normalzustand war nicht immer gut Kirschen essen mit ihrem Derzeitigen. Saul war ein dominanter Mann, der dies nicht verhüllte. Er fand immer Frauen und Männer, die sich an ihn anpassten. Das war auf dem Planeten der Stoiker nicht anders gewesen. So hatte er die Kynianer geformt. Nicht von heute auf morgen, doch konsequent über eine lange Zeit. Damals hießen sie noch nicht so. Den Namen hatte sich Saul erst später, auf der Erde, ausgedacht. Er liebte sie Zyniker.

Saul setzte sich endlich vor einen der Terminals. Helga kam heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

"Was bedrückt dich, Liebling?"

"Da läuft was. Auf dem Mond. Ich habe diese Leitung angezapft. Da laufen unglaublich viele Da­teien drüber, schon die ganze Nacht. Ich weiß von unseren Kontakte auf Luna, dass es eine ge­tarnte Industrieleitung ist. Sie wird von den Spionen einer großen Firma benutzt, ist aber völlig abhörsicher. Jedenfalls bis jetzt!"

"Helga senkte den Kopf, bis sie mit der Nase seine Haare berührte. "Hast du einen Weg gefun­den?"

"Ja, und es war nicht leicht. Nicht mal für einen verbesserten Menschen mit gesteigerter Konzen­trationsfähigkeit. Aber ich kann rein. Im Moment läuft mein Analysprogramm. Es gibt da offen­sichtlich eine Menge technischer Details, die zum Teil auch über Sprachmodus ausgetauscht werden. In ein paar Stunden wissen wir mehr!"

Er sah zu Helga auf und küsste sie auf die hübsche Nase. "Das ist vielleicht der Moment, auf den ich, auf den wir alle gewartet haben. Eine Chance, auch ohne Androiden einen erfolgreichen Schlag gegen die Guardians führen zu können!"

Helga beugte sich jetzt ganz zu ihm und küsste ihn sanft auf den Mund. Ihr Kuss wurde hart und fordernd erwidert.



"Modell Petra! Ist sie nicht schön, Bruce?"

Der Schönheit der neuen Androidin konnte sich Bruce wirklich nicht verschließen. Er nickte ehrlich beeindruckt. "Ganz die Mutter!"

Desi lächelte und hackte sich bei ihm ein. "Wenn du damit die Figur meinst, hast du recht. Aber ich habe auch eine Menge von meinen Persönlichkeitsdaten downgeloaded."

"Dann ist sie eine zweite Desi mit einem anderen Körper?"

"Nein, Bruce, mein Schatz. Ich habe beim Download einen Zufallsmechanismus eingebaut. Der hat dafür gesorgt, dass sie eine eigene Persönlichkeit hat und weiter entwickeln wird. Sie nur im Prinzip wie ich oder Christine, nicht in den Einzelheiten."

Bruce grinste Desi an:"Ein paar Einzelheiten kommen mir aber sehr bekannt vor!"

Desi lachte mit ihm. Christine kam dazu und stellte sich vor die bewusstlose Androidin hin.

"Du hast die Neue schon begutachtet Bruce? Läuft der Download noch?"

Der letzte Teil der Frage war an Desi gerichtet. Die bejahte.

"Es dauert aber nur noch ein paar Stunden. Es sind nur Routineprogramme für die Arbeiten auf dem Mond. Die wird ja zu den Neuen auf der Alten Station gehören. Da braucht sie ein paar Subroutinen für Schwerelosigkeit und so weiter. Wem sage ich das."

"Eben!" Christines Kommentar kam trocken und ohne erkennbare Rührung. "Dann kann man sie ja gleich raufschicken, wenn wir die neuen Info von unserem Kontakt ausgewertet haben."

Bruce horchte auf. "Neuigkeiten von Sarah?"

Christine bediente den nächstbesten Monitor und gab ihre Kennung ein.

"Hier, sieh selbst! Sie hat uns ein paar interessante Neuigkeiten mitgeteilt. Nathan hat eine Verbindung zu der beschädigten Sonde hypothetisiert, wie du weist. Die Infos von Sarah heben darauf ab, das jemand von der Menschenbasis wahrscheinlich ein Stück abgebrochen hat. Siehst du." Christine scrollte den Text weiter und Bruce las selbst den Rest des Dossiers. Sarah, eine Androidin in einem Forschungslabor auf der Mondbasis, beziehungsweise, der Sektion, die von den USA dominiert wurde, hatte herausgefunden, dass ein merkwürdiges Metall die Runde machte. Zumindest das Gerede darüber. Zwischen den Zeilen des Berichts hatte Nathan logische Verknüpfungen angegeben. Daneben standen Ziffern, die eine Wahrscheinlichkeit von Zusammenhängen angaben. Die Zahlen waren sehr hoch und Bruce runzelte jedesmal unwillkürlich die Stirn. Desi sah seine Gesichtsgymnastik und studierte sie sorgfältig. Als Bruce mit der Lektüre fertig war wollte er nur eins wissen: "Wann ist Petra einsatzfähig?"

"In zwei Stunden!"

Desis Antwort kam ohne Zögern. Sie ahnte, was der Mensch vorhatte. Bruce setzte sich mit der Alten Station auf dem Erdtrabanten in Verbindung.

"Chief, wir schicken dir eine Neue. Androidin. Sehr schön!"

"Für Schönheit bin ich immer zu haben!"

"OK! Aber es geht um mehr. Ich transferiere die Daten – jetzt -, wir müssen bei euch vielleicht länger bleiben. Es geht um einen Typ von der Mondbasis, der vielleicht zu viel weiß oder etwas in die falschen Hände leitet. Es wird eng für uns, fürchte ich. Ich stimme mich jetzt mit McLean ab und komme dann heute Nacht."

Der Chief hatte das Dossier soeben überflogen. Er nickte besorgt und beendete die Verbindung. Es gab viel zu tun.



"Ich hab´s!"

Saul schrie so laut er konnte. Das Interkom glühte. Er orderte sie alle in den Versammlungssaal. Es dauerte keine fünf Minuten und alle, die zur Zeit auf Station waren, hatten sich versammelt. Zwei Dutzend Verschwörer saßen friedlich wie Schüler an dem großen Oval in der Mitte. Saul war stehen geblieben. Jetzt lief er um den Tisch herum und schleuderte beim Reden die Arme von sich, als würden sie nicht zu ihm gehören.

"Ich habe es analysiert. Jedenfalls die wesentliche Teile davon. Hört zu. Hört zu, unterbrecht mich nicht! Es ist so: jemand hat auf dem Mond einen Metallsplitter gefunden – oder etwas abgebro­chen. Ein Metall, dass keiner bekannten Legierung entspricht, die es auf der Erde gibt. Ein Metall, das Eigenschaften von Kunststoff hat!"

Die Letzten Worte waren ein heiseres Schreien wesen. Alle hatte ihn verstanden. Alle wussten, was das hieß. Ein Metall wie Kunststoff! Stoiker – Technologie! Guardian Technologie! Der Feind hatte eine Spur auf unbekanntem Train hinterlassen.

"Wie wissen, wo sie sind und damit auch, was sie wollen! Aber sie wissen nicht, dass wir das wissen! Wir sind in einem ungeheuerlichen Vorteil!"

An Stöhnen ging durch den Raum. Ein Aufatmen wie eine Brise zog ungleichmäßig durch den Raum und verhallte nur langsam und widerwillig.




Jasmin hatte die Idee gehabt. Eine Spritztour zu dem Fundort. Jimmy hatte erst gezögert, doch dann hatten Jasmins Argumente ihn am ganzen Körper überzeugt. Außerdem hatten sie es noch nie in einem Lunar – Jeep gemacht. Und das, was er vergangene Nacht von George und Gypsy Rose von hinter dem Sofa gehört hatte, war sehr stimulieren beim Umgang mit Jasmin gewesen. Das Leben ist kurz und Jasmin ist noch fest im Fleisch, hatte er schließlich gedacht und die Ausrüstung fertig gemacht. Nachdem er sich einen Tag freigenommen hatte, war ihm die Idee mit dem altmodischen Picknick . Korb gekommen. Er hatte danach ein paar Dinge besorgt und in einen leeren Survival Case eingepackt. Dann konnte es losgehen. Jasmin war schon sehr aufgeregt, fast nervös. Sie zappelte herum und war gar nicht so lethargisch wie sonst – außer unter bestimmten Bedingungen.

Jimmy setzte den Jeep in Bewegung und fuhr ihn aus dem kleine Hangar für die Räder – Vehikel. Das Tor schloss sich hinter ihnen.

"Hier Jimmy Dean auf Touranmeldung 222Alpha5 mit Passagier Jasmin Miller. Wir fahren auf Richtstrahl 12b3 Rot4. Bitte um automatische Kurskorrektur und Überwachung der Lebenserhaltung."

"Bestätigt Mister Dean", kratzte die Altstimme der Überwachung," melden sich sich alle dreißig Minuten. Read!"

Jimmy bestätigte und schwenkte auf eine Service – Route ein, die selten genutzt wurde, außer von den schweren Lunar – Trucks. Doch heute war wenig los und so musste er nur wenige Ausweichmanöver ausführen. Es waren noch zwei Stunden bis zu der Fundstelle und er drehte die Musik auf volle Lautstärke. Jasmin summte den Titel mit, war aber immer noch nervös. Jimmy dachte nicht weiter darüber nach. Seine Gedanken waren bei vielen vielen Dollars. Vielleicht konnte er noch ein größeres Stück abmachen. Das wäre ein tolles Ding. Er fasste an die Tasche mit dem Werkzeug am linken Bein und fuhr schneller.






"Es gibt eine Annäherung auf die beschädigte Sonde!"

Die Stimme von Irish kratzte rau wie rostiges Eisen. Die Besorgnis war deutlich in seinem roten Gesicht zu sehen. Er drehte sich um. "Wie weit sind die Androiden?"

"Alles klar! Auch die Neue."

Die Mitteilung des Assistenten war leicht untertrieben. Die Androiden hatten ihre Stationen schon unter Kontrolle und machten sich auf eine Expedition gefasst. Die Neue, Sarah, knotete ihr langes rotes Haar zusammen und und stieg schon in den inneren Teil des Raumanzuges. Er war für Androiden modifiziert und hatte nicht den üblichen Rucksack mit den Lebenserhaltungssystem auf dem Rücken. Vielmehr waren alle wichtigen Zusatzgeräte in diversen Taschen an der Außenseite angebracht, so dass ein aufmerksamer Beobachter Jimmy auf Anhieb als Mensch und Sarah als Android erkannt hätte, wären ihm die Details vertraut gewesen. Irish und die anderen männlichen Guardians waren von Sarah sehr angetan. Sie vereinte die schlanke Figur Christines mit den üppigeren Maßen Desis, ergänzt von einem wirklich schönen Gesicht und einem Intelligenzquotienten, auf den Einstein neidisch gewesen wäre. Desi und Christine hatten die besten Eigenschaften in ihren Prototypen gepackt. Jetzt würde er die Feuertaufe bestehen müssen. Einsatz unter härtesten Außenbedingungen: Ein Ausflug auf dem Mond, zum großen Teil zu Fuß. Sarah war über die Topografie und alle Daten des Mondes, der Station und der Lage und Einrichtung der Mondbasis der Menschen informiert. Sie wartete nur noch auf den Einsatzbefehl – oder besser – die Erlaubnis, denn sie war bereits mit eine paar integrierten akademischen Graden konfiguriert.

Der Alarm zerriss die Stille. Alle drehten sich zur Steuerkonsole um. Der leitende Ingenieur winkte Irish zu. Der stürzte sofort los und vergaß sogar, begehrliche Blicke auf Sarah zu werfen.

"Was ist los?"

Die Stimme der neuen war melodiös und weich. Sie zerstäubte wie Parfüm und ließ sich auf den Herzen der Männer nieder. Nur die männlichen Androiden waren nicht zusammen gezuckt. Die anderen waren einen Moment von ihren Konsolen abgelenkt. Irish aktivierte das Interkom.

"Achtung Leute! Die Sensoren – Phalanx registriert die Annäherung eines langsamen Fahrzeugs, wahrscheinlich ein Lunar – Jeep der Mondbasis. Mehr ist mit dem defekten Ding nicht raus zu kriegen! Wie gehen auf Tauchstation und schicken ein paar Androiden ins Gelände. Alles bitte bereit halten!"

Der rote Alarm zerfetzte den letzten Reserve von Ruhe und ließ die Alte Station von innen erzittern. Ein Beben aus schnellen Schritten, rollenden Wartungsbottern, Waffen auf Schienen, Männern und Frauen an Kletterstangen und in Aufzügen, die mit hoher Geschwindigkeit auf – oder ab ras­ten. Ein emsiger Ameisenhaufen war zum Leben erwacht und würde nicht eher ruhen, bis die Gefahr gemeistert war – oder eine völlige Niederlage sich als unvermeidlich erweisen würde.

Sarah war ganz vorne. Sie hatte bereits beim ersten Ton des Rotalarms den Helms aufgesetzt und gesichert. Die andren Androiden taten es ihr gleich und warteten auf ihr Zeichen. Sarah rief Irish an der Konsole über ihr Helmkom.

"Gibst du uns Clearance, Irish?"

Irish war von der Stimme immer noch angetan und seine Stimme war etwas unsicherer als sonst. Er tippte ein paar Anweisungen in die Konsole und sagte dann mit lauter Stimme in das Interkom: "Androiden zum Einsatz bitte. Sarah, übernimm und sondiere das Gebiet. Bei Kontakt mit den Menschen halte dich wie vereinbart an die Secrecy Rule. OK?"

"OK!"

Das Schott auf der Innenseite glitt geräuschlos zu. Der Druckausgleich dauerte nur wenige Se­kunden. Dann öffnete sich das Zwilingsschott an der Außenseite. Die Androiden liefen ins Freie. Sarah gab die üblichen Routinemeldungen an die Station. Alle Angaben wurden von dort bestätigt. Die Gruppe verteilte sich und nutzt jede Deckung die sich bot.

Unter Annäherung verstanden die Guardians nicht, dass ein unmittelbarer Sichtkontakt zu be­fürchten sei. Vielmehr war es eine vorsichtige Einschätzung der Lage. Vor allem hatten die Gu­ardians die Androidin Sarah eingeschleust. Sie verkehrte mit einigen wichtigen Männern der Mondbasis und besorgte viele nützliche Informationen. So hatte sie glaubwürdig heraus gefun­den, dass die Erdenmenschen eine Funk – und Radaranlage auf dem Tsiolkowsky stationieren wollten, damit sie das Problem eines Funklochs bei Mondumrundungen kompensieren konnten. Die Gu­ardians hatten daraufhin sofort beschlossen, die Alte Station noch weiter unter die Oberfläche zu verlegen. Die wenigen Einrichtungen auf der Oberfläche mussten bis auf weiters getarnt und später demontiert werden.

Vor einem Monat hatte die Mondbasis ein Außenlager auf der Rückseite aufgeschlagen, dass nur etwa zehn Kilometer von den Guardians entfernt war. Der Lunar – Jeep mit Jimmy und Jasmin konnte zwar nicht so weit fahren, doch es gab eine Station mit Fluggleitern, wenige Kilometer hinter der Fundstelle der Metallprobe. Dort lag jetzt die defekte Sonde vergraben. Das autonome Selbsttarnungsprogramm hatte sie sich so tief wie möglich eingraben lassen.



Jimmy saß noch immer an der Steuerung und Jasmin machte sich an dem improvisierten Pick­nick – Korb zu schaffen.

"Darf ich mal sehen, was du alles besorgt hast?"

"Nein, Schatz! Warte bis wir da sind. Mit den guten Sachen fahren wir am besten direkt weiter zur Gleiterstation. Da gibt es ein paar schnuckelige Zimmer und eine behagliche Bar für Selbstver­sorger."

"Die kenne ich ja noch gar nicht!"

"Eben darum!"

Er beugte sich zu ihr und schmatzte ihr einen Kuss auf die Wange. Jasmin setzte sich wieder hin.



"Der Typ mit dem Metall ist rausgefahren!"

Der Mann schrie so laut er konnte. In der Hangar – Werkstatt war es wie immer ziemlich laut. Der Mann nahm das Mikro ganz nahe an den Mund und formte mit den Händen eine Muschel. Saul lachte in sich hinein. Ein leises dumpfes Lachen, dass keiner außer ihm mitbekam.

"Wer hat Dienst bei den Gleitern?"

"Ein Pilot ist von uns und zwei der Mechaniker. Ich weiß aber noch nicht, ob die zur Gleiterstation abkommandiert werden!"

"Kein Problem. Ich melde mich wieder. Wenn da nichts von mir hörst in den nächsten zwei Stunden, ruf die andere Nummer an."

Das Gespräch wurde abrupt beendet und der Mechaniker legte das Mikro wieder ins Fach. Dann nahm er seine gewohnte Arbeit wieder auf. Niemand. So schien es ihm, hatte etwas von diesem Gespräch mitbekommen. Und die Leitung gesichert.

Saul geriet in Wallung. Alle seine Sinne waren geschärft. Er war zum Kampf bereit. Und der Kampf ging um die Beute. Die hieß Jimmy.





10. Hase und Igel auf dem Mond.


"Hier war es ungefähr. Genauer kann ich es mit den Vektorwerten nicht bestimmen. Wollen wir rausgehen?"

Jasmin nickte nur, dann lösten sie den Druckausgleich aus, nachdem sie die Helme aufgesetzt hatten. Draußen lag der Mond im fahlen grauen Licht und die Ebene sah noch flacher aus. Jimmy sah nach unten. Jasmin suchte mit gesenktem Kopf. Sie suchten eine halbe Stunde. Finden konnte sie nichts. Plötzlich schrie Jasmin auf.

"Hier!"

Jimmy lief so schnell es ihm der schwere Anzug erlaubte um den Jeep herum.

"Was ist denn, Schatz?"

"Sieh mal!" Jimmy folgte mit den Augen der ausgestreckten Hand in dem dicken Schutzhandschuh. Er ging näher an die Stelle heran, dann bückte er sich. Der Boden war an dieser Stelle aufgewühlt worden. Als wäre etwas nach unten gekrochen, lagen deutlich lockere Schichten auf anderen, festen. Hatte jemand gegraben. Er nahm die Cam aus der Tasche und machte Aufnahmen. Er stand wieder auf.

"Warte mal, Schatz, wir lassen die Anzüge an, die Helme auf und fahren etwas im Kreis herum. Wir nehmen einen Punkt, sagen wir, fünfzig Meter von hier, als Angelpunkt. Dann fahre ich einen Kreisbogen von zwei Kilometer."

"Glaubst du, dass du was findest?"

"Ja, vielleicht. Jemand hat hier gegraben. Vielleicht nachdem wir mit dem Jeep hängen geblieben waren. Könnte der Deutsche gewesen sein."

Jasmin kümmerte sich selten um die Arbeitskollegen von Jimmy.

"Welcher Deutsche?"

"Doktor Müller. Herr Doktor Müller. Ein Geologe und Mineraloge."



Der Lunar – Jeep folgte einem Vektor, der parallel zu dem verlief, auf dem Jimmy seine Fahrt angemeldet hatte. Der ganze Mond war zu Navigationszwecken in Planquadrate aufgeteilt worden. Diese hatte man mit gedachten und einigen wirklich angelegten Verkehrsstraßen versehen. Angelegte Straßen auf dem Mond waren Wegstrecken, die mit Licht – oder Funksignale abgesteckt waren. Die Fahrer orientierten sich daran in der Hoffnung, im Falle eines Unfalls rechtzeitig gefunden zu werden. Außerdem war es sinnvoll, sich nicht ausgerechnet auf den Routen zu bewegen, die von Trucks befahren wurden. Der Truck – Verkehr wurde immer dichter, je weiter sich die Außenposten zur Rückseite des Mondes vorarbeiteten.

Der Fahrer des Jeeps und seine Passagiere gehörten alle zum selben Verein, der International Engineering Corporation. Ein US – Japanisches Venture, welches in den letzten Jahren auf Initiative des amerikanischen Handelsministerium gebildet wurde und nur auf dem Mond aktiv sein durfte. Es war ein außenpolitisches Experiment der Amerikaner, um die Japaner einzubinden, vor allem als Gegengewicht zur Europäischen Union, die immer selbstbewusster auftrat und eines Tages vielleicht sogar einmal mit einer Stimme sprechen würde. Für den Tag wollte man gerüstet sein.

Die drei Männer und eine Frau im Jeep waren teils amerikanischer, teils japanischer Herkunft. Doch ihre Nationalitäten spielten bei ihrem Auftrag keine Rolle. Sie gehörten zu einer Gruppe innerhalb der Firma und operierten unabhängig. Ihre Auftaggeber wollten an die Materialprobe, besser noch an die Unterlagen, die George haben musste. An ihn kam man aber schlecht heran, da er für die Europäer arbeitete und innerhalb und außerhalb seiner Werkstatt von Sicherheitsleuten begleitet wurde, seitdem er die Materialwerte durch den Firmen – Computer hatte laufen lassen. Er stand zwar nicht unter Arrest, war jedoch in seiner Freiheit eingeschränkt. Er hätte kündigen müssen, um den Kontrollen seiner Firma zu entkommen. George akzeptierte fürs erste die Umstände, verlangte aber die Patentrechte. Das hatte schon unmittelbar nach den sogenannten Vorsorgemaßnahmen zu erheblichen Spannungen zwischen ihm und seinen Vorgesetzten geführt. Auch Gypsy Rose machte sich ausnahmsweise ein paar Gedanken. Das fiel ihr mindestens so schwer, wie ihr Busen wog. Sie spielte mit dem Gedanken, Jimmy ein Vertragsangebot zu machen. Wenn da nur nicht diese Tusse wäre. Jasmin. Sah gut aus und hatte nicht nur was unter dem Pulli. Gab ja auch mit beidem mächtig an. Dann musste Gypsy Rose eben mehr mit ihrer Ausstattung reizen. Sie machte sich sofort daran, einen Schlachtplan für den Tag X aufzustellen. Jedenfalls versuchte sie es eine halbe Stunde lang, dann seufzte sie tief und heftig, legte den Notepad zur Seite und sah sich ihre Lieblings – Talk Show an.




"Es hat wohl keinen Sinn mehr, hier finden wir nichts!"

Jimmy klang enttäuscht. Jasmin sah ihn von der Seite an. "Leider sind vile Jeeps auf dem selben Vektor unterwegs, sonst könnte man die Spuren vielleicht noch sehen."

Ganz bestimmt, Jas. Aber leider gibt es hier bald den ersten Verkehrsstau."

Jasmin überlegte, dann meinte sie: "Du, Jimmy, lass uns einfach von hier zum Gleiterstop fahren. Wenn uns die Kuschelecken da gefallen, können wir doch ein paar Tage blau machen. OK?"

Jimmy war einverstanden und lenkte den Jeep auf den alten Kurs zurück. Das war sowieso besser, er hatte nämlich den Kurswechsel nicht über Funk angegeben.

Als Jimmy und Jasmin wieder auf der alten Route waren, sahen sie in einiger Entfernung einen anderen Jeep, der vor ihnen in die gleiche Richtung fuhr.




Bruce war zusammen mit der Neuen und den anderen Androiden auf dem Mond angekommen. Die Cogito hatte sie alle wohlbehalten abgeliefert und stand nun am Fuß des Tsiolkowsky. Bruce hatte ein langes Gespräch mit Irish geführt, der für die nächste Zeit die Alte Station befehligen würde. Sie hatten sich über die Zukunft der Station Gedanken gemacht.

"Könnte man die Menschen, die von der Mondbasis, nicht irgendwie abschrecken, so, dass sie nicht zu uns vordringen?"

"Ich glaube nicht, mein Freund! Ihre Gleiter können uns fast schon erreichen. Bis auf zehn Kilometer. Das ist doch gar nichts! Und wir wissen ja von Sarah, dass da noch mehr im Busch ist."

Irish sah nachdenklich in das Whisky – Glas, dann legte er den klobigen kleinen Kopf mit einer mürrischen Geste in den Nacken.

"Dann werden wir uns also verkrümeln müssen. Wenn ich daran denke, dass sie vielleicht eine Treibstoffstation zwanzig Kilometer hinter ihrer Gleiterstation anlegen..."

"...dann können sie uns nicht übersehen. Ein Wunder, dass sie keine Satelliten kreisen lassen."

"Wir würden sie automatisch blocken!"

"Wenn das immer wieder vorkommt, denkst du nicht, jemand fängt dann an, sich ein paar Gedanken zu machen?"

Daran war nichts zu deuteln. Irish und Bruce genehmigten sich noch einen. Es gab demnach noch sehr viel zu tun. Zweifelhaft, ob das alles mit den paar Hilfkräften und Maschinen zu bewerkstelligen sein würde. Die Cogito war zwar dabei, große Mengen von Gerätschaften, Nahrungsmitteln und Computer – Equipment zu entladen, aber das würde auch nicht die Lösung ihres Problems sein. Früher oder später würde jemand auf die Idee kommen, etwas tiefer unter dem Tsiolkowsky zu suchen und prompt eine Menge merkwürdiger Daten erhalten. Was dann. Die Männer wussten darauf keine Antwort. Noch nicht!

Bruce stand auf und stellte seinen Whisky auf ein Bücherbrett.

"Weißt du was? Ich nehme ein Vehikel und fahre ein bisschen hinter der Gruppe her."

Hinter der Gruppe oder hinter Sarah?"

Bruce musste lachen, konnte aber eine leichte Wärme, die im Gesicht aufstieg, nicht verleugnen. Das war bestimmt der Whisky!



Jasmin stieg zuerst aus. Sie stieß an den Jeep neben ihr. Ein bulliger Mann drehte sich kurz um, sah dann aber schnell weg. Jasmin nahm den Koffer an sich und gab Jimmy ein Zeichen. Der schloss die Tür von innen und stieg aus. Sie folgte beide den Pfeilen an den Wänden und fanden leicht den Weg zur Empfangshalle. Die Halle war wirklich nicht viel mehr eine große Halle oder Terminal. An der Rezeption trafen sich die Zugänge fast aller technischer Abteilungen und der Wohnbereiche. Die Anlage sah aus dem Raum wie ein großer Seestern aus und hatte auch die gleiche Farbe. Die beiden checkten ein und bekamen ein Quartier zugewiesen. Jasmin und Jimmy gingen auf dem Weg dort hin zuerst an der Kuschelecke vorbei. So nannten sie alle diesen Raum aus verschiedenen kleinen Unterteilungen. Jeder Abschnitt hatte eine eigene Farbe und war nichts andere als eine moderne Version der Separee´s vergangener Zeiten, wie sie manchmal noch in den Romantiker – Vereinen angeboten wurden. Sie suchten sich ein Abteil mit einer ockerfarbenen Ausstattung und setzten sich. Den Koffer hatte sie mitgebracht, denn diese Abteile waren alles andere als luxuriös. Es gab nur ein kleines Sofa mit einem kleinen Beistelltisch. Davor war ein Viewer aufgestellt, mit dem alle Fernsehprogramme von Mond und Erde empfpangen werden konnten. Natürlich waren die Geräte in der Lage, elektronische Post zu verschicken und im Infoweb zu surfen. Doch die beiden hatten daran wenig Interesse. Jasmin hatte sofort die Sektflasche entdeckt und die schönen altmodischen Gläser.

"Sind die aber schön!"

"Der Typ im Laden sagte, die seien von irgendwelchen Leuten mit dem Mund geblasen worden."

"Geblasen? Du meinst, jemand hat das Glas aufgeblasen?"

Jimmy nickte und schenkte galant ein. Der Sekt war eine gute Imitation von echtem Sekt aus echtem Wein. Die Variante war jedoch auf dem Mond sehr selten vertreten, da der Sekt aus noch unerforschten Gründen den Transport in den Raumtransportern nicht gut überstand. Nur wenige Behälter enthielten nach ihrer Ankunft einen wirklich trinkbaren Rebensaft. Das war jedoch nicht weiter schlimm, weil der synthetische Sekt in der Geschmacksqualität den Vorbildern aus Frankreich in nichts nachstand. Jeder war sich dabei darüber im klaren, dass es nichts anderes als eine Art Limonade mit Alkohol war. Doch das tat dem Spaß keinen Abbruch und auch Jasmin und Jerry hatten ihren Spaß mit Lachs - Imitat und echtem Kaviar aus Russland.

Im Abteil neben ihnen hatten sich ein paar Männer niedergelassen. Sie hatten keinerlei Interesse an Speis und Trank. Ihre Augen waren nur auf ihre Waffen gerichtet.



Bruce steuerte sein Vehikel vorsichtig zwischen einem halben Dutzend Boliden hindurch, die eine Art kosmisches Trümmerfeld vor ihm ausbreiteten. In der Ferne sah er die Androiden, wie sei jede Deckung ausnutzten, um sich langsam an die Gleiterstation heran zu arbeiten. Sie mussten dabei, genau wie sein Fahrzeug, Radar . Jammer einsetzen, weil die Station selbstverständlich die Umgebung abtastete. Bruce hielt sich genau auf den Fußspuren der hinteren Androiden und blieb somit immer außerhalb der Sichtweite eines potentiellen Beobachters auf der Station. Denn man musste mit Telekameras und automatischer Objektauswertung rechnen. Verfahren, die schon vor zwei Jahrzehnten an Flughäfen eingesetzt worden waren. Als er die hintere Reihe der Androiden erreicht hatte, kam ein Funkspruch von Sarah, die in der vordersten Reihe hinter einem Felsen stand.

"Achtung. Da blitzt was auf, an der Station. Ich nehme mal die Teleoptik, Moment. Ja, da sind die Stationslichter umgesprungen. Von Bereitschaft auf Start. Gleich muss was abheben. Alle in Deckung. Du, Bruce, stell die Karre hinter einen Felsen!"

Bruce folgte ohne zu zögern. Es war die einzige sinnvolle Handlung. Wenn ein Gleiter startete, konnten die Piloten sie möglicherweise sehen, wenn sie von ihrer gewöhnlichen Route abwichen. Bruce aktivierte den Tarnmodus und das Fahrzeug nahm augenblicklich und vollständig die Farbe seiner Umgebung an. Wenn niemand nach lebenden Organismen scannte oder im Infrarotmodus flog, war er ziemlich sicher. Er schaltete alle Energiequellen auf Stand By. Das Lebenserhaltungssystem sprang auf Batterie um, was einen Betrieb von ein paar Stunden sicherstellte. Der Funkverkehr wurde augenblicklich auf Langewelle umgestellt. Auf diese Weise konnten keine verräterischen Reflektionen des Kurzwellenverkehrs auftreten. Langwellenverkehr ging direkt durch die Dicke des Trabanten.

"Hier ist Sarah", sagte die einschmeichelnste Stimme im Universum, "ich sehe im Telemodus, wie sich der Hangar für die kleineren Gleiter öffnet. Achtung!"



Jasmin schmiegte sich so eng wie möglich an Jimmy. Der küsste sie auf die Stirn und fasste sie an einer Stelle an, wo sie gerne von ihm berührt wurde. Sie reagierte sehr erregt und stieß gegen den kleinen Tisch links von ihnen, weil sie sich etwas ruckartig zurück gesetzt hatte. Die Plastikflasche mit dem Kunstsekt fiel laut platschend zu Boden. Jimmy bückte sich, kam aber nicht an die Flasche heran.

"Kommst du ran, ich habe zu kurze Arme."

Jasmin beugte sich zur linken Seite und vollführte mit dem linken Arm dabei eine Bewegung wie ein Schwimmer, der rückwärts krault. Der Schwung aus ihrem schweren Körper war beachtlich. Jedenfalls brach eine Polsterfeder im Sofa und beide landeten auf dem hohen Wuschelteppich. Jimmy blieb eine Weile auf dem Bauchliegen, dann stemmte er sich mit den Armen hoch. Sein Blick fiel nach vorne, dorthin, wo die beiden Auftragskiller saßen. Er sah eine Schusswaffe, zwei Schusswaffen und einen Elektroschocker. Er sich wieder auf. Jasmin sah ihn fragend an, als er ihr zuwinkte und ihr bedeutete, aufzustehen. In gebückter Haltung schlichen die beiden zur Seite mit der Öffnung zum Saal. Noch waren sie nicht in Sichtweite der beiden Männer, doch würde sich das gleich ändern. Sie mussten in den Gang hinaus treten, wenn sie aus dem Saal gelangen wollten.

Jimmy nahm Jasmin fest an der Hand. "Wenn ich ´jetzt´sage, laufen wir beide, was wir können! OK?"

Jasmin nickte und blickte zu der Stellwand, hinter der die Männer saßen. Jimmy machte einen heiseren Ausruf, der nur für Jasmin bestimmt war. Sie liefen die zehn Meter zur Tür in Bestzeit, doch nicht unsichtbar.

Die beiden mit den Waffen in den Händen hetzten beim ersten schnellen Schritt hinter ihnen her.

"Hier lang!"

Jimmy zerrte die Frau an der Rezeption vorbei zum Gang mit der Beschilderung ´Zu den Gleitern´. Die Bewaffneten dicht auf den Fersen.

Der Gleiter war noch unbemannt, stand aber direkt vor der Abschussröhre. Das Außenschott war noch verschlossen. Die Piloten saßen in dem kleinen Briefing – Raum und studierten ihre Einsatzbefehle. Gleich würden sie herauskommen. Jimmy und Jasmin liefen an ihnen vorbei, die Köpfe flogen herum. Die beiden hatten noch ihre Raumanzüge an, was ihnen einen kleinen Vorsprung verschaffte. Sie machten eine Sekunde lang nicht den Eindruck, als seien sie unbefugt. Dann reagierten die Piloten und griffen an ihre Waffentaschen. Ein Alarm schrillte und zwei Männer in Pilotenanzügen stoben aus dem Briefingraum. Der erste stolperte fast im selben Augenblick. Der Schuss hatte ihn in die Hüfte getroffen. Mit einem verwunderten Ausruf fiel er zu Boden. Der Kollege warf sich instinktiv neben ihn und feuerte seine Waffe auf den Angreifer ab. Der flog ruckartig zur Seite, als ihn die Kugel in die Schulter traf. Der andere Verfolger schoss im Laufen auf die beiden Piloten. Er traf den zweiten in den Arm und schleuderte ihn damit aus dem Weg, als er mit einem Sprung über ihn hinwegsetzte. Ein weiterer Alarm ertönte. Diesmal der Warnruf für die Stationspolizei.

Jimmy zog seine Vertragspartnerin in die Pilotenkanzel und betätigte den Schalter zum Schließen des Cockpits. Dann aktivierte er die Startsequenz für manuelle Alarmstarts. Wenn er schnell genug war und etwas Glück hatte, konnte noch kein Unterbrechungscode vom Stationstower eingegeben worden sein.



"Ihr müsst ihn längst sehen, er ist fast genau in eurer Richtung unterwegs!"

Die Stimme von Irish war nicht so ruhig wie sonst und die Kratzigkeit kam diesmal nicht vom Tullamore Dew, sondern von der Aufregung, mit der er die Androiden und Bruce informierte. Der Stationsalarm heulte bereits durch die Anlage.

"Bestätigt!"

Sarahs Stimme war auch jetzt melodiös und sexy. Sie gab sofort Anweisungen und formierte ihre Gruppe neu. "Bruce, du bleibst wo du bist, bitte!"

Das ´bitte´ war schnell angefügt worden, mit Höflichkeiten hielt eine Frau wie Sarah sich nur selten auf, wie es schien. Bruce akzeptierte die knappe Befehlstimme in dieser Notsituation und setzte den Helm wieder auf. "Computer, alle passiven Waffensystem aktiv, jetzt!" Damit hatte Bruce alle optischen Scanner und die daran angeschlossenen Waffensysteme scharf gemacht. Ohne spezielle Scans konnten er so nur zufällig entdeckt werden. Sobald er die aktiven Systeme aktivieren würde, gäbe er ein prachtvolles Ziel auf diese kurze Entfernung ab. Er verhielt sich wie ein Hase, der weiß, von wo der Fuchs kommt. Weglaufen war besser, als sich einem überlegenen, da schnelleren Gegner zu stellen.



"Wo willst du denn hin? Dahinaus sind doch keine Stützpunkte mehr!"

"Ich weiß, mein Schatz!", Sarkasmus hilft in machen Lagen, "aber auf dem Schirm kommt was aus sechs Uhr und es ist schnell und die Waffen werden als aktiv gescannt!"

Jasmin sah erschrocken auf den Monitor und fand die Angaben Jimmys bestätigt. "Was sollen wir denn nun tun?"

"Erst einmal so schnell wie möglich abhauen. Die Waffen habe ich aktiviert, scheinen aber gewartet werden zu müssen."

Tatsächlich zeigten die meisten Waffensysteme einen gelben Zustand, was bedeutete, dass sie nur bedingt einsatzfähig waren. Sie konnten schon beim zweiten Schuss versagen. Darum hielt es Jimmy für klüger, erst einmal das Panier zu ergreifen, bevor der Jäger zu nahe kam. Sie waren nur noch wenige Kilometer von den Androiden und Bruce entfernt. Ihr Treibstoff konnte sie sogar bis kurz vor die Alte Station bringen. Die Guardians hielten augenblicklich totale Funkstille.

Jasmin blickte immer noch verzweifelt und fragend auf die Feindanzeige.

"Wie können sie soweit ohne Zwischenlandung fliegen. Die Station ist doch die Tankstelle."

"Stimmt, Jas. Wahrscheinlich haben sie in der Werkstatt alles rausgeworfen, was mit Passagier – und Ladekapazitäten zu tun hat und einen schönen großen Zusatztank eingebaut."

"Wer kann uns denn etwas wollen?"

"Ich nehme an, die Kollegen der Herren, die uns in der Kuschelecke in ewige Träume schicken wollten. Achtung, Nachbrenner!"

Mit dem letzten Wort setzte eine mörderische Beschleunigung ein, die beide Passagiere tief in die Polster drückte. Jimmy konnte den Steuerknüppel nur halten, weil der Flying – by – Wire hatte, eine Hydraulik wäre nicht mehr zu handhaben gewesen. Er setzte darauf, dass ihre Verfolger mit den größeren Tanks nicht riskieren würden, in den Nachbrenner – Modus zu gehen. Sie konnte die Flugeigenschaften nicht getestet haben und kein halbwegs vernünftiger Pilot würde ohne Tests einen überschweren Gleiter überfordern.

Jimmys Kalkulation schien aufzugehen, jedenfalls wurde der Abstand immer größer. Der Gleiter der beiden gewann erheblichen Abstand zu den Verfolgern.



"Achtung, an alle Stationen!" Irish hatte das Interkom aktiviert und die führenden Mannschaftsmitglieder im Leitstand der Station versammelt. Alle waren eifrig mit der Durchgabe von Anweisungen und dem Ablesen von Status . Berichten beschäftigt.

"Wir haben eine Adler! Wir haben einen Adler! Er fliegt direkt auf uns zu! Die Käfige schließen!"

Jetzt wussten alle in der Alten Station, was los war. Ein Objekt näherte sich und es war von der Mondbasis aufgebrochen. Alle Stationen waren in Alarm versetzt und durfte nur mit ausdrücklichem Befehl die Anlage verlassen oder Funkverkehr unterhalten. Das Außen - Team konnte nun nicht mehr kontaktet werden. Sie waren auf sich gestellt.


  1. Ein sicherer Hafen in Reichweite.


Sarah sah den Gleiter zuerst. Sie duckte sich noch tiefer in den messerscharfen Schatten des Felsens. Die anderen taten es ihr gleich. Jimmy steuerte den Gleiter wirklich genau auf ihre Position zu. Mit bloßem Augen konnte er sie zwar noch nicht sehen, aber eine rasche Bewegung wäre dem Radar des Gleiters aufgefallen. Sarah war im Tele – Modus und erkannte den Punkt am Horizont als weiteren Gleiter, der genau dem Kurs des anderen zu folgen schien. Bruce bekam davon nichts mit. Irish hatte die Sonden – Readings auf den Monitoren und biss sich in die Unterlippe. Auf seinem derzeitigen Kurs würde der Gleiter ihre Positionen überfliegen und etwa zwei bis fünf Kilometer vor der Station runter gehen müssen, da er nur für Kurzstrecken konzipiert war. Würde der andere Gleiter ihm folgen und wieweit?

Jimmys Gleiter schoss ungewöhnlich schnell über die Köpfe der Guardians und war eine Sekunde im Blickfeld von Bruce.

Sarah sah, wie der andere langsam aufschloss, aber seltsamer Weise viel niedriger. Als wen er technische Schwierigkeiten hätte.


"Gleiter mit übernormaler Geschwindigkeit! Alle Stationen in Kampfbereitschaft! Evakuierung vorbereiten!"

Die Stimme des Stationschef hallte durch die Anlage und brachte sie zum Vibrieren. Alle schwirrten aus wie die Bienen im Stock. Menschen und Androiden standen sich in nichts nach und rannten durch die horizontalen und vertikalen Gänge der Station. Es galt, den Tag X etwas früher, als allgemein erwartet, durch zu ziehen. Jeder kannte seine oder ihre spezielle Aufgabe. Niemand stand unschlüssig herum. Irish lief zur Hochform auf, assistiert von Winston, der effektiv die Kommunikation und die Koordination der vom Stationsleiter angeordneten Aktionen durchführte. Irish beglückwünschte sich zu seinem Mitarbeiter, drückte das Lob aber nur in einem gelegentlichen Grunzen aus. Er konnte diesen Androiden immer noch nicht besonders leiden. Er erinnerte ihn an irgendjemand. Wenn er nur gewusst hätte an wen.


Sarah stieg zu Bruce in das Gefährt. Sie hatte die Entfernung in wenigen Minuten zurück gelegt und den anderen Androiden im Vorbeilaufen Instruktionen erteilt: Jetzt berichtete sie Bruce von den neuesten Entwicklungen außerhalb seines Gesichtsfeldes. Bruce pfiff durch die Zähne.

"Ein weiterer Gleiter? Das kann nur Ärger bedeuten! Vielleicht versucht jemand abzuhauen!"

"Aber wieso in unsere Richtung? Ein Trick?"

Dazu müsste man von uns wissen. Das ist – noch – nicht so!"

"Wir müssten jetzt von Sarah mehr wissen!"

Bruce stimmte der schönen Frau zu und schlug vor, aus der Deckung ein Stück heraus zu fahren, für den Fall, dass gegen den Verfolger vorzugehen sei. Sarah stimmte zu und der Wagen glitt rückwärts einen Meter aus der Deckung. Bruce richtete die Waffen aus, als der Gleiter sehr langsam herankam. Er flog weit unter seiner Normgeschwindigkeit und lag unsicher in der Waagerechten. Etwas mit den Stabilisatoren, dachten Bruce und Sarah fast zur selben Zeit, wovon sie aber nichts wussten. Die Waffensysteme folgten dem Gleiter automatisch und die Entfernung wurde ständig angezeigt und angesagt. Bruce hielt den Daumen fest auf dem Feuerknopf. Er war bereit.

"Locked on target!"

Der Bordcomputer hatte keine emulierte Stimme und klang wie Musik aus dem Blecheimer. Bruce drückte den Feuerknopf einen Milimeter tiefer, ab nicht tief genug zum Schuss. Die Bereitschaftsanzeige war voll im grünen Bereich.


Irish hatte beide Gleiter über die Sonden im Visier, konnte aber noch nicht feuern, weil sie noch hinter dem Horizont waren. Das würde sich für den vorderen Gleiter in wenigen Augenblicken ändern.

"Feuerbereit, Sir!", meldete Winston. Irish verzog das Gesicht und hatte eine Gefühl im Magen, dass dazu passte. Er wollte nicht schießen. Menschen würden zu Schaden kommen. Und die verborgene Station wäre nicht mehr geheim. Und sie brauchten noch ein paar Monate, um die wesentlichen Einrichtungen noch tiefer in den Mond zu treiben. Ursprünglich wollten die Stoiker, dass die Station eines Tages von den Menschen gefunden würde. Doch die Lage hatte sich mit der Ankunft der Kynianer gründlich geändert. Jetzt galt es, weiter in der Deckung zu bleiben und die Schläge der anderen möglichst geheim und im Verborgenen zu parieren und präventiv gegen die Kynianer vorzugehen.


Jimmy sah auf dem Monitor, wie die Verfolger immer näher kamen. Noch konnte er sie unter Feuer nehmen, aber die Waffen seines Gleiters waren nicht zuverlässig. Doch welche Alternative gab es? Ohne einen Extratank wie ihn die Verfolger wahrscheinlich hatten, konnte er in einigen Minuten sowieso nicht mehr zurück. Gestrandet auf dem Mond. Nicht nur das. Die Jäger würden ihn erwischen und wahrscheinlich entführen. Und wer waren diese Leute. Was wollten sie. Sicher nichts gutes, sonst hätten sie sich nicht versteckt, sie belauscht und Waffen dabei gehabt. Ordentliche Polizei trug nur einfache Schocker. Die konnten nicht einmal richtige Verletzungen verursachen, wenn der Geschockte nicht gerade von einer Leiter fiel im paralysierten Zustand. Die Kerle hatte schwere Artillerie dabei gehabt und sie waren ihnen sofort gefolgt. Sie meinten ihn und Jasmin oder nur ihn alleine.

"Das Metall! Das verdammte Metall!"

Jasmin zuckte zusammen. Sie hatte unentwegt auf den Verfolgerradar gestarrt.

"Du meinst, sie wollen etwas von dir, wegen des kleine Stücks Metall?"

"Ich sehe sonst keine Möglichkeit. Ich habe niemand etwas getan. Halt dich fest!"

Jimmy drehte den Gleiter hart herum und beschrieb eine 180 Grad – Wende. Der Gleiter der Verfolger geriet schnell ins Visier. Jimmy aktivierte die Aktivwaffen. Das Fadenkreuz leuchtet auf der Frontscheibe auf und zog mit den anderen mit. Jimmy wartete, bis der Gleiter in Schussweite schaukelte. Der Laser blitzte kurz auf der Pilotenkanzel der Verfolger auf. Noch einmal und nocheinmal. Dann blitzt es direkt unterhalb des Cockpits auf. Jimmy schrie etwas zu Jasmin. Die verkrampfte ihre Hände im Sitz, dann bäumte sich ihr Gleiter wie ein Hengst vorne auf. Das Armaturenbrett war ein Feuerwerk von bunten Lichtern und die Kontrollmonitore wetteiferten mit ihnen um die Aufmerksamkeit des Piloten. Unaufhörlich schien das Konzert aus Datenbildern und Alarmtönen. Das Cockpit war ein einziges Tollhaus an Warnleuchten und Computersignalen. Der hintere Teil des Gleiters folgte langsam der Aufwärtsbewegung. War es schnell genug? Jimmy würde es gleich wissen. Eine dichte Staubwolke wirbelte vor dem Cockpit auf. Der Gleiter rüttelte und ruckelte gewaltig, als würde er von einer Riesenhand gepackt und kräftig durchgeschüttelt. Jimmy schwitzte heftig und seine Flüche steigerten sich mit der Anstrengung. Seine Augen glommen von innen und seine Hände fegten über die Kontrollen wie die Hände eines Pianisten bei einer Partitur von Liszt.

"Die Mistkerle haben eine Rakete abgefeuerte! Na wartet!"

Jimmy hob den Gleiter mit dem Knüppel in die Waagerechte und zog den Feuerhebel für die Raketen zweimal durch. Der feindliche Gleiter fing an, im Zickzack zu kurven. Er war in Schussweite und sein Pilot versuchte verzweifelt, Jimmys Raketen auszuweichen. Das gelang ihm auch gut beim ersten Geschoss. Das zweite traf den Gleiter in der Nähe der Triebwerke. Sofort ging der Gleiter runter. Er trudelte noch stärker als bisher schon und setzt dann ruckartig auf dem Boden auf. Das Manöver hatte auf der Erde mit einem lauten Krachen geendet und das Gerät wäre vermutlich wesentlich stärker beschädigt. Der Gleiter war der verringerte Schwerkraft entsprechend nicht wie ein Stein auf den Mond gefallen, sondern von dem Rest der Auftriebstriebwerke an der Unterseite aufgefangen worden. Die geringe Schubkraft hätte auf der Erde den Crash nicht verhindert. Hier genügte sie, die Kabine intakt und luftdicht zu halten.

Jimmy sah sich die Lage an. Sein Gleiter war mit dem hinteren Triebwerk an einen Felsen geschlagen, als er die Raketen abfeuerte. Der Rückstoß der Waffen hatte genügt, da die Korrekturautomatik nicht richtig arbeitete. Der feindliche Gleiter stand einen Kilometer von ihnen entfernt. Sie hatten dort drüben noch keinen Versuch unternommen, den Gleiter zu verlassen. Sie mussten mit der Kabine Problem haben.

"Schatz, ich muss mir den Gleiter von außen ansehen. Kannst du so lange ein Auge auf die anderen halten?"

"Ich hatte einen Schnellkurs im Gleiterfliegen, Schatz!"

"Da lernt man doch immer wieder etwas neues über dich!"

"Ich bin doch nicht wie diese Gypsy Rose!"

Jimmy musste über die Grimasse seiner Geliebte lächeln.

"Gut! Dann halte den Laser und die Raketen – Zielautomatik auf unsere Freunde gerichtet. Und denk daran, die Waffensystem sind vielleicht schon nicht mehr richtig einsatzfähig. Ich muss nach hinten, zum Triebwerk. Bleib auf Empfang, aber gib keine Informationen raus. Die könnten mithören!"

Jasmin nickte und Jimmy setzte den Helm auf. Dann ging er in die hintere Kabine und stieg in die Druckkammer.


Bruce war mit Sarah an den Gleiter von Jimmy herangefahren und parkten hinter dem Felsen, außerhalb der Sicht sowohl der Insassen dieses als auch des anderen Gleiters. Sarah war ausgestiegen und hatte sich vorsichtig um den Felsen herum bewegt, als sie einen der Androiden entdeckte. Er war schwer beschädigt. Sein Bein war zerschmettert und steckte zwischen der Kufe des Gleiters und dem Felsen. Sarah sprang zu ihm hin. Der Android sah sie und blickte fast gleichzeitig zum Gleiter, dann gab er Sarah ein schnelles Zeichen. Sarah fuhr genau in dem Moment herum, als die Gleitertür aufschwang.


Zwei Minuten später stieg Jimmy die paar Stufen hinunter und hopste zum hinteren Ende des Gleiters. Er musste um den Gleiter herumgehen, um sich die Kollisionstelle mit dem Felsen anzusehen. Schnell hüpfte er voran. Er brauchte nicht lange, dann setzte sein Fuß auf dem Boden auf. Er hüpfte kurz zurück und drehte sich dabei nach rechts um die eigene Achse. Da sah er den anderen.


Der Zusammenstoß war ein Schock. Der Fremde prallte zurück und stützte sich am Felsen ab. Jimmy stürzte sich ohne einen Gedanken auf ihn.


Jasmin hatte den Blick nicht vom feindlichen Gleiter gewendet. Der stand immer noch völlig unverändert im Dreck und nichts rührte sich. Die anderen mussten große Probleme mit dem Druck haben oder mehr, denn sie hätten ihre Anzüge nehmen können. Normalerweise brauchte man an Bord eines Gleiters nur den Helm zu schließen, um raumtauglich zu sein. Es musste etwas anderes geschehen sen. Es konnte aber auch ein Trick sein. Jimmy und sie hinaus locken, auf die anderen zugehen lassen, um nachzusehen, was los ist. Wahrscheinlich war es so. Sie mussten auf jede Gemeinheit gefasst sein.

Schien ja nicht viel mit ihrem Gleiter passiert zu sein, wenn Jimmy schon zurück kam. Sie drehte sich nicht erst um, als sie das Schott der Druckkammer hörte. Jimmy war nur ein paar Minuten draußen gewesen. Jetzt mussten sie überlegen, wie sie an den anderen vorbei kamen.

Ihr Schrei klang nach Überraschung und Entsetzen, als sie sich nach ihrem Freund umdrehte.



"Siehst du was?"

Der Pilot schüttelte mürrisch den Kopf, "da ist überhaupt nichts zu sehen. Die Kamera gibt auch nichts her, nicht mal im Infrarot – Modus. Sehen sie doch selbst!"

Sein Ton war nicht ohne Grund gereizt. Die Typen hinter ihnen waren alles andere als vertrauen erweckend. Ganz und gar nicht! Beide waren bewaffnet und er und sein Co hätten nicht gegen die Richtlinien verstoßen, nur um ein paar Extradollar zu machen, wenn sie nicht seit langem für die Gruppe arbeiten würden und viel zu sehr mit drinsteckten, um diesen Passagieren die Passage zu verweigern. Einer der Killer, den dafür hielt der Pilot die beiden, stieß ihm unsanft von hinten in die Rippen. Das passte gut zu seiner Stimme, die klang, als würde er morgens mit Schmiergelpapier gurgeln.

"Gehen sie näher ran!"

"Das kann ich nicht, wir sind bereits getroffen. Das linke hintere Triebwerk ist komplett ausgefallen. Die Automatik hat es gelöscht. Darum sind wir nicht explodiert. Nur darum!"

Der Typ mit der Waffe und dem quadratischen Gesicht war nicht leicht zu überzeugen, "dann nehmen sie das andere Triebwerk!"

"Wir sind in Schussweite und das eine Triebwerk brauchen wir zur Rückreise!" Die Stimme des Piloten klang eindringlich und besorgt. Ein Zeichen von Schwäche für die Passagiere mit den Waffen. Sie sahen sich an und grinsten. Ein Grinsen das ihre Verachtung für diese Feiglinge von Piloten ausdrückte. Sie beiden würden kämpfen bis zum letzten. Der Typ schoss ohne Vorwarnung. Der Pilot hob sich blitzartig aus dem Sitzt und sackte dann mit einem gellenden Schrei zurück.

"Sind sie wahnsinnig, sie Irrer! Ich lasse sie hochgehen, sie..."

Seine Worte gingen in ein Gurgeln über, als der zweite Gangster ihm den Hals würgte. Der Co – Pilot flog auf ihn zu. Die Bewegung stoppte abrupt am Ellenbogen des zweiten Gangsters. Der drückte zur Sicherheit noch kraftvoll mit der Faust nach.

"Nicht zu doll! Wir brauchen den noch zum Fliegen!"

Die Ermahnung kam gerade noch rechtzeitig. Der Gangster hielt sich im letzten Augenblick zurück und verzichtete darauf, das Gesicht des Co – Piloten weiter zu bearbeiten, obwohl es ihm für seine Bedürfnisse noch zu wenig blutete. Er setzte sich zurück und wartete auf weitere Erleuchtungen seines Kollegen. Der wandte sich an den Piloten.

"Sehn sie, Chef, wenn sie Ärger machen, dann fliegen wir mit dem Co alleine zurück. Der kann das bestimmte!"

"Sie haben mir in den Fuß geschossen, sie Schwein! Wir stehen doch auf derselben Gehaltsliste!"

"Stimmt nich ganz, Chef! Ich habe die Lizenz, unliebsame Kollegen abzuservieren, sie nich!"

Der Pilot beugte sich nach vorne und nahm die Erste Hilfe aus dem Fach neben der Steuersäule. Die Gangster ließen ihn gewähren. Sie hielten ihn schon für so gut wie tot. Warum noch mit ihm streiten.

Der Co startete das verbliebene Triebwerk und brachte den überschweren Gleiter langsam hoch.

"Wir haben zwar mehr Treibstoff, als ein normaler Gleiter, Sir, aber mit einem Triebwerk kommen wir nicht gut vorwärts. Ich kann nur sehr vorsichtig und langsam fliegen."

Die ängstliche Erklärung des Co – Piloten wurde mit vernehmlichem Grunzen entgegen genommen. Der zweite Gangster unterstützt seine Kehllaute, indem er den Takt dazu klopfte durch heftige Stöße in die Luft mit seiner klobigen Waffe. Das Ding sah zum fürchten aus und war so ausgesprochen hässlich wie unbedingt tödlich.

Der Gleiter schwebte in leichter Schräglage auf den Gleiter von Jimmy und Jasmin zu. Die Killer setzten in wilder Vorfreude aufs Töten ihre Helme auf. Nur noch hundert Meter bis zur Beute.

"Ich muss jetzt runter!"

"Gut! Gut!"

Der Co – Pilot setzte die Maschine so sanft wie möglich auf. Nur nicht verärgern. Besser mitspielen. Er brauchte seine Füße noch. Der Pilot würde seine Fluglizenz verlieren, auch nach einer Rekonstruktion des Fußes. Die Personalabteilungen hatten einfach kein Vertrauen in rekonstruierte Gliedmaßen! Ein Jammer. Der Gleiter stand fest auf dem Mondboden. Die Sonne ist zu hell, dachte der Co, als der andere Gleiter in die Luft flog. Die Splitter regneten auf das Cockpit. Instinktiv duckten sich alle im Cockpit. Der Pilot schrei noch mehr als vorhin und auch der Co rutschte mit einer raschen Bewegung unter das Armaturenbrett. Die beiden Killer ließen sich nach hinten fallen. Die Warnanzeigen erleuchteten das Cockpit mit ihren Rot – und Gelbtönen. Der Computer schnarrte Schadensmeldungen ohne Unterlass. Als der Co sich aus der Deckung wagte, konnte er von dem anderen Gleiter nur noch ein paar Standfüße und das Grundgerüst sehen. Das war völlig verbogen und qualmte mit den zerstörten Aufbauten um die Wette.


Bruce steuerte das Gefährt schnell weg von der Explosion. Die Androiden folgten seiner Spur ohne Schwierigkeiten. Den verletzten Kollegen hatte Sarah sich über die Schulter gelegt. Er würde in einer Stunde wieder laufen können und morgen wieder wie neu sein. Sie konnten immer noch keine Funkmeldung absetzen. Hoffentlich war der Stationschef auf dem Posten. Sie näherten sich dem scharfen Schatten der Tagesgrenze. Gleich würden sie eintauchen. Der Feind könnte sie dann mit bloßen Augen kaum noch ausmachen. Das Feuer war als Rauchwolke im Rückwärtsmonitor zu erkennen. Bruce fuhr schneller. Sie mussten die Station erreichen, bevor die anderen auf die Idee kamen, sich das Wrack anzusehen. Dort gab es ein paar verräterische Spuren der Guardians im Mondstaub. Viele Fußabdrücke und die negativen Abbilder der Räder eines unbekannten Mondvehikels.

Man hätte auch Hinweisschilder aufstellen können.



  1. Der Neue.


"Wir müssen das Plenum verständigen!"

"Er wacht gleich auf. Sie auch!"

"Ist er eine Gefahr?"

"Wir können sein Gedächtnis manipulieren."

"Ich halte das zu diesem Zeitpunkt nicht für eine brauchbare Lösung."

Sarah und Irish drehten sich zu Bruce um, der jetzt zu den beiden Erden – Menschen auf den Liegen herantrat. Unsicher sah er die beiden einige Minuten lang an. Dann trat er zum Terminal und öffnete er eine Leitung zu Nathan. Er schaltete Desi mit zu.



"Wie wollen sie sich entscheiden?"

"Ich...". Jasmin sah Jimmy an,"ich bleibe bei ihm...und er bei euch. Also bleibe ich. Ich schließe mich an."

Die junge Frau sah Sarah von der Seite an. Die Androidin lächelte verbindlich, blieb stumm. Bruce und die anderen schwiegen ebenfalls. Jimmy hatte sich in der Zentrale der Mondstation schnell zurechtgefunden. Er hatte die Situation erfasst und verstanden, das er eine zweite Chance hatte. Zudem diese Leute alle sympathisch waren. Ihr Geheimdienst war bisher nirgendwo in Erscheinung getreten. Natürlich nicht. Geheimdienst eben. Irgendwo hätte man aber etwas hören müssen. Der MI 5 war ja auch Jahrzehnte vor seiner offiziellen Anerkennung schon lange Gegenstand von Romanen und Filmen gewesen. Doch dieser Verein hier.

"Ist meine Probezeit damit beendet?" Jimmy grinste die üppige Sarah an, seine Augen suchten und fanden Bruce und Christine. Auch nicht zu verachten, die Braut! Bruce musste lächeln, sogar die dunkelhaarige Androidin schien etwas dergleichen in ihr schönes Gesicht zu bauen.

"Ich habe auch ja von unserem Plenum berichtet. Wir werden euren Fall dort regelmäßig zur Sprache bringen. Ich kann euch gleich sagen", Bruce musste sich räuspern und sah Chris an," dass nicht alle mit eurer Aufnahme einverstanden sind. Es gibt da starke und nicht ganz von der Hand zu weisende Vorbehalte. Doch fürs erste gehört ihr dazu." Bruce war sichtlich froh, den Satz beenden zu können. Jimmy umarmte Jasmin und "Jipieh!" riss sie hoch und küsste sie beim Absetzen auf den Mund. Jasmin lachte und erwiderte stürmisch die Liebkosung.

"Dann gebe ich mal einen aus. Zum Einstand!"

Bruce drehte sich rum zum gehen. "Dann mal los das nächstbeste Restaurant!"

"Ich würde gerne weiter da arbeiten." Jasmin sah erwartungsvoll zu Irish. Der Stationschef blickte mürrisch zurück. "Ich hätte ein paar Idee, wie man den Laden verbessern und, ja, ein bisschen aufpeppen könnte".

Irish blickte nur auf seine Pfeife. Sarah stieß Jasmin in die Seite. "Sie mal, der Chef hat vergessen zu paffen!"

Jasmin musste lachen. "Der Laden kann ein wenig Pfiff gut vertragen. Ich unterstütze deinen Antrag."

Jasmin strahlte. Jimmy meinte wieder "Jipieh!" und Bruce griff nach dem Arm der Androidin.

"Ich bin für eine leichte Ausweitung der Speisekarte."

"Der Getränkekarte, wolltest du sagen." Soviel Humor hätte er Christine gar nicht zugetraut. Bruce lachte verschmitzt, auch noch, als die beiden Erdenmenschen voraus in das Lokal gingen, das nur eine bessere Cafeteria war. Christine hielt ihn am Arm fest und drückte sich wie zu einer heftigen Knutscherei an ihn. Instinktiv griff er nach ihrer Taille.

"Wann wollen wir ihnen sagen, was für ein Verein wir wirklich sind?"

"Noch genügt die Story mit der internationalen humanitären Organisation, denke ich. Oder?"

"Denke ich auch, aber wenn er mal die ganze Ausstattung zu Gesicht bekommt – und das muss er – dann glaubt er nicht mehr an die großzügigen Millionäre, stimmt´s?"

Bruce konnte nicht anders, er musste sie küssen. Dann gingen ein nachdenklicher Mensch und eine nachdenkliche Androidin hinein. Christine dachte an die Zukunft. Die Zukunft der Guardians und ihre. Der Sandmann gefiel ihr mindestens so gut wie Bruce.




13. Traditionen gegen Alle.


Der Raum war mit einer Dunkelheit von dicken Tüchern ausgefüllt, die weich wie Samt die Wände bedeckten und einen heiteren hellen Duft ausströmten, der die Glocken läutete. Die Wände wurden schwach illuminiert. Karen saß nah bei Bruce auf dem langen weichen Polster. Die Oberfläche war glatt und warm. Saul hielt das Glas fest in der Hand. Seine Knöchel waren weiß, als er Bruce ansprach.

"Natürliches Denken! Das ist das Wahre! Denken im Einklang mit dem Universum. Aus dem Urgrund des Kosmos."

Seine Stimme klang rau und matt. Wie nach einer langen Nacht, dachte Karen und rückte leicht von ihm ab. Der Stoiker sagte nichts. Bruce drückte sich fester in den Sitz.

"Ewige Wahrheiten lassen keine Kritik gelten. Ich misstrauen so was." Karen konnte gerade "ich auch" hinzu fügen, da fuhr Saul auch schon dazwischen. "Kritik! Kritik ist doch nicht konstruktiv! Nur immer dagegen. Damit bringt man doch gar nichts zu Stande!"

"Dein sogenanntes natürliches Denken scheint mir aber", Karen sah schnell zwischen Bruce und dem anderen Mann hin und her, "eine Theorie des Denkens unmöglich zu machen".

"Ich brauche keine Theorie! Das Phänomen als solches genügt mir völlig!"

Der Stoiker hob den langen Hals hoch und sah an die Decke. Einer der Monde war durch die Kuppel zu sehen. "Ein Inhalt", setzte er an, "wird in der Reflexion gewonnen. Deshalb", er sah nun zu Saul hinüber und im Hintergrund des Sehschlitzes glühte es violet, "kann der Inhalt nicht durch alle Zeiten hindurch existiert haben. Denn die Reflexion verändert den Inhalt im Moment der Betrachtung."

Saul setzte das Glas so schnell und hart auf die Platte, dass die gelbe Flüssigkeit herausschoss. Ein süßer aromatischer Geruch wehte zu Bruce und seiner Geliebten hinüber. Saul stieß einen verächtlichen Laut aus.

"Man muss in Werte Vertrauen setzen. Sonst hat man als Mensch doch gar nichts, was einen von den Tieren unterscheidet."

Karen setzte das Glas vorsichtig auf ihre Knie und hielt es mit der Linken. Leise und langsam kamen ihre Worte heraus. "Ein überlegter Zweifel ist doch wichtig. Wie soll einer Vorurteile erkennen ohne Zweifel? Wenn ich alles für richtig halte – und das beinhaltet doch deine Rede vom Vertrauen - ,dann kann ich nur sehen, was mir eine Ideologie vorgibt. Nicht wahr?"

Saul stand schon während des letzten Satzes der Frau auf. Er sah sie wütend an. Sein Finger zeigte auf sie. "Das Sein offenbart sein wahres Wesen, indem es auf ewig da ist und schon da war."

Saul war schon aus dem Raum, als der Einheimische Karen unterstützte. "Nicht der Glaube an einen Zusammenhang, sondern die überlegte Formulierung von Prinzipien sind Teil eines systematischen Denkens. Nur ein solches kann die Wahrheit analysieren."

Er sprach noch von Vorurteilen und Toleranz, der dynamischen Anpassung einer Gemeinschaft an Bedingungen, die ein historisches Schicksal haben. Die beiden Menschen nickten bedächtig und schmiegten sich noch näher aneinander.

"Wenn wir eines Tages zurückkehren, dann müssen wir uns daran erinnern, das wir eine dynamische Gruppe bilden. Mit Abstimmungen und Beurteilungen von Einstellungen und Handlungen". Bruce stimmte Karen zu und küsste die Frau sachte auf die Haare. Karen lächelte und schloss halb die Augen. Bruce griff nach seinem Becher. "Wir dürfen uns keiner Ideologie verschreiben. Auch keiner mit ewigen Werten."






Die Frau steuerte den Wagen in die Seitenstraße. Sie fiel nur ein paar Arbeitern auf, als sie die wenigen Schritte bis zur anderen Seite ging. "Gute Figur, was!" "Ja, aber ich bin mehr für lange Haare. Aber jung genug wäre sie mir schon."

Die Frau betrat den Juwelier – Laden und ging zu einem der zwei Dutzend Schaukästen in dem hell getäfelten Ausstellungsraum. Niemand schien sie zu beachten. Alle hier drinnen waren attraktiv und schick. Frauen wie Männer. Sie griff an ihre Uhr und las die Zeit ab. Dann ging sie zu dem Angestellten neben der Haupttheke. Er schaute auf und lächelte. "Was kann ich für sie tun?"

"Ich habe dieses Armband von Cartier gesehen. Die Nummer Car 81. Kann ich das bitte anprobieren?"

"Natürlich!", die einladende Armbewegung eilte der Frau um Meter voraus. Der Verkäufer ging in den kleinen Raum voran, "Hier, bitte!"

Die Frau nahm Platz und der Angestellte drückte ein paar Tasten auf dem Computertisch.

"Ihre Kundennummer, bitte".

Die Frau nannte eine achtstellige Zahl und schaute wieder auf die Uhr.

"Entschuldigen sie mich bitte", murmelte der Verkäufer, nachdem er die Anzeige gelesen hatte und verließ schnell den kleine Anproberaum. Die Frau erhob sich rasch und stellte sich neben eine Vitrine mit einem mittelalterlichen Reichsapfel auf einem roten Samtkissen. Der Apfel zitterte leicht, dann fuhr er in die Tiefe. Die Frau und ein Quadratmeter des Fußbodens taten es ihm gleich.

"Hallo! Helga, Liebling! Wie gefällt dir mein neues Hauptquartier?"

Helga sah sich um, während der Reichsapfel sich mitsamt Kissen und Fußboden nach oben entfernte."Sieht ganz brauchbar aus".

Saul griff sie fest um die Hüfte. "Was hast du denn als nächste Aktion geplant, mein Lieber?"

Saul drückte seinen harten Körper an sie. "Wir haben jemand in der Abteilung, in der das Militär die neuen Laser – Flugzeuge wartet".

"Ein Clone, Schatz?"

"Nein. Einen von denen. Einen richtigen Menschen. Wenn auch aus der Anstalt. Aber das wissen sie nicht. Ich habe ihn zufällig entdeckt".

"Bei welcher Gelegenheit denn?"

Helga griff nach dem Drink, den Saul ihr gereicht hatte. Sie setzte sich neben ihn auf das Sofa. Saul legte sich zurück. Arme und Beine weit von sich gestreckt.

"Der stand auf unserer Liste der Personen, die wir aushorchen wollen. Die im Dunstkreis militärischer Einrichtungen arbeiten oder leben oder Kontakte haben. Wir haben schnell herausbekommen, das er nach einigen Dingen süchtig ist, die wir ihm dann großzügig beschafft haben".

Helga erfuhr, wie spezielle Clones ihm Drogen und Sex besorgten. Ganz wie der Offizier es sich erträumte. Seine Sucht wuchs mit seiner Abhängigkeit immens an. Helga nahm einen langen Schluck und sah Saul lange an. "Und dann habt ihr ihm unter Hypnose alles Weiter entlockt".

Saul nickte schnell mit zufriedenem Lächeln. "Der war leicht zu knacken. Dann haben wir ihn stabilisiert".

"Mit unseren Medikamenten, stimmt´s?"

Saul langte mit einer langen ausladenden Bewegung nach der Frau und küsste sie ausdauernd. Dann lehnte er sich entspannt zurück. "Er gehört uns, obwohl er noch selbständig denken kann".

"Noch".

"Noch. Auch das gibt sich! Bis dahin haben wir ihn so unterstützt, dass er eine brauchbare Karriere macht, die uns mit nach oben nimmt".

"Da versagen alle Anti – Spionageabteilungen der Menschlichen", Helgas dunkle Augen flammten auf wie zwei glühende Kohlen in der Nacht. Sie lehnte sich zu Saul hinüber und bedeckte seinen Körper mit ihrer verbesserten Figur. Ihre Implantate funktionierten hervorragend. Die von Saul standen ihnen in Nichts nach.




Saul trat auf die zerplatzte Keramik und schrie seine Wut in die Gesichter der anderen. "Sie haben alles zerstört, was für uns eine Bedeutung hatte".

"Sie haben uns eine zweite Chance gegeben". Der Sandmann stellte sich neben Karen und Helga. Bruce machte einen Schritt zu Saul hin und drückte den Wartungsbot mit dem Fuß zur Seite. Er hielt fasste Saul an der Schulter und redete so ruhig wie möglich auf ihn ein. "Sie haben uns zusammengeflickt. Unsere Leben gerettet. Und verlängert!"

"Wir müssen ihnen danken", meinte Karen von der Seite und näherte sich Saul vorsichtig. Helga sprang beinahe, als sie sich an ihr vorbei drängte und den Sandmann zur Seite wischte.

"Saul hat doch recht! Seht auch doch an. Wir sind die Zombies!"

Ihr Lachen kam stoßweise und sie warf den Kopf weit zurück. Bruce drückte sie an der Schulter zur Seite. Seine Haut war wie Eis und sein Gesicht ein Kampfgebiet. Er berührte fast ihre Nase. "Wir sind keine Zombies! Wir denken und wir fühlen. Und sind auch noch biologisch verbessert!"

"Verbessert!"

Saul wieherte seine Verachtung und seinen Schmerz hinaus. "Verbessert. Zu welchem Zweck? Das will ich wissen!"

"Immerzu testen sie uns. Bohren in unseren Köpfen herum". Helga drückte sich an Saul und sah Bruce herausfordernd an. Der sah Karen an. Er sprach Helga so sanft, wie es nur ging an. "Helga, du vergisst, dass wir normalerweise tot wären. Sie haben uns buchstäblich zusammengeflickt. Das konnten sie nur, indem sie die Baupläne aus unserem Wissen über uns selbst und die Menschen im Allgemeinen kennen lernten. Ihr Dank für ihr zusätzliches Wissen sind diese Verbesserungen".

Bruce schloss sich dem Standpunkt an. "Sie hätten uns auch liegen lassen können – oder uns zu Marionetten ohne Willen machen können..."

"...statt dessen", Karen fuhr an seiner Stelle fort, "gaben sie uns unser altes Ich zurück!"

Saul schüttelte heftig den Kopf und tigerte durch den Raum. Seine Arme waren Windmühlen. Dann griff er Helga mit einem Griff, der sie aufschreien ließ. Er zog sie so schnell er nur konnte am Handgelenk hinter sich her. Helga stolperte unentwegt über ihre Füße.

"Da gehen sie hin. Nettes Paar. So umgänglich!"

Karen und Bruce lächelten den Sandmann an. Dann zuckten sie zusammen. Die breiten Füße des Wesens waren geräuschlos und trugen den massigen Körper langsam in den Raum. Wie fast alle Einrichtungen auf dem Planeten hatte er keinen Türmechanismus. Niemand hatte den Stoiker eintreten hören. Plötzlich war er da.

"Hi! Was gibt´s?" , trällerte fröhlich der Sandmann, "neue Disco aufgemacht, nette Bar entdeckt?"

Karen musste sich die Hand vor den Mund halten und Bruce suchte dauernd seine Zehen. Der Sandmann musste sich unbedingt setzen. Der Stoiker studierte die Szene eindringlich mit ausgestrecktem Hals. Dann zog er sich zurück und sagte zur Decke gerichtet: "Ihr könnt jederzeit gehen". Nichts hätte weniger spektakulär betont werden können. Es war nur eine Mitteilung. Eine Aneinanderreihung von Wörtern zu einem Satz. Sonst nichts.










14. Geheimnisse werden enthüllt.

Das Hauptquartier der UNO hatte sich nicht sehr verbessert. Der hohe, einfallslos gebaute Wolkenkratzer schaute in der Abendsonne über den Fluss. Die Gruppe von Männern und Frauen, die sich hier versammelt hatte, tagte jedoch nicht in den oberen Etagen, die schon seit zwanzig Jahren aus Sicherheitsgründen der Verwaltung und den PR – Abteilungen vorbehalten waren. Inzwischen fanden Treffen wie diese mehr als zehn Stockwerke unter dem Straßenniveau statt.

Die Beleuchtung war gedämpft, nicht nur wegen der Projektionsfläche im Hintergrund. Grelles Halogenlicht war verpönt unter den Angehörigen der oberen Etagen von Geheimdienst und Politik.

Der graubetuchte Arm schwenkte von der Bildfläche zurück zum Pult und traf dort mit dem Monblanc – Füller zusammen. Das weiße Haupt nickte schnell, um den Flachbildschirm zu überfliegen, dann berührte die manikürte Hand schnell und geübt den Touchscreen an drei verschiedenen Stellen. Ein Text und diverse Links zu Grafiken und Videos tauchte auf. Das Haupt wurde leicht erhoben und wechselte in schnellem ungleichen Rhythmus zwischen diesen beiden Stellungen.

"Wir sind hier als NATO – Mitglieder versammelt, wobei ich besonders die östlichen Partner begrüßen darf! Ich möchte ihnen gleich ein paar wichtige Ergebnisse zu Teil werden lassen. Der Sinn dieser vertraulichen Mitteilung ist es, Vertrauen zu schaffen und zu verstärken. Sie werden sehen – so hoffe ich – wie notwendig eine konzertierte Aktion unserer Informationsdienste ist. Lassen sie mich zu Anfang eine kleine Geschichte erzählen. Sie beginnt vor einem Monat, als ein junger Mann auf dem Mond zufällig ein Stück Metall aufhebt".

Der Assistent von SACEUR im Referat für koordinierte Informations – Auswertung referierte über Jimmys Fund.

"Nebenbei bemerkt ist dieser Mann mitsamt seiner Freundin verschwunden. Das gilt auch für die Leute, die jenes unautorisierte Shuttle flogen. Die Wrackteile werden noch untersucht".

Ein Glas Wasser. Weiter im Vortrag!Geschäftsmann – Stimme im grauen Anzug. Zweireiher. Niemand hätte in dieser Versammlung auf den ersten Blick die Leiter – oder wenigstens Abteilungsleiter – der großen europäischen Geheimdienste vermutet. Der Redner gab sich Mühe. Glaubwürdigkeit war verordnet. Nicht nur aus PR – Gründen. Angst. Erschrockenheit. Macht. Er beschwor mit volltönender Stimme gekonnt die bisherigen Erfahrungen, vergaß gerne die Konflikte der Anfangsjahre und den schleichenden Boykott des Ostens, seit man gewahr wurde, dass der Westen kein Interesse daran hatte, sich an die Bedingungen Putins und seines Nachfolgers anzupassen. Der permanente Einsatz seit zwanzig Jahren im Kosowo hatte die unterschwelligen Rivalitäten auf allen Ebenen mehr verschärft als eingeebnet. Jeder wollte beweisen, dass seine Mannschaft die bessere war. Ein Erfolgszwang, der seinen ursprung in nationaler Politik hatte. Nur wer im Parlament nachweisen konnte, am effektivsten Spionageakte, Sabotagemanöver und Intrigen stricken konnte, bekam im folgenden Haushalt höhere Mittel bewilligt. Darum gab es auch immer noch die NATO. Militärisch hatte sie seit den Sechzigern keine Funktion mehr. Doch Millionen von Lobbyisten mit und ohne Uniform in gesicherten Positionen, Medien – Leute und Politikwissenschaftler ohne den Wunsch nach neuen Wegen und die Zulieferer für Uniformen und Geräte hatten für den Vortbestand der Organisation und der Ausschaltung der konkurrierenden OSZE gesorgt. So setzten sie ihre Auffassung von Wirklichkeit durch. Eine straff organisierte Wirklichkeit, in der nichts dem Zufall überlassen werden durfte und man deshalb über Alles und Jeden sackweise Informationen sammeln musste. Denn das taten schließlich alle anderen auch.

Der Assistent schonte seinen teuren Zwirn und demonstrierte die Eleganz einer Statue. Hinter ihm wurden Standbilder eingeblendet. Sein Auditorium waren zwei Dutzend Männer und Frauen, die große Mühe darauf verwandt hatten, alle gleich auszusehen.

"Wir haben zusammen mit den Deutschen und den Franzosen festgestellt, dass es sich bei dem besagten Metall um eine Legierung handelt, die weder auf der Erde noch auf dem Monde bekannt ist, noch überhaupt", leichtes Wippen zur erhobenen Hand, "noch überhaupt dem derzeitigen Industriestandard irgendeines Staates auf dieser Welt entspricht. Ich weise darauf hin, dass bereits inoffizielle Absprachen verschiedener Firmen stattgefunden haben".

Niemand zweifelte daran, die Namen und Nationalitäten dieser Unternehmen zu kennen. Spionage war schon im zwanzigsten Jahrhundert weniger die Abwehr von feindlichen Attacken als die Beschaffung von wirtschaftlichen Vorteilen durch das Entwenden von Dokumenten.

Der Redner beendete seinen Vortrag und gab das Wort an einen älteren Herrn ab. Den hätte er nicht erst als General vorstellen müssen. Auch ohne Dienstkleidung trug er seine gestärkte Uniform am Körper. Schultern, Arme und Stimme. Ein einziger Kasernenhof. Sein Anzug war so korrekt gebügelt wie seine Worte bemessen. Sie kamen kantig über die geraden Lippen. Er vermied jedwede Metaphorik, sprach nicht von den bedeutenden Leistungen von Industrie und Forschung. Er war der Super – Gau jedes PR – Heinis. Keine Entscheidung war ihm als Geschenk an das Publikum möglich. Entscheidungen mussten getroffen werden. Jemand musste es tun. Er. Verstehen mussten es einige. Akzeptieren alle. Die Schultern beschrieben jetzt eine halbkreisförmige Linie von oben nach unten. Die Arme hingen gerade herunter. Keine Rhetorik – Fummelei – Körpersprache kam mit seiner Botschaft.

"Wir haben zusätzliche Warfighters und Airborn Lasers installiert".

Das war eine Feststellung. Nur keine Aufregung. Kein Grund dazu.Nur ein paar Zuhörer reckten sich noch vorne. Das konnte sich gleich ändern.

"Wir müssen davon ausgehen", sprach der General gleichmütig, "das wir Besucher haben. Besucher, die nicht vom Mond oder von der Erde stammen: Außerirdische".

Die sich vorgereckt hatten, sackten nach hinten, die lässig zurückgelehnt gesessen hatten, schossen ihre Köpfe zum Rednerpult oder ließen die Hände vom Tisch fallen.

"Was reden sie denn da!"

"Spinnt der Mann!"

"Herr General! Sind sie sich der Tragweite ihrer Behauptung bewusst?"

Der General überhörte diese,wie auch andere Fragen nach seinem Gemüts – und seinem Geisteszustand.

"Meine Herren! Sie können gleich behaupten, dass wir nur dummes Zeug reden. Doch sie sind vom Fach und keine Politiker. Die kommen erst in der nächsten Runde hinzu".

Der General war wieder aufgestanden. Seine Stimme trug besser im Stehen.

"Sie kennen doch alle die Berichte der CIA und der östlichen Dienste".

Die Damen und Herren kannten das Metarial, auf das sich der General berief. Keiner hatte diese Schlussfolgerung ziehen wollen. Immerhin kämpften die Firmen auf dem Mond bis an des Messers Schneid um ihre Markanteile.

Einer der östlichen Gäste erhob sich langsam. Sein runder Kopf nickte freundlich in alle Richtungen und die Schultern verneigten sich. Bakunin hob die Hände bis auf die Höhe seiner Ellenbogen und setzte an.

"Lieb Freunde!" Kopfnicken. "Wir haben das gleiche Material gesichtet wie sie. Meine politischen Auftraggeber sind, wie sie mir vor meiner Abreise", ein freundliches Nicken nach links, "versichert haben, an sehr guten Beziehungen interessiert. Wir wollen darum kooperieren". Kopfnicken nach rechts. Vergeblich. Da saßen die Vertreter des Baltikums und mochten weder sich noch sonst jemanden. "Wir bestätigen ihre Einschätzung!" Kopf nach oben, die Hände fast an den Schultern.

Der General dankte, indem er sich kurz vom Sitz erhob. Beiderseitiges Nicken.

Menschen, die wild auseinander stieben und gestikulieren sind kein schöner Anblick. Niemand konnte im Sitzungssaal davonlaufen. So liefen sie alle im Sitzen und im Stehen. Ein Meer von ertrinkenden auf dem Trockenen. Der Redner vom Anfang trat wieder an den Vordergrund.

"Der General wird bis auf weiteres beim SACEUR die Alien Task Force, kurz AFT, leiten. Die anderen Regionen schließen sich in Kürze an. Damit es aber keine rein militärische Angelegenheit bleibt, wollen wir vorschlagen, dass sie – und die angeschlossenen Politiker – sich der ATF anschließen!"


Der Airborne Laser war so lang wie der Jumbo, der ihm als Kokon diente. Über die gesamte Länge erstreckte sich die Unterdruckröhre. Dort loderte die Fackel der Rüstungsindustrie und verdampfte eine Sekunde später ihre Existenz. Die Maschine flog nicht ohne Begleitung. Die AWACS – Maschinen waren ihre Spürhunde und die Jäger 90D, auch Eurofighter genannt, tauchten um den mächtigen Rumpf der Maschine mit der gigantischen Waffe im Bauch. Der Monitor hinter dem General von mit einer Herde weißer Wolken bedeckt, die langsam über das Blau wehten. Plötzlich kam Unruhe in die verwehten Ballen. Sie stoben auseinander, zerplatzten und wurden dünne Rauchkringel um die Maschine herum.


"Sehen sie! Wir haben es noch nicht veröffentlicht, aber hier sehen sie, was ihnen ja wohl bekannt ist. Der Laser – Jumbo ist erheblich schneller als die Passagierversion". der General geriet nun doch leicht aus der Raubeinversion und schleuderte einen Schuss ins Publikum. Als würde er selber am Knüppel sitzen. "Wir fliegen ihn bis Mach 1,7!" Seine Kugel fegte ins Ziel. Mitten in die Scheibe. Einzelne Gäste erhoben sich. Theoretisch kalter Kaffee für sie. Doch die Bilder hatte gewirkt. Sie hatten noch kein Filmmaterial gestohlen. Der Jumbo war nocheinmal formatfüllend auf der Leinwand erschienen. Dann schien etwas seine Aufmerksamkeit zu verlangen. Seine Nase dippte in das Wolkenmeer unter ihm und die Maschine versank in den Fluten. Nur noch die Schwanzflosse ragte heraus. Ein Schnitt zu den AWACS zeigte eine Karte, auf der die Jager und andere Fluggeräte blinkend über eine eingeblendete Lageskizze huschten. Die Skizze war mit leuchtenden Symbole versehen. Ein großes Dreieck kratzte schnell über den Monitor und schnitt ein Drittel aus dem Kreis heraus. Schon hob der Jumbo wieder die Nase. Nicht hoch genug, um die Wolken zu schnüffeln. Hoch genug aber, um auf einer Ebene mit den UFOs zu liegen. Im Kontrollraum der AWACS gingen die roten Lichter an, die weißen aus. Die Soldaten saßen mit Augen vor den Terminals, die nur das Licht durchließen, was sie brauchten, um den Pfeil des Jumbos von dem roten Dreieck des UFOs zu unterscheiden.




Sarah lächelte und schlug mit der linken Hand ihre langen dunklen Haare zurück. In dem kalten Licht der Station hatten sie einen blauen Schimmer. Der Mann vor ihr war sichtlich beeindruckt, von dem, was sich ohne unnötigen Dessous unter der Bluse wölbte. Er lächelte zurück. "Warten sie bitte hier. Der Major kommt gleich". Sarah setzte sich auf den Schreibtisch und legte ein Bein über das andere. Der Major war moralisch schwer erschüttert. Seine Augen drehten und mühten sich. Sein Schritt war so unsicher wie die Kontrolle seiner Hände. Seine Blicke gingen den Weg, den seine Hände gerne genommen hätten. Von den vollen Oberschenkeln weiter nach oben über die schmale Taille und weiter nach oben.


Jimmy saß vor dem Computer im Forschungslabor. Während er durch die Software klickte, ließ er die letzten Wochen Revue passieren. Jimmy und Jasmin waren von den Guardians mit neuen Identitäten ausgestattet worden. Es ging den Guardians darum, sie in die NATO – Basis von SACEUR einzuschleusen. Hier wurden wichtige Informationen gesammelt und ebenso wichtige Entscheidungen getroffen. Jimmy hatte mit Leichtigkeit den Aufnahmetest für eines der Labors bestanden. Jasmin war sehr schnell und wenig überraschend als Hostess akzeptiert worden. Jimmys Labor war mit Metallurgie und der allgemeinen Auswertung internationaler Daten dazu beschäftigt. Die Daten kamen auch von der Mond – Basis der Erde. Seine Qualifikation erlaubte ihm einen großen Aktionsradius beim Bearbeiten und Recherchieren, was die Verwendbarkeit von Metallen und ähnlichen Stoffen für den Bau von Waffensystemen und Flugzeugen betraf. Auch einige Privat – Labors einiger Industrieunternehmen waren in diesem Datenverbund zusammengeschaltet. Jasmin und er hatten sich bei vielen Gelegenheiten wie zufällig getroffen. Das sie sich nun häufiger trafen, musste für jeden zufälligen oder professionellen Beobachter als nur natürlich erscheinen. Jimmy ließ im Computer ein Programm laufen, mit dem er bestimmte Eigenschaften von Materialien parallel vergleichen und in einer Simulation vordefinierten Belastungen aussetzen konnte. Er hatte schon ein paar Stunden mit der Software gearbeitet, als der Sicherheitsalarm ausgelöst wurde. Der Computer sperrte alle Zugriffsmöglichkeiten und alarmierte den Administrator.

"Schöner Mist!" Der Chemiker neben ihm war sauer. "Jetzt dauert es wieder Stunden, bis die Freigabe kommt!" Immer dasselbe. Was hast du denn gemacht, Jim?"

"Keine Ahnung, Danny. Ich suche nach kompatiblen Legierungen für den neuen ON – Board – Laser. Dabei bin ich wohl jemand ins Gehege gekommen". Er seuftze scheinheilig und runzelte die Stirn sichtbar genug. Danny klopfte ihm auf die Schulter. "Keine Sorge! Kann nicht viel passieren. Du bist ja erst vor Kurzem durch den Sicherheitscheck. Die drehen dich jetzt nicht noch mal durch den Wolf".

Er ging zurück an seine Workstation und sah nicht, wie Jimmy mit einer raschen Bewegung über seine Stirn wischte.


15. Ein Virus und die Folgen.


Lunar Trucks waren keine Schönheit. Sie sahen von vorne aus wie die Space – Shuttle der früheren NASA. Ihre Breite war ungefähr die von zwei amerikanischen Trucks. Oder auch australischen. Hinter dem Cockpit befand sich eine Behausung für zwei Personen. Dahinter waren die Wasserstofftanks für die Generatoren montiert. Die Generatoren hinter diesen Tanks lieferten ihren Strom an die Antriebsachsen. Der erste Hänger war wie gewöhnlich für Fracht vorgesehen und bestand aus vier bis sechs langen Rechtecken, die mit Streben verbunden waren. Von außen versteckt, durchzog das Ganze ein Korridor mit kreisförmigem Querschnitt. Am Ende ging der Durchgang in eine bewegliche kleine Brücke über. Hinter dieser war die Passagierkabine angekoppelt. Sie war sechs Meter im Durchmesser und bot auf zehn Meter Länge acht Menschen Unterkunft für wochenlange Fahrt quer über den Trabanten. Vom Südpol bis zum Meer der Ruhe. Die Fahrt war ohne Zwischenfälle gut gelaufen. Die Fachkräfte waren zufrieden und genossen die Fahrt, die nicht vom Urlaub abgerechnet wurde. Der Truck näherte sich auf ein par Kilometern der Docking – Station der Mondbasis.

Genau in dem Moment, als der Truck von der Hauptfahrroute auf einen der Zufahrtswege wechselte. Am Übergang von der Staubpiste und dem durch aufgelegte Gitterplatten befestigten Weg, schlug die Steuerung leicht aus.

"Hey! Check mal das Lenkmodul!"

Der Fahrer hatte sich nicht einmal nach dem Beifahrer umgedreht. Husky, der zweite Fahrer und Navigator, tat so, als hätte er den unfreundlichen Ton nicht bemerkt.

"OK. Suche läuft! Alle Funktionen bisher ohne Fehlermeldung!"

"Hoffen wir, dass das so bleibt, was!", schnauzte Fritz, der Fahrer zurück. Als hätte der Computer darauf geantwortet, blieb der Truck schlagartig stehen. Der heiße Kaffee des Chef – Piloten spritzte durch das Cockpit.

"Verdammt, aua! Mein Gesicht! Mein Gesicht!" Fritz brüllte wie auf dem Kasernenhof.

"Warte mal, ich helfe dir!" Husky öffnete seinen Gurt und drückte sich leicht ab. Ein Schritt brachte ihn neben den brüllenden Fahrer. Der hielt sich sein Gesicht und schrie in allen Tonlagen. Husky konnte sehen, wie rot und verbrannt die eine Wange war. Rohes Fleisch! Gestank von Kaffee mit verschmorter Haut. Ihm wurde schlecht. Der Fahrer schlug wild um sich und wie rasend auf die Konsolen und Kontrollen ein. Husky stellte sich hinter ihn. Dann löster er den Gürtel von seiner Indoor – Raumhose und hielt ihn bereit. Als Fritz die Hände eine Sekunde vom Gesicht nahm, um wieder auf seine Knie einzuschlagen, beugte Husky sich vor. Schnell packte er die Handgelenke des Fahrers und zog die Arme hinter die Rückenlehne.

"Auuu! Bist du verrückt? Du Hund! Lass mich los!"

Husky nahm den Gürtel und band die Hände des Mannes zusammen. Vom wilden Fluchen und Keuchen des anderen begleitet, fand er im Verbandkasten den Injektor. Er zog eine Ampulle auf und setzte das Gerät an den Hals des Fahrers. Es gab ein schnelles klatschendes Geräusch. Dann war das Medikament in der Blutbahn. Wenige Sekunden später ließ die Toberei des Mannes nach. Dann schlief er ein. Husky holte das Brandspray und das Verbandszeug.


In der Passagierkabine waren mehrere Gäste kollidiert, weil sie ihre Plätze verlassen hatten, um ein wenig durch die Lounge zu schweben. Man konnte sich dabei gut unterhalten und war fast so schwerelos wie im freine Raum. Das wirkte sich aus irgendeinem Grund günstig auf die Stimmung aus und mit dem wie immer eingeschmuggelten Alkohol wurden auch diesmal wieder lustige Feste gefeiert. Die Gesellschaften verboten zwar offiziell die Ausgabe von Alkohol und verlangten die Beschlagnahme. Doch das Personal hielt sich nur daran, wenn es die Gäste zu wild trieben.

Die Party war im vollem Gang, als der Truck zum Stehen kam. Niemand hatte sich angeschnallt. Schließlich war es noch eine gute Stunde bis zum Dock – In an der Station. So stießen ein paar Damen und Herren heftig zusammen. Da aber jede Kraft eine Gegenkraft erzeugt, schleuderten sie augenblicklich genauso schnell in die andere Richtung davon. Einige Flugbahnen überschnitten sich. Der Alkohol machte daraus ein einziges lautes "Hallo" und "Hurra!".Es war nach wenigen Minuten ein ausgelassenes Ping – Pong, nur das die Menschen die Bälle waren. Nur die Hostessen waren nüchtern genug, um erschrocken zu sein. Eine drehte sich gleich auf ihrem Sitz zur Schalttafel und schaltete das Bordcom ein. Die wilden Schreie aus dem Cockpit ließen sie erstarren. Sie ging sofort auf Kopfhörer und schaltete den Lautsprecher aus. Dann gab sie ihrer Kollegin ein heimliches Zeichen.




Der Sandmann setzte sich auf den Hocker und drehte leicht den Kopf. The Corrs. Lange nicht gehört, passen aber gut in einen English Pub! Er griente. Desi stützte das Kinn in die Hand. "Du magst diese Oldies? Ich finde sie auch gut. Und Christine ist völlig verrückt danach. Diese Stimmung und Lustigkeit. Das mögen wir. Weiß nicht, warum!"

"Ist einfach Klasse – Musik! Das geht eben voll rein und wieder raus. Wo ist denn Christine?"

Desi straffte sich und blickte den Sandmann an, "Zu Hause nicht. Ich glaube, sie hat noch beruflich zu tun".

Auch Jimmy verstand den Wink und nippte am Kilkenny. "Na ja, über den Job wollte ich auch was sagen".

Der Sandmann stellte den Scotch ab und steckte die Hände in die Taschen. Sein Blick schweifte über die leeren Glenfiddich – und Jameson – Hüllen, die schmutzigen Tische und die jungen Leute. Er hielt sie für Studenten. Er schnappte ein paar Sprachfetzen in Deutsch und Englisch auf.

"Ja, fürchte in einer Stadt wie Hamburg muss man über das Geschäft reden. Du musst dir deinen Job woanders suche. Jimmy – Boy!"

Sie lachten und Desi zog ihre Jeans – Jacke etwas mehr zusammen. Es war zu viel zu sehen, was Jugendliche verwirrte. Jetzt war nicht die Zeit, dachte sie, für einen Flirt. Jimmy wollte Infos weitergeben und Sarah war hier. Direkt aus Brüssel. Auf dem Weg nach Berlin. Jimmy sah die Androidin mit Wohlgefallen an. Desi bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.

"Schieß los!", ermunterte ihn der Sandmann mit einer hingeworfenen Handbewegung. Jimmy zog einen Memory – Stick aus dem Blouson. "Greatest Hits" stand auf dem Cover. Von einer bekannten Gruppe der Zeit. Er gab den schmalen Speicher dem Mann direkt in die Hand.

"Die habe ich mir neulich kopiert. Ganz gut. Für Partys und so!"

Er musste genauso schreien wie die anderen. Der Klangbrei aus Musik und Gemurmel war frenetisch. Jimmy fuhr fort und beugte sich dabei weit nach vorne über den Tisch. Der Sandmann nahm die Hände aus den Taschen und Desi legte ihre Oberweite auf die Platte.

"Also, ich hatte mächtig Ärger. Weil ich nach seltenen Metallen und Plastiklegierungen gesucht habe. Die Datenbank gab prompt Alarm. Der Sicherheitsdienst hat mich dann eine Stunde lang in die Mangel genommen. Hab echt geschwitzt!"

Die anderen sahen sich kurz an. Jimmy schob die Hand vor. "Keine Bange! Meine Vergangenheit ist doch echt!"

Noch ein schneller, kleiner Blick vom Sandmann zu Desi. Jimmy atmete tief durch. "Also: die waren weniger wegen meiner Anfrage beunruhigt. Es ging um etwas anderes, wie sich mit der Zeit herausstellte. Es gibt offenbar einen gewissen Datenverlust, der sich nicht richtig bestimmen und erklären lässt".

"Datenerlust?", echote Desi und nahm zur Tarnung einen Schluck Wein," was denn für Daten?"

"Das ist es ja! Es scheint nichts zu fehlen. Alles noch da. Aber stellenweise verändert".

"Wie verändert", wollte Desi wissen und schob sich vor.

"Es scheint so zu sein, dass neuere Daten, Forschungsergebnisse, durch ältere ersetzt werden. Das geht wahrscheinlich schon länger so".

"Welche Bereiche sind betroffen?"

"Alle, Desi, einfach alle! Irgendwer oder irgendwas setzt den aktuellen Forschungsstand wieder zurück. Und das bei laufenden Projekten!"

"Und was ist mit älteren Projekten?" Der Sandmann sah Jimmy mit verkniffenen Augen an.

"Auch da! Sie versuchen jetzt, alle alten Daten abzugleichen. Aber da scheint was nicht zu klappen. Weiß nicht, was. Aber sie haben, glaube ich, Probleme an korrekte ältere Daten zu kommen. Und das scheint bei anderen Unternehmen im Zivilbereich auch so zu sein!"

"Was könnte das bedeuten?"

Der Sandmann hatte Desi angesehen. Die setzte sich leicht zurück, hielt den Kopf gesenkt. "Das weiß ich nicht! Ich muss andere Quellen haben. Zusatz – Informationen. Vielleicht auch von Sarah. Wenn sich die Sicherheitskräfte von Unternehmen und Regierungsstellen damit beschäftigen..."

"Unternehmen, die Aufträge aus NATO – Bereichen ausführen!", unterbrach Jimmy heftig und leckte sich die feuchten Lippen in Richtung Desi.

"...genau, dann steckt einiges mehr dahinter! Wir werden uns morgen mal die Hits anhören. Dann rede ich auch mit Sarah. Die muss sowieso noch ihren Bericht abgeben – für die Abend – News!", fügte sie laut hinzu, als ein paar Twens nahe an sie heranrückten. Ihre Bluse immer fest im Blick. Sie setzte sich näher an den Sandmann. Ein langes Gesicht von einem der jungen Männer sah sie an. Der Sandmann grinste, dann sprach er die Androidin an.

"Soll ich mit Christine ein bisschen die Lage sondieren? Ein paar Leute sprechen, solche Sachen?"

Desi analysierte die Lage als amüsant und fabrizierte ein amüsiertes Lächeln. "Du kannst mit Christine jederzeit Kontakt aufnehmen. Was ihr dann macht, muss nicht auf berufliche Themen beschränkt sein".

Das Desi ihn durchschaute störte ihn nicht, er mochte sie wirklich. Doch das Grinsen des mannes gegenüber, trieb ihm eine Röte ins Gesicht, die zwischen Zorn und Ertapptsein balancierte. Jimmy fand den Mann symphatisch – und weit weg von Jasmin. Darum wollte er den Sandmann nicht so sehen.

"Desi und Bruce könnten ja auch mehr im Geschäft arbeiten, wenn sie nicht so sehr mit ihrem Sport beschäftigt wären".

Der Sandmann lachte laut und mit weit offenem Mund. Desi wusste nicht, wieso von Sport geredet wurde und wollte zu einer Frage ansetzen. Der Sandmann hob den Arm und wedelte mit der Hand vor ihr herum. "Nimm das mit dem Sport bloß nicht wörtlich. Mach eine ideomatisch – gesellschaftliche Analyse davon".


Der Global – Terminal nahm die Hälfte des Raumes ein. Er bestand aus einem holografischen Bild und einem Dutzend Monitore. Auf ihnen waren die Statusanzeigen der größeren Stationen zu sehen. Nathan und die Chefs der Stationen kommunizierten. Desi leitete die Konferenz. Bruce stand neben ihr. Nathan hatte die Daten über die Viren untersucht und verschiedene Szenarien extrapoliert.

"Es sieht so aus, als wenn moderne Entwicklungen ausgelöscht werden sollen. Dazu werden kleine Fehler oder Lücken eingesetzt".

"Dann gibt es aber immer noch Manuskripte", warf Desi ein und streckte sich.

"Richtig", Bruce brummte mehr, als er sprach, "und die Autoren. Die Wissenschaftler! Es sei denn..."

Nathan brach unbeirrt in dieses Schweigen ein. "Es sei denn, wie du wohl vermutest, dass diese Unterlagen oder ihre Autoren verschwinden".

Er machte eine Pause. Auf dem Holo – Screen erschienen einige Namen und Fotos. Sie waren ausnahmslos mit Institutionen und Organisationen betitelt, die in Forschungsbereichen arbeiteten. Nathan ließ seine Stimme wieder durch den Raum klingen. "Nach den Polizeiunterlagen, zu denen ich mir Zugang verschaffen konnte – Desi hat sehr geholfen – kann ich mit 80,98prozentiger Wahrscheinlichkeit folgern, dass einige Unfälle und Brandstiftungen in einem Zusammenhang mit den Viren der Kynianer stehen".

Anders als die Stimme des Global – Computers, die wie immer neutral war, hatten die Menschen um Bruce ihre Unruhe nicht verbergen können. Irish platzte direkt heraus. "Diese Hunde wollen uns wohl in die Steinzeit befördern!"

McLean ratterte los. "Wenn die alle Entwicklungen sabotieren können, werden wir bald in einer anderen Gesellschaft leben, nicht wahr?"

Wenn Computermonitore ein Geräusch machen würden, hätte man nichts anderes zu hören bekommen. Würden Gesichtszüge rattern, wäre das Getöse unerträglich gewesen. Nathan analysierte die Lage als gespannt und gab bekannt, dass er für eine globale Zusammenkunft des Plenums plädiere.

"Ok!"

"Ja, gut", war der gedämpfte Kommentar von Bruce.

"Ich werde das koordinieren, sobald ich die soziologischen Daten und die Krisen – Analyse bearbeitet habe". Desi war unerschüttert. Jedenfalls aus der Sicht der Menschen. Für sie selbst war ihr Zustand der einer erweiterten internen Systemanalyse. Die größte Schwierigkeit war für sie, ihre abstrakte Zuordnung von Emotionen auf die aktuelle Situation. Es bereitete ihr Probleme, ihre Identifikation mit den Guardians auf alle Menschen auszudehnen. Sie war für Progression ausgelegt, ständige Modifikation, Adaption bestehender zustände und die Weiterentwicklung auf dieser Basis. Nicht Stillstand oder gar Retardierung existierender Entwicklungen. Wie konnten Menschen so leben? Mit einer bewussten Aufhebung fortschrittlicher Entwicklungsstadien. Sie musste sich mit Nathan beraten. Der schien eine Gefahr für ihre Existenz zu sehen, wenn mehr Menschen als die Guardians mit den Absichten der Kynianer konfrontiert würden. Nein! Nicht konfrontiert. Im Unterschied zu den Guardians würde es keine bewusste Auseinandersetzung mit der Infiltration geben. Vielmehr wäre es eine stetige und heimliche Unterwanderung der Mehrheit. Ihre Meinungen würden durch die Manipulationen der Grundlagen im Sinne der Kynianer verändert. In allen denkbaren Bereichen des Lebens würden die anti – progressiven Ideen wie ein Virus verbreitet! Wenn Nathans Analyse richtig war, dann würden diese Manipulationen die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrhunderte, entscheidend beeinflussen. Moderne Entwicklungsphasen würden ihren Unterbau verlieren. Anpassungen an veränderte Ausgangslagen verzögert oder ganz ausgelassen.

Bruce sah seine androidische Freundin von der Seite an. Er hatte sie die ganze Zeit um die Hüfte gefasst. Daher hatte er sofort die Veränderung bemerkt. Ihre simulierte Atmung hatte ausgesetzt.




Helga krallte die Hände in das Wasserbett. Ihre Knie suchten Halt. Der Mann gab keine Ruhe. Wieder war er da. Und wieder und wieder. Sein Implantat kannte keine Müdigkeit. Helga spürte die Tränen über ihre Wangen rennen. Sie sagte nichts. Sie wartete. Als Saul endlich aufhörte, legte er sich neben sie und sah an die Decke. Helga lag noch eine Weile auf dem Bauch. Einfach liegen bleiben. Lange. Vorsichtig wendete sie ihren Körper. "Ich springe rasch unter die Dusche", flüsterte sie dem Mann zu. Dann stand sie hastig auf. Sie stolperte über den Mini am Boden. Die Tür flog hinter ihr ins Schloss. Das Bad war weiß. Das Licht war weiß. Das Becken. Alles. Ihr Gesicht viel rot auf. Sie griff mit den Händen an ihre Oberschenkel. Tief gruben sich ihre Finger in das Fleisch. Sie betrachtete ihr Gesicht blinzelnd. Die Augen dick. Die Lippen blutig. Sie stützte sich auf den Rand des Waschbeckens. Ihre Lippen schmeckten heiß und wund. Sie presste sie solange zusammen, bis der Schmerz danach den davor vertrieb. Dann öffnete sie das Fach unter dem Spiegel an der Wand.

Saul grinste, als sie wieder ins Bett kletterte. Sie rutschte in die Mitte. Ihr Gesicht war gelöst. Die Haut war glatt. Sie lächelte freudig, ja, entzückt über den Anblick des Mannes vor ihr. Dann lag sein schwerer Arm auf ihrer Hüfte und die Frau schmiegte sich nah und fest an seine Pectoralis – Muskeln.

"Die Sache läuft fast von selbst. Petra hat ein paar Typen angemacht, die in diversen Regierungsstellen arbeiten und ihre Zugangscodes im Schlaf ausgeplaudert haben. Das Mittel wirkt hervorragend und ohne Nachwirkungen. Jetzt müssen wir noch ein paar Stufen höher in der Hierarchie. Industrie und Politik!"

Helga murmelte etwas.

"Was sagst du?"

"Ich fragte, ob Petra das auch alles schafft".

"Nein, glaub ich nicht. Darum werden wir dich noch attraktiver gestalten".

"Wozu?" Helga hatte sich noch tiefer in die Schlucht zwischen den Muskelbergen vergraben. Ihre Stimme war voll banger Ahnung.

"Weil du, mein Schatz", Saul hob sie aus der Senke und nahm ihr Gesicht zwischen Daumen und Rest der Hand, "den Hauptanteil an der Arbeit machen wirst!"





Sie gingen Seite an Seite den Korridor entlang. Er schien endlos lang zu sein und sehr breit. An einigen Stellen waren weder Wände noch eine Decke auszumachen. Der Stoiker setzte seine Huffüße lässig und elegant. Bruce und Saul gingen an jeder Flanke.

"Ich kann euch sagen: es geht um Spracherwerb. Das ist für unsere beider Spezies von großer Bedeutung für das Sein und Alles im Leben".

Bruce räusperte sich und überlegte, bevor er sprach. "Ich weiß, dass der Erwerb von Sprache mit den Strukturen des Gehirns zu tun hat".

Der Stoiker stimmte ihm zu und Saul gab ein guturales Lachen von sich. "Dann müsst ihr doch nur eure eigenen Köpfe auseinander nehmen, um etwas über uns zu erfahren. Jedes Gehirn macht doch das Gleiche. Delphine zum Beispiel haben ein Gehirn, das genauso aussieht wie unseres".

"Das weiß ich aus Filmen", Bruce sah nachdenklich auf den sportlichen Mann, der im gleichen Alter war wie er und auch äußerlich nicht viel anders. Bei ihrer Ausbildung zum Astronauten hatten sie immer vergleichbare Leistungen erbracht, "aber diese Tiere sind nicht schlauer als Hunde".

Der Stoiker trabte jetzt weiter und drehte dabei seinen Sehschlitz zu Bruce. Es glühte grünlich dahinter. Bruce vernahm kleine gelbe Einsprengsel darin.

"Symbole zuordnen können viele Spezies. Wir kennen einige, aber syntaktische Regeln können nur von Spezies mit einer Universalgrammatik angewandt werden".

Bruce senkte den Kopf. Saul schniefte lautstark. "Was ist denn das schon wieder: Universalgrammatik?" Der Stoiker drehte sich zu ihm herum, nachdem Bruce gesehen hatte, wie das Gelbe verschwand.

"Universalgrammatik" , näselte er mit seinen breiten Lippen unter den kleinen Atemlöchern. "ist die Basis für das Erwerben von Sprachen in einem sozialen Kontext". Saul war davon wenig beeindruckt und trottete lustlos weiter. Bruce empfand ein Gefühl der Unruhe. Er sagte das dem Stoiker, der sich offenbar ein beachtliches sozialwissenschaftliches Vokabular zugelegt hatte. Nur Aussprache und Betonung waren seltsam anzuhören für menschliche Ohren. Bruce wollte wissen, was die Erkenntnis über menschliche Sprachen ihnen, den Stoikern, geben konnte.

"Mehr vom notwendigen Verstehen von euch und eurer Kultur".

"Wie geht das denn?" Sauls Stimme klang wie er ging. Vornüber gebeugt, mit den Füßen über den Boden schleifend, die Hände in den Taschen. Der Stoiker schien das analysieren zu können, dachte Bruce. Jedenfalls blickte er nur kurz zu Saul und drehte seinen Sehschlitz dann wieder zu Bruce.

"Nach unseren Erfahrungen können nur die, welche mit einer bestimmten Sprache als die erste, die sie hören, falsche Satzkonstruktionen korrekt und ohne überflüssige Denkleistungen erkennen".

"Oh, ich weiß!", Bruce klang aufgeregt,"wenn man in einem bestimmten Zeitfenster keine Muttersprache erlernt hat, entsteht kein spezifisches Verarbeitungssystem. Keine, wie sagt man, neurologische Basis für das syntaktische System".

Der Stoiker stimmte zu, während sie langsam den endlosen Korridor entlangschritten.

"Wollt ihr wieder in unseren Köpfen herumstochern?" Sauls Frage war eine Anklage. Und Saul hatte sie auch ernst gemeint. Bruce drückte sich hinter die linke Flanke des Stoikers. Gerne wäre er fähig gewesen, seinen Namen zu erlernen uns auszusprechen. Doch die Stoiker hatten diesen Wunsch nie ganz verstanden. Als sie ihm dann anboten, ihre Art von Selbstbenennung zu erlernen, hatte er nichts davon aussprechen können. Er hatte dabei den Eindruck gehabt, dass dies beide Seiten betrübt hatte. Aber das war schwer auszumachen bei den Stoikern. Alles, was er über ihre Gemütszustände erlernt hatte, war die Färbung des Hintergrunds ihreres Sehschlitzes. Doch hatte die mehr Schattierungen, als ein Mensch bewusst an Farbe wahrnehmen kann. Sie hatten ihm zu verstehen gegeben, das die Abstufungen das ganze Spektrum umfassten. Das hieß auch Ultraviolett und Infrarot. Kein Mensch konnte das direkt sehen, nur ausnahmsweise mit elektronischen Hilfsmitteln. Aber das war dann eine Interpretation mit Hilfe von Monitoren und Mikrochips, nicht die wirkliche Welt. Nicht der originale zustand des Sehschlitzes.

Am Ende des Ganges war etwas wie eine Tür zu erkennen. Saul betrachtete die Wände. Bruce dachte an das neue Leben. Er hatte mit ein paar Stoikern über die Zukunft der menschlichen Enklave geredet. Die Lebensspanne und die Fortpflanzung. Nahrung und Unterkunft. Unabhängigkeit von den Gastgebern. Der Begriff der Unabhängigkeit hatte er ihnen nicht erklären können. Auch Karen nicht. Sie war hinzu gekommen und hatte sich wie immer dicht an ihn geschmiegt. Auf einer fremden Welt. Diese Verhaltensweise weckte das Interesse der Stoiker. Sie hatten schließlich wissen wollen, ob sie genügend Partner zur Auswahl hätten. Artgleiche Partner. Und ob sie die Menschen dabei unterstützen könnten. Sie hätten gewisse Vorrichtungen. Die beiden Menschen hatten höflich zugestimmt. Es sei schön, wenn ihre Retter sich um ihre Geselligkeit kümmerten. Nie hätten sie geahnt, was damit in Gang kommen würde.







16. Die Kynianer schlagen zu.


Kordula griff sich an den Bauch und stöhnte. "Ganz schöne Last, was?" Terry lächelte die Freundin an. Kordula griff hastig nach der Stuhllehne. "Kannst du laut sagen!"

"Kannst du so noch arbeiten?"

"Hmh, ja", eine Hand stützte den Kopf, die andere malte unsichtbare Kreise auf dem Tisch. Der Kaffeeschlamm vom Frühstück eignete sich gut dazu."Ich muss halt kürzer treten. Nicht so schlimm. Ich schreibe ja sowieso nur noch als Online – Redakteur. Da muss man nicht soviel rumlaufen".

Terry beugte sich vor und nahm die Hand der anderen in die ihre. Sie blickte durch das Fenster hinter Kordula. Der Sandmann bog gerade auf den Innenhof. Kordula lehnte sich zurück und erzählte von Peggy. Mit ihr war sie an einer Story.

"Spinnertypen! Solche Ufo – Freaks, weißt du. Sehen überall Raumschiffe herumsausen. Zur Untermahlung ließ sie ihre kräftigen Hände über der Kaffeetasse herumschwirren. Ihre Hände waren Flugzeuge im Sturzflug und Laserstrahlen schossen aus den Fingern. Terry kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Vor dem Fenster stieg der schlanke Mann aus und ging zur Tür. Gleich würde er klingeln.Terry lachte herzhaft. Schöne Grübchen, dachte der Sandmann, das Gesicht hinter einer großen Kaffeetasse versteckt. Kordula lachte in ihr Glas mit Zitrone und musste husten.

"Wir sind vielleicht ein paar Kichererbsen!" Terry schüttelte die halblange Frisur. Sie lehnte sich lachend zurück .Linke Hand unter die Tasse. Sie ließ sich in das Polster sinken und streckte die Beine weit von sich. Das kleine Sofa war dem Ansturm nicht ganz gewachsen und gab in der Mitte nach. Kordula musste sie stützen. Der Sandmann hatte keine Balanceprobleme. Er saß auf einem von zwei Sesseln in der kleinen Wohnung.

"Noch was zu trinken? Noch Kaffee?"

Der Sandmann winkte ab. Terry schüttelte wieder die Haare aus. Sie wirbelten um ihr halbrundes lustiges Gesicht. Kordula griff sich in die Locken. "Was macht denn der Artikel über die NATO?"

"Fortschritte!", prustete Terry, "jedenfalls, wenn ich noch ein paar Leute interviewen kann, die sich partout sperren. Egal, welche Referenzen ich beibringe. Mein Boss versucht gerade, ein paar Kontakte locker zu machen. Die sollen dann mal in meinem Sinn ein Wort fallen lassen".

"Was du für eine begnadete Journalistin bist!"

"Genau, Kordi!"

"Dein Chef scheint ja ok zu sein". Der Sandmann sah die Frau an. Die lächelte frei zurück und nickte. "Ist er. So ein Vatertyp, wisst ihr. Ein bisschen altmodisch. Aber nicht eng. Kennt das Geschäft und viele Leute".


Desi stieg vorsichtig aus. Alle Sensoren waren auf Empfang. So etwas hatte sie noch nicht gesehen. Nicht gehört und nicht gerochen. Der Duft war eigenartig. Verbranntes Fleisch! Oder hieß es gegrillt? Sie hatte noch nicht genug Material für eine vollständige Analyse. Das würde einige zeit in Anspruch nehmen. Auch Nathan wäre ihr nicht allzu nützlich. Der war mehr auf abstrakte Zusammenhänge aus. Doch das hier! Das war konkret! Die Menschen mussten unter schweren sensorischen Störungen leiden. Bald liefen sie in diese Richtung, bald in jene. Alles ohne sichtliche Planung! Die Katastrophe musste schuld sein! Menschen reagierten in Stress – Situationen hektisch und unüberlegt. Es mussten auch einige Vertreter der Spezies zu Schaden gekommen sein. Desi machte sich auf die Suche nach den Opfern. Reflexartig aktivierte sie den Homer im Kommunikator am linken Handgelenk. Von außen war das Wristcom eine etwas größere Armbanduhr. Modisch angepasst. Uhren kaufte man in Läden, soviel war ihr bekannt. Sie sah, wie Menschen trotz Verwesungsgeruch. In solche Geschäfte eintraten.



Kordula war am Zug.

"Siehst du! Schlossallee! Ha. Jetzt müsst ihr kräftig blechen!"

"Aber erst bei der nächsten Runde", lachte der Sandmann und würfelte. Terry saß im Gefängnis.

"Das hat man nun davon", ein Seufzer von Terry, " dass man die alten Brettspiele benutzt. Am PC gewinne ich sogar gegen den Computer".

"Finde ich gut, dass letzte Zeit wieder die Originale verkauft werden. Sogar auf richtigem Papier!"

"Karton heißt das, mein Lieber".

"Ok. Karton!" Der Sandmann strich den Gewinn ein, der ihm hinter "Los" zustand, "Manchmal weiß man gar nicht mehr, wie das echte Zeugs aussah. Dieses Papier, pardon, dieser Karton – Ersatz sieht ja aus wie echt".

Terry stimmte zu und rief "Hey, du zahlst! Aber du hast recht mit dem Synthetikzeug. Doch schont das die Wälder und die sind knapp geworden seit Südamerika mit japanischer Hilfe diese großen Industriezentren hochzieht. Die USA sind ziemlich sauer. Von wegen NAFTA. Das hatte man sich anders vorgestellt".

"Du fleißige Journalistin mit dem politischen Kommentar von Seite drei". Kordulas Spott kam so unernst an, wie er gemeint war.



Der Geruch wurde jetzt immer stärker. Und seltsamer. Sie analysierte einige Beimengungen aus dem pflanzlichen Bereich. Wie konnte das sein. Desi war ratlos. Dann sah sie den Menschen. Er kaute und hatte ein Brot in beiden Händen, das er nah an das Gesicht hielt. Zwischen den Lagen aus Brot war Fleisch geklemmt. Es hatte den Duft, den Desi überall wahrnahm. Nahrung! Tierische Nahrung. Das war es also! Bruce würde lachen, wenn sie ihm ihre erste Vermutung beschreiben würde. Aber der war nicht in der Nähe. Desi ging weiter auf Erkundungstour. Sie hatte den anderen gesagt, sie wolle aus erster Hand mehr über die Lebensgewohnheiten der Population erfahren, nachdem sie kaum mehr als die verborgenen Einrichtungen der Guardians kannte. Dieses Einkaufsviertel war verwirrend und gleichsam hochinteressant. Die Frauen gingen in Geschäfte, in denen Kleidung angeboten wurde oder dieser Schmuck. Natürlich war ihr das alles theoretisch vertraut. Doch echter Schmuck in einem sogenannten Schaufenster! Das war eine ganz besondere Sache! Eine wirkliche Erfahrung im Leben! Sie würde Christine beim nächsten mal mitnehmen. Unbedingt! Nächstes Mal!"

Es war ein warmer Sommertag und es war trocken. Desi hatte sich entsprechend mit leichter Kleidung getarnt. Ihre Bluse wehte lose über den schwarzen Samtshorts und spiegelte das leuchtende Rot der langen Stiefel und der Handtasche. Nathan hatte sie mit modischen Infos versorgt. Desi folgte den Frauen über lange Strecken. Wie sie sich bewegten. Nicht einfach einen fuß vor den anderen. Sie setzten die Füße absichtlich hart auf das Pflaster. Die Androidin bemerkte, wie dies den Oberkörper und die Schenkel in Schwingung versetzte. Es entging ihr nicht, wie die Männer derSpezies darauf reagierten. Desi tat es den Frauen gleich – wie würde Christine sich wundern! - und wippte ebenfalls mit der Hüfte, wie es die anderen Weiblichen taten, die ständig am Bordstein auf und – ab gingen.

"Hallo, Süße!", der Mann schnaufte ihr ins Gesicht, "kennen wir uns?"

"Nicht, das ich wüsste". Desi blieb stehen.

"Dann wird es aber Zeit!"

Der Mann hatte sich in ihren Weg gestellt. Er betrachtete mit weit offenem Mund und Augen den Inhalt ihrer Bluse. Warum hält er sich im Schritt fest, dachte Desi und betrachtete die Mimik des Menschen. Die war völlig entstellt und mit einer tiefen Rötung unterlegt. Seltsam. Desis Sensoren stellten eine starke hormonelle Fluktuation und einen bedenklich erhöhten Herzrhytmus fest. Infarktrisiko, verschmutzte Lungen, Gefäßverengung. Eine verwirrende Sammlung von Risikofaktoren für den humanoiden Metabolismus. Die Androidin betrachtete den Mann weiter. Er war nicht so wie Bruce. Völlig unter dem Standard der Guardians. Sie sprach ruhig und deutlich.

"Nach meiner Einschätzung sind sie ein relativ unterdurchschnittliches Exemplar ihrer Gattung. Guten Tag!" Das musste Christine hören!

"Was für ein Muster? Hey! Blöde Tuss!" Der Mann schwankte und stützte sich nach einem Schritt an die nächstbeste Wand. Desi speicherte den Vorfall ab, während sie einen Mann betrachtete, der sie anlächelte, als sie an einer Ansammlung von Stühlen und Tischen vorbeiging. Er hatte ein Shirt ohne Ärmel an und Shorts. Seine äußere Form war extrem sportlich. Die Hormone im Gleichklang und sein organischer Zustand perfekt. Desi ging zu ihm und setzte sich seiner Handbewegung folgend auf den Stuhl ihm gegenüber.





Der Gleiter blieb auf der Höhe des Cockpits neben dem Truck. Der rumpelte langsam vorwärts.

"Wir kommen rein! Automatik deaktiviert. Manuelle Kontrolle an!"

Der Zweite Fahrer beendete den Funkkontakt und besah sich seinen Chef – Fahrer. Der war bewusstlos und lag auf dem zurückgeklappten Sitz. Die Hostessen hatten es ihm so bequem wie möglich gemacht.

"Sie nähern sich jetzt dem Gate. Achten sie auf die Positionslichter und bleiben sie bei fünf kmh".

Die Anweisungen waren knapp und routiniert. Es war wie die Stimme eines News – Sprechers. Sachlich. Keine Gefühle. Nur Fakten. Die Aufregung, die auf der Mondbasis herrschte, war nicht daraus zu erahnen.

"Wir müssen mit leichten Verletzungen rechnen. Prellungen, Gehirnerschütterungen. Vielleicht auch Augenverletzungen. Behandeln sie Kieferschäden und Verbrennungen am Schluss!"

Das Personal der Krankenabteilung nickte stumm und trat weg. Ärzte und Krankenschwestern schoben Betten hierhin und dorthin, hängten Röntgenapparate tiefer, ließen Tomographen warmlaufen und zogen Injektoren auf.

"Legen sie auch genug Sedativa bereit! Bei dem einen Fahrer scheint es zu schweren Verbrennungen gekommen zu sein. Wir wissen nicht, wer sonst noch Läsuren hat".

Die Stimme des Chefarztes floss dahin wie Honig auf Stahl. Seine hohe Gestalt unterstrich seine Autorität.

"Sicherheitsalarm!"

Das Kommando hallte durch die Zentrale der irdischen Mondbasis. Ihr Chef war eine Frau in mittleren Jahren. Sie hatte Pilotin beim Militär gelernt. Danach war sie zur NASA gewechselt. Dort hatte sie Kontakte zur Industrie geknüpft und war so unter die Anwärter für diesen Job geraten. Die Aufgabe passte zu Maggie. Sie war drahtig, hatte nichts mütterliches und war in keiner Weise der Typ Frau, der bei Männern Beschützerimpulse auslöst. Vielmehr war sie eine Art Kumpel für die meisten Männer. Ihre direkte und zupackende Art wurde dabei ganz ungewollt durch ihre superschlanke Figur umwandet, an der wenig von typisch weiblichen Reizen zu erkennen war. Ihre Stimme war befehlsgewohnt und ein beständiger Stimmbruch nach unten auf der Tonleiter. Ihre muskulösen Beine steckten in zweckmäßigen Hosen, die laut knatterten, als sie in Windeseile die Stationen der Zentrale ablief. Die Männer waren von ihr gewohnt, dass sie überall gleichzeitig war.

"Macht den großen Hangar frei! Geben sie Anweisung, alle Transporter aus den Hangars sieben bis zehn zu entfernen. Jagen sie alle Mannschaften da raus! Machen sie mir eine Verbindung zum Einsatzleiter für die Frachtabteilung!"

Hill gehorchte. Die Leitung stand binnen einer Sekunde.

"James! Hier Commander Goodroon. Heben sie den Hintern und brechen sie alles ab, was an Be – und Entladung abläuft. Wir haben einen Notfall mit Passagieren!"

"Ok! Ich brauche fünf Minuten. Dann ist die Ladezone frei".

"Gut".

Das Gesicht von Jones verschwand und der Ladebereich erschien auf dem Monitor. Goodroon nickte zufrieden und steckte die Hände in das obere paar Taschen der Mehrzweckhose.


Desi war vorsichtig aus dem Bett gestiegen. Der Mensch drehte sich leise stöhnend auf die andere Seite. Desi nahm ihren Kommunikator. Sie tippte eine Nummer ein, nachdem sie die Unterseite umgeklappt hatte. Dann schickte sie über die Morsetaste eine Nachricht. Christine würde staunen, welche Neuigkeiten sie hatte. Über die Geschäfte und den Mann. Christine bekam die Botschaft, als sie gerade den Lageraum betrat. Sie tippte auf Anzeige und die Nachricht lief anstelle der Uhrzeit über den Display. Als Mensch hätte sie schmunzeln müssen. Die Androidin nickte leicht und stellte sich dann zu den anderen. Bruce gab eine kurze Zusammenfassung an. Nathan hatte die wesentlichen Daten der Vorfälle auf der Erdstation auf dem Mond aufgezeichnet.

"Jetzt warten wir nur noch auf Sarah. Sie muss gleich hier sein".




Desi legte sich voll ins Zeug. Alles sang und klang in ihr. Eine Vibration in den neuronalen und sensorischen Modulen der üppigen Androidin. Schon sah sie ein Objekt ihres Forschungsdrangs und ging schnurstraks darauf zu. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ersten Versuchsobjekt. Ihre Sensoren waren voll im Anschlag. Der Mann hatte dafür keine Antenne. Die Frau im schlichten Outfit war anders gestrickt. Sie drehte sich um und schien in Desis Richtung etwas zu suchen. Desi lächelte den Mann an, wie sie es bei den Frauen vorhin beobachtet hatte.

"Hallo, schöner Mann!"

"Hallo, schöne Frau!" Tausend Blicke streiften über ihre volle Figur.

"Auch solo?"

"Jetzt nicht mehr, schöne Frau!"

Die Frau mit den kurzen Haaren und dem Designerkleid achtete wenig auf diese Konversation, die sie mit ihrem empfindlichen Gehör verfolgen konnte. Vielmehr interessierte sich Petra für die Anzeigen, die in ihrem künstlichen Vorderhirn verrückt spielten. Sie wählte eine Direktleitung zu Saul und übertrug die Daten online.




"Terry, ich fahre gleich los. Soll ich dich ein Stück mitnehmen?"

Kordula senkte den Kopf, damit der Sandmann ihre Reaktion nicht sehen konnte.

"Ja, gerne! Ich bin mit der Bahn gekommen. Danke. Aber zuerst muss ich gewinnen!"

Der Sandmann lachte und würfelte ein letztes Mal.



Saul war völlig aus dem Häuschen. "Das glaub ich nicht. Eine Androidinnen – Konfiguration! Da muss einer von denen sein! Einer von den Guardians!"

Saul ging zu seinem Tischcomputer. Er tippte einige Daten ein. Dann nahm er das Mikro in die Hand. Die Web – Cam schwenkte nach.

"And die Einsatzgruppe Süd! Trefft Petra. Ich überspiele die Daten an euch. Stellt euch in Position für eine Kreuzmessung. Los geht´s!"



Terry ratterte los. Sie war eine der berdedtsten Reporterinnen. Sie hätte eine Talk – Show ganz mit sich alleine Viererunde bestreiten können. Der Sandmann krallte den Steuer – Stick. Lieber hätte er was anderes gekrallt. Terry war hübsch und verrückt. Das gefiel ihm. Neben dem damenhaften Stil von Christine. Was machte sie wohl gerade? Terry berichtete zur Zeit von ihren Interviews, die sie mit den Astronauten geführt hatte, die vor ein paar Monaten zu einer Suchaktion aufgestiegen waren.

"Der Druck der Öffentlichkeit, also der Druck von uns Journalisten, hat das zu Wege gebracht. Das nach den Verschollenen gesucht wird. Schließlich haben sie eine Position angegeben, bevor sie in der Nähe des Schwarzen Lochs verschwunden sind".

Der Sandmann dachte an Chirugie. Er unterbrach sie mit einer Handbewegung.

"Es wird gesucht? Nach denen vom Schwarzen Loch? Wie soll das gehen?"

Terry war schon beim nächsten Thema. Sie stutzte. "Ähm...ah..", fand das alte Thema wieder und legte los, "die werden nicht soweit vordringen, aber sie werden die neuen Sonden ausschicken. Die können bei Gefahr von selbst zurückkommen".



"Kreuzpeilung positiv", bestätigte Helga und sah Saul erwartungsvoll an. Doch es gab kein Lob, nur ein Kommando. "Liegt auf den Meter genau fest, von wem die Peilung stammt. Dann seht zu, dass ihr euch den Sndro schnappt! Aber kein Aufsehen. Denkt nach mit euren blöden Klongehirnen. Denkt dran, wer eure Zellen erneuert. Los!"

Helga dachte an Petra. An ihre regelmäßigen Zellerneuerungen, Treffs mit Saul. Ihre Finger tasteten unsicher über den Touchscreen. Vorsicht! Sonst springt Saul mir an den Hals! Er ist ja so männlich. Mein Saul.

Eine Träne fand ihren Weg auf ihre Wange. Einsam trocknete sie dahin. Unbeachtet von Saul.



Das durfte einfach nicht passieren. Das der Alarm los ging, wen ein zufälliger Passagier anwesend war. "Was ist denn das?" Terry unterbrach ihren überflutenden Redefluss. "Hört sich an wie ein Systemalarm. Stimmt was nicht?"

Der Sandmann drückte schnell eine Tastenkombination auf dem Armaturenbrett. Damit würde die Station wissen, dass er nicht alleine war. Doch der Alarm kam immer wieder. Neben dem Tacho leuchtete das Symbol für die höchste Stufe auf. Das hieß Katastrophe, Invasion, Mega – Ärger mit den Kynianern. Er hatte keine Wahl. Er musste die Nachricht annehmen.

"Sehen wir mal, was der Bordcompi für Kummer hat. Was wolltes du sagen?" Wie der Sandmann kalkuliert hatte, ratterte Terry sofort wieder los. Der Computer war vergessen. Solange der Wagen noch fuhr, gab es keinen Grund zur Sorge und zum Schweigen. "Ich trete und haue die Dinger manchmal solange, bis sie Ruhe geben". Terry lachte. "Danach muss ich dann aber immer mit dem Ding in die Werkstatt".

Während Terry ihre Erlebnisse mit diversen Mängeln in diversen Werkstätten zum Besten gab, durchlief den Sandmann ein eiskalter Schauer. Er las es immer und immer wieder. Es konnte nicht sein. Durfte nicht sein!



Sarah hatte die langen Haare mit beiden Händen über die Schultern zurückgekämmt. Die langen Schenkel lagen übereinander in dem Mini aus rotem Plastik. "Meine Informanten berichten von neuen Flugzeugtypen, die in letzter Zeit entwickelt worden sind. Alle in einer einmaligen Koordination der NATO".

"Wie zuverlässig sind deine Informanten, Sarah?" Bruce guckte streng auf die attraktive Androidin, die sich ihrer Schönheit besser bewusst zu sein schien als Christine und Desi. Die künstliche Frau warf den Kopf zurück, zog die Brauen hoch und mochte einen Schmollmund. "So zuverlässig, wie meine sexuellen Fertigkeiten. Dazu noch meine bio medizinischen Kenntnisse und meine technische Austattung. Ganz zu schweigen von meiner verbesserten Hautsensibilität und den Orgasmusmustern. Wünschst du eine Probe, Bruce?"

Dabei hatte sie die Lage der Beine ausgetauscht, die Bluse zurecht gezupft, die Haare nach vorne geschüttelt. Der Duft ihres Parfüms war hypnotisch. Perfekt!, dachte Bruce und musste sich räuspern. "Ich habe keinen Zweifel an deinen Fähigkeiten. Ich möchte lediglich nur mehr über die Personen wissen, die du befragt hast. Sonst nichts".


"Achtung! Notfall! Nachricht vom Sandmann. Dringend!"

Die Durchsage des Computers eckte durch den Raum. Die Menschen zuckten merklich. Androiden und Androidinnen reagierten mit gesteigerter Aufmerksamkeit.

"Durchstellen!", befahl Bruce. "es ist eine Textnachricht. Monitore aktivieren!"

Die Information des Compis wurde durch Aufstellen der Rückenlehnen beantwortet. Alle Sessel im Raum wippten schnell nach vorne, kippten ein kleines Stück zurück und blieben dann stehen. Die Monitore klappten aus dem runden Konferenztisch und flackerten auf. Dann erschien die hastig eingetippte Nachricht .

"Scheiße!"

Die anderen konnten Bruce nur zustimmen.

"Nathan! Sofort alle Sektoren im verlinkten Alarm. Höchste Stufe!" Nathan bestätigte. Bruce wandte sich an die Runde. "Sarah, du setzt dich mit dem Sandmann in Verbindung. Folge seinem Kurs! Er hat Desis Notsignal aufgefangen, bevor es von Big Bird registriert wurde. Sie muss also in seiner Umgebung sein! Irgendwie muss er seinen Passagier loswerden. Ich schließe mich sobald wie möglich an. Christine übernimmt die Station".

Christine meldete sich unverzüglich. "Bruce. Ich muss unbedingt mit Sarah fahren. Ich habe eine Verbindung mit Desi".

Den letzten Teil hatte sie leise und zögerlich hervorgebracht.

"Eine Verbindung? Dann gib sie Nathan!"

Christine schaute in die Runde, dann wieder zu Bruce. "Nein, es...ist eine andere Art von Verbindung".

"Ich bin auch mit Desi befreundet. Sehr!"

"Bruce!", Christine sprach nun lauter als sie es sonst mit ihrer sanften und melodischen Stimme tat. Sie hatte nicht die helle Stimme Desis oder das rauchige Timbre von Sarah. "Ich meine eine telepathische Verbindung!"

Das war für Menschen und Androiden gleichermaßen etwas Neues. Sarah ließ gleich ihre raue Stimme hören. "Eine telepathische Verbindung! Zwischen Unsereins! Das gab es noch nie. Wie ist das möglich?"

Christine schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, Desi auch nicht. In Nathan haben wir auch nichts gefunden".

"Ihr habt es die ganze Zeit gewusst?"

Bruce klang ärgerlich, hielt sich aber zurück. Seine Hände lagen flach auf dem Tisch vor ihm. Nur seine Kiefer arbeiteten.

"Es ist etwas Privates. Mehr ein Austausch von...ihr Menschen würdet Gefühle sagen. Aber nicht genauso. Es ist mehr ein Abgleich von Systemzuständen".

Christine hatte schnell gesprochen. Die anderen Androiden und die Menschen waren zu erstaunt, um mehr zu tun, als Ohren und Augen weit zu öffnen. Bruce fing sich zuerst. "Ok! Wir diskutieren das später. Christine fährt mit Sarah. Ich halte vorerst hier die Stellung. Aber wenn ihr was passiert ist, gehe ich selbst los. Und wenn ich ganze Häuserblocks sprengen muss!"

Kein Zweifel konnte am allgemeinen Einverständnis der Gruppe bestehen. Von allen angeschlossenen Stationen kam grünes Licht. Jetzt musste zuvorderst in der nächstliegenden Sektion nach Clones gesucht werden.

"Das wird schwierig", meldete sich Irish vom Mond, "Clones senden keine permanenten Muster wie Androiden. Dazu haben sie zu wenig kybernetische Teile und zu viele menschliche". Er verzog das Gesicht beim letzten Wort. Irish fuhr fort. "Von hier aus sind keine Schiffe oder Ähnliches zu sehen. Kein besonderer Flugverkehr zwischen Erde und Mond, nach den Erdstationsdaten. Die hat allerdings irgendein Problem. Wir wissen noch nicht genau, um was es sich handelt. Hat aber bisher keinen erhöhten Shuttle – Verkehr ausgelöst. Sonst alles klar!"

Er meldete sich ab und bestätigte den Alarm – Status.


Auf weiter Flur kein Haus, keine Bahnstation. Nur Bäume. War das nicht die Gegend, in der Bruce vor Kurzem von diesem Clone angegriffen wurde? Konnte gut sein. Den Speicher fragen! Koordinaten eingeben. "Koordinaten identisch", schnarrte der Bordcompi.

"Was heißt das denn", Terry schrak aus ihrem jüngsten Vortrag auf. "Das heißt, liebe Terry", der Sandmann legte die Stirn in Falten, "dass ich dich hier nicht rauslassen kann und du ein paar Dinge sehen wirst, die nicht für dich gedacht sind".

"Was soll das denn bedeuten?" Besorgt glitt ihr Blick am Fahrer auf und ab.

"Link an! Voller Daten – Input. Such – Modus aktiv. Volle Leistung. Laser klar!"

Terry kriegte den Mund nicht wieder zu. "Was denn...?"

"Signal Desi auf angezeigten Koordinaten. Interferenzen sehr stark. Fehlerquote bei vierzig Prozent".

"Spielst du mit jemandem Verstecken", wollte Terry wissen, als der Compi geendet hatte. "Ich will aber jetzt nach Hause. Nur noch fünf Kilometer. Die schaffen wir ganz schnell".

Mitten in Terrys Sorge um ihr Wohlergehen riss der Sandmann den Steering – Stick hart zur Seite. Der Wagen rutschte leicht, glitt jedoch folgsam in die Waldung hinein. Mit kaum verminderter Geschwindigkeit raste er weiter. Der Lautsprecher schlug wieder an. "Christine hier. Ich bin in der Nähe. Die anderen wissen Bescheid. Ok?"

"Ok! Ich bin wenige Meter vom Bestimmungsort entfernt. Ich glaube, ich sehe schon was. Scheint ein alter Bauernhof zu sein".

"Sei vorsichtig! Aktiviere die Laser und die Bordraketen".

"Danke Chris! Schon vor einem Kilometer geschehen".

"Was für Raketen! Bist du...seid ihr so was wie Terroristen? Ich will raus!"

"Wir sind die Guten. Die Bösen haben eine von uns in der Gewalt. Wenn du nicht durchdrehst, wird es interessant für dich".

Terry griff automatisch nach der Cam – Ausrüstung. Der Köder steckte tief in ihrem hübschen Hals. Schade, dachte der Sandmann, dass wir nach der Aktion ihr Gedächtnis löschen müssen. Und den Memory – Stick der Cam. Er ließ den Wagen jetzt langsam in die überwucherte Auffahrt des Gebäudes rollen. Nichts Besonderes zu sehen. Eine verwitterte Fassade, deren Risse grün durchwuchert wurde. Lose Dachziegel, von denen einige in den Disteln an der Hauswand gelandet waren. Grauweiße Flecken auf braunen Backsteinen. Fenster, von Feuchtigkeit schief. Die Tonerde der Einfahrt hatte sich dem Moos unterwerfen müssen, das bis über die Steinplatten eines Fußwegs in den Wald alles mit seinem struppigen Grün überzog. Hier hatte schon lange kein Wagen gewendet. Nirgendwo waren die Wucherungen umgedreht worden, ihre erdige Seite ans Licht gezwungen. Das Verrotten war in seiner Schlichtheit vollkommen und ungestört. Der Aktiv – Scanner zeigte nichts Ungewöhnliches an. Der Sandmann nahm eine Waffe unter dem Sitz hervor. Terry sah kaum hin. Sie war mit ihrer Cam zu Gange. Sie ging um den Wagen herum und stellte sich neben ihn. "Was nun, James Bond?"

"Robbie ist doch out. Sieh dir doch durch die Cam mal eben den Boden hier genauer an, ja".

Terry nahm das Okular ans Auge und zoomte die Moderflächen heran. Der Sandmann hatte den Scan seines Wristcoms aktiviert und auf die Frequenzen der Kyborg – Klone justiert. Die künstlichen Teile ihrer Gehirne, die ihre Sinne schärften, hatten ein Feld, dessen Induktion gemessen werden konnte. Es war nur viel ungleichmäßiger als das Feld der Androiden. Die verursachten ein Feuerwerk von einem Spektrum. Richtige Vieldenker.

"Hey, was ist das?" Terry war aufgeregt. "Da stimmt was nicht. Mit der Fäulnis, meine ich. Hier, sieh selbst!"

Der Sandmann nahm die Cam und folgte dem Fingerzeig der Frau. Er suchte nicht lange. Deutlich war der Unterschied zu sehen. "Ja. Ich sehe es auch! Sie haben Plastikteile zwischen die echten Moos – und Fäulnisbereiche gepappt. Sieht ohne Zoom ganz natürlich aus. Direkt aus Hollywood!" Er gab ihr die Cam zurück und hob das Handgelenk zum Mund. "Christine! Sie sind hier! Folge dem Homer im Wagen ich...wir gehen rein". Er senkte den Kommunikator und nahm die Waffe in der anderen Hand hoch. "Ich kann dich nicht alleine lassen. Die können genauso gut das Auto überfallen, wenn ich drinnen bin".

"Genau! Und mich wirst du jetzt ohnehin nicht mehr los. Worauf warten wir? Gehen wir nun rein?"

Der Sandmann musste grinsen und ging voran. Terry folgte ihm auf gleicher Höhe. Die Tür sah unverfänglich aus. Ein normales Schloss an einer angefaulten Tür. Ein kräftiger Ruck, dann gab sie nach.

"Hörst du was?"

"Nein, was denn?"

"Nichts Terry. Das ist es ja! Rostige Scharniere quietschen gewaltig".

"Die hier triefen von Schmierfett. Ih!" Terry zeigte dem Sandmann den schwarzen Finger. Der Raum war vielleicht früher ein Wohnzimmer gewesen. Jetzt war es eine Ansammlung von Schimmelpilzen auf vom Holzwurm durchlöcherten Möbeln. Terrys Cam nahm alles auf. Das Wristcom vom Sandmann gab einen Alarmton von sich.

"Komm her!", flüsterte der Sandmann und Terry huschte zu ihm hinüber, "sie sind direkt unter uns".



Christine steuerte den Wagen, Sarah saß neben ihr und ging mit Nathan einige Daten durch. Ihre Haare waren nicht mehr offen. Genau wie Christine hatte sie ihre Mähne in einem Zopf gebändigt. Die Frauen sprachen nicht viel. Beide waren auf ihre Aufgabe konzentriert. Der Wagen näherte sich den Koordinaten des ersten Fahrzeugs. Christine sah die andere Androidin von der Seite an. "Wir sind in einer halben Stunde da".

"Ok!"




Terry folgte dem Sandmann auf dem Fuß. Der stand vor einer Kellertreppe, die einen sehr morschen Eindruck zu erwecken suchte. Er nahm das Handgelenk mit dem Wristcom hoch und schaltete den Kommunikator auf Scanner – Modus. Terry beobachtete ihn interessiert. "Nette Uhr!"

"Ja. Sie läuft ganz gut".

"Zeigt sie auch die Zeit an?"

Den Sandmann ließ die Ironie den späteren Löschvorgang bei der Frau bedauern. Doch ihr scharfer Verstand würde nicht darunter leiden. "Ja, manchmal", griente er zurück, "diese Tür ist aus einer Plastikschicht hinter der eine etwa einen halben Meter starke Stahltür steht. Sollen wir sie öffnen? Es ist sicherlich mit Gefahr verbunden!"

"Gibst du mir eine Waffe?"

Der Sandmann griff in seine Jacke und holte eine Art Pistole hervor. "Gib Acht damit. Es ist ein Schocker für Clones und Kynianer. Bei uns blockiert er zum großen Teil, aber nicht vollständig".

"Klone! Das scheint ja lustig zu werden. Nur zu!"

Der Sandmann nahm ein Multifunktionswerkzeug aus einer anderen Tasche und machte sich daran, die Plastikverkleidung abzuhebeln.

"Ich kann was dazwischen stecken", Terry hatte sich bereits umgedreht, auf der Suche nach einem Hebel. Nach einer Sekunde kam sie mit einem verrosteten Stück Rohr zurück. "Wenn es noch nicht zu mürbe ist, könnte es gehen". Sie setzte das Rohr in den Spalt, der der Sandmann mit seinem Werkzeug noch immer aufstemmte. Gemeinsam drückten sie die Plastikverkleidung von der Stahltür weg. Sie stemmten sich zusammen gegen die zurückweichende Pseudo – Tür und klappten sie mit einem Klatschen an die Wand daneben. Die verborgene Tür lag nun nackt vor ihnen. Völlig schwarz und ohne einen sichtbaren Mechanismus zum öffnen.

"Wahrscheinlich schwingt sie nicht nach innen oder außen, sondern versinkt im Boden", konstatierte der Sandmann und holte einen Palm – Compi raus.

"Und wie lassen wie sie – wohin auch immer – versinken?"

"Ich suche hiermit die richtige Frequenz und dann die passende Folge von Codes". Er drückte das kleine Gerät fest an die Tür. Auf dem Display, das fast so groß war wie das ganze Tool, erschienen viele Kolonnen von Zahlen und Symbolen, wie sie nur die Guardians lesen konnten. Plötzlich ging ein leichtes Beben durch die Tür. Der Sandmann drängte Terry mit der Hand zurück. Langsam glitt die schwere Tür nach unten. Ihre Oberseite schloss bündig mit dem Boden ab. Die beiden Menschen sahen sich nur an, dann schritten sie schweigend die Treppe hinunter. Ein sehr rotes Licht beleuchtete wie ein Sonnenuntergang ihren Abstieg in das Ungewisse ihres Schicksals. Konturen waren Schemen. Die Treppe führte sie gut zehn Meter in die Tiefe. Nachdem es zuerst kühler geworden war, stieg die Temperatur auf den letzten Abschnitten merklich nach oben. Ein lautes Brummen machte sich in ihren Ohren breit. Vorsichtig spähte der Sandmann um die Ecke. Terry tat es ihm auf den Knien gleich. Fast hätte sie "Oh!" gesagt. Der Raum war offenbar sehr groß. Größer als der sichtbare Grundriss des Bauernhofs darüber. Sie konnten die Wand zur Rechten sehen, dazu einen Vorsprung auf der Linken, hinter dessen Kopf sie hervorlugten. Der Raum war vollgepackt mit Apparaturen und Computern.

In der Mitte ihrer Sicht waren große nach oben offene Behälter zu erahnen. Ähnlich wie die Tanks, in denen uns die Stoiker repariert haben, dachte der Sandmann. Er gab der Frau ein Zeichen und ging geduckt vorwärts. Allmählich gelangten sie an die Füße des Vorsprungs, der aus einem schwarzen Kunststoff gefertigt zu sein schien. Die Oberfläche war sanft und war,. Terry war so dicht hinter dem Mann, dass er ihren Körper spürte. Er bemerkte, wie sie ein Zucken durchlief und drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht sagte "Was ist?"

Ihres antwortete sogleich "Hör mal!"

Tatsächlich waren schnelle Schritte auf der Treppe zu vernehmen. Der Sandmann zeigte nach vorne und die beiden krochen so schnell es eben ging zum Ende des Vorsprungs. Der Sandmann blickte um die Ecke und erkannte, dass es eine kleine Nische links vom Vorsprung gab. Er zog die Frau am Arm hinein und hielt die Waffe im Anschlag. Terry machte das Gleiche und versuchte, nicht mit den Zähnen zu klappern. Der Mann, oder was es war, ging nun schneller. Seine Schritte gerieten in einen hastigen Trab. Dann stand er neben dem Vorsprung. Er ging mit entschlossenem Schritt, wie einer, der seinen Weg klar vor Augen hat, auf die Tanks zu. Dann sah er sich um und blickte in den vorderen in der schier endlosen Reihe. Dann in den zweiten, den dritten dahinter und schien endlos so weitermachen zu wollen.

Der Sandman griff wieder Terrys Arm und sie liefen geduckt zum vorderen Tank. Dahinter waren sie außer Sichtweite des Mannes. Sie drückten sich an der Seite daneben in eine flache Mulde und beobachteten seinen Schemen. Er war groß und kräftig. Seine Bewegungen erinnerten den Sand,ann an jemand. Er kam nicht darauf. Dann verschwand der Mann. Ruhe! Nur das Summen der Geräte im Stand – By – Modus. Ein paar Ventilatoren. Nichts anderes!

"Wir brauchen zwar kein Licht, aber so seht ihr mich besser!"

Die Stimme schnitt dem Sandmann scharf durch die Trommelfelle, wie ein Messer durch straff gespanntes Leder. Langsam stand er auf. "Hallo, Saul!"

"Hallo, Sandmann! Die Waffen, bitte!"

Die Bitte war ohne Schärfe formuliert. Sie kam von einer Person, die sich ihrerer Überlegenheit und Stärke in jeder Sekunde ihrer Existenz bewusst war."Danke", kommentierte Saul die Übergabe, "dann zeige ich euch jetzt unsere Anlage. Und eure Zukunft".

Vier kräftige Männer waren aufgetaucht und nahmen Terry und den Sandmann in ihre Mitte. Terry bemerkte es zuerst. Die Körper wirkten nur sehr männlich, doch eine eindeutige Zuordnung zu einem bestimmten Geschlecht schien nicht möglich. Ihre Gesichter hatten weder typisch weibliche noch typisch männliche Charakteristika. Terry blickte zwischen ihre Beine. Dort war eine Art Vulva zu sehen.

"Ganz richtig bemerkt", streute Saul in ihre Gedankengänge, "es sind Drohnen ohne eigene Sexualität. Sie werden zum Gebären verwendet und als Arbeiter und Wachen, wie ihr seht. Ihre Intelligenz ist übrigens völlig normal Nur das ihre Entscheidungen vom Main Frame kommen."

"...und damit von dir", beendete der Sandmann den Satz. Schweiß perlte von seiner Stirn. Er hatte eine Ahnung von dem, was Saul mit ihnen vorhatte. Waren Christine und die anderen auf dem Weg? Waren sie noch in Freiheit? Das war der entscheidende Punkt. Wenn die Guardians sie nicht befreien könnten, würden sie die Anlage vernichten, um die Infos in den Köpfen vom Sandmann und von Terry nicht an die Kynianer zu verlieren. Saul zeigte auf die Reihe von Tanks wie ein Feldherr auf seine Krieger. „Ihr beide könnt vielleicht eure Körper in der aktuellen Form behalten. Es gibt viele nützliche Einsatzgebiete für zwei gut gebaute Menschenkörper".

Der Sandmann bemerkte, dass die vier Kreaturen immer nur folgten und sie einschlossen, sie bisher jedoch nicht angefasst hatten. Er zwang sich dazu, dem Impuls nicht zu folgen und sich umzusehen. Er blickte nur auf den nächststehenden Tank. Saul lächelte wie ein alter Philosoph, der seit Jahrtausenden den Stein in seinem Besitz wähnt. Doch zeichnete kein Wahnsinn seine Gesichtszüge. Kein noch so sublimer Zustand von Geisteskrankheit war auszumachen. Sein Gesicht war wie seine Bewegungen. Entsschlossen und überzeugt davon, dass Richtige zu tun und das Falsche zu bekämpfen. Terry schauderte und der Sandmann verfolgte einen Plan. "Du bist immer noch sehr von dir eingenommen, Saul!"

"Das gilt für dich doch genauso! Sandmann! Was für eine lächerliche Bezeichnung. Nur, weil du ein paar von uns aus einer Düne gezogen hast. Ein Witz!" Er hatte den mächtigen Brustkorb von der Lunge auf – und – ab bewegen lassen. Wut sprang in sein Gesicht wie ein wildes Tier. Der Sandmann sah eine, wenn auch schmale Chance.

"Immerhin stehst du hier, weil ich dich rausgezogen habe. Wäre es nicht fair uns, oder wenigsten sie", er zeigte mit dem Kopf auf die Frau neben ihm, "gehen zu lassen".

Das war Saul nur ein sehr kleines Lachen wert. Sein Blick streifte über die Tanks. Fast liebevoll. Wie ein Vater, der seine Kinder ins Bett bringt. "Du hast mich damit direkt in die Reparaturabteilung der Stoiker gebracht..."

"...mich doch auch! Ich war schwer verletzt und..."

"...ich weiß! Ist das eine Rechtfertigung für das Geschehene?"

"Wir haben eine zweite Chance bekommen..."

"...als Ersatzteillager und Versuchskaninchen".

"Wir wurden biologisch verbessert und unser Leben verlängert, was uns die Chance zu mehr Bildung..."

Die atemlose Aufzählung des Sandmanns wurde von dem anderen Mann brutal unterbrochen. Saul kam auf den Sandmann zu, bis er ihn fast berührte. "Gegeben! Spinnst du!" Er wirbelte auf dem Punkt herum, kam dann zurück. Sah dem Anderen in das Gesicht. Eine Grimasse aus Zorn und Verzweiflung, der verlorenen Chancen und der gewonnenen Möglichkeiten schrie sich dem Sandmann entgegen. ""Alles genommen haben sie! Alles! Unsere Traditionen! Unsere Welt! Was ist das schon, immer mehr dazulernen? Unfug! Es gibt feste Regeln und Werte! Was bringt uns den mehr Entscheidungsfreiheit? Nur mehr Unordnung und Beliebigkeit! Nichts weiter!" Sprungbereit lauerte der Wilde in den harte und kurzen Bewegungen des Kynianers. Bereit alles zu zerfetzten, was nicht seiner Welt entsprach. Die Logik des Mannes war der Sklave seiner Verzweiflung. Verzweiflung über die Vielfältigkeit der Welt und der Freiheit. Verzweiflung als Sehnsucht nach einem einfachen Leben in Unfreiheit. Unfreiheit für alle! Keine Entscheidungen mehr! Frei in der Schlichtheit der Abhängigkeit von Führung durch unwiderlegbare Werte und daraus abgeleitete Vorschriften. Regeln der Dummen, über die Schlauen zu herrschen. Schlauheit ist Dummheit und Dummheit ist schlau. Terry wurde das in einem Augenblick klar. Freiheit war ihr Leben. Wissen die Macht dazu.

"Demokratie...", unterbrach Terry.

"Demokratie!" Ein Wort mit einer Botschaft. Deren Inhalt spuckte ihr Saul vor die Füße. Werte, die neu gesetzt werden. Ein immer währender Prozess. Unerträglich für die Ängstlichen, die Geführten, die Geführt – werden – wollenden. Die immer von ihrer gewollten Unwissenheit geleitet würden. Saul betonte jeden Laut als wäre schon eine Silbe ein vergiftetes Stück Fleisch. Er röchelte und presste die Lippen hart zusammen zwischen den Wörtern. "Was ist das doch für ein Witz! Er sah Terry an. Unverhohlene Verachtung. Schön! Und intelligent! Unmöglich! Diese Frau. Sie widersprach! Sie zweifelte! "Eine Frau will mir etwas von Freiheit und Demokratie erzählen. Eine Frau, die nicht an die Seite eines Sandmanns gehört, sondern nach Hause, wo sie ihre Kinder aufzieht. Kinder, die die Traditionen pflegen, weil sie in ihnen leben. Mit einer Mutter, die nicht auswechselbar ist. Und einem Vater, der sich dem Alltag stellt!"

"Scheiße!", war alles, was Terry herausbrachte.

"So redet keine Frau mit mir! Mit mir nicht!"

"Weil sie Roboter sind oder sonst was!" Terry war rot wie eine Tomate vor dem Platzen.

"Übergangswesen sind notwendig zur Etablierung einer wirklichen Elite. Eine Gruppe von Berufenen, die wissen, was gur für die Länder dieser Erde ist. Außerdem haben wir schon Anhänger bei politischen Gruppen auf diesem Planeten. Wir werden wieder unsere Erde daraus machen. Eine Erde, auf der Familien wieder zusammenkommen. Kinder wissen, wer ihre Eltern sind. Die Alten und die Jungen wieder miteinander reden und gemeinsame Aktionen ausüben, statt nur ihre jeweiligen Bedürfnissen zu artikulieren...".

"...die dann diskutiert werden..."

"Halt den Mund, Frau! Oder was immer du bist. Du hast doch bestimmt keine Kinder! Deine Figur ist nicht veredelt von den Malen der Schwangerschaft, der höchsten Aufgabe einer Frau. Dann bist du auch keine richtige Frau. Kinder sind die Zukunft der Welt. Ohne Kinder keine Zukunft auf dem Raumschiff Erde!"

"In einer Welt ohne Überbevölkerung mit ausreichend Nahrung für alle und weniger Kriege...!"

"Haltet ihn fest!" Das war Sauls Antwort auf den Kommentar des Sandmanns. "Es wird mir ein Vergnügen sein, dein Gehirn so zu programmieren, dass dein höchstes Glück sein wird, möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Frauen zu machen. Du wirst Vater und Erzieher". Ein Blick auf Terry ließ ihr Eiswasser durch die Adern laufen. "Nach meine Wünschen natürlich. Du wirst die Kinder lehren, Demokratie zu fürchten und Stärke zu verehren und zu lieben. Nicht so, dass sofort Misstrauen bei den Menschen geweckt wird. Aber so, dass die wichtigen Werte verbreitet werden. Wie ein Virus. Der kommt danach. Ein technisch – biologischer Virus. Und das Ende jeder weichlichen liberalen Erziehung. Die hat nur Chaos und den Ruf nach Emanzipation und Bildung produziert. Wohin hat uns das gebracht? Ha! An den Rand des Abgrunds!"


Der Sandmann spürte die festen Hände der Klone. Er vermied es, die Diskussion mit Saul auf die Spitze zu treiben. Welchen Sinn hätte es gehabt, Saul von den Errungenschaften des Rationalismus zu überzeugen. Einer wie Saul wollte nicht sehen und nicht hören, dass Typhus und andere schlimme Krankheiten in den Bezirken der Armen in der Vergangenheit nur durch eine offene Betrachtung des Problems, durch technologische und politische Weiterentwicklungen hatten bekämpft werden können. Das Bildung für alle Einkommensschichten der Erfolg der Zukunft war. Nicht die Auslese über Abstammung oder Einkommensverhältnisse. Weiterentwicklung wurde nicht durch Bevorzugung der Abkömmlinge der Eliten garantiert. Die Guardians hatten bei den Stoikern ihre geistigen Fähigkeiten ungehindert weiterentwickelt. Ohne Begrenzungen durch Dünkel und Bevorzugungen einiger weiniger Menschen. Auch Saul, der sein Wissen nun gebrauchte, um eine Zukunftswelt aus Ungebildeten zu gestalten. Menschen, die in einfachen Kategorien von Schwarz und Weiß denken würden. Manichäer. Die alles, was über materielle Belohnungen hinausgeht, als lästige und dumme Nebensächlichkeit erachten werden, wenn Saul durchkommt, dachte der Sandmann. Saul war in vollem Schwung. Wie ein Schmiedehammer bogen seine Argumente die Welt zurecht.

"Ich werde den Menschen zeigen, dass Intellekt in Wahrheit Unsinn ist. Die Demokratie, die ich verwirkliche, wird aus dem Herzen der Menschen kommen, den Traditionen der Väter und Mütter. Darum werden sie mir folgen. Die endlosen Debatten werden eine Ende haben. Demokratie heißt, der Wahrheit folgen".

"Und die bist du, was...!" Der Spott des Sandmanns war gut gezielt. Saul packte ihn mit seinen großen Händen am Hals und würgte ihn. Der Sandmann wurde rot und keuchte. In dem Augenblick sprang Terry zur Seite und stellte dem Klon, der ihr in einem Reflex nachstellte, ein Bein. Er fiel nach der Seite, auf der Saul predigte. Er karambolierte in seine Schulter. Terry rannte zurück und auf Saul zu. Der hatte sich mit dem Klon zur Seite gedreht und schlug heftig auf ihn ein. Blut spritzte aus dem Schädel der Kreatur. Hart und schnell trat sie Saul zwischen die Beine. Saul ging leicht in die Beuge. Genug aber für den Sandmann. Er traf ihn mit dem Stiefel,, gerade, als Saul die Hände an die Weichteile legen wollte. Saul fiel nach hinten. Er riss den schweren Klon mit sich, der landete ächzend auf ihm und fuchtelte wild mit den Armen und Beinen. Der Klon daneben bekam einen Extradrall durch den Aufprall und Terry , die ihn in die Kniekehlen getreten hatte und schließlich mitten ins Gesicht, nachdem er abgesackt war.

"Immer auf die Nasen!"

Terry hielt sich an den Tipp des Sandmanns. Sie hieben und traten auf die Klone.

Saul rappelte sich hoch. Rasch war er auf den Beinen. Beide Hände fanden schnell ihren Weg in die Seitentaschen seiner Hose. Zwei Schockwaffen kamen zum Vorschein. Ohne Warnung schoss er auf alle, die sich bewegten. Terry und der Sandmann blieben bewusstlos liegen.

"Nehmt sie mit!" Die Klone, die hinter ihm herangetreten waren, folgten dem Befehl augenblicklich.

Die beiden Guardians lagen neben einander in einer Art Drahtliege. An ihren Köpfen waren Elektroden befestigt. Saul würde gleich beide in die Tanks absenken und dann mit der elektroencephalischen und der biotechnischen Bearbeitung der Menschen beginnen. Der Sandmann und Terry würden als ganz andere Persönlichkeiten diesen Raum verlassen.





"Der Verstand ist im Stande, die Probleme zu analysieren. Darum liegt in ihm das Potential der Veränderung".

"Kann denn Veränderung immer gut sein? Fortschritt kann doch viel zerstören. Die Verschmutzung der Natur auf der Erde ist doch eine Nebenwirkung rationaler Entscheidungen gewesen. In meiner Heimat jedenfalls".

Der Stoiker hatte sich auf die Hinterläufe gesetzt und seinen Sehschlitz auf den Sandmann gerichtet. "Ein logischer Einwand. Doch wie ich euren kollektiven Geschichtserinnerungen entnehme, waren es nicht die rationalen Entscheidungen, die eure Problem hervorriefen. Vielmehr habt ihr rationale Warnungen in den Wind geschlagen und seit lieber eurem Wunsch nach noch mehr materieller Befriedigung gefolgt, wohlwissend, dass diese Orientierung die Probleme verschlimmern würden. Es ist nicht die Entscheidung an sich, sondern das Weltbild, welches dabei unterstützt wird. Ein Weltbild, in dem es Führer und Geführte gibt, kann nur bestehen, wenn der Wunsch nach Abhängigkeit von Traditionen größer ist, als der Wunsch nach einer angemessenen Lebensweise, die nicht mehr fordert, als sie bekommen kann. Dazu bedarf es einer Menschheit, wie sie nach meinem Wissen zur Zeit nicht existiert. Eure Welt ist so aufgebaut, dass jeder glaubt, der Planet und die Menschen würden noch sein, nachdem die Sonne erloschen und ein roter Riese geworden ist, der alles Leben, das noch existieren sollte, in die unendliche Vergangenheit befördert. Eine ewige Zeit des Nichtseins".

"Verstehe", hatte der Sandmann vor sich hin gemurmelt, "doch ihr glaubt ja, wie die antiken Stoiker, nach denen wir euch getauft haben, dass es kein Ende gibt und alles wieder und wieder von vorne anfängt".

"Ja. Darum kennen wir keine Furcht vor dem Morgen und dem Neuen. Doch können wir uns irren".

"Das wäre dann eine moderne Perspektive. Erkenntnistheorie und so weiter".

Der Stoiker hatte nun auch die Vorderläufe eingeknickt und lag auf dem Bauch. Er sagte nichts mehr und der Mensch trollte sich.





Ein angenehmer Gedanke durchlief den Sandmann. Wundervolle Klänge, wie Harfen und doch nicht wie Musik. Es waren Töne aus dem Innersten, komponiert veo einer äußeren Harmonie. Düfte und Klänge im Einklang miteinander und wie ein sanfter Wind auf einer weichen Haut. Es war Zimt und Oleander, Honigsüße und leicht dahinfließender Wein auf einer Zunge, die mit Trüffel und Camenbert darauf vorbereitet worden war, das Wunder der Sinnlichkeit zu erleben und den Orgasmus von Augen, Ohren. Lippen und Zunge in allen Teilen des Gehirns zu einer hermaphroditischen Einheit zu verschmelzen. Eine Implosion aus Sinnesfreude und Intellekt. Ein Orchester aus den Instrumenten Arme, Beine, Schoß, Nase, Fingerspitzen und dem Kontrabass des Magens. Und alle gaben ihr Bestes. Die Musiker gaben sich hin an ihre Aufgabe. Die Geigen bogen sich unter den Sehen und die Pauke kitzelte das Mark aus den Knochen.

Dann riss der Bogen. Die Geige splitterte entzwei. Holz brach lärmend. Der Wein wurde Essig. Der Essig zu Säure. Aus dem Honigduft strömten dunkle Wolken aus Übelkeit. Statt Trüffel gab es Rossäpfel und die Augen wollten die Hässlichkeiten aus Licht und Schatten nicht verstehen. Unverständlich die Klänge, die aus den Höhen eines Gebirges zu ihm herunter kullerten wie Lawinen. Ein Strahl, der heller war als tausend Sonnen, brannte sich in sein Gehirn, Der Schmerz war ein Dolch, der durch die Haut schnitt und die Glieder langsam durchtrennte. Christine?



Der Computer war schwer getroffen. Christines Geschoss hatte ihn in einen qualmenden Krater aus nutzlosem Elektroschrott verwandelt. Sarah sprang in die Luft, als zwei Klone auf sie zu liefen. Sie konnten nicht rechtzeitig anhalten und prallten mit einem vernehmlich Klatschgeräusch aneinander. Sarah ließ ihre gut geformten Beine in alle Richtungen vorstoßen. Christine schleuderte drei oder vier der gentechnischen Volltrottel durch die Luft. Einige Tanks zerbarsten. Klebrig lief es aus ihnen heraus. Klone, die hereinkamen, rutschten darauf aus und kamen nicht wieder hoch. Christine ließ weitere Tanks in die Luft gehen. Sarah lief hinter Saul her und warf eine Granate. Die zerfledderte den Inhalt von zwei Tanks. Ein klebrig – weißer Rauch erfüllte die Luft.

"Ich glaube, die Luftversorgung ist kaputt", rief Sarah.

"Dann kommt er nicht weit. Hinterher!"

Sarah sah eine Tür sich schließen. Christine empfing in demselben Moment eine Botschaft, eher eine Idee, von Desi. "Desi muss da drin sein! Schnell!"

Christine lief auf einer Höhe mit Sarah. Sie griffen nach der Halterung der Stahltür und stemmten sich wie Brechstangen dagegen. Der Rahmen gab nach und die Tür flog auf. Sarah wurde von dem Aufprall zurückgeworfen. Christine hob die Androidin auf und beide drangen in den Raum vor, die Waffen gezückt. Rotlicht füllte jede Ecke aus. Sarah griff eine Granate und hielt sich bereit. Christine gab ihr ein Zeichen. Desi musste ganz in der Nähe sein. Sarah nickte und sprang vor. Die Granate flog und Saul schoss. Der Schocker traf Sarah direkt in den Visualkortex. Sie taumelte und stieß sich zurück. Da war Christine. Sie war mitten im Schritt. Der Aufprall der Schwesterandroidin warf sie um. Sie reagierte im Bruchteil einer Sekunde. Während sie viel, berechnete sie den Winkel ihrer freien Schulter. Sarah schob sie in diesem Moment von sich weg. Christine schlug hart auf, bereit, sich abzurollen. Ihre Beine! Festgeklemmt unter Sarah! Keine Chance! Saul hatte bereits Maß genommen. Ein zweiter Treffer bei Sarah ließ diese aufschreien. Saul zielte auf Christine. Sie griff mit der freien Hand an ihr Wristcom. Die Waffe lag zwischen ihren Oberschenkeln und Sarah. Christine zerrte an der Waffe mit der Linken, während ihre Rechte eine Botschaft für die Guardians eintippte. Im Langwellenbereich würde die Info auch durch diese abgeschirmten Wände dringen. Saul drückte ab. Die Waffe zerschmetterte seine Hand und den ganzen Unterarm. Der Zweite Schuss traf seine Brust. Saul fiel hinter eine Konsole. Der Sandmann lief zu Christine und rollte Sarah zur Seite auf den Boden. Christine sprang auf und feuerte in die Richtung, aus der sie die letze Peilung von Saul erhalten hatte. Die Konsole zerplatzte wie eine Glasvitrine. Das Licht begann zu flackern.

"Er geht nach unten!" Terry Schrei brachte Christine in Schwung. Sie setzte an und sprang die fünf Meter in einem Satz. Der Schocker traf sie am Fuß. Saul zog die Falltür zu. Christine bückte sich danach. Eilig suchte sie nach einem Mechanismus. Der Deckel aber schloss ohne eine Lücke mit dem Boden ab. Der Sandmann war neben ihr. "Fürchte, der ist weg! Lass uns schnell verschwinden. Der hat bestimmt etwas aktiviert!"

Christine stimmte zu und ging zu Sarah zurück. Sie hob sie auf die Schulter und lief zum Ausgang. Terry und der Sandmann folgten ihr, vorbei an zerplatzten Rieseninkubatoren und sterbenden Klonen. Ein entsetzlicher Gestank, wie brennendes Stroh, legte erfüllte die Luft. Als die kleine Gruppe die Treppe erreichte, ging die erste Ladung hoch. Die vorderen Tanks brannten sofort wie Fackel aus Teer. Die Flammen schlugen hoch und leckten an den Wänden. Wieder eine Explosion. Die hinteren Tanks hatte es erwischt. Die Tür war ein kleines helles Viereck. Langsam kam es näher. Eine rollende Bewegung ging durch die Treppe. Sie hob die Stufen langsam hoch. Von der untersten zur obersten Stufe wölbte sich der Wurm nach oben. Wildes Greifen nach Halt. Der Sandmann sah, wie die Tür hochfuhr. Er nahm die Waffe hoch, die er sich wiederbeschafft hatte und feuerte in den Spalt, wo die Tür sich aus dem Boden schob. Das Metall glühte augenblicklich rot auf. Ein ächzendes Kreischen kaum aus dem Spalt. Die Tür glitt weiter hoch, zitterte, rote Metallstücke spritzten aus der Fuge. Immer mehr kleine Teile aus glühendem Metall wurden aus der Ritze geworfen. Nocheinmal feuerte der Sandmann. Er stolperte dabei. Die Frauen waren nun in seiner Schusslinie und taumelten weiter voran. Ein Ächzen wie zwei kollidierende Fahrzeuge. Dann stak die schwere Tür im Spalt und rührte sich nicht mehr. Festgeschweißt von ihrem eigenen Grind.

"Guter Schuss" , meinte Christine trocken und warf Sarah über die Hürde von einem Meter auf die andere Seite. Die Androidin plumpste wie ein Sack mit einem dumpfen Geräusch in die Freiheit. Der Sandmann half Terry über das Hindernis. Dann liefen sie durch das vermoderte Zimmer, dessen Boden sich in Risse spaltete. Bald klafften offene Wunden im verstaubten Belag. Sie erreichten die morsche Tür. Sie liefen einfach geradeaus. Nach hundert Metern hörten sie ein Rumpeln unter ihnen. Der Grund gab einen dunklen Glockenhall wieder. Er hob sich an einigen Stellen. Eine große helle Flamme schoss sich ihren Weg aus dem Innern des Hauses hinaus. Sie zerteilte das Dach wie ein Schwert aus rotem Stahl. Flammenzungen klebten am Dach, wie es erst Stückweise, dann in einem Krachen nach hinten und zu den Seiten wegrutschte. Bäume finge Feuer und loderte auf. Verbrannte Tennen schnitten wie Säure in die Lungen von Terry und dem Sandmann. Ein dichter Nebel waberte grauweiß zu ihnen und trieb sie vor sich her. "Wir schaffen es zum Auto!", rief Terry. Der Sandmann aktivierte am Wristcom die Entriegelung. Sie warfen sich und Sarah hinein.

"Alarmstart! Jetzt!" , rief der Sandmann. Der Bordcompi starte den Motor. "Rückwärts raus!" Der Wagen reagierte unverzüglich und fand seinen Weg zur Straße, hielt kurz an und fuhr dann mit maximaler Beschleunigung vorwärts, als die Rauchwolke das Heck bereits einhüllte. "Bitte jetzt den Alarm – Code und das Fahrtziel eingeben".

Der Sandmann gab dem Auto, was es wollte und verhinderte damit die Notbremsung und den Alarm bei den Guardians. Mit ansteigender Geschwindigkeit rasten sie davon. Hinter ihnen holte ein Wagen auf und hielt mit dem Tempo Schritt. Das Bordcom blinkte. Christine drückte den Button.

"Hallo! Seid ihr alle ok?" Bruce war also noch gekommen.

"Wir haben Probleme mit Sarah"

"Was ist mit Desi?"

"Wir mussten sie zurücklassen".

Bruce erwiderte nichts. Sie fuhren alle stumm weiter. Desi war verloren. Christine registrierte eine schwer zu analysierende Flut von Daten. So was hatte sie noch nicht verarbeitet.




"Der Wagen steht hier erst Mal gut". Terry stellte noch mehr Whisky auf den Tisch. Bruce brauchte eine Menge davon. "Meine Wohnung ist kein Palast, aber ihr könnt hier ruhig verschnaufen. Dann sagt ihr mir aber bitte, wer ihr seit! Ja?"

Bruce sah zum Sandmann hinüber. Der erkannte den Schmerz des Freundes deutlich und klar. "Terry hat mir sehr geholfen, nachdem Christine mich wiedererweckt hatte, im Grunde auch schon vorher, Wir sollten sie fragen, ob sie einsteigen möchte. Sie ist übrigens mit guten Kontakten ausgestatten – als Journalistin".

"Mitmachen? Wobei? Bei noch mehr Explosionen? Und was", sie zeigte auf Sarah, die auf dem Sofa lag und sich nicht rührte,"ist mit ihr?"

Die Guardians sahen sich an. Ein stummes Einverständnis. Eine Antwort von Bruce. "Sie ist teilweise mechanisch und..."

"Auch so ein Klon?" Terrys Augen waren groß wie Whisky – Gläser.

"Nein. Sie ist eine Androidin". Das war Christine. "Ich bin das auch. Und Desi, die wir verloren haben".

"Ich meine, sie war doch seine Freundin. Er...", Terry stockte. Sie sah von Bruce zu Christine, von der Androidin zum Sandmann.

"Ich bin echt! Größtenteils jedenfalls. Nur ein paar Ersatzteile. Das gilt auch für Bruce. Und Liebe zwischen Guardian – Menschen und Guardian – Androiden ist weit verbreitet".

Terry stand angewurzelt und hörte dem Sandmann zu. "Guardian...was?"

"Wir sind...wir nennen uns die Guardians. Wir sind die Guten".

Terry stemmte die Hände in die Hüften. "Und der Böse ist Saul mit seinen Gen – Hirnis!"

"Ja!" Bruce hatte nur gemurmelt. Sein Kopf war in die Hände gesunken. Seine Augen bekamen einen silbrigen Schimmer.

"Wir können Sarah sehr wahrscheinlich reparieren and vollständig reaktivieren, Bruce!" Christine blickte in die Augen des Mannes. Sie kalkulierte, dass Sarahs äußere Merkmale ihm zusagen müssten, nach dem Ausscheiden seiner Geliebten. Tränen kannte sie nicht aus eigener Erfahrung. "Sie hat ähnliche Abmessungen wie Desi. Das ist möglicherweise ein teilweiser Ersatz für die Sublimation deiner limbischen Energie. Meinst du nicht?" Christine hatte ihrer Situationsanalyse entsprechend sanft und leise gesprochen. Das Lächeln des Mannes nahm sie vorläufig als Bestätigung des korrekten Verhaltensmodus. Bruce lehnte sich zurück. Seine Hände lagen in seinem Schoß.

"Danke, Chris. Sehr nett. Aber Desi und ich hatten auch gemeinsame Erinnerungen. Die kannst nicht einmal du neu konfigurieren".

"Teilweise schon. Ich hatte, wie erwähnt, mit Desi telepathischen Kontakt. Ich kann Sarah über viele Dinge informieren".

Bruce stutzte. "Du hast alle ihre Erinnerungen?"

"Nein, nicht alle. Aber es gibt so etwas wie einen gemeinsamen Gedächtnis – Pool".

Bruce stand auf und ging zur Tür. "Ich kann schon mal Sarah mit zurücknehmen. Und ihr informiert Terry über alles, was sie wissen muss. Und so weiter. Bis dann!"

Christine trug Sarah zu Bruces Wagen. Dann fuhr er ab. Christine kehrte zu Terrys Wohnung zurück. "Das hat ihn schwer mitgenommen, was?" Terry hatte den Sandmann und Christine angesprochen. Das Gesicht von Bruce ging ihr nicht aus dem Sinn. "Und jetzt zu meinem Gedächtnis! Ihr wolltet es, wie ich das sehe, ausradieren. Seid ihr von irgendeinem Geheimdienst? Guardians, Wächter. Was schützen?"

"Die Welt", sagte der Sandmann im hinsetzen. Christine blieb stehen. Sie hatte berechnet, dass die Menschenfrau emotional nicht völlig stabil zu sein schien. Sie wollte bereit sein, wenn sie zur Tür lief oder zum Telefon greifen wollte. Christine hätte sie in diesem Fall auf der Stelle paralysiert. Alle anderen Guardians würden genauso gehandelt.

"Du bleibst nicht aus Zufall stehen, nicht wahr?"

Christine schaute die Frau interessiert an. "Nein, Terry!"

Die nickt bloß. "Dann legt mal los. Wer ihr seid und was ihr mit solchen Typen", die Hände kämpften mit unsichtbaren Feinden in der Luft, "wie diesem Saul zu tun habt".

"Wir", der Sandmann stockte, er war ein wenig verlegen, "sind Gegner. Du hast gesehen, was er macht und was er vorhat. Wir sind dagegen, wie er die Eliten unterwandert und die Öffentlichkeit manipulieren will. Du könntest uns helfen. Freiwillig. Wenn du akzeptiert wirst".

"Wer muss mich akzeptieren? Bruce?" Ihre Augen waren kaum zu sehen und auf der Stirn stand eine spitze Falte über der Nase.

"Nicht nur er. Wir alle. Wir entscheiden die Dinge, die uns alle angehen in unserem Plenum, weißt du".

"Und wo ist euer Parlament. Im Keller von Whitehall?"

Der Sandmann lachte lauthals. Terry war nicht auf den Kopf gefallen. Auf den Mund schon gar nicht. Sie würde nicht nur mit ihrem Humor eine Bereicherung für die Guardians sein. Sie hatte Mut und Entschlossenheit, zudem Schnelligkeit und eine rasche Auffassungsgabe gezeigt. In Allem, was bisher geschehen war. Gerne würde er ihr seine Stimme geben. Die meisten anderen sicher auch. Das erfährst du nach dem Sicherheitscheck", unterbrach er seine Gedanken.

"Ihr wollt mich durchleuchten!"

"Du könntest zur anderen Seite gehören".

"Wäre ich dann mit in diese Falle spaziert?"

"Gerade dann!"

Terry und der Sandmann sahen sich in die Augen. Eine Aktion, die bei Christine leichte Unregelmäßigkeiten in der Datenverarbeitung hervorrief. Sie konnte nicht herausbekommen, wie das passieren konnte. Sie musste unbedingt mit Desi Kontakt aufnehmen.

"Desi!"

"Was!" Der Sandmann fuhr hoch. Christine blickte ihn unsicher an. Ja, dieser Mann gefiel ihrer Auswertung. "Desi hat mir ein komprimiertes Info übermittelt, als wir da unten kurz Kontakt hatten. Ich hatte die Priorität zurückgestellt, weil ich Analyseprobleme mit einer komplexen Situation hatte".

"Du meinst, du hast es vergessen?"

Christine fand keine passende Antwort auf die Frage des Sandmanns. "Ich muss sofort Kontakt mit Nathan aufnehmen!"

"Wer ist das denn schon wieder?"Die Guardians hatten Terry beinahe vergessen. Christine antwortete schnell. "Das ist unser Zentralcomputer".

"Wo ist die Zentrale?"

"Das", griff der Sandmann ein und lehnte sich wieder entspannt zurück, nachdem er wie ein wie ein Fuchs vor dem Hasenbau dagehockt hatte. "erfährst du, wenn das Plenum dich aufgenommen hat".

"Wer gehört denn alles zum Plenum?" Terry gab nicht so schnell auf. Wieder musste der Mann lächeln. Er rieb sich die Nase. "Alle Stationen auf der Erde und die Mondbasis".

Terry machte große Augen und Ohren. "Ihr habt mit der Mondbasis zu tun?"

"Nicht mit der, die du kennst".

"Welche denn dann?"

"Die außerirdische".

Terry hörte mit der Durchwanderung ihres Wohnzimmer schlagartig auf. Sie setzte sich dem Sandmann gegenüber, griff sein Whisky – Glas und leerte es in einem Zug.



Bruce lief wie eingefangenes Tier durch die Räume des Ness. Niemand wollte ihn anreden. Der Sandmann hatte Nathan über die Vorfälle informiert und war dabei, das Material für das Plenum zusammenzustellen. Christine versuchte, ihre Info auf Nathan hinunter zu laden. Das gestaltete sich schwierig. Christine musste erst ein brauchbares Interface konstruieren. Sie stellte kurzentschlossen eine Verbindung zu Ryan her. Er arbeitete zur Zeit im biologischen Archiv. Er begrüßte die Androidin mit einem freundlichen Lächeln. "Was gibt es denn?"

"Hilfst du mir ein Interface zu bauen?"

"Für welche Verbindung?"

"Ich mit Nathan".

"Dann brauchen wir von Nathan die Konfigurationsdaten seiner Sicherheitsprotokolle. Ich komme da noch nicht ran, wie du weißt!"

"Ich weiß. Aber das ist kein Problem. Ich komme rüber. Bis gleich!" Christine schaltete ab.

Bruce hatte die letzten Tage kaum geschlafen. Desi war mehr als eine Gefährtin gewesen. Sie war eine Partnerin geworden. Mehr und mehr. Das sie Androidin war, hatte er nicht nur im Bett vergessen. Er saß mit verklebten Haaren am Konferenztisch. Im Plenum war eben über die Aufnahme von Terry positiv befunden entschieden worden und darum war sie bei dieser Sitzung anwesend. Wie immer, fing Christine ohne Umschweife an. "Sarah ist im Übrigen repariert und checkt ihre Konfiguration durch. Mit Ryan habe ich auf der Basis der fremden Helmtechnologie ein Interface hergestellt, mit dessen Hilfe die Daten eines androidischen Gehirn auf ein anderes der gleichen Bauart übertragen werden können".

"Du willst sagen, die Gedanken werden übertragen?"

"Weniger das Terry, als die komplette Sammlung an Daten. Natürlich auch alle Denkvorgänge, die bis zum Zeitpunkt des Transfers stattgefunden haben".

Bruce blickte grimmig und schlecht rasiert in seine Kaffeetasse. "Ich verstehe nicht, was das mit Desi zu tun haben soll. Sie ist weg. Zerstört. Was willst du übertragen, bitte?"

Christine erkannte die latente Gereiztheit und berührte ihn leicht am Arm. "Desi schickte mir vor ihrer Selbstzerstörung..."

"Was!" Bruce war mit einem Satz aufgesprungen.

"Warte bitte!" Ryan stand jetzt auf. "Wir haben eine gute Nachricht".

Bruce sah den Mann misstrauisch an. "Welche Nachricht?"

"Desi lebt!"

"Wollt ihr Witze machen? Keine gute Idee!"

"Fahr du doch fort", bat Ryan Christine. Die setzte ihren Vortrag sachlich fort.

"Desi hat sich, ihre komplette Konfiguration, raufgeladen. In das Web. Sie ist auf unzählbaren Servern. Jetzt müssen wir sie nur noch downladen. In einem neuen Androideninnen – Körper. Ursprünglich dachte ich, es handele sich nur um eine Botschaft, aber es ist die ganze Desi, Bruce. Sarah und ich werden gleich damit beginnen. Wir haben alle notwendigen Daten. Sie wird ganz die Alte!"

Bruce hatte nur schweigend dagesessen. Jetzt sprang er auf und um den Tisch herum, wie ein aufgeregtes Kaninchen. "Desi kommt zurück?"

"Auf die androidische Weise, ja!"

Christine fand das Verhalten von Bruce sehr positiv, was seine Verbindung zu ihrer Schwester und Freundin anging.

"Ihr könnt hier Androiden fabrizieren?" Terry sah Christine mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung an. "Das ist ja irre!"

"Nein, sondern eine Originaltechnologie der Stoiker!",glaubte die Androidin korrigieren zu müssen.

"Ihr entwickelt aber auch eigene Dinge, wenn ich das richtig verstehe."

Christine bestätigte das und erzählte der Neuen auch von den Datentransfers, die alle Jahre von den Stoikern gesendet wurden. "Kommen die Kynianer da ran?" Terry fragte mit Besorgnis.

"Niemals!" Bruce guckte zornig in die Runde. Christine ergänzte. "Die Stoiker haben sich dafür entschieden, den Lauf der Dinge in uns manifestiert zu sehen. Sie glauben, dass es keinen Sinn im Universum gibt. Aber sie wollen auch nicht, dass eines Tages ein Raumschiff von der Erde zu ihnen gelangt und es mit Feinden bemannt ist. Denn das müssten sie vernichten, was gegen ihre Moral verstoßen würde. Zugleich sehen sie die Unendlichkeit als unveränderlich an. Eine paradoxe Situation, sogar für sie".

Bruce fiel etwas ein. "Was ist mit den Infos, die Sarah von ihren NATO – Freunden bekommen hat? Gibt es da noch mehr über Sauls Aktionen?"

Christine verneinte und verwies auf Jimmy, der in Kürze neue Informationen brächte. Terry schaltete sich wieder ein. "Ich habe gute Kontakte zu einigen Rechenzentren bei Ämtern, Schulen, Behörden allgemein. Was wollt ihr denn wissen?"

"Wir suchen im Augenblick nach Viren. Die effektivsten und destruktivsten, die es gibt". Bruce war vor der Frau stehen geblieben. "Wie schlimm?" Terry sah zu ihm hoch. "Die schlimmsten, wie gesagt. Sie drehen gewissermaßen die Geschichte zurück. Die demokratische Geschichte!"

Terry erinnerte sich an die Rede Sauls im Keller. Sie erschauderte am ganzen Körper. Die anderen sahen sich an. Wenn die Frau nicht bereits aufgenommen worden wäre, dann hätten sie es jetzt beschlossen.



In den folgenden Tagen schritten die Arbeiten an der neuen Desi kräftig voran. Bruce kam immer wieder in die Werkstatt, die im biologischen Labor eingerichtet worden war. Doch Sarah und Christine schickten ihn ebenso oft wieder hinaus. Die Hinweise des Mannes waren nach ihrer beider Auffassung nur unbewusste Verbesserungsvorschläge. Die Androidinnen wollten Desi nach den Originalplänen wiederherstellen. Ohne irgendwelche Veränderungen oder Verbesserungen. Desi war technisch ein älterer Typ als Christine oder Sarah, aber gerade das machte womöglich ihre sich entwickelnde Individualität aus. Diesen Vorgang wollten sie nicht sabotieren. Sie wollten die Originalkonfiguration mit einer Replika des Originalkörpers vereinen. Sie übernahmen alle Check – Up – Daten, die Nathan von Desi hatte. So würden auch Alterungserscheinungen der Mechanik, soweit vorhanden, berücksichtigt, was vielleicht wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit der Androidin war. Bruce war jetzt in gehobener Stimmung. Die Zurückweisungen der beiden in der Androidenwerkstatt machten ihm nicht schrecklich viel aus, auch wenn sie ihn etwas schmerzten, weil er mit den beiden auf freundschaftlichem Fuß stand.



Jimmy arbeitete im Labor. Sein Kollege und Vorgesetzter stand neben ihm und berechnete diverse Parameter unterschiedlicher Materialien. Der Zeitpunkt war günstig. Sein Chef hatte vom Sicherheitsdienst eine günstige Beurteilung Jimmys bekommen, trotz der jüngsten Zwischenfälle. Jimmy öffnete neben dem offiziellen Datenverkehr eine weitere Leitung. Die Spezial – Software lief direkt vom Memory – Stick und musste nicht installiert werden. Ohne Systemanmeldung würde sie niemand bemerken. Screen – Shots blockierte sie mit einer fertigen Maske, die in jedem Halbbild lief. Tastenanschläge wurde zurückgestellt. Immer größer wurde der Datenfluss über die Standleitung. Die Software setzte die heimlichen Transfers genau zwischen die Übertragungen der formal geöffneten Verbindung und lud sie auf den Stick, den Jimmy eingeschoben hatte. Jimmy interessierte sich für die Unterlagen der CIA. Die hatten hier ein sogenanntes Forschungsprojekt laufen. Das war schon seit Jahrzehnten eine beliebte Methode, an Universitäten mit Wissenschaftlern zu arbeiten, von denen keiner offiziell militärische Forschung betrieb. Natürlich wussten die Manager einer Universität, woher letztlich die vielen Fördergelder kamen. Doch der Ruf einer Universität wächst mit der Zahl der erfolgreichen Publikation ihrer Wissenschaftler. Darum sah man nicht so genau hin. Jimmys Arbeit war Teil eines geheimen Forschungsauftrags, der teilweise der Industrie – nach Ablauf der ersten militärischen Nutzung – teilweise der Universität unmittelbar nutzte, weil sie damit andere Projekte beschleunigen konnte. Die Software lief gut und öffnete ihrerseits eine Verbindung zu einem Doku – Server, auf den die gefundenen Dateien kopiert wurden. Jimmy fuhr gleichzeitig ein Material – Forschungsprogramm. Das gehörte zu seinem Job. Emsig verglich er Tabellen. Eifrig genug, um von seinem Boss aus den Augenwinkeln heraus bemerkt zu werden. Dann erschien auf der virtuellen Maschine, die Jimmy mit der Software eingerichtet hatte, eine Simulation. Jimmy verstand ihren Sinn nicht. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Er speicherte die Daten as, ohne das der Mann, der jetzt zu ihm herüberkam, etwas bemerkte. Schon konnte er ihn fast berühren. Er roch das Deo des anderen und suchte die Tastenkombination für den Abbruch des heimlichen Ablaufs. Die Klimaanlage blies das After Shave seines Vorgesetzten in seine Nase. Seine Hand ruckte kurz, blieb dann aber auf den Keys. Der Boss blickte auf den Monitor. Jimmys heimliche Software verschwand im selben Moment aus der Taskleiste. Jimmy wischte den Schweiß nicht von der Stirn. Noch nicht.



Der Sandmann schaltete das Telefon ab. Christine hatte nicht das Wristcom verwendet. Ihre Nachricht war von sehr persönlicher Art. Um Acht Uhr im Papagallo. Das gab ihm noch zwanzig Minuten. Das reichte gerade für die Fahrt. Er musste ihr bei Gelegenheit ein paar Grundregeln für Verabredungen beibringen. Am Besten auf Datenspeicher.



Saul schloss die Verbindung zu dem Remote – Computer. Er tat dies mit einer Tarnung, die verhinderte, dass Protokolle registriert wurden, die von der Firewall als Gefahr registriert worden wären. Der kurze Kontakt mit dem anderen Computer hatte ausgereicht, um einen modifizierten Trojaner zu installieren. Der würde sich gleich wieder melden. Sobald die andere Seite wieder eine Verbindung mit den anderen Stellen im Netzwerk aufnahm. Es war ein ausgedehntes Netz der NATO. Und dazu gehörte auch der Rechner, an dem Jimmy arbeitete.



"Ich schätze, diese unzureichende Beleuchtung soll die mangelhafte Qualität der Speisen verbergen". Christine war vorgebeugt und flüsterte zum Sandmann hinüber. Der flüsterte zurück. §Keineswegs, Chris. Das ist romantisch!"

Christine lehnte sich etwas zurück, was dem Sandmann weniger Chancen ließ, einige hervorragende Details ihrer Ausstattung zu bewundern. Ihr Kleid musste sie nach Modekatalogen ausgesucht haben. "Schönes Kleid. Rot steht dir gut zu Gesicht und Haar".

"Ich habe es im Versand bestellt. Modeläden habe ich noch nicht aufgesucht".

"Hast du Lust, morgen mit mir ein paar von diesen Läden zu besuchen. Wir können mit kleinen Boutiquen beginnen. Dann arbeiten wir uns zu den schicken Läden für reiche Damen vor".

"Das würdest du tun?"

"Hmh!"



Bruce, der Sandmann, Sarah und McLean standen im kleinen Labor des Ness – Quartiers. Es war eine Unterabteilung des großen Labs, konnte aber völlig autark betrieben werden. Christine und Ryan standen bereit. Nathan versorgte alle Monitore mit flirrenden Daten zum zustand der Androidin auf dem Tisch. Unter einer weißen Plastikabdeckung lag Desi. Die neue Konstruktion. Die Rekonstruktion der alten Desi. Bis aufs Haar identisch. Jede Pore an ihrem Platz. Christine blickte auf den Monitor über dem Kopf der anderen Androidin. "Die letzte Sequenz ist gleich durch. Dann hast du Desi wieder". Ihr Blick traf Bruce. Der blickte aufgeregt von Desi zu den Daten. "Ist der Transfer wirklich geglückt? Keine verdrehten Daten? Unterbrechungen?"

"Nein", Ryan musste lächeln, "wir haben alle Downloads mit früheren Daten von Desi verglichen und konnten alle Bereiche überprüfen. Außerdem hat sie, wenn sie ok ist, auch wieder den telepathischen Link zu Christine, die ja, was Konstruktion und Datenbasis angeht, eine Art Tochter – Schwester ist".

"Kannst du schon was spüren"? Bruce hatte seine Stimme nicht unter Kontrolle. Sie brach mehrmals im Satz und war ein Ebenbild des Kummers, den der Mann seit dem Verschwinden deiner Freundin durchlebt hatte. Er würde die in den folgenden Tagen zum Mond müssen. Desi sollte mitgehen. Sie wollten eine schöne Zeit verbringen. Bruce machte mit sich eine stumme Abmachung. Wenn Desi wieder voll da wäre, würde er sich auf dem Mond von Irish trauen lassen. Der verrückte Rotschopf hatte freiwillig als Stationschef verlängert und würde sich riesig freuen.

"Achtung! Sequenz – Ende. Jetzt!" Nathan hatte dies deutlich und laut angesagt. Die Menschen sahen gespannt auf die Liegende. Der Sandmann hatte feuchte Hände. Er hatte auch seine Erinnerungen an Desi bei den Stoikern. Die Tür ging auf, rasch kam Karen herein. Sie gesellte sich schweigend zu den anderen. Behutsam griff sie nach Bruces Hand. Er drehte sich leicht zu ihr um und lächelte dankbar. Karen lächelte mit einem Augenaufschlag, der Mut geben und Vertrauen zeigen sollte. Bruce nickte, sah dann stumm auf Desi. Christine checkte noch einmal die Peak – Daten. Dann blieb sie ohne eine Bewegung stehen. Die Menschen hielten die Luft an. Karen nahm die Hand des Mannes noch fester in ihre. Bruce spannte die Kinnmuskeln hart an.

"Ich habe sie!"

Christine lachte laut auf. Sie war davon so überrascht, dass sie einen Augenblick verwirrt über ihre eigenen Daten nachdachte, dann sprach sie Bruce an. "Ich habe Kontakt! Sie ist ok. Alle Daten kongruent! Sie ist die Alte. Du hast sie zurück!"

Bruce stieß ein raues Lachen aus und Karen gab seine Hand frei. Lachend fiel die ihm um den Hals. Der Sandmann klopfte ihm auf die Schulter. "Hauptsache, die Stimmung ist gut!"

Ein Aufschrei bei den Menschen! Ryan klatschte in die Hände. "Hurra!", rief der Sandmann, "Sekt für alle!"

Christine schob die Hand unter Desis Kopf. Die richtete sich auf. Ein Lächeln traf Bruce. Der konnte sich nicht mehr halten. Es wurde ein langer und tiefer Kuss. Seine Arme umschlangen ihren weichen Körper. Da stieß die Androidin den Mann kraftvoll zurück. "Was ist denn, Desi?" Bruce stammelte in bitterer Enttäuschung vor sich hin. Die Arme noch erhoben. "Stimmt was nicht?" Der Rest des Satzes ging unter. Desi rief mit kräftiger Stimme in den Raum. "Nathan! Sicherheitabschaltung. Schnell!"

"Ich brauche noch einen kommandierenden Guardian dazu". Die Erwiderung war so sachlich wie die Anzeige dazu auf allen Monitoren, auf denen das Abschaltprozedere erläutert wurde.

"Bruce! Sandmann! Schnell!"

Die Männer zögerten merklich. Christine analysierte die Gesichter der Menschen. "Keine Fehlfunktion!"

Im Chor gaben die Männer ihre Bestätigung des Befehls der Androidin. Nathan fuhr sich herunter. Die Monitore zeigten nach wenigen Sekunden nur noch die Maschinendaten. Nathan war verschwunden.

"Was jetzt", McLean schaute ratlos, "Desi?"

"Saul!" Desi stand auf, ohne sich um ihre Nacktheit zu kümmern. Die Männer machten komischen Gesichter, dachte Christine und analysierte. Desi ging zu einer Konsole an der Wand. Sie legte ihre Hand auf eine glatte Fläche in der Mitte. Ein Scanner – Strahl streifte dahinter entlang. Während Bruce es ihr gleich tat, erklärte die Androidin, "Als ich wieder voll da war, erkannte ich eine Reihe von Daten, die mir im Web begegnet waren. Dadurch, das ich vor de Download keine Persönlichkeit hatte, war ich zeitweise eins mit diesen Daten. Als ich dann wieder ich selbst war, was dein Kuss sehr beschleunigt hat", ein schneller liebevoller Blick zu Bruce, "sah ich die Viren!"

"Welche denn? Neue?"

"Bruce, Saul hat noch viel mehr an Viren verbreitet, als wir bisher ahnten".

Sie folgten den Anweisungen auf dem Display und gaben ihre Guardian – Kennwörter ein. McLean bestätigte die Aktion als Stationschef des Ness.

"Er hat seit Wochen einen Virus in Umlauf gebracht, der auf einer elektronisch – biologischen Ebene arbeitet!"

"Darum die Sofortabschaltung von Nathan". Ryan stand hinter ihr.

"Ja".

"Was machen wir denn jetzt ohne den Global – Computer?"

"Nun, Ryan", erklärend drehte sich Bruce zu ihm hin, "wir sind nicht ganz ohne Elektronik. Alle Stationen haben natürlich Notsysteme. Wir haben Kommunikationsmittel und auch computergestützte Systeme für die Daten der Aufklärung".

Karen schaltete sich ein, damit Bruce mit Desi ungestört das Prozedere durchführen konnten, welches sie Ryan darlegte. "In dem Moment, in dem Nathan verschwunden ist, sind bei allen Fahrzeugen und Fluggeräten, die autarken Bordsysteme auf erste Priorität gesprungen. Das machen sie immer so, wenn Nathan nicht in Reichweite ist".

"Dann ist das auf dem Mond doch der Dauerzustand", meinte Ryan und sah verwundert drein.

"Nicht ganz! Immer wenn Schiffe von uns oder unsere Info – Satelliten zum Mond fliegen, können wir in der Zeit der Abberation des Mondes direkte Datentransfers durchführen. Es sei denn, wir können ungestört unsere Scannerphalanx ausfahren. Dann haben wir ständigen Kontakt, was in letzter Zeit erschwert war, seit Jimmy einem Sensor die Antenne genommen hat. Wir sind noch mit der Rekonfiguration beschäftigt." Der Sandmann stieg ein und beide beschrieben Ryan das Verfahren, welches Desi und Bruce zur gleichen Zeit ausführten. Es ging darum, mit allen Stationen Verbindung zu halten. Dazu gab eine Station nach der anderen ihre Kodierungen in das manuelle Kommunikationssystem ein. Die Reihenfolge war festgelegt. Zuerst die Hauptstation, dann die anderen Erdstationen. Zum Schluss der Mond. Sobald er in Reichweite kam. Die Zugangscodes wurden jede Woche von den Stationschefs oder anderen führenden Guardians untereinander abgesprochen. Das geschah über sichere Leitungen, die ständig wechselten. Im Übrigen war die Deaktivierung keine Katastrophe. Sie machte die Arbeit nur schwieriger. Alle Stationen mit ihren Kommunikationszentralen, ihren Labors und Hangars waren autark. Nathan sammelte die Daten und machte sie schneller verfügbar, als eine manuelle Abgleichung über die normale Kommunikation er ermöglicht hätte. Zudem konnte er, aufgrund seiner Allgegenwart, sehr schnelle Analysen erstellen und bei Problemen auf Wunsch eingreifen. Zudem war er berechtigt, bei Ausfall von Kommandopositionen, diese bis auf Weiters zu übernehmen. Daran hatte Desi sofort gedacht. Nathans Stoiker – Kern. Die Fähigkeit, unabhängig zu entscheiden. Nathan funktionierte wie die Androiden auf einer bio – elektronischen Basis. Eine Infektion wäre gleichbedeutend mit einer heimlichen Kontrolle der Guardians. Das dürfte auch die Absicht gewesen sein, dachte Desi und sagte laut, nachdem sie sich zum Entzücken von Ryan herumgedreht hatte, "Bevor wirwir Nathan wieder herauffahren, müssen wir den Virus in die Hände bekommen. Sonst riskieren wir eine totale Fremdbestimmung!"

Ryan spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.




"Ich analysiere eine interessante Kombination von Zutaten. Ich sehe bei ständiger Einnahme allerdings einige Problem für deinen Verdauungstrakt".

"Gut, dass die Musik so laut ist!"

"Du meinst, ich sollte mehr kolloquial formulieren?"

"Hmh!"

"Das ist wohl eine Bejahung".

Der Sandmann hatte den Mund voll und nahm noch mehr Pizza. Als er geschluckt und mit Lambrusco nachgespült hatte verwies er mit der Hand auf die Speisen. "Kannst du wirklich etwas damit anfangen?"

Christine bejahte und schnitt sich ein großes Stück aus der Stagioni heraus. "Es gibt eine Kopie des menschlichen Verdauungstrakts, der für gewöhnlich nicht genutzt wird, aber zu einer besseren Imitation des menschlichen Verhaltens und Befindens übernommen wurde. Das ist einer der Unterschiede, die Androiden zu Robotern aufweisen. Es ist nicht nur der Intellekt". Die Androidin zerstückelte während dessen weiter die Pizza und nahm ein paar Schlucke Lambrusco. Ich finde dies ähnlich interessant wie die Sexualität. Zu diesem Punkt werden wir später noch kommen, wenn dir dieser Aspekt des Rituals recht ist".

Der Sandmann schluckte hart. Natürlich waren die Beziehungen schon vor dem Kontakt mit den Stoikern wenig konformistisch gewesen. Die verlängerte Lebensphase hatte diese Tendenz noch zunahmen lassen. Die Schaffung der Androiden war eine weiter Entfernung von den althergebrachten Normen, wenn auch nicht als bloßes Abreagieren von Triebbedürfnissen. Freundschaften wurden intellektuell und sexuell definiert. Nicht über Konformität – auch nicht Pseudo – Freiheit durch wahllose Partnerwahl, wie in manchen Firmen auf der Erde. Nicht über Ansprüche. Freie Entscheidung war das wesentliche Element der Freundesbeziehungen. Wer sich etwas zu sagen hatte, war mit Gleichgesinnten befreundet. Das bedeutete keine Gegenerschaft zu Andersdenkenden. Nur machte Niemand einen Versuch, zu missionieren. Solange man sich über die emanzipierten Umgangsformen einig war, gab es keine Probleme des Zusammenlebens. Jeder hatte die gleichen Rechte und Pflichten. Niemand konnte dem Anderen seine Meinung aufzwingen. Positionen, die schnelle Entscheidungen erforderten, wurde demokratisch delegiert. Frauen und Männer und Androiden und Androidinnen waren völlig gleichberechtigt. Männer konnten nicht nach Gutdünken dominieren. Frauen wurden nicht mystifiziert. Der Sandmann hatte darüber öfter diskutiert und darum schnitt er das Thema ganz nebenbei an. "Ihr seid noch viel freier als die anderen...Frauen", die kleine Pause war ihm peinlich. Christine sah ihn jedoch nur interessiert an. "Ich meine, ich, ach, vergiss es!"

"Kann ich nicht".

"Das hatte ich vergessen".

Christine musste lachen. Der Sandmann versuchte zu seinem Thema zurückzufinden. "Ich meine, es gibt heute noch Frauen, die gar nicht anders wollen, als den Mann zur Arbeit zu schicken. Dann machen sie den Haushalt und weigern sich, eine Entwicklung durchzumachen".

Christine nahm einen großen Schluck. "Das ist interessant. Du sagst, es gibt Frauen, die eine traditionelle und konservative Lebensgestaltung einer freien Form vorziehen?"

"Hmh. Ja!", der Sandmann kaute an einem Brötchen herum, "viele Menschen kommen nicht zurecht mit der Freizügigkeit. Sie wollen ein Leben ohne dabei zu viele Entscheidungen treffen zu müssen".

Christine schien verwundert. Sie legte das Besteck beiseite. "Diese Menschen lehnen es ab, eigene Initiative zu ergreifen? Lassen sich fremd bestimmen?" Sie beschleunigte automatisch ihre Atmung und vernachlässigte die Motorik der Verdauung. Sie spürte ein Gas aufsteigen. Aus ihrem Mund drängte sich ein Rülpsen über die vollen Lippen.

"Oh!"

"Glückwunsch! Aber wir unterdrücken das notfalls mit der Hand vor dem Mund".

"Verzeihung. Das ist demnach eine normale Fehlfunktion? Interessant!"

Der Sandmann hob sein Glas an die Lippen und trank mit geschürzten Lippen mächtige Schlucke, schmeckte am Anfang Säure und in der Mitte auf der Zunge etwas zu viel Tanin. Er stellte das Glas ab, füllte es aus der Karaffe nach und nahm noch einen Schluck. Dann nah er den Faden wieder auf.

"Solche Menschen findet man vorwiegend in religiösen Organisationen. Und in politischen Parteien, die gegen Modernisierung polemisieren. Sie wollen anders leben, als wir!"

"Das können sie doch. In ihren Gemeinschaften. Warum wollen sie ihren Fundamentalismus für alle verbindlich machen? Dazu besteht keine logische Notwendigkeit".

"Stimmt! Aber es geht ihnen nicht um Logik. Es geht um Macht. Und darum, nicht ständig mit den eigenen Probleme konfrontiert zu werden".

Christine dachte kurz nach. Beim letzten Stück Stagione hielt sie inne. "Meine psychologischen Infos sagen mir, dass konservative Menschen von ängstlicher Natur sind. Sie wollen dann vermutlich dominieren, um ihre Probleme zu kompensieren. Wenn alle so leben wie sie es für angemessen erachten, brauchen sie nicht die Ursachen ihrer unversöhnlichen und starren Haltung zu untersuchen. Und in Frage stellen können sie sowieso nicht, da sie ja behaupten, dass es unveränderliche Werte, die für alle verbindlich seien gebe. Wenn das unabhängig von der Ethnie angewendet wird, führt es direkt zu Rassismus".

Der Sandmann betrachtete Christines eingefrorenes Gesicht. Er nickte nachdenklich. "Ich fürchte, du hast da eine sehr richtige Analyse geliefert. Ich meine, von Saul und seinen Anhängern".

"Richtig! Bevor Nathan abgestürzt ist, hatte er einige Infos gesammelt mit seinem Konfliktforschungsprogramm". Der Sandmann horchte auf. "Demnach gibt es mehr von diesen Gruppen, die du erwähnt hast. Und Nathan meinte, er hätte Hinweise über Verbindungen zu Saul!"

"Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für diese Evaluation?"

Christine setze sich auf und legte die Hände in den Schoß. "Bei 83 Prozent".

Der Sandmann stieß mit der Frau an und nahm einen Schluck. Sie wechselten das Thema und Christine verblüffte den Sandmann mit ihrer Kenntnis klassischer Kinofilme. Er ahnte nicht, dass sie seine Vorliebe von Desi kannte und sich die wichtigsten Filme angesehen hatte. "Jurassic Park 3 finde ich sehr absehbar in der Entwicklung der Story".

"Stimmt, Chris. Der erste war noch mit Überraschungen versehen. Das gilt sogar noch für den zweiten Teil".

"Kordula wollte sich neulich Teil siebzehn ansehen. Mit Sauriern in Europa. Die bedrohen eine Gruppe von amerikanischen Kindern".

"Ohne mich!"

"Ja", seufzte die Androidin, "dann bleibt nach dem Ende dieses Essens noch die rituelle Frage : zu dir oder zu mir?"

Sie entschieden das vor der Tür.




McLean empfing den Sandmann mit seiner mürrischsten Laune. "Nathan ist noch mindestens für eine Woche down. Shit!"

"Gutes Training für den Notfall", der Sandmann kriegte ein Grinsen nicht aus dem Gesicht. So ging es schon den ganzen Morgen.

"Du grinst ja wie Bruce, seit er seine Desi wiederhat". McLean krallte dabei einen Stapel Print – Outs auf seinem Schreibtisch. Die Monitore darauf und an der Wand waren schwarz wie die Kleidung des Sandmanns und die von Christine. Sie kam mit viel Schwung hereinmarschiert, trällerte "Hallo! Guten Morgen!" und flatterte zu ihrem Labor.

"Die ist ja auch mit einem hinreißenden Grinsen ausstaffiert. Eine Androidin! Hat das was mit dir zu tun?" Der Sandmann hatte in dem Sessel an der Seite von McLeans Sessel Platz genommen und pfiff ein Lied. "Habt ihr...? Ihr seid...?" McLeans Frage wurde mit einem breiten Grinsen beantwortet. "Alles klar!" Der Stationschef lachte mit. "Das ist bestimmt ein guter Grund. Aber jetzt zur Sache!" Er warf dem Sandmann einen Haufen Papiere zu. Der konnte sie gerade noch auffangen. "Wir müssen alle Infos von Geheimdiensten und so weiter persönlich auswerten. Das ist dein Teil. Der erste!" McLean wies auf einige Meter Text, die auf sie beide warteten. Der Sandmann zuckte nur mit der Schulter und ging an die Arbeit. "Noch was!" Der Sandmann drehte sich in der Tür um, als er schon fast draußen war. "Bruce wird bald zum Mond fliegen. Nimmt vielleicht Desi mit. Darum muss Christine sich ab nächste Woche alleine mit dem Herauffahren von Nathan herumschlagen. Ich werde zur Sprache bringen, dass Desi erst einmal hier bleibt. Dann können ich und du die Arbeit der Agenten leiten. Besonders Jimmy ist jetzt wichtig".

"Ich soll mit Bruce reden?" Die Frage kam rhetorisch vom Sandmann.

"Ja!"

"Ok!"

Der Sandmann ging zum Labor. Das war nicht ganz der Weg in sein Arbeitszimmer, aber er musste einfach seine Geliebte sehen. Die war damit beschäftigt, auf den Hilfssystemen die Konfiguration von Nathan mit den Infos über den Virus zu vergleichen. Desi half ihr dabei. Ihr unsichtbarer Link ebenso.

"Hallo, Schatz!" Der Sandmann küsste die Androidin auf die Wange. Er wusste über ihr Taktil – System bestens Bescheid. Sie küsste ihn zurück und lächelte.

"Du bist eine wirklich bemerkenswerte Ansammlung von Daten. Mein Schatz".

Der Sandmann grinste ein "Danke, du aber auch!"

Christine bedankte sich und nahm sich vor, ihr Erotikprogramm einem ständigen Upgrade zu unterziehen.



Irish liebte den Job vielleicht noch mehr als das Kommando über eines der Tauchboote. Die Station war eine aufregende Sache. Ständig musste irgendwo improvisiert werden. Irish war überall zugleich. Man sah ihn innerhalb einer Stunde selten an weniger als sechs Orten. Er hüpfte wie ein riesiger Gummiball von einem Ort zum nächsten. Die Schwerkraft war ihm egal. Irish strahlte wie ein Atompilz und wedelte wild mit den Armen. Immer gab er ein schnelles Kommando oder instruierte einen der Androiden. Das imponierte sogar einer netten Androidin. Sie teilte ihm dies geradeheraus mit und Irish ging eine Beziehung mit ihr ein. Auch das schien ihn zu beflügeln. Ihm ging es wie dem Sandmann. Die Gelenke drehten sich wie frisch geschmiert in ihren Pfannen. Der Kopf war klar und leicht. Die Gedanken strömten nur so dahin und die Beine schienen zusätzliche Bänder zu haben, so federten sie beim gehen. Der Tatendrang durchfloss die trockenen Flussbetten seiner Intuition wie ein reißender Strom. Die Brandung seines Verstandes brach sich an den Klippen seiner Phantasie. Eine Idee hatte sich in den letzten Stunden bei ihm festgesetzt. Er musste sie unbedingt mit den anderen besprechen. Doch dazu musste Nathan wieder in Takt sein. Das konnte dauern. Dann hatte er noch eine Idee. Die alten Pläne einer Antenne im Mare Crisium in der Nähe vom Mare Tranquilitatis, dem Landeplatz der ersten und der letzten Apollo – Mission der Amerikaner. Heute war da nur noch eine kleine automatische Erdstation, die aber einmal – so hatten es die Informanten herausgefunden – eine internationale wissenschaftliche Anlage werden sollte. Anders demnach, als die kommerzielle Anlage im Mare Imbrium. Irish hatte die Pläne genau studiert. Die Vorgänger der Stoiker auf dem Erdtrabanten wollten auf der Vorderseite eine Station einrichten. Doch mit dem Auftauchen der Menschen als Astronauten war das nicht mehr als durchführbar erachtet worden. Aber Irish hatte in den Aufzeichnungen etwas entdeckt.

"Winston!"

Der Androide kam herangeeilt. "Sie wünschen?", näselte er aus einer Höher herab, die mindestens zehn Stockwerke über seinem körperlichen Standort lag.

"Hör zu! Ich möchte eine komplette Ausrüs­tung und die passende Mannschaft, um im Meer der Gefahren einige Generatoren und Antennen aufzubauen. Kriegst du das hin?" Irish blickte nicht gerade freundschaftlich auf den Androiden mit den permanent hochgezogenen Brauen. Wo der Kerl das bloß herhatte. Diese Individualitätsentwicklungen waren wirklich beachtlich, wenn auch nicht immer eine Freude. Der Androiden ließ seine Brauen noch höher wachsen. Sie bildeten gothische Bögen, auf denen sich der Haaransatz stützte. "Ich gestatte mir", die Hände verschränkten sich hinter seinem aristokratischen Rücken, "sie darauf aufmerksam zu machen, dass dies den äußeren Aktionsradius der Menschen berührt. Sie können mit ihren Lunar Trucks bis nahe heranfahren und sie auch erreichen, falls sie inzwischen Reserven im Tranquilitatis gelagert haben sollten. Ein Wunder, dass sie es noch nicht versucht haben!"

"Was weißt du schon von Wundern!" Irish war rot im Gesicht und seine Hände ballten sich. Er wusste aber, dass der Androide recht hatte. Trotzdem! Man muss etwas riskieren. Und wenn ein Mensch einen sah, gab es immer noch zwei Möglichkeiten. Das Gedächtnis löschen oder ihm den Einstieg bei den Guardians antragen. Irish leitete alles Notwendige in die Wege. Fahrzeuge wurden bereitgestellt und anschließend mit den erforderlichen Gerätschaften beladen. Viele Ersatzteile waren darunter. Mehr als normalerweise mitgenommen wurden.




Jimmy streichelte Jasmin zärtlich über die wuscheligen blonden Haare. Dann ging er zur reichhaltig vorhandenen Figur über. Jasmin räkelte sich seufzend und schmiegte sich nahe an den Partner. Der dankte es mit noch mehr Zuwendungen händeseits. Jasmin nahm dankend die Praline an und saugte sie mit ihren fleischigen Lippen in den Mund. Sie schmatzte eine Weile vor sich hin, dann sortierte sie ihre Gedanken. "Die Leute sind wirklich nett. Was sie uns gegeben haben. Das war mein Traum. Trotz meines Vertrags, weißt du. Ich weiß nur nicht, ob ich als Hostess wirklich was herausfinden kann".

"Bestimmt! Die haben uns schließlich ein wirklich neues Dasein gegeben. Jetzt zeigen wir uns erkenntlich. Ein Leben, unabhängig von den großen Konzernen. Wir können untersuchen, wen die alles fördern und wen sie systematisch bekämpfen. Das könnte den Guardians helfen!"

"Uns helfen! Wir gehören doch jetzt dazu, Schatz!"

"Du hast recht, mein strammes Weib", Jimmy versank in einem langen Kuss.












17. Tränen fließen.


"So endet denn, was eurem Konzept von Freundschaft entspricht".

"Wir gehen als Freunde", Karen ging auf das Wesen zu und berührte seinen langen Hals zärtlich. Es ließ die Frau gewähren, "wir möchten als Freunde wiederkehren. Und auch mit euch in Verbindung bleiben".

Der Stoiker drehte seinen Sehschlitz in Karens Richtung. Im Innern funkelte es grünlich – gelb.

"Alles beginnt mit dem Feuer und beginnt wieder damit. Der Anfang ist sterbendes Ende".

Bruce kam näher. Er legte eine Hand auf Karens Schulter. Er neigte seinen Kopf, straffte seine Schultern, als er wieder hoch blickte. "Wir werden daran denken, dass das Leben – menschliches oder nicht - , ein langes fließendes Wasser ist. Ein Strom aus Zeit und Wiederkehr".

Der Stoiker setzte die hinteren beiden Füße so, dass er den Menschen genau gegenüber stand. Dann sah er nach oben, wo die Sterne in der sauberen Luft klar und scharf zu sehen waren.

"Wir wissen nicht, woher wir gekommen sind, nicht, wohin wir gehen können, wenn unsere Sonne stirbt. Doch der Kreis wird nicht durchtrennt, wenn Freie sich einreihen".

Karen blickte zur Seite und fasste Bruce um die Hüfte. "Wie ist man ganz frei?"

Beinahe ängstlich hatte sie den Stoiker angeblickt, der seinen Kopf nicht wieder nach unten gebeugt hatte. Die Stimme des Wesens war das Rufen einer Eule aus weiter Ferne. Karen und Bruce hatten wieder einmal den Eindruck, als käme sie aus ihnen selbst. Karen schudderte. Bruce zog sie sanft näher.

"Alles ist in sich. Alles ist von hier. Das Leben ist von hier. Von dort, wo ihr herkommt. Von dort, wo andere herkommen. Wer versteht zu leben, lebt, wie das Leben an dem Ort ohne Probleme gelebt werden kann. Dem Ort des Lebens, eurer Erfahrung".

Ein zweiter Stoiker trabte den Hügel hoch. Seine weiße Haut schimmerte im Licht des Doppelmondes. Ein zweiter Stoiker trabte heran. Er stellte sich neben den ersten und besah sich die Menschen.

"Die anderen von euch sind fort. Sie werden nur den Dingen folgen, die schon sind. Ihr könnt ihr Schicksal kreuzen. Dazu bedarf es der Einsicht in die Freiheit".

Dann kamen noch weiter Stoiker dazu. Lautlos setzten sie ihre Fußhufe auf den trockenen warmen Fels. Herb und der Sandmann holperten in einem Fahrzeug in Sichtweite. Sie hatten die klapperige Konstruktion selber gebastelt. Desi, Christine und die anderen weiblichen und männlichen Androiden bedienten sich der typischen flachen Gleiter, wie sie den Stoikern als Transportmittel ihren Zweck erwiesen. Der Sandmann stieg als erster ab.

"Die Androiden sagen, das hier eine Versammlung abgeht".

Er und der andere Mann gingen zu Bruce hinüber. Die Stoiker bildeten eine schmale Grenze. Die Androiden folgten den Menschen. Eine Art Chor hob an. Immer ein Stoiker sagte etwas, danach setzte ein anderer das Gesagte fort.

"Wir haben die Maschinen angewiesen, euch ebenfalls ein Schiff zu bauen. Es wird euch zu eurem Planeten bringen. In dieselbe Zeit, wie die anderen. Das heute jenseits von uns, aus dem ihr stammt. Es wird für euch so sein, als wärt ihr dem Kreis der Erdenzeit nie entflohen".

Die Menschen erfuhren noch, das dies keine Zeitreise, nur ein Weg zurück in die parallele Zeit ihrer Herkunft. Eine Zeit, die stehen geblieben war, während die Jahre auf dem Planeten der Stoiker vergingen. Die Stoiker versprachen, über spezielle Bojen mit den Menschen in Verbindung zu bleiben, wenn sie dies wünschten.

"Das wollen wir auf jeden Fall", sagte der Sandmann,"aber was ist mit den anderen?"

Die Menschen warfen sich vielsagende Blicke zu. Christine und Desi folgten ihren Blicken und sahen dann zu den Stoikern hinüber. Die hoben die Köpfe simultan wie auf ein stilles Signal. Es wirkte, dachte Karen, als lauschten sie einer heimlichen und immer währenden Melodie in ihnen. Dem Klang verborgener Spähren. Jenseits von Zeit und Raum. Das ticken der Unendlichkeit. Sie schüttelte kraftvoll den Kopf, um ihre Gedanken auf die Versammlung zu lenken. Bruce betrachtete sie besorgt von der Seite.

"Die anderen", sang der Chor melodisch und einstimmig, und es klang wie die Akkorde eines Klaviers, die hintereinander angeschlagen werden, "zerschneiden den Kreis. Wir würden unser Leben zerstören, wollten wir sie in unserem Leben behalten. Wir wollen die Luft und das Wasser, den Gesang der Tiere, die sensorisch stimulierenden Ausdünstungen der nicht – tierischen Lebensformen".







18. Ideen und eine Antenne.


Haare im Wind. Maggie Goodroon fegte noch mehr als üblich durch ihre Abteilungen. Der Kaffee war heiß und scheußlich. Das meiste von der schwarzen Brühe schwappte über die Flure und Militärhose. Immer noch ihr Lieblingsstück. Sie lächelte vor sich hin, wenn die Männer sie im Vorbeiflug flüchtig auf an der Schulter berührten. Sie meinten es als gute Kameraden. Maggie näherte sich der Einsatzzentrale. Noch wenige Flugmeter. Sie setzte mittendrin zur Landung an.

"Status!"

"Alle Systeme go!"

"Kommunikation ok!"

"Gast unterwegs!"

Zwei Männer und eine Frau bemühten sich um schnelle und korrekte Antworten.

"Die Positionslichter sind auf go!"

"Ok!", bestätigte Maggie und ließ eine Verbindung zum heraneilenden Shuttle von der Erde machen.

"Hier Commander Goodroon! Ihren Status, bitte!"

Der Shuttle – Pilot drückte die Tastenkombination für die Übermittlung der Trajektionsdaten an die Mondbasis.

"Hallo, Maggie! Alles fest?"

Ein raues kratziges Lachen war die Antwort. "Fester als bei dir, Schwabbelarsch! Komm runter. Ich will einen Fight!" Goodroon war Inhaberin der Schwarzen Gürtels in Mantis und Ju - Jutsu.

"Den kannst du haben, alte Sau! Bring mich nur anständig rein", rempelte Harry, "bis gleich!"

"Bis gleich!"

Die Trajektionsdaten flimmerten über einer Mondkarte. Der Assistent legte ein kleineres Gitter darüber und dann eine Projektion der Station. An einer Stelle blinkte die Animation rhythmisch auf. Der Landeplatz. Die Lichter waren durch das mittlere der drei großen Fenster gut zu sehen. Goodroon stand genau davor. Hinter der mittleren Computer – Konsole. Langsam schwebte der Shuttle runter auf den markierten Platz zu. Die Bremsdüsen zündeten und die Maschine setzte auf dem Shuttle – Pad auf. Einen Moment später schlängelte sich der Andock – Tunnel nach draußen und flanschte an.

"Docking positiv, Maggie", sagte der Mann vor ihr. Goodroon klopfte ihm auf die Schulter ohne den Blick vom Landeplatz abzuwenden. Ein wichtiger Besucher war angekündigt worden. Geheim – Code Alpha. Höchste Sicherheitsstufe! "Andock – Kontrollen. Sauerstoff ok!"

Die Kameras zeigten, wie die Piloten in Raumanzügen die Gangway benutzten. Etwas fiel der Kommandantin sofort auf. Die Piloten hatten in der Sauerstoffatmosspäre ihre Helme abgenommen. Die Gäste trugen sie immer noch. Sogar mit heruntergeklapptem Sonnenschutz. Doch sie wirkten auf Maggie nicht so, als würden viel von einem Spaziergang auf der Oberfläche halten. Einer trug zusätzlich noch einen kleinen Aktenkoffer mit einer weißen Schutzbeschichtung.




Im Mare Crisium war viel los. Irish persönlich war vor Ort. Er hatte Winston die Aufsicht über die Station übergeben. Irish war in seinem Element. "Die große Antenne muss nach den alten Plänen genau unter uns sein. Deaktiviert. Oder niemals aktiviert. Ein echter Gewinn für uns. Wenn wir da ran kommen. Also los, Leute. Weitersuchen!"

Eine Handvoll Androiden suchte mit Bodensensoren nach einem verborgenen oder verschütteten Einstieg. Der alte Krater lag stumm und dunkel unter ihren Füßen. Die Androiden trugen nur leichte Mehrzweckkleidung, weshalb sie sich fast so behände bewegen konnten wie unter normalen Umständen. Irish stand in seinem klobigen Raumanzug in der Mitte und gestikulierte wie eine Windmühle im Sturm. Das Fahrzeug stand am Rande des Kraters und sammelte im Bordcompi alle Daten der Sonden. Die sahen aus wie altmodische Staubsauger. In der Abberationsphase fiel das Sonnenlicht steil von der Seite über den Rand des Kraters und färbte den Grund mit schwarzer Tinte. Irish hopste vorsichtig zum Wagen und stieg langsam ein. Es war an sich kein richtiges Einsteigen, weil es ein offenes Fahrzeug war, wie es in den Gleitern der Guardians immer an Bord war. Der Gleiter parkte am nördlichen Wulst des Meeres und hielt die Verbindung mit der Station aufrecht. Irish rief die Daten ab. Der Monitor zeigte ein Gitternetz des Mares und gab die Positionen der einzelnen Sonden an. Bisher nur Fehlanzeige. Absolut nichts! Dabei reichten ihre Sonden gut hundert Meter tief in den Untergrund hinab. Und der Mond war geologisch nicht sehr aufregend. Eine ziemlich schlichte Mischung. Kein Problem für eine systematische Sondierung. Und systematisch waren Irish und seine Androiden. Auch seine androidische Freundin war darunter. Ab und zu drehte sie sich zu ihm hin und winkte herüber. Heftig winkte er dann zurück. So heftig, dass es ihn jedesmal in die Höhe hob und er in heftiges Schlingern geriet. Wie ein Segelschiff auf dem Wasser rollte und stampfte er dann hin und her. Als wäre das Mare wirklich mit Wasser gefüllt.




Das Büro war spartanischer als die Pritschen der Spartaner. Keine persönlichen Fotos an den Wänden. Keine Souvenirs. Keine Kinkerlitzchen. Das war Goodroons oberstes Motto. Entweder richtig oder gar nicht. Entweder arbeite ich in meinem Büro oder gar nicht! Tatsächlich sah man sie so gut wie nie in ihrem Büro, wenn sie nicht gerade Berichte schrieb oder Protokolle redigierte. Ihr Büro war die ganze Station. Ihre Kartei die einzelnen Mitarbeiter der unterschiedlichen Abteilungen. Ihr Büro war in der Regel nur als Konferenzraum in Gebrauch. So sah es dann auch aus. Leere Kaffeebecher klebten an der Tischplatte, Papiertaschentücher auf allen Regalen, Datenträger kreuz und quer. Maggie kippte zwei Sessel kurz auf die Seite. Die Memory – Sticks rutschten mit ihren Boxen zu Boden. Daten und Musik wischen den wichtigen Gästen, deren Gesichter noch immer hinter den Helmen verborgen lagen.

"Wenn irgendetwas ist", hörte sie Harry von der Tür her sagen, "dann findest du mich ja".

"Den Kampf mit dir lasse ich mir nicht entgehen". Maggie nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz und schaufelte ein Fenster für den Blickkontakt frei. Die ominösen Gäste warteten bis Harry endlich gegangen war. Dann nahmen sie die Helme ab.

"Guten Tag. Vergeben sie die Heimlichtuerei, aber die Konkurrenz schläft nicht".

"Und manch ein Politiker auch nicht".

Die Stimmen der beiden Männer klangen für Maggie nach teuren Anzügen mit modischen Krawatten der Saison. Immer in der richtigen Abstimmung. Von der Sekretärin ausgesucht.

"Wir kommen in einer wichtigen Mission".

Die Stimme des rüstigen Fünfzigers erzählte dabei von einer repräsentativen Gattin und einem ebensolchen Eigenheim in bester Lage.

"Wenn sie gestatten, legen wir eben ab", erklärte der jüngere von beiden. Seine Bewegungen waren sportlich, verrieten jedoch den Büromenschen mit Feierabendsport. Militär oder Industrie, tippte Maggie. Goodroon kannte diesen Typ. Knallhart im Feld, brutal beim Training, konziliant im Privatleben, charmant auf den Parties. Sowas wurde in Westpoint gezüchtet. Sein Boss hatte seine Umgangsformen wahrscheinlich auf sehr teuren Privatschulen erworben. Aber er war eher Industrieboss als Soldat. Maggie gab sich ganz ihren Betrachtungen hin, während die Männer sich aus den zweiteiligen Raumanzügen schälten. Sie hatte nicht die Absicht, auch nur eine Hand zu rühren. Sie brauchte ja auch ein bisschen Spaß!




Irish ließ den Computer noch einmal durch die Daten gehen. Dieses Mal nahm er ein paar Veränderungen vor.

"Vielleicht sollten wir nicht nur in der Tiefe suchen". Seine androidische Freundin stand neben ihm und sprach in ihr Headphone. Rote Haare und schlank. Barbara hatte eine hübsche Nase. Irish war ganz verrückt danach. "Was meinst du, mein Schatz?" Barbara kletterte auf den Wagen. Sie tippte auf der Tastatur und rief ein Schema des Kraters auf. Es war eine Spektralanzeige. "Siehst du. Durch die Sonnenbestrahlung entstehen Temperaturunterschiede zwischen Gestein, welches vor Millionen von Jahren geschmolzen wurde und solchem, welches erst vor wenigen Jahren oder Jahrtausenden den Aggregatzustand vorübergehend änderte. Wenn wir einen Scan der Oberfläche mit Schallwellen machen, müssten wir die Unterschiede sehen können".

"Liebes, ich würde dir jetzt gerne auf die süße kleine Nase küssen, aber das würde ich nicht überleben. Also gut, machen wir es so!"

Die beiden konfigurierten die Sensoren neu und das Team legte von neuem los.




Maggie sah den Jüngeren abschätzig an. Der revanchierte sich in gleicher Weise. Der Ältere meinte, lächeln zu müssen. Das Lächeln von Pseudo – Gebildeten, die meinen, ein schlaues Gesicht und eine hohe Stellung seien ein Anzeichen von Begabung. Der ältere Mann fing an. Seine Sätze waren gut einstudiert. Inklusive einer angeblichen Nachdenklichkeit, die in kleinen Pausen demonstriert wurden, um einen intellektuellen Eindruck zu vermitteln.

"Sie haben sicher schon gehört – ich weiß natürlich, wie schwierig es ist, hier auf dem Laufenden zu bleiben - , welche Entwicklungen sich auf der Erde anbahnen".

Und jetzt soll ich wohl auch noch freundlich lächeln, damit du dir auf deine weise Einsicht etwas einbilden kannst. Nach dem Motte "Wir Wissenden verstehen einander", bis du mir dann hinter dem Rücken den Stuhl unter die Schlinge stellst. Maggie hielt seinem Blick, der erwartend auf ihr ruhte ohne Flackern stand. Männer konnten sie nicht beeindrucken. Mal sehen, wie lange er brauchte, um daraus falsche Schlüsse zu ziehen und ein paar Schweinereien abzulassen. Auf die Vornehme, versteht sich! Und mit einem wissenden Seitenblick zu dem anderen.

Der ältere der zwei Oberangestellten irgendeiner wirtschaftlichen Majestät zögerte leicht. Der Jüngere, rhetorisch darauf trainiert, nur keine Stille aufkommen zu lassen, sprang sofort in die Bresche.

"Es gibt", schon nahm er die Aktentasche auf den Schoß, "gewisse Veränderungen, die diese Station betreffen. Hinzu kommt eine Bedrohung, über die ich, wir, sie noch informieren müssen, bevor wir uns verabschieden und sie ihrer, wie ich versichern darf, zur vollsten Zufriedenheit ihrer Auftraggeber ausgeführten Tätigkeit überlassen darf".

Der letzte Teil hatte unbedingt mit der typischen "Du – arbeitest – nicht – nur – ich" – Gesicht gesagt werden müssen. Ein schnelles Huschen seiner Augen über Schreibtisch, Maggie und Wände mit den Gesichtszügen einer feindlichen Übernahme beendeten die fein formulierte Unverschämtheit. Nun durfte der andere Mann nicht länger warten mit der Rechtfertigung seines Gehalts. Mit Schlautun und Schlaugucken. De setzte er auch schon an, mit einem Blick auf seine teure Armbanduhr, damit Maggie Goodroon rechtzeitig in die Schranken ihrer Bedeutung verwiesen wurde.

"Nun", ein gut geübtes Räuspern dahinter,"es ist so, wie sie sicher wissen", der Blick musste unbedingt das Gegenteil behaupten, "das wir davon ausgehen müssen, dass Ärger zu erwarten ist. Sie als Kommandant, ah, als Kommandantin – nicht, das sie meinen, ich hegte irgendwelche Vorbehalte gesellschaftlicher oder sexueller Art", das kam es denn, das maliziöse Lächeln unter Beteiligung seines Mitreisenden, "was ich zum Ausdruck bringen möchte ist, dass wir ihren Vertrag überprüft haben".

Pause mit erwartungsvollem Blick. Den ließ Maggie einfach in der Luft verpuffen, indem sie sich am Computer zuschaffen machte. Jetzt kommt also noch mehr Schweinerei, dachte Goodroon. Rufen wir eben das Dossier auf. Sie ließ ein Bild des Älteren mit persönlichen Angaben auf dem Monitor erscheinen. Der Monitor stand schräg auf dem Desk, so dass der Mann von der Seite, auf der er saß, sein Konterfei sehen konnte. Der Mann räusperte sich ob der Ungehörigkeit, ihm nicht die volle und ausschließliche Aufmerksamkeit zu widmen. Nur er alleine war zu Desinteresse und Missachtung berechtigt und kunstvoll in der Lage. Die Frau war bestimmt lesbisch. Anders konnte es nicht sein. Obwohl. Seine Frau auch nur noch ausweichend lächelte, wenn er sie nur grüßte. Er fuhr fort, nach einem schnellen, allwissenden Blick auf den Jüngeren.

"Vielleicht sind sie sich der Tragweite einzelner Klauseln ihres Abschlusses nicht bewusst". Wieder ein kunstvolles Räuspern. Maggie sah interessiert auf den Monitor.

"Sind sie das, da auf dem Bild. Der Mann, dem man nicht nachweisen konnte, diverse Politiker bestochen zu haben und der niemals formell vom Verdacht freigesprochen wurde?"

Der Angesprochene zupfte an der teuren Hose. "Ich weiß nicht, welcher Fehlinformation sie aufgesessen sind, aber ich versichere ihnen..."

"Ja oder nein! Sind sie das?" Maggies Finger zeigte locker auf das Bild.

"Sehen sie, ich will nicht unhöflich erscheinen..."

Ja, dachte Maggie, Erscheinung ist dein ganzes Leben, was! "Sind sie das!"

"Darauf gehen wir nicht ein!" Die jüngere Stimme war hart wie Stahl und so scharf wie ein Steakmesser. Der Ältere nickte erleichtert, beeilte sich aber, seine Erleichterung zu verbergen. Forsch stand er auf und fing an, im Büro umher zu wandern. Goodroon rief das Dossier des Jüngeren auf. Die Erkennungssoftware der Dockingstation war hervorragend. Und ihre Kontakte zur Erde waren immer noch bestens. Der Mann kreiste herum. Tat so, als interessierte er sich für Bücher und Filme auf den Regalen. Leider fing er dann wieder mit dem an, was er als Einziges konnte. Reden. Das vermeintlich schlaue Gesicht unter den grauen Haaren öffnete den Mund. Die unentwegten Lippen taten das, was sie ohne Unterbrechung leisten konnten. Sie droschen büschelweise leeres Stroh. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er über Pflichten und Verantwortung, den harten und entbehrungsreichen Alltag auf dem Mond – er konnte das intellektuell völlig nachvollziehen, auch wenn es im "leider, leider versagt war" diese Erfahrung selber zu machen - , langsam zum Punkt kam, wenn auch nur andeutungsweise. Bei ihm klangen die Beschwörungen der wichtigen Arbeit der Mondbasis, als würde er die ganze Arbeit machen, obwohl sie genauso gut auch von dressierten Affen verrichtet werden könnte. Er konnte das einfach nicht lassen. Häme und Geringschätzung waren seine Natur, Sex sein einziges Vergnügen. Maggie wusste das, seit er den Helm abgesetzt hatte. Sein Blick hatte augenblicklich ihren Busen gesucht und ihre Oberschenkel gescannt. Sichtliche Enttäuschung hatte sich genauso flink in seinem arroganten Gesicht breit gemacht. Jetzt betrachtete er Maggie von der Seite. Wieder mit dem Erotikblick. Maggie vermeinte ihn wie einen feuchten Schwamm auf der Haut zu spüren. Sie war diesen Kerl gründlich satt. Sie setzte sich auf und sah ihn an. Nicht gerne. Das machte sie ihm unter Aufbietung aller ihrer Gesichtsmuskeln verständlich. "Danke, danke! Es reicht, sie großer Redner!"

"Wie bitte?"

Der Mann stutzte. Fast hätte er es für Applaus gehalten und wollte sich im Verbeugen aufplustern.

"Ich kenne meinen Vertrag", unterbrach die Frau seinen neuen Versuch, seinen Redeschwall in Eimern über sie auszuschütten, "sie wollen sagen, dass ich im Notfall alle Unruhen auch mit polizeilicher Gewalt befrieden muss. Richtig?"

"Ja, aber...", seine Augen nahmen die Größe des Aschenbechers an, den Maggie benutzte. Das war eine neue Erfahrung für ihn. Ein denkendes Wesen! Außer seiner Pracht und Herrlichkeit! Außer ihm, dem heimlichen Genie! Unfassbar!

"Richtig?", bellte Goodroon.

"Ja...", sagte eine heisere Stimme.

"Also richtig!" Maggie war noch lauter. Ihre flache Hand schlug mit einem trockenen Knall auf die Tischplatte. Ehe der Ältere sich fassen konnte, sprang das Steakmesser aus der Schneide.



Irish titschte durch die Gegend. "Wo, wo!"

"Hier!" Barbara zeigte ihrem Lover die Stelle auf dem Monitor. "Wie nehmen die Position ein. Pass auf!" Die Androiden gingen auf unsichtbaren Meridianen entlang und stellten sich in einem Kreis von zehn Meter Durchmesser auf.

"Hier ist es", verkündete Barbara und winkte Irish heran. Der hütete sich, zurück zu winken. Statt dessen ging er gemessen in den Kreis hinein. Er blickte sich mit vorsichtigen Bewegungen um.

"Wo genau kann dieses Loch bloß sein?"

"Der gesamte Durchmesser vielleicht. Eine Öffnung in der Originalgröße der Antenne dürfte es leichter gemacht haben, sie einzubauen. Ich glaube, dass auch eine Hebevorrichtung mit dem Verschluss verbunden ist. Zum Öffnen benötigt man wahrscheinlich einen Zugangscode. Hast du etwas dergleichen in den Aufzeichnungen entdeckt?"

"Nein. Nur ein paar merkwürdige Symbole. Sieh sie dir doch bitte an". Sie gingen zum Gleiter am Rande des Kraters. Drinnen rief Irish die Pläne ab.

"Siehst du!" Barbara erkannte die Symbole. "Das sind Stoiker – Zeichen. Nur älter als jene, die wir kennen. Doch das dürfte kein zu großes Problem sein. Lass uns den Computer der Station mit reinnehmen".




"Kommen sie endlich zur Sache!" Maggie konnte das Gerede und die schlauen Grimassen einfach nicht mehr ertragen. Die Typen wollten sie bestimmt rausekeln und dafür ihr Ebenbild installieren. "Wie sie wissen, habe ich einen Zehn – Jahres – Vertrag mit diversen Optionen. Also!"

"Es ist so, um zur Sache zu kommen, wie sie sich auszudrücken pflegen", grinste der Grauhaarige Besserwisser schlau zu dem jüngeren Mann hinüber, der schlau zurück grinste, "aufgrund der wirtschaftlich – politischen Situation und diverser Erkenntnisse, zu denen mein junger Kollege noch etwas sagen wird, beabsichtigt das Konsortium der industriell – politischen Administration des Mondes, einige Veränderungen zu konfigurieren, gewissermaßen".

Goodroon hatte sich mit einem Ruck erhoben. Der Graue machte einen Schritt zurück. Etwas war in den Augen der Frau, was ihn ängstlich machte. Hilfesuchend schaute er nach dem anderen Mann.

"Mann! Kommen sie endlich zum Punkt, sie Schwafelkopf!"

Der Jüngere duckte sich mit einem heimlichen Grinsen zur Seite weg. Der Graue war also sein Boss und offenbar bestens verschrien.

"Ich weiß nicht...", stammelte er und strich die Luxus – Kleidung glatt.

"Wenn sie nichts wissen, gehen sie besser zur Dockingstation und checken aus. Ich muss für mein Geld was tun. Solange mein Vertrag läuft!"

Der Jüngere hatte sich wieder Maggie zugewandt. "Der läuft nicht mehr!"

"Ach! Und seit wann nicht, sie Schlaumeier?"

"Seit wir einen Artikel – 13 – Fall haben!", schmetterte der Mann mit militärischer Stimme und Haltung, wie die Trompete beim Morgenappell, "tut mir leid". Ein wenig Bewunderung lag in seinem Ausdruck. Er konnte Maggie nicht ausstehen, aber er respektierte ihre aufrechte Haltung. Auch das ein Ergebnis aus Westpoint. Der Grauhaarige setzte sich wieder hin, räusperte sich kunstvoll, sah seine manikürten Finger an und sprach schon wieder.

"Wir haben uns entschlossen, das heißt, meine Auftraggeber, sie weiter im Amt zu belassen. Wegen ihrer", musste unbedingt stocken und versuchen, ironisch drein zu blicken, aber der Jüngere sah ihn nicht an, "nun ja, wir sind der Meinung, dass nach vier Jahren eine gewisse bilaterale Sozialisation eingetreten ist und..."

Das Klirren zerriss sein Geplapper wie ein Stein eine aufgespannte Zeitschrift. Die Tasse flog scharf an seiner edlen Hose vorbei. Maggies Stimme war drohend, aber nicht laut. "Wenn sie jetzt nicht sagen, was sie vorhaben, werfe ich sie eigenhändig und ohne Druckanzug durch die nächste Schleuse!"

Der Jüngere erhob sich rasch. Er streckte die Handflächen besänftigend in die Richtung, wo die Frau stand. "Weiß Gott, das würden sie tun, nicht wahr!" Sein Respekt wuchs ständig. "Hören sie! Wir meinen, dass es zu Unruhen führt, wenn wir sie einfach austauschen. Darum bleiben sie im Amt. Offiziell. Falls sie es nicht vorziehen zu gehen. Auch das wollte ihnen mein Vorredner als Option anbieten. Er hätte noch eine Stunde dazu benötigt". Er grinste unverhohlen. Nicht in Kumpanei, sondern wie einer, der seinen Weg gehen wird, auch ohne solche Grauköpfe und Plaudertypen. Er stützte sich vor Maggie auf den Schreibtisch. "Wir zahlen ihnen ein Drittel mehr. Das ist nur zu billig. Ihre Akte ist wirklich beeindruckend. Das sage ich als Soldat. Nicht als Mitglied des Konsortiums".

"Sie verlangen von mir, meine Leute von ihnen fernsteuern zu lassen?"

"Nicht fernsteuern, nur unter den gegebenen..."

Der Soldat unterbrach den Grauhaarigen mit einer messerscharfen Handbewegung.

"Ja!"

"Das kann ich nicht verantworten Ich kann nicht gegen meine Leute handeln!" Maggie war wieder lauter geworden. Ihre Hände waren aber nicht mehr so kontrolliert wie bisher.

"Sie können gehen, aber sie werden nirgendwo mehr unterkommen".

"Erpressung! Sie Schwein!" Der Aschenbecher flog über die Platte auf der kürzesten Flugroute zur Brust des Steakmessers aus Westpoint. Der parierte mit einem raschen Sidestep und zerschmetterte den gläsernen Flugkörper mit der Handkannte.

Maggie überlegte. Gegen das Konsortium kam sie nicht an. Nicht, wenn sie in ihren Job weitermachen wollte. Eine Alternative wäre Journalismus gewesen. Aber bei den Monopolen hing auch das Konsortium überall mit drin. Die konnten sie fix und fertig machen! Säue. Sie atmete tief durch. Der Grauhaarige musste sofort auf ihren Oberkörper schauen. Dem wollte sie keine Gelegenheit zum Triumph lassen.

"Schicken sie den Wichser raus, dann reden wir!"

Der Jüngere drehte sich zu dem anderen mit kraftvollem Schwung um. Der setzte zu einem Protest an. Der Jüngere griff ihn am Arm und stellte ihn auf die Füße.

"Was?"

Dann schob ihn der Soldat zur Tür, wartete kurz und kam zu Maggie zurück.

"Zufrieden?"

"Fürs Erste", lächelte Maggie, "also, worauf beruht der Artikel 13 in dieser Sache. Es ist doch nicht nur ein militärischer Notfall, nicht war?"

Der Soldat setzte sich hin und legte den Aktenkoffer auf seine Knie. Er holte einen Memory – Stick heraus. "Wo ist der Player, bitte?"

Maggie stand auf, nahm ihm den Stick aus der Hand und ging zum Regal auf der linken Seite. Sie warf einige Magazine runter und legte das Gerät frei. Dann schob sie den Stick ein und drückte die Play – Taste. Auf dem Monitor an der gegenüber liegenden Wand lief eine Aufzeichnung der geheimen NATO – Sitzung über die Außerirdischen ab.




"Transmission erfolgreich", stellte Barbara sachlich fest. Sie glich die Daten ab und ließ eine Simulation laufen. "Ich habe die Ergebnisse mit einer grafischen Darstellung verbunden. Gleich sehen wir die Koordinaten auf der 3-D des Kraters".

Irish war gespannt wie eine Harpune vor dem Abschuss. Es dauerte ein paar Augenblicke. Dann waren die Eintragungen zu sehen. Irish sprang auf, die Androidin gab die Daten an die Androiden im Krater weiter über die Headphones. Dann gingen sie und Irish mit einem kleinen Sender nach draußen. Ein Androide holte sie mit dem Wagen ab und sie waren in zwei Minuten an der früheren Position.

"Die Lage stimmt demnach", stellte einer der Androiden fest, "dann müssen wir nur noch den Zugangscode haben".

Irish stimmte zu und forderte Barbara auf, die Sequenz zu übermitteln.

"Es wird besser sein, sich nicht innerhalb des Radius aufzuhalten".

Irish gab auf Barbaras Kommentar hin den anderen ein Zeichen, sich zurück zu ziehen. Schließlich standen sie alle am Rand eines gedachten Kreises. Ähnlich wie vorher schon, doch waren die Speichen des Rades etwas länger geworden. Barbara legte den Transmitter auf die Schlacke. Dann begann sie, eine sehr lange Reihe von Symbolen einzugeben. Als sie fertig war, stand sie auf und wartete mit den anderen.

"Hoffentlich kein Selbstzerstörungsmechanismus", murmelte Irish in seinen Helm und erschauerte plötzlich. Der Boden zitterte merklich unter ihren Füßen. Irish konnte mit seinen dicken Sohlen nicht gleich ausmachen, woher das Beben kam. Es wurde heftiger. Das kleien Gerät auf dem Boden begann zu vibrieren Schneller und schneller. Der Staub darum herum tanzte erst langsam, dann furios um den kleinen Kasten herum. Die Staubkörner schienen sich um sich selber zu drehen. Immer mehr Staubpartikel tanzten Walzer auf dem brummenden Kratergrund. Zumindest hätte er gebrummt, in einer erdähnlichen Umgebung. Auf dem Mond nichts zu vernehmen, außer dem heftigen Grollen unter den Füßen, das sich bis unter den Haaransatz ausbreitete. Sie spürten die ausgedehnten Stollen und Verzweigungen, die vor langer Zeit von Maschinen in den Mond getrieben worden waren. Irish hatte noch mehr entdeckt. Aber damit würde er erst herausrücken, wenn sie da unten waren. Bei der Sendeanlage!

"Da!" Ein Androide deutete auf den Rand des Kreises. Der Staub schwebte langsam nach unten. Etwas kam nach oben. "Gigantisch!", entfuhr es Irish. Instinktiv machte er einen Schritt zurück. Die Platte hob sich mit majestätischer Langsamkeit. Sie hatte über acht Meter im Durchmesser. Ihre Dicke war noch nicht auszumachen. Der Rand wurde sichtbar. Staub rieselte an ihm herunter und markierte seine die Dicke. Ein Meter, zwei Meter. Dann war ein schwarzes Nichts zu spüren. Eine Dunkelheit, die weit in die Tiefe reichte. Niemand konnte sagen, wie tief. Die Platte fuhr weiter hoch. Sie hob sich unentwegt und unter ständigem Rumpeln. Was vorher unter ihren Füßen gelegen hatte für Jahrtausendende, erhob sich zu einem Baldachin über ihren Köpfen. Als der Rand fünf Meter von der Oberfläche entfernt war, hörte des unhörbare Rumpeln auf.

"Alles einsteigen!" Irish überschlug sich. "Schnell! Den Wagen. Die Lampen nicht vergessen. Tempo, Tempo!"

Das letzte Kommando war überflüssig. Die Androiden erwiesen sich auch ohne viel Schwerkraft als gute Läufer. Der Wagen war in wenigen Minuten zur Stelle. Die Lampen montierten die Androiden um den Schacht herum und verbanden sie mit den Generatoren. Das Licht flutete in den schwarzen Schlund. Irish trat bis an den Rand der Öffnung. Sein Herz klopfte dermaßen. Dass der Medicomp im Gleiter eine Diagnose mit Behandlungsplan erstellte. Irish stand regungslos, unter ihm schimmerte glanzlos die große Schüssel.




Der Sandmann schlenderte wie zufällig zum Labor. Der ganze Kram mit den Unterlagen hatte ihn tagelang genervt. Christine hatte er zwar öfter getroffen, aber für viel mehr als Sex hatte sie keine Zeit gehabt. Bruce war inzwischen davon abgekommen, Desi mit zum Mond zu nehmen. Das war ihm schwer gefallen, aber die beiden Androidinnen hatte ihm versichert, dass sie nur mit vereinten Kräften in der Lage seien, Nathan erfolgreich wieder herauf zu fahren. Erfolgreich hieß dabei ohne Schaden und ohne Memory – Verluste. Zusätzlich war es unabdingbar, das Back – Up mit den zwischenzeitlich angefallenen Daten einem Update zu unterziehen. Bruce und der Sandmann schickten sich in das Unvermeidliche.

Terry bog im Eiltempo um die Ecke. "Sandmann!"

"Terry!"

"Ich habe was von diesem Jimmy. Hast du Zeit?"

"Priorität?"

"Bestimmt hoch!"

Sie entschieden sich für die nächstliegende Tür. Die gehörte zufällig zu Christines Labor. Sie gingen jedoch nicht in den inneren Bereich, sondern blieben im vorderen Raum, der mehr eine Kantine oder ein Medienraum war. Glücklicherweise unterhielt die schöne Androidin auch eine Kaffeemaschine für menschliche Kollegen. Die Becher waren heiß, der Inhalt kräftig. Die beiden nahmen an dem kleinen Konferenztisch Platz. Terry breitete die Unterlagen aus. Der Sandmann überflog sie anfangs, setzte dann den Becher ab. Er bediente das Interkom auf dem Tisch und stellte verschiedene Verbindungen her.





Maggie schwieg. Invasion! Ihre schlimmste Vermutung. "Sind sie sicher?"

"Ja! Hier habe ich weiters Material. Einzelne Nachweise und Bilder und so weiter. Ich dachte, das würde sie überzeugen".

Maggie sah den Mann mit zusammengekniffenen Augen an, wie jemand, der stark kurzsichtig ist und seine Kontaktlinsen vergessen hat. "Also gut. Für jetzt! Wenn ich den Eindruck gewinne, dass sie oder der Oberschlaumeier oder sonst wer mich und meine Leute als Kanonenfutter verfüttert, informiere ich jeden, den ich erreichen kann! Klar?"

"Völlig". Steakmesser hatte nichts anderes erwartet. Er würde dem Konsortium empfehlen, die Frau nicht zu unterschätzen und notfalls auf die Erde zu bestellen. Unter einem Vorwand. Und sie dann festzuhalten oder sonst was. Im Moment jedoch war die Frau mitsamt ihrer direkten Art eine wichtige Verbündete. Die wedelte nun mit der Hand zur Tür.

"Und halten sie mit den da vom Leibe!"

Der Soldat grinste unter Männern, nahm den Koffer an sich und marschierte hinaus. Goodroon ging um den Schreibtisch herum und ließ sich in den Sessel fallen. Sie kippte ihn brutal nach hinten und sah an die Decke. Sie fühlte sich müde. Ihre Arme waren schwer, ihre Augen wollten zufallen. Die Hände wogen so viel, als wären sie aus Blei.







Mit einem Ruck spannte die Frau die Muskeln ihrer Oberschenkel an. Der Sessel kippte laut nach vorne. Maggie hämmerte auf die Sprechanlage. "Harry! Komm, Junge. Ich mache dich fertig!"

"Ok! Jederzeit, Süße. Wann?"

"Jetzt! In dem kleinen Sportraum".

"Ich bin in zwei Minuten da!"

"Ich auch, darauf kannst du deinen Arsch verwetten!"




Die Düsen an der Unterseite wurden aktiviert und das Flugauto hob langsam ab.

"Die Energie reicht nur für einmal runter und wieder rauf. Den Gleiter müssen wir dann zu Fuß erreichen".

"Wenn du das sagst, mein Liebes", flötete Irish. Er wusste zur Zeit nicht, in wen er mehr verliebt war, Barbara oder die Antenne im Untergrund. "Hier Irish. Barbara geht mit mir runter. Zwei von euch bleiben bitte bei der Öffnung. Die anderen beiden gehen los und holen den Gleiter. Der stört ja jetzt nicht mehr. Bis gleich".

Barbara steuerte das Vehikel mit leichter Hand zur Mitte der Öffnung. Im Licht der Scheinwerfer war eine meterdicke Spindel zu erkennen. Barbara folgte ihr nach unten. Sie kamen an einem großen Kasten vorbei, der um die Gewindeachse herumgebaut zu sein schien. Irish zeigte darauf. "Vermutlich der Empfänger".

"Ja", meinte die Frau nur und beobachtete die Darstellung auf dem Monitor. Unter ihnen warf der Flugwagen einen pechschwarzen Schatten auf die Antenne. Nach fünf Metern waren sie dicht über ihr. Barbara hielt einen Moment die Position und Irish machte Aufnahmen. Dann flog Barbara zur Seite und an der Schüssel abwärts. Nur der Rand der Schüssel war noch zu sehen. Angeleuchtet von den Strahlern auf der Oberfläche. Nach einer Höhe von zehn Stockwerken, setzte der Flugwagen sanft auf dem Boden auf.

"Ok, Schatz! Ich suche jetzt den Lichtschalter". Irish lachte hinter Barbara her und stellte sich mit einer Handlampe neben das Fahrzeug. Die Androidin bewegte sich schnell im Infrarot – Modus. Es dauerte nicht lange und die ersten Lichter flackerten auf. "Bald gibt es mehr. Die alten Energiespeicher müssen sich regenerieren. Danach haben wir volles Licht und die Computeranlage!"

"Was! Ist das alles intakt?" Irish riss die Augen auf.

"Und ob!", rief Barbara auf ihrem Weg zu ihm, "und dann werden wir für dich sogar Sauerstoff zur Verfügung haben. In drei Stunden, denke ich".

"Gut. Bis dahin können wir uns schon etwas umsehen". Irish ließ den Worten gleich die Tat folgen und spazierte los. Von unten wirkte die große Antenne wie eine irdische Parabolantenne, wie sie für astronomische Zwecke eingesetzt wurde. Barbara zeigte ihm die Computeranlage.




Harry war gut gelaunt. Der Kampf mit Maggie hatte beide in Stimmung gebracht und sie hatten danach noch viel Spaß miteinander gehabt.

"Was heißt das, du kannst nichts sagen?" Harry guckte ungeduldig.

"Es ist ein Dreizehner!"

"Artikel 13", Simon war verblüfft, " was genau?"

"Kein Kommentar! Aber soviel kann ich sagen: Wenn die mich reinlegen, rede ich und mache eine Menge Rabatz".

"Wie willst du vorgehen?"

"Erstens: Business as usual, Harry. Zweitens: Einrichtung von zusätzlichen Erkundungsstationen. Automatisch natürlich. Annäherungssensoren und der ganze Kram".

"Annäherungssensoren?", echote Simons und die anderen wurden nachdenklich, " wozu denn das?"

"Wenn ich nichts sage,muss ich auch nicht lügen. Ok?"

Die anderen im Büro stimmten leise murrend zu. Sie waren die Führungsmannschaft und zu völligem Schweigen nach draußen verpflichtet im Falle eines A 13. Harry fragte noch, was Maggie jetzt als Sofortmaßnahme unternehmen wolle.

"Ich fliege zum MT und richte eine automatische Anlage ein. Muss mal wieder raus hier. Simon und Sheba bilden die anderen Teams für die alten Landeplätze 12 und 14. Lasst es uns hinter uns bringen. Ja?" Maggie legte die Hände auf die Tischplatte und drückte sich hoch. Harry stand plötzlich vor ihr. "Brauchst du einen guten Piloten?"

"Hm! Mach schon!"





Die Stimme des Sandmanns brachte Christine zum Schmunzeln. Desi grinste die Freundin an. Doch dann hörten sie immer aufmerksamer zu. Der Sandmann gab den Bericht von Jimmy wieder, den Terry ihm gereicht hatte. Nach dem zu urteilen, was der Neue erfahren hatte. War es Saul gelungen, mehr als nur ein paar Viren zu verstreuen. Jimmy meinte, dass die Forschungsanlage regelmäßig angezapft würde und zwar mit einer Software, die nicht von außen kam. Sie müsse vor Ort installiert worden sein.

Bruce meldete sich lakonisch. "Also haben nicht nur wir unsere Leute da. Die sind auch drin. Sag Jimmy das. Und das er vorsichtig sein soll".

"Das ist er immer", warf der Sandmann ein, " aber ich sage es ihm trotzdem. Kann nichts schaden. Ich schicke eine verschlüsselte Mail".


"Hallo Mädels!" Der Sandmann kam in das Lab geschneit. Christine saß lächelnd Desi gegenüber. Zwischen den beiden reihten sich ein Dutzend Monitore und Tastaturen. Christine wendete ihren Kopf rechtzeitig genug, um den Kuss mit den Lippen abzufangen.

"Wie steht es denn mit unserem Weisen, Chris?"

"Ganz gut. Wir haben fast alle Dateien verglichen und fahren ihn bald wieder rauf".

Desi setzte sich zurück und der Sandmann musste unwillkürlich ihr T – Shirt bewundern. "In wenigen Stunden ist es soweit. Dann läuft wieder alles wie gewohnt".

Der Sandmann seufzte erleichtert und zog mit dem Fuß einen Stuhl heran. Dann waren er und Christine sehr miteinander beschäftigt.







Das Licht strahlte hell und schattenlos durch die Halle.

"Mindestens drei Fußballfelder", kommentierte Irish trocken, "und die Dinger sind die Computer?"

"Ja", Barbara berührte einen Kürbis von drei Metern Durchmesser, "sie reagieren auf Sprache und auf Berührung. Ein Job für Desi und Christine. Wir brauchen die beiden hier. Alles muss auf unsere Sprache umgestellt werden. Und was die Freunde der Stoiker an taktilen Organen hatten, weiß ich nicht".

"Du meinst Tentakel, so ein Zeug? Können wir das nicht mit den Händen und so machen?" Irish quietsche enttäuscht mit langem Gesicht.

"Ich denke, dann musst du die beachtlichen Massen deines ganzen Körpers an ihn und seine Geschwister schmiegen. Vielleicht mögen sie das".

"Den ganzen Körper?", Irish berührte sanft mit dem Handschuh den vorderen aus einer Ansammlung von drei Riesenkürbissen. Der dellte an der Stelle ein und das Licht veränderte für eine Sekunde sein Spektrum. Doch das erfuhr er nur durch die Androidin. Er konnte diese Abweichung nicht sehen.

"Du hast das nicht gesehen, natürlich. Das humane Zwischenhirn filtert diesen Anteil des Lichts aus dem, was die Augen noch durchlassen, aus. Dann könnt ihr erstmal nichts mit den Orgacomps anfangen".

"Was sind Orgacomps?"

"Meine persönliche Systembezeichnung für diese vorwiegend organischen Computer. Die Haut, auf die du dich stützt..."

"Haut!" Irish zuckte zurück und mit ihm die Hand, "das Ding hat eine Haut?"

"Das Ding ist kein Ding, sondern eine besondere Züchtung. Immer ein Parental – Computer und zwei Filial – Computer. Du hast gerade einen der Geschwister berührt. Die Haut ist übrigens sehr ähnlich derjenigen, die du an mir so gerne und oft berührst".

Lag da ein Tadel in der Stimme der Androidin? Es war schwer auszumachen. Wie weit war ihre emotionelle Entwicklung denn schon gediehen? Irish schüttelte den Kopf. Seine Welt war wirklich neu. Nicht von gestern, wie die von Saul.

"Deine Haut macht mir ehrlich viel Vergnügen. Ich möchte sie bald wieder berühren". Er legte zaghaft die Hand zurück. Gut, dass ich im Raumanzug stecke, dachte Irish. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, ging Barbara darauf ein.

"In fünf Minuten ist die Umgebung wie in deinem Zimmer auf der Station. Dann kannst du es mit bloßen Fingern anfassen. Mal sehen, wie sich das Spektrum dann verändert".

Mal sehen, wie es mich verändert, dachte Irish, doch das sagte er seiner Geliebten nicht. Die verbreitete sich über die zu erwartenden Möglichkeiten.

"Vielleicht können Desi und Christine fürs erste ein optisches Interface konstruieren, auf dem wir die Gemütszustände der Orgacomps ablesen können. Über die Spektralanalyse zum Beispiel. Dann können auch die Menschen mit ihnen kommunizieren. Und es sind sehr auf Kommunikation ausgerichtete Lebewesen. Schon in der unveränderten Form. Vor der Züchtung, meine ich".

"Aha!" , war alles, was Irish dazu einfiel. Dann suchte er nach einer Sitzgelegenheit. Er sah eine Art Hocker neben einer Geschwistereinheit des Computers. Schon wollte er sich niederlassen.

"Auch organisch", ermahnte Barbara und lächelte.

"Könnt ihr mich hören", fragte der Mann in sein Helm – Mikro. Die Androiden auf der Oberfläche antworteten sofort und berichteten, der Gleiter sei jetzt an der Öffnung geparkt.





Der Shuttle der Mondstation flog wenige Meter über der Oberfläche. Sicherheitsabstand. Harry steuerte die Maschine. "Möchte wissen, was mit dem Wrack passiert ist. Hat das auch mit dem militärischen Notfall zu tun, Verzeihung, dem A 13?"

Maggie blickte zu dem Mann hinüber. Kein schlechter Kerl, guter Lover. Aber für immer? Wahrscheinlich nicht. Der hatte auf jeder Basis mindestens eine Geliebte. Und er redete gerne. Und der Whisky. Obwohl nicht nur im Bett absolut zuverlässig. Sie wisch ihm lieber aus.

"Keine Ahnung. Aber der Geheimverein steckt sicher mit drin. Die hatten hier eine massive Präsenz, nach dem Zwischenfall. Und ich glaube, die sind noch immer hier".

"Sind sie das nicht ständig?" Harry sah von der Landschaft auf, die mit wenigen Hundert Stundenkilometern unter dem Shuttle hindurchschlüpfte.

"Klar sind sie das! Eifrige Jungs. Einer ist wochenlang mit mir ins Bett gegangen".

Harry schüttelte sich vor Lachen. "Dann hast du bestimmt eine günstige Beurteilung bekommen. Du Tier!"

Maggie lachte auf und knuffte dem Mann an die Schulter. Dann widmete sie ihre Konzentration dem Positionssystem des Mondshuttles. "Reiß nicht am Steuer. Ich will nicht in den freien Raum geschleudert werden".

"Ok! Kurs ist MT. Meer der Ruhe. Willst du die Position von Apollo 11 oder 17 anfliegen?"

"Beide".





"Input, Input, Input, Input!"

Die Stimme war leer und doch fordernd. Desi und Christine gaben dem Computer, was er verlangte. Der Sandmann griente. "Ist ja unersättlich, der alte Mann!"

"Kann man wohl sagen. Und das ist nicht mal das ganze System. Nur der Kernel von Nathan".

Die beiden Androidinnen waren damit beschäftigt, Nathan herauf zu fahren. Gleich würde es soweit sein.

"Alle Systeme go!"

"Ok, Desi!"

"Jetzt!"

"Go!"

Die Monitore wechselten von schwarz zu blau und grün. Dann erschienen vertraute Symbole der Stoiker. "Nathan kommt rauf!", verkündete Desi. Die Anzeigen wechselten zu farbigen Balken, die von links nach rechts vordefinierte Negativformen ausfüllten. Immer mehr davon waren auf den Monitoren zu sehen. Die Anzeigen wechselten immer öfter und schneller. Nach einigen Minuten verschwanden sie ganz plötzlich in völligem schwarz.

"Was ist passiert", der Sandmann ging bestürzt zu Christine. Die gab ihm ein Zeichen, nicht zu stören. Die beiden schienen ihr Arbeitstempo noch zu beschleunigen. Dann geschah etwas auf den Monitoren. Eine Art Uhr erschien. Um ihren Mittelpunkt kreiste stetig ein farbiges Segment. Rot nahm es langsam zu, verharrte eine Sekunde, nahm wieder zu, verharrte wieder. Das Segment nahm ein Viertel der Scheibe ein, dann ein Drittel. Zunehmend. Christine bewegte sich jetzt nicht mehr so schnell und ruckartig. Sie blickte den Sandmann an und lächelte.

"Alles in Ordnung. Die Anzeige dort ist die globale Ladeanzeige für Nathan. Das andere waren Subsysteme und Teil – Kernel. Das ist die Konstruktion, die verhindert hat, dass der Virus sich in Nathan ausbreiten konnte. Er ist nicht mal in die Peripherie vorgedrungen. Die Anzeige ist gleich komplett".

Der Sandmann sah, wie noch ein Viertel frei war. Ein Achtel, ein Zehntel, ein Zwölftel,....

"Guten Tag!"

Die Stimme war unverkennbar die von Nathan.

"Hallo, Nathan!" ein Chor aus den beiden Androidinnen und dem Menschen empfing den Global – Computer. Der Sandmann betätigte das Interkom und gab die frohe Botschaft an die ganze Station weiter. Die Jubelschreie hätten das Wasser über ihnen zum Kräuseln bringen können. Die Ness – Station bebte vor Freude und Heiterkeit. Bruce kam mit einer riesigen Flasche Sekt in das Labor. Desi fiel ihm um den Hals. "Dann können wir doch noch zusammen auf den Mond, Schatz!" "Und da habe ich eine Überraschung für dich mein Schatz!"Bruce senkte geheimnisvoll die Stimme und vergrub sein Kinn im Haar der Freundin.







Der Mondshuttle näherte sich behäbig dem Landeplatz der ersten Mondlandung.

"Geschichte! Mir wird ganz anders!"

"Bloß nicht anders werden, Harry! Ich brauche dich noch in meinem Schlafzimmer".

"Wenn sie es befehlen, Kommandantin!"

"Widerstand ist zwecklos!"

"Na, dann mal rein in die feinen Sachen. Wir gehen aus".

Ohne weiter Kommentare zogen sie ihre Raumanzüge an. Sie überprüften ihre Ausrüstung und stiegen aus.

"Geh an die Seite. Ja, danke". Maggie nahm die linke Seite der Cargo – Bay. Sie betätigte den Mechanismus und der Laderaum öffnete sich. Die Annäherungsmelder standen vor ihnen. Zwei brauchten sie davon, den dritten als Reserve. Sie hoben das vordere Gerät heraus. Es war so groß wie ein Kinderwagen, nur viel schwerer. Sie trugen es ein Stück über den Boden. Dann setzten sie es auf Maggies Kommando direkt neben die alte Stufe des Lunar Moduls.

"Hier steht es gut und sieht von weitem aus wie der Schrott hier".

"Kein Schrott, Geschichte. Erinnerst du dich?" Maggie betrachtete die ausgebrannte Raketenstufe.

"Wie sie damit landen konnten!" Harry war gründlich entsetzt über den Anblick.





"Schade. Na, ja, man kann eben nicht alles haben". Irish stand neben der alten Antenne und guckte geknickt. "Dann verschwinden wir und machen den Deckel wieder drauf. Bis die beiden Spezialistinnen Zeit haben, sich das anzusehen, zumindest".

"Wir kommen rauf!" Barbara sprach in ihr Headphone während die das Flugauto startete. Sie hoben allmählich ab und stiegen zur Öffnung auf. Barbara lenkte den Wagen sorgsam aus der Tiefe an die Oberfläche. "Sitz doch still, Irish! Der Wagen ist kaum manövrierbar!"

"Sorry, Schatz!"

Der Gleiter stand bereit und Barbara flog direkt auf die hintere Ladezone. Sie setzte den Wagen auf und Irish stieg aus. Die Androiden stiegen ein. Irish kletterte ins Cockpit und Barbara versenkte im Heck das Fahrzeug.

"Ok Irish! Wir können".

"Ok!"

Da schlug das Funkgerät an. "Hier Bruce! Alles klar bei euch?"

"Wir machen einen kleinen Ausflug".

"Nathan ist wieder da!"

"Hey!" Irish klatschte in die Hände. "Wir brauchen Desi und Christine hier oben. Möglichst bald".

Bruce wollte wissen wieso. Die Antwort warf ihn vom Stuhl. Desi und Christine schalteten sich in das Gespräch ein. Der Sandmann war im Hintergrund zu hören.

"Ich glaube, noch einer wird gerne mitfliegen".

"Du?"

"Nein, Bruce. Charlie ist aus dem Urlaub zurück".

"Den hatte er auch nötig!" Bruce sah den Sandmann ernst an. "Aber der Job wäre vielleicht gut für ihn".

"Und wir haben mehr Zeit für uns". Desi schmiegte sich üppig an Bruce. Der guckte ein wenig schuldbewusst zum Sandmann. Der war sichtlich nicht erfreut von der Aussicht, schon wieder für einige Zeit auf seine Freundin zu verzichten. Er wollte etwas sagen, aber da sprach schon Christine.

"Charlie kennte sich so gut aus wie ich. Den Rest können wir über Interkom machen. Nicht zu vergessen Nathan. Läuft wie eh und je".

"Ja, gut", Bruce nickte erleichtert, "wir müssen auch nicht immer mit Kanonen auf Spatzen schießen. Schließlich liegt das Ding schon ziemlich lange im Staub. Da kommt es auf ein paar Tage oder Wochen auch nicht mehr an".

"Ok!" Irish bestätigte und ließ den Gleiter hoch kommen.

"Runter!" Barbara schrie und griff in die Steuerung. Doch Irish war daran gewöhnt, mit der Gefahr zu leben. Für die Guardians aber war die größte Gefahr die Entdeckung durch Feinde – und durch die Menschen. Darum fragte er nicht lange "Warum". Er schob den Hebel nach vorne und verringerte den Schub der Schwebedüsen. Der Gleiter folgte seinen Anweisungen geschmeidig und ohne Probleme.

"Alarm – Status!" , verkündete Barbara, "Alle auf Station!"

Irish aktivierte die Waffensysteme und alle Kommunikationskanäle zur Station. Nathan war somit auch online. Er sah zu seiner Freundin, die studierte aufmerksam die Anzeigen der Bewegungssensoren. "Ich kann im Moment nichts ausmachen. Aber als wir auf vierzig Meter waren, kam eine Meldung der Sensoren. Genau westlich von uns. Mara Tranquilitatis vermutlich. Ein Flugobjekt, sehr langsam".

"Also wahrscheinlich von der Erdstation. Nicht?"

Barbara schloss sich der Vermutung an. Irish gab Befehl, ein Sondierungskommando aus zu schicken. Eine Minute darauf waren die Androiden auch schon nach Westen unterwegs. Barbara hielt die Verbindung mit ihnen. Irish rief den Ness. McLean meldete sich. "Was ist los, Irish? Geheimfrequenz gelb?"

"Wir wurden vielleicht gesehen. Von Menschen!"

McLeans Gesicht war eine Totenmaske. Nichts erinnerte an Leben, Spaß und Freude. Nur sein Adamsapfel bewegte sich. Er drückte den Stationsalarm und legte das Gespräch auf das Interkom. "Leg los!"

"Wir sind noch im Crisium. Bei vierzig Metern Höhe hatten wir eine Ortung. Etwas zehn Kilometer von hier. Sieht aus, als käme was in unsere Richtung".

"Konntest du erkennen, wohin die unterwegs sind?" McLean schwitzte nicht, aber seine Finger waren heiß.

Barbara rief die gespeicherten auf. "sie fliegen an den östlichen Rand des Meeres. Wenn sie uns nicht schon gesehen haben".

"Verdammt! Wir müssen sehen, dass wir die Phalanx wieder auf volle Leistung bringen. Ihr müsst das sofort erledigen, wenn die anderen weg sind".

"Und wenn sie kommen?"

McLean sah mit hochgezogenen Brauen in die Kamera. "Einsammeln!"

Irish bestätigte und wuchtete sich aus dem Pilotensitz. Er wusste, was er zu tun hatte. Wenn die Menschen zu nahen kamen, würden sie überwältigt und sediert. Danach das Prozedere, wie es Jimmy unlängst erlebt hatte. Darum hatte er die Androiden losgeschickt. Sie würden das schnell und effektiv erledigen. Außerdem waren Menschen meistens nicht mit Waffen unterwegs.






Maggie hatte es zuerst gesehen. Gerade als sie aufstiegen und den Kurs für den Landeplatz von Apollo 17 eingaben. Maggie war sich nicht sicher, aber instinktiv hatte sie in die Richtung gezeigt und der Mann war ebenso instinktiv der Bewegung gefolgt. So blickte Harry rechtzeitig hoch, um zu sehen, wie etwas in der Ferne über dem Boden schwebend im Sonnenlicht blinkte. Gleißend zuerst, dann matter. Wie ein Flugzeug am irdischen Nachthimmel, wenn es die Richtung wechselte.

"Das gibt´s doch nicht!", wollte er sagen, doch dann sahen sie beide, wie das glänzende Etwas runter ging. Nicht wie ein Meteorit, der sich mit einem Staubwirbel in den Mond bohrt. Nicht wie ein abstürzendes Shuttle. Nein. Langsam, wie mit behutsamer Hand manövriert. Es war zu klein, um zu erkennen, was genau es war. Aber eins schien sicher. Es flog kontrolliert.

"Na, das sollten wir uns dann mal ansehen".

"Was dachtest du denn, Mag? Dass ich jetzt nach Hause gehe und die Nachrichten einschalte?" Mit diesen Worten hatte Harry den Shuttle bereits in die Richtung geschwenkt, in der sie die Sichtung gehabt hatten.

Maggie griff das Mikro. "Hallo, Basis. Bitte kommen!" ein Rauschen und Zirpen war die Antwort. Maggie gab nicht auf. Wieder ein Zirpkonzert. "Verdammte Sonnenflecken", schimpfte die Frau und der Mann stimmte erregt zu. Sie kamen gut voran. Immer wieder versuchte Goodroon die Mondbasis zu erreichen. Ohne Erfolg. Sie näherten sich dem Steinwall vor dem Crisium. -eine kleine Anhöhe aus grauem Geröll der Äonen lag unter ihnen. Sie flogen unbekümmert weiter. Gesprochen wurde nicht mehr. Der Mann umklammerte hart den Steuerknüppel und hielt die Füße so fest auf den Pedalen, dass sie schmerzten und ein Krampf die Waden herauf wanderte. Er versuchte die Knie zu lockern. Pumpte mit den Beinmuskeln wie ein Jet – Pilot. Von der Seite hörte er Porzellan kreischen. Commander Goodroon knirschte mit den Zähnen.

"Pass doch auf!"

"Keine Panik, Mag!"

Harry hatte das Steuer verrissen, als sie über den niedrigen gezackten Rand des Mares flogen.

"Langsam!"

Harry wusste nicht, ob er Maggie wie eine Vorgesetzte oder wie seine Geliebte behandelt sollte. Er war unentschlossen wie selten im Leben. Sonst war es doch so einfach! Am liebsten wäre er schnell über den Krater hinweggebraust, um die Sache aus sicherer Entfernung zu begutachten. Doch Maggie hatte auf der niedrigen Flughöhe bestanden. So düsten sie fast genau auf die verborgene Antenne zu. Der Krater lag schwarz und ruhig vor ihnen. Verlassen. "Hier ist nichts!" Harrys Feststellung war von der offensichtlichsten Überflüssigkeit, die ein Mensch auszudrücken vermag. Maggie reagierte nicht darauf. Ein letztes Mal versuchte sie Kontakt mit der Mondbasis aufzunehmen. Die atmosphärischen Störungen waren noch da und übertönten das Surren des Gerätes. Commander Goodroon gab einen Befehl.

"Harry, landen! Fertig machen zum aussteigen!"

Harry war viel zu sehr in seinen Gedanken, um Widerstand zu leisten. Er setzte den Shuttle so sanft wie es nur ging auf, was ihm nicht ganz gelang. Die Raumanzüge waren in zehn Minuten angelegt und die beiden ließen sich mit großer Vorsicht auf dem Mondboden gleiten. Maggie schob die Leiter hinauf und schloss die Luke. Harry sah erstaunt zu. "Du rechnest mit jemandem hier draußen. Ist doch nichts zu sehen".

"Nach den Regeln. Lies sie mal. Sind übrigens von mir". Sie schritt ohne auf eine Antwort zu warten voran und ohne zu ahnen, dass sie genau über der Antenne war. Maggie schaute von Zeit zu Zeit in den Sucher der E – Kamera. Sie machte Aufnahmen in verschiedenen Spektralbereichen und Schwarz – Weiß – Fotos. Die würden bei der späteren Auswertung mehr Details verraten als die Farbbilder. Harry stapfte lustlos neben ihr her. Er drehte sich alle paar Meter zum Shuttle um. Die Vorschriften waren ihm wieder eingefallen. Mehr gab es nicht zu tun. Dachte Harry. Maggie war stehen geblieben. Sie richtete die Cam auf etwas im Staub. Harry machte einen Schritt, dann sah er es auch. Mindestens zwei davon oder mehr. Von Fahrzeugen. Landekufen wahrscheinlich. Dazwischen Reifenspuren. "Also doch Marsmenschen!"

"Quatsch, Harry! Die hätten sich weggebeamt oder sonst was, aber keine Spuren hinterlassen. Ich werde das hier von allen Winkel fotografieren, solange die Sonne hoch steht".

"Ok. Ich suche nach mehr davon".

Nach einer Runde im kleinen Radius durch das Mare hatten sie Dutzende Fotos von Spuren. Darauf beschlossen sie, den Abstand zum Shuttle zu verdoppeln. Maggie checkte die Backpacks und die Sauerstoffvorräte. Dann schrie Harry auf.

"Mag! Mag!"

Maggie fuhr herum. Mühsam fing sie sich und hielt die Balance. Der Mann deutete auf den Boden. "Ich habe es vorhin nicht gesehen. Aber sieh nur!"

Maggie vergaß zu fotografieren. Im Mare Crisium gab es Abdrücke von Schuhen. Nicht von Moonboots. Von Schuhen. Nicht viel anders als normale Stiefel. Die Abdrücke lagen ungewöhnlich weit auseinander. Mehr als bei ihrem Schritt – für – Schritt in den schweren Anzügen.

"Sie müssen gesprungen sein", teilte sie Harry ihre Gedanken mit.

"Ja", Harry kam langsam zu sich., " tatsächlich. Sie müssen riesige Sätze gemacht haben. Aber wo sind sie hin?"

"Die Antwort dürfte bei den Abdrücken von ihrem Fluggerät liegen".

"Aber wir haben doch gesehen, wie sie runter gegangen sind".

"Schon richtig, Harry, aber wir konnten nicht über den Horizont schauen".

"Ja. Sie könnten schon auf der Rückseite sein. Aber was wollten sie nur ausgerechnet hier?"

Maggie drehte sich im Kreis. Es fiel ihr keine Antwort ein. Aber die Bilder würden vielleicht Aufschluss geben. "Machen wir, dass wir hier wegkommen, Harry. Vielleicht kehren sie um. Und nur der Shuttle hat eine Waffe. Harry war einverstanden. Der Gedanke an das Bordgeschütz ließ ihn schneller ausschreiten.






"Kannst du sie noch orten?"

Barbara schüttelte den Kopf.

"Dann sind sie bestimmt weg?"

"Ja, Schatz. Sehr wahrscheinlich. Aber sie werden aufpassen. Ich schlage vor zu warten".

Irish überlegte kurz. Dann hielt er die Zeit für gekommen, sein kleines Geheimnis mit den anderen zu teilen.

"Es gibt Stollen hier. Groß genug für den Gleiter".

"Was?"

"Ja, Barbara. Du hast schon richtig gehört. Die Pläne sind im Bordcomputer".

Die Androiden rückten näher an Irish heran. Barbara sah auf ihre Freunde, dann auf ihren Lover. Der Mensch steckte voller Überraschungen. Dann meinte sie, "Schlägst du eine verzögerte Selbstzerstörung der Antenne vor?"

Irish fühlte einen scharfen Schnitt durch den Magen und die Brust. Die Anlage. Würden sie die einmalige Einrichtung verlieren? An die Erdbasis?

"Ich möchte sie nicht vernichten, solange es nicht den Anschein hat, dass die Leute von der Mondbasis sich hier ernsthaft zu schaffen machen".

"Aber sie sind oben gewesen. Sie müssen Spuren gesehen haben. Viele. Wir haben sie laufen lassen!"

"Vielleicht ein Fehler. Aber war es nicht wichtiger, die Androiden zu schützen – und den Gleiter zu verbergen. Für die Gehirnwäsche hätte wir sie tagelang festhalten müssen. Nach dem Funkverkehr, bevor wir ihn gestört haben, war es aber nicht irgendwer, sondern die Kommandantin persönlich. Was sollte ich tun?"

Keine Antwort. Barbara überlegte. "Wir können demnach unterirdisch von hier weg. Hoffentlich nicht wieder mit solchen Manövern wie vorhin. Das war sogar für eine Androidin schwierig".

Irish dachte an das Eintauchen des Gleiters mit dem Bug voraus in die Öffnung. Sie hatte gerade noch vermeiden können, mit den Heckdüsen an die Platte zu stoßen. Die Öffnung erlaubte keine normale Vertikallandung bei der Gesamtbreite des Gleiters.

"Die Stollen sind breiter und höher als unser Gleiter. Würde mich gar nicht wundern, wenn ähnliche Geräte der anderen Wesen noch hier herumstünden".

Barbara sah sich schnell um, doch konnte vorläufig nichts erkennen, was einem Gleiter ähnlich gewesen wäre. Sie nickte nur, wie sie es als Zeichen der Zustimmung kannte. Die Androiden stiegen auf ihr Handzeichen zurück in die Maschine. Sie und Irish schlossen sich an und kletterten ins Cockpit. Die Androidin übernahm die Steuerung und ließ den Gleiter einen halben Meter über dem Boden schweben. "Nun, welche Richtung, Irish?"

"Genau geradeaus!"





"Kein Kontakt mehr".

"Nathan, checke das bitte nochmal!"

Bruce war der Tiger im Käfig. Der Raum das Gitter. Heftig schritt er durch den kleineren Konferenzraum im Ness. Desi stand vor zwei Monitoren an der Wand. Christine saß neben dem Sandmann. Sie hielten sich an der Hüfte umschlungen und blickten auf den Screen vor ihnen auf dem Tisch. Karen saß ihnen gegenüber. Sie verfolgte die Wanderungen von Bruce mit nervösen Blicken. Ihre Hände beschäftigten sich mit einem Stapel von Ausdrucken über den Status der Mondbasis. Sie machte Papier und wollte nicht immer alles auf dem Monitor sehen. Nathan meldete sich wieder und berichtete, dass die beschädigte Phalanx einen Überflug gemeldetet hätte.

"Welche Richtung", wollte Bruce wissen, die Stimme gepresst. Seine Wanderung war unterbrochen.

"Zurück zur Mondbasis der Erdenleute".

"Danke. Weißt du, welches Fluggerät?"

Nathan meldete, dass die Geschwindigkeit und Gipfelhöhe auf ein menschliches Fluggerät schließen ließen.

"Irish hat sie gehen lassen!" Bruce sah in die Runde. Alle Gesichter waren von Bestürzung und Verwunderung gleichermaßen gezeichnet. Außer bei Desi und Christine.

"Er wird einen Grund dafür gehabt haben", versuchte Karen die Runde zu beschwichtigen.

"Grund oder nicht. Wenn sie unsere Spuren entdecken, wissen sie schon zuviel. Und dann die Antenne", Bruce redete sich in Fahrt, "wenn sie die Anlage in die Finger kriegen, dann wissen sie erst recht zuviel!"

"Aber das lenkt sie dann von uns ab, Bruce". Der Sandmann hatte ganz ruhig gesprochen.

"Stimmt", Bruce stemmte die Hände in die Taschen. Mehr war im Augenblick nicht zu sagen. "Ich werde zum Mond fliegen. Desi?"

"Das ist selbstverständlich, dass ich mitkomme. Aber es geht erst in ein paar Tagen. Das Mutterschiff steht gerade ungünstig für einen unauffälligen Aufstieg mit einem Mini – Saucer. Der hat zwar nur zehn Meter, ist aber in einer Vollmondnacht zu sehen. Selbst im Tarnmodus".

"Und Radarstörungen, Funkblockade?"

"Nathan kann das noch nicht wieder alles gleichzeitig aufrecht halten. Doch in ein bis zwei Tagen wird es wieder zuverlässig möglich sein, unentdeckt aufzusteigen zu unserem Schiff. Dann steht auch die ISS günstig für uns".

"Wo mögen sie nur sein?" Charlie hatte bisher nichts gesagt. Die Beziehung vom Sandmann mit Christine hatte ihn irritiert. Aber er hatte im Labor diese lustige Journalistin getroffen. Sie hatten sich auf Anhieb verstanden. Doch das würde warten müssen. Zuerst der Mond. Mit Bruce wieder rauf. "Meinst du, Irish hat sich im Loch versteckt?"

"Bei dem ist alles möglich, Charlie!"







Ein Vorhang wurde zugezogen. Ein Vorhang ohne Ende. Schwarz wie die unendliche Nacht des Universums. Rasend schnell zogen die Falten vorüber. Weißliche Fetzen punkteten das Dunkel mit ungestalten Flecken aus Helligkeit.

Barbara steuerte wieder den Gleiter. Die Scheinwerfer stieben über die glatten Wände des Stollens in Richtung der Station.

"In einer Tangente durch den Mond! Das nenne ich Architektur!" Irish war fasziniert von den verborgenen Möglichkeiten der alten Einrichtung. Die Guardians hatten immer wieder entdecken müssen, dass ausgeklügelte Vorarbeit für den Aufenthalt von Mannschaften getroffen worden waren. Daher waren alle Gerätschaften mit multifunktionellen Manipulatoren und anderen Bedienelementen versehen. Barbara war auf ihre Weise beeindruckt.

"Wir treffen bei der Station von unten an. Es muss einen Zugang unterhalb geben, von dem wir bisher nichts wissen".

Erfreulich für ihre Flucht, dachte Irish, aber auch ein Risiko, wenn die Menschen den Stollen finden sollten. Im Gleiter war es ungewöhnlich laut. Die Motoren schepperten ihren Klang gegen die Stollenwände in einer leichten Sauerstoffatmosphäre.

"Wir sind bald zu Hause, Irish".

"Danke, Schatz".





Du willst ihnen nichts sagen?" Harry stützte sich auf den Ellenbogen. Die freie Hand streichelte Maggies schlanke Figur. Sie schmuste und mochte das Gefühl, dass sich in ihr ausbreitete. Der Mann rollte sich wieder auf den Rücken. Er fühlte sich wie nach einem Wettkampf. Feucht, heiß, und ausgeglichen. Maggie malte mit den Fingern unsichtbare Figuren auf seinen festen Bauch.

"Weißt du, solange ich nicht genau weiß, worum es bei der Geheimnistuerei überhaupt geht, brauche ich auch nichts zu sagen".

"Glaubst du, du kannst es für dich behalten?" Harry war nicht überzeugt.

"Wenn du nicht zuviel redest. Ja!"

"Willst du das Material nicht auswerten lassen?"

"Das kann ich auch alleine. Dauert nur etwas länger. Was soll's. Ich gehe einfach öfter mal hin".

"Wann?"

"Vielleicht morgen, oder später. Wir werden sehen".

"Wir?" Harry schaute wie ein Dackel vor der Wurst.

"Keine Sorge! Ich glaube, das sind eher unsere Jungs, als was Außerirdisches!"





"Seit Wochen keine Veränderung auf dem Mond. Irish berichtet, dass alles seinen Gang geht. Keine Aktivitäten im Crisium, außer dem kurzen Ausflug der Kommandantin, nach dem Vorfall."

Der Konferenzsaal war gut besucht. Alle Stationen zugeschaltet. "Die Androiden von Irish haben die Phalanx repariert. Die Sensoren liefern wieder hundertprozentig zuverlässige Information. Desi hat mit Charlie die Antennenanlage weitgehend auf unsere Sparache umgestellt. Sie sagen, sie sagen es geht gut voran. Von Saul habe ich keine neuen Viren gefunden. Wollt ihr sonst noch etwas wissen?"

"Danke. Im Augenblick nicht".

Nathan löschte seinen Dialog – Sreen und wartete. Karen und Ryan browsten durch die letzten Meldungen der irdischen Telekommunikation, soweit sie vom global – Computer als relevant aussortiert worden waren. Keine besonderen Ereignisse.

"Stimmt das", fragte der Sandmann, "nichts im Busch?"

"Ich habe einigen Grund zu der Wahrscheinlichkeits – Aussage, dass es gehäufte Aktivitäten von extremen Gruppen auf der Erde geben wird, nach der Hochrechung meines Konfliktpotential – Programms. Es gibt Spannungen innerhalb der politischen Kulturen der EU und der USA".

"Gründe?"

"Viele!" , antwortete der Computer knapp.

"Gibt es eine Chance für Saul?" Karens Haare klebten an der Stirn. Nathan erwiderte zuerst nichts, dann sprach er leise und bedächtig.

"Ich weiß nicht, was Saul zur Zeit plant. Ich kann nur Hypothesen evaluieren, wie die Entwicklung der näheren Zukunft sein könnte".

"Und wie sieht deine Evaluation aus?" Der Sandmann hatte sich dem Dialog – Sreen zugewandt.

"Der neue Parameter wurde registriert. Forschungen verlaufen zeitweise in umgedrehte Richtungen. Das wird aber kompensiert, da die authentischen Forscher zu erreichen sind. In der nächsten Zeit sind allerdings einige Symposien aus allen Bereichen der Wissenschaft anberaumt. Überall auf der Welt. Mit führenden Personen auf ihren Gebieten. Dazu viele Assistenten natürlich. Ich sehe eine Korrelation mit dem Schlafmodus des Virus".

"Schlafmodus?"

"Nach meinen Berechnungen ist der Virus – oder seine letzte Version – in der Lage, seine Tätigkeit den Anforderungen anzupassen".

"Welchen Zusammenhang errechnest du mit der Zusammenkunft wichtiger Forscher?"

"Entführungen, Manipulationen, Gehirnwäschen".

Der Sandmann stand einen Moment regungslos da. Dann drehte er sich zu den Freunden herum. Er sah Christine, Ryan, Terry, Karen und McLean an und blickte zu den Monitoren mit Irish und den anderen Stationschefs. Ein leises beständiges Surren der Computer füllte den Raum bis in die kleinste Ecke. Der Sandmann steckte eine Hand in die Tasche, nahm sie wieder raus.

"Tja, Leute. Wisst ihr, was ich glaube? Der Kampf beginnt!"



Ende

des 1. Buches der Saga.




















































































































































































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